Kleinbürger
Unerhört von heute
Deutschlandradio, Michael Laages, 11.05.2011
Das Stück wird so selten gespielt, dass jeder Versuch das Zeug zur Wiederentdeckung hat – Jette Steckel, weit jünger als der junge Gorki zur Zeit des Stückes, ist jetzt am Deutschen Theater in Berlin mit diesem quasi unbekannten Stück ein ganz großer Wurf gelungen. […] Starkes Stück, starker Abend – und im übrigen bestritten von jenen Schauspiel-Kräften, die vor drei Jahren mit dem neuen Intendanten Ulrich Khuon aus Hamburg und sonstwoher nach Berlin gekommen waren […]. Sie zeigen derzeit (und besonders hier mit Jette Steckel) das kraftvollste Theater, das die Hauptstadt derzeit zu bieten hat.
Der verschobene Aufstand
Neues Deutschland, Gunnar Decker, 14.05.2011
Regisseurin Jette Steckel beweist sicheres Gespür für Rhythmus und die Frage: Wie nehme ich Gorkis Text zugleich ganz ernst – und hole unsere historische Erfahrung mit insGeschehen? […] Steckel inszeniert die Krankheit der Zeit, aber so, dass wir keinen Moment lang den Eindruck haben, diese sei eine von Gestern. Und die Zukunft, sie verheißt und bedroht gleichermaßen. […] Und wir sehen: Das sind wir, auf unseren überschaubaren Lebenskreis bezogen, in Abwehr die grausame Welt, wenn sie nach uns greift. Virtuosen des Überlebens, mehr nicht – aber so viel doch.
Wir Kleinbürger aus Prenzlauer Berg
Die Welt, Matthias Heine, 12.05.2011
Die Behauptung, dass Gorkis Kleinbürger irgendetwas über den Mittelstand des Jahres 2011 aussagen könnte, ist eine riskante Wette. Sie geht aber auf, weil unter allem Epochenkolorit überzeitliche Konflikte verborgen liegen. […] Dann berühren die Schauspieler mit tief blickenden Gorki-Sätzen, auf denen kein Körnchen Staub liegt. Man steigt gewissermaßen auf einem Bahnhof in der russischen Steppe aus und landet in Prenzlauer Berg.
Auf der Suche nach einer besseren Welt
Berliner Morgenpost, Anne Peter, 12.05.2011
Es funktioniert. Ein paar Zuschauer im Parkett erheben sich tatsächlich und rufen: „Die Dinge müssen sich ändern, ich werde das nicht länger hinnehmen!“ […] Die junge Regisseurin Jette Steckel will in ihrer Inszenierung von Maxim Gorkis Kleinbürgern also ernst machen – und greift an dieser Stelle natürlich ein bisschen zum Holzhammer. […] Trotzdem ist das ungebrochene Veränderungspathos,das ihre erste Arbeit auf großer DT-Bühne durchweht, sympathisch. Und wie Felix Goeser diesen Revoluzzer Nil ganz unironisch spielt, wie er dessen Optimismus nicht vorführt, sondern glaubhaft macht, ist bemerkenswert.
Im Verlauf des dreistündigen Abends setzt die Inszenierung […] auf schauspielerische Wahrhaftigkeit. Immer enger und ernsthafter rückt sie den Figuren auf den Leib, bis sich irgendwann ein spielerischer Glanzpunkt an den anderen reiht. […] So ist es letztlich nicht die große Politik, die uns hier hinreißt. Es sind die Liebesgeschichten und Generationskonflikte dieser Menschen, die uns nahe gehen.
Nichts wie raus aus der Mitte!
Stuttgarter Zeitung, Michael Bienert, 12.05.2011
Statt die Aktualität von Gorkis Generationendrama zu behaupten, sucht das Ensemble geduldig danach. Die Tochter Tatjana (Natali Seelig) wird so zur Lehrerin mit Burn-Out-Syndrom, der Sohn Pjotr (Ole Lagerpusch) zum in sich selbst kreisenden Intellektuellen ohne Handlungsoption. Wahres Glück winkt nur denjenigen, die rechtzeitig den Ausbruch aus der Mittelschicht wagen wie der verwahrloste Vogelhändler Pertschichin (Markus Graf) und Bessemjonows Pflegesohn Nil. Derfrühere Stuttgarter Publikumsliebling Felix Goeser hat genau die richtige Statur für diesen Kraftburschen, der auf die Angststarre der alten und jungen Kleinbürger keinen Rücksicht nimmt.
Die alten Spießer sind wie neu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Irene Bazinger, 13.05. 2011
Nach dem Motto „Der Spießer in denen ist der Spießer in dir“ vermag […] [JetteSteckel] die zehn Schauspieler sozusagen an der biographischen Ehre zu packen, um deren eigene Erfahrungen eng mit den entsprechenden Personen des Stücks zu vermischen. Das ist riskant, könnte es doch ungefiltert in Privatkitsch münden, aber der Mut der Beteiligten lohnt sich und macht die ‚Kleinbürger‘, denen nie viel Erfolg beschieden war, zu einer kurzweiligen, unsentimentalen undberührenden Aufführung. […] In kurzen Filmen sind die Darsteller […] in Privatkleidung zu sehen, wie sie aus Tagebüchern vorlesen, Wäsche waschen, sich in Berlin tummeln. Auch auf diese Art hat sich das ganze Ensemble Gorkis ‚Dramatische Skizze in vier Akten‘ überzeugend zu eigen gemacht und sie aktuell und historisch zugleich legitimiert. Eine kunstvolle Wiederbelebung.
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