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Krankenzimmer Nr. 6

Krankenzimmer Nr. 6

zitty, Dirk Pilz, 25.3.2010

Denn alles an dieser bemerkenswert konzentrierten Inszenierung ist der Erforschung, dem Durch- und Ausleuchten des Menschendaseins gewidmet: Was ist der Mensch? Groß, ja warm- und weitherzig wird dieser Abend, indem er ohne vorgefertigte Meinung, ohne kalten Zynismus und ohne billige Bescheidwisserei auf uns Menschen blickt. Entsprechend liefert er auch keine klischierten, abgehangenen Bilder und Szenen, sondern eindringliche Studien über das, was Menschen zu Menschen macht. Die Sehnsucht, die Angst, das Hoffen auf ein Andersleben zum Beispiel. Dimiter Gotscheff hat sich eine Erzählung von Anton Tschechow zur Grundlage genommen, um uns ins Seelenhinterstübchen zu leuchten. Sein grandioses Ensemble mit so eigensinnigen Schauspielern wie Margit Bendokat, Almut Zilcher und Samuel Finzi entwirft dabei keine glatten Identifikationsfiguren, sondern Reflexionsflächen. Aus dem Schnürboden senken sich riesige Scheinwerfer herab, auf der Bühne steht en Tuba-Spieler, jede Szene ist ein Mini-Drama für sich: Alles zusammen ergibt einen selten dichten und intensiven Theaterabend.

Einsame Menschen

tip Berlin, Peter Laudenbach, 4.3.2010

Diese verlorenen Gestalten sind komisch und traurig, aber wirklich bitter und erschütternd sind die brutalen Einbrüche der Wirklichkeit ins Spiel: Andreas Döhler, einer der erfreulichsten Neuzugänge im DT-Ensemble, zitiert zart und lakonisch Berichte aus den russischen Arbeits- und Straflagern in Sibirien, die Tschechow in seiner Großreportage "Die Insel Sachalin" festgehalten hat, darunter der Bericht einer Hinrichtung von neun Häftlingen. Döhler macht das großartig. Gerade weil er so leise, konzentriert, ohne jedes störende Dröhnen und wie im Selbstgespräch aus dem zaristischen Gulag berichtet, entfaltet der Text seine leisen Schockwirkungen. Spätestens an dieser Stelle öffnet sich der Horizont: Das Irrenhaus wird zum Spiegel der Welt.

Hübsche Idee als Hommage an Tschechow

Berliner Morgenpost, Katrin Pauly, 1.3.2010

Gotscheff reduziert die Figuren auf sich selbst und inszeniert jeden in seinem eigenen Kosmos. Aber, und das ist die große charmante Idee des Abends, zu dem Iwan Panteleev die Spielfassung beisteuerte, hier wird nicht nur amputiert, nein, man versteht sich vor allem auf die Transplantation und Gotscheff und Panteleev vernähen die Stiche gekonnt: Das Patientenpersonal des Krankenzimmers Nr. 6 trägt zwar noch Züge der ursprünglichen Besatzung, ist aber vor allem ein munter zusammengewürfeltes Personenverzeichnis des Tschechowschen Gesamtwerkes.

Operation der offenen Seele

Der Tagesspiegel, Christine Wahl, 28.2.2010

Tatsächlich lässt Gotscheffs Inszenierung keine kuscheligen Vereinnahmungsschlupflöcher: In Katrin Bracks kongenialem Bühnenbild - einer Installation aus unzähligen Scheinwerfern, die die Krankenzimmerinsassen bis in den letzten Gesichtswinkel hinein verfolgen und ausleuchten - verweigert das erstklassige Ensemble mit seinem präzisen Minimalismus jedwede voreilige Kumpanei. Fast wirkt es, als wolle Gotscheff dem Theater diese Figuren zurückgeben, die sich während ihrer erfolgreichen Bühnenkarriere tatsächlich oft genug in realistischem Befindlichkeitskitsch aufzulösen drohten.

Trauerspiel, ja?

Neues Deutschland, Gunnar Decker, 1.3.2010

Es ist einer dieser kühlen, klug sezierenden Abende, mit einer jedesmal neu bei Gotscheff verblüffenden tableauartigen Raumaufteilung. Seine Seele trägt der an Heiner Müller geschulte Regisseur nicht vor sich her. Das Schaustück ist immer auch ein Denkstück, das auf die Klugheit der Schauspieler baut. Und sie überzeugen jeder für sich als Teil eines Gewebes aus Bewegung, Stillstand und Sprache. Formal zugespitzt, bis die Worte anders anfangen zu atmen. Das ist angewandte Textdeutung mit den Mitteln des Theaters.

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Bild / Visual zu Krankenzimmer Nr. 6