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Maria Stuart

Contenance ist ihr Gefängnis

Frankfurter Rundschau, Frauke Hartmann, 27.02.2007

Die Angst der Macht: Stephan Kimmig gelingt am Hamburger Thalia Theater eine fulminante Inszenierung von Schillers "Maria Stuart"

Sie ist so gar nicht Königin, diese Elisabeth von Paula Dombrowski: die Arme stets verschränkt, die mageren Schultern im eleganten Hosenanzug schaudernd hochgezogen, die Stimme piepst hoch oben im Hals. Fast denkt man, dass so jemand keine Macht ausüben könne. Sie erträgt ihre Rolle, mit zusammengebissenen Zähnen stößt sie den Text hervor.

Wie stark ist dagegen ihre Widersacherin: Die Maria von Susanne Wolff ist an Händen und Füßen an einen Folterstuhl gefesselt. Zum Stillsitzen in grauer Anstaltskleidung und Latschen verdammt, doch ohne Zweifel eine Königin des prallen Lebens. "Macht ist's, die mich hier unterdrückt", erklärt sie mit spöttischem Lächeln ihrem Bewacher Paulet (Christoph Bantzer). Nicht die Schuld, die sie zweifellos auf sich geladen hat, hat sie hierher gebracht, sondern Missachtung des Völkerrechts. Entschlossen tritt sie ihrem Schicksal entgegen. Selbst beim demütigenden öffentlichen Akt des Zähneputzens schleudert die Gefangene ihrem Wächter wortlos Verachtung entgegen. Susanne Wolff ist in Höchstform.

Das Königinnendrama hat Saison im Thalia-Theater. Zum zweiten Mal ist es in dieser Spielzeit zu sehen, diesmal hat Stephan Kimmig Regie geführt, Garant für differenzierende, aber keineswegs nachbetende Übersetzung von Klassikern in die Moderne. Ganz anders als sein Kollege Nicolas Stemann mit seiner grandiosen Persiflage Ulrike Maria Stuart, einer Jelinek-Bearbeitung von Schiller und RAF, hat Kimmig den Original-Text nicht in einem anderen gespiegelt und kommentiert, sondern seinen Schauspielern das - freilich um etwa die Hälfte des Personals reduzierte - Stück Wort für Wort zugetraut.

Kimmigs ironiefreier Versuch gelingt ebenso wunderbar wie Stemanns Ironiebombardement. So genau wie Kimmig in der Sprache Schillers bleibt, so zielgenau platziert er seine Inszenierung in der Gegenwartsbefindlichkeit Angst. Neben Schillers skeptische Untersuchung moralischen politischen Handelns stellt Kimmig die Paranoia der Politik, die seit dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung und dem 11. September einen Religionskrieg ebenso möglich machen könnte wie die Virgin Queen im England des 16. Jahrhunderts.

Diese Angst, und das zeigt Paula Dombrowski deutlich, hängt mit der Weigerung zusammen, Verantwortung zu übernehmen. In der sie umgebenden Welt des politischen Kalküls ist Verantwortung ausgemerzt, Elisabeth spürt nur noch ihre beklemmende Last, schaudert und dreht durch.

Dass Implosionsgefahr in unmittelbarer Nähe lauert, zeigt ein Video (von Helena Ratka), das Kimmig immer wieder über die Szene flimmern lässt. Anfangs ist es eine Zelle, ein Bakterium, das auf Gaze vor die gefesselte Maria Stuart projiziert wird, doch vermehrt es sich in Windeseile in ein nicht endendes Gewimmel. Durch diese Brille müssen wir schauen. Auch darum können wir Schillers historischen Hintergrund einer allgegenwärtigen Bedrohung, die als Legitimation für staatliche Gewalt und Aufhebung demokratischer Gesetze gilt, ohne weiteres in den Irak und nach Guantanamo verlängern.

Die Drehbühne von Katja Haß ist mit Leichtbauwänden in Alurahmen bestückt, kühle Bürowelt, Gefängnis und geheime Kommandozentrale. Das hilft Schiller aus seiner Starrheit und steigert das Tempo. Abwechselnd spielt es in vier Räumen von öder Kälte: die nur mit einem Edelstahlwaschbecken ausgestattete Folterkammer der Maria Stuart, das Gemach der Elisabeth mit einem Anstaltsbett und Lüftungsschlitzen, das Konferenzzimmer mit leerer Magnetwand, Metalltisch und Bürostühlen, ein Raum mit drei Birkenstämmen und totem Laub, der ein Leben außerhalb suggeriert. Zum Szenenwechsel hat Michael Verhovec Musik gemacht, die sich subtil und bedrohlich einschleicht, zuerst kaum hörbares Ticken und Klicken, Schmatzen, dann dunkler Synthesizerklang. Die Zeitbombe läuft.

Anzugträger wie die Königin sind auch ihre drei Berater. Da sie keine Verantwortung für das Todesurteil übernehmen müssen, das sie der Königin abverlangen, sind sie wesentlich handlungsfreudiger. Sie beharren auf Einhaltung der Gesetze wie Helmut Mooshammer als Lord Shrewsbury, ein Mann der alten Schule. Oder machen sich aus Angst zum Doppelspion mit sybillinischem Lächeln wie Werner Wölbern als Lord Leicester. Peter Jordan als aalglatter Burleigh gibt einen jener gewissenlosen Funktionäre, denen das System, für das sie arbeiten, völlig gleichgültig ist. "Wir foltern nicht, hier wird nicht gefoltert", leugnet er in einem der wenigen Fremdtexteinschübe.

Unlösbar bleibt nur der Konflikt der Königin, die immer hysterischer wird und endlich verzweifelten Wahnsinn herausschreit, den sie gleich wieder herunterschluckt. Contenance ist ihr Gefängnis. Am Ende hat sie unterschrieben und will doch nicht unterschrieben haben. Wie gut, wusste schon Schiller, dass es da noch Bedienstete (Christoph Rinke) gibt, denen man die Verantwortung in die Schuhe schieben kann.


Maria Stuart

zitty, Anne Peter, 6.5.2010

Arme, Beine und Oberkörper der Gefangenen sind am Stuhl festgeschnallt - und fallen als Spielelemente also weitgehend aus. Doch der phänomenalen Susanne Wolff reichen Stimme und Mimik, um eine Maria Stuart von atemberaubenden Verachtungsvermögen zu entwerfen. Wie sie sich mit einem Blick einem Auflachen, einem Mundwinkel-Verziehen über ihre Situation zu erheben weiß!
Kimmig schafft einen zweistündigen packenden Schiller-Thriller, eine Angst-Auslotung, die in Zeiten von Terrorkrieg und Folter-Gefängnisse nicht aufdringlich aktualisiert und trotzdem brandaktuell wirkt.

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