Hier geht es zu unserer Rezension vom 9.6.2012
4.5.2012 VON MAGDALENA ULRICH
Der Pudel kläfft im Keller
Mit ihrem Sekundärdrama „FaustIn and out“ beißt die Autorin Elfriede Jelinek dem Klassiker Faust in die Wade
Im Keller ist es unheimlich: düster, feucht, beklemmend. Man kriegt so eine Ahnung, wie es sein wird, wenn man sich nicht mehr freiwillig unter die Erde begibt, zum Marmeladengläser holen oder Wintersachen einmotten, sondern leblos in die Erde hinabgelassen wird – und die Gänseblümchen von unten sieht.
Seid ihr neugierig, wie es im DT-Keller aussieht? Zu den Autorentheatertagen ist das Stück „Faust 1-3 / FaustIn und out“ vom Schauspielhaus Zürich zu Gast. Der Goethe-Klassiker begegnet einem Text von Elfriede Jelinek. Gespielt wird an zwei Spielorten: im Deutschen Theater und im DT-Keller. Die Zuschauer müssen sich beim Kartenkauf entscheiden, wo sie sitzen möchten.
Es ist ein heißer Coup der berüchtigten Autorin: Elfriede Jelinek hat eine „neue Geschäftsidee“, wie sie es nennt. „FaustIn and out“ ist ein sogenanntes „Sekundärdrama“, das niemals ohne das Originaldrama, hier Goethes „Faust“, gespielt werden soll. Das Sekundärdrama soll „kläffend neben dem Klassiker herlaufen“ und bettet den Originaltext in einen völlig neuen Kontext. Dabei geht Jelinek wie gewohnt keineswegs damenhaft, sondern drastisch vor.
„FaustIn and out“ legt den Finger in die offene Wunde der Gretchentragödie: die Vernichtung der Frau durch den Mann. Aus der FaustIn, die auf der Bühne im Keller spielt, sprechen Opfer und Täter zugleich. Von männlichen Übergriffen, von brutalen Verbrechen. Wie beim Fall Fritzl, als ein Vater seine Tochter 24 Jahre lang in einem Kellerverlies gefangen hielt und vergewaltigte. Sie bekam sieben Kinder von ihrem eigenen Vater und Peiniger.
Jelineks Stück ist erschütternd – und überspitzt die Hierarchien. In der oberen Etage, im Rampenlicht: der Mann. Die Inszenierung macht ihm seine große Bühne nicht streitig. Sie gibt auch den Frauen eine Stimme, allerdings im schallgedämmten Keller. Schließlich ist es Faust, der Mann, der die Frauen zum zweiten Teil des Abends auf die große Bühne holt. Weiß er, was er da tut?
„Faust 1-3 / FaustIn and out“ von Johann Wolfgang von Goethe und Elfriede Jelinek, Regie: Dušan David Pařízek, am 9.6. um 20 Uhr und 10.6. um 19.30 Uhr im Deutschen Theater & DT-Keller