Das Brüchige Ich
Der Tagesspiegel, Andreas Schäfer, 14.12.2010
Unentwirrbar ist die Schönheit der Form mit dem Horror der narzisstischen Pose verbunden. Es gibt keine Wahrheit oder Lüge, kein richtig oder falsch, dafür das ewige Sowohl-als-auch. Und es gibt acht großartige Schauspieler, deren Spiel mit choreografischer Präzision ineinandergreift und die dafür sorgen, dass dieser Befund schmerzhaft unter die Haut geht. Helmut Mooshammer als aggressiv lächelnder Alceste-Freund Philinte, das Kraftpaket Alexander Simon als Möchtegern-Dichter Oronte, Markwart Müller-Elmau als meckernder Giftzwerg Clitandre, Verena Reichardt als lakonische Spieldurchschauerin Arsinoé, Caroline Dietrich als erotisches Gesellschaftsbunny Eliante, Claudius Franz als schleimender Zeremonienmeister Acaste und schließlich die herausragende Judith Hofmann. Ihre Célimène ist von quecksilbriger Lebendigkeit, einerseits aufrichtig zugewandt, andererseits divenhaft entrückt. Ob aus dem Jahr 1665 oder von heute. Dieser Abend ist aus einem Guss also von immer.