Hier geht es zur Stückankündigung von "Karte und Gebiet"


13.6.2012 VON MAJA HOOCK

Hass-Parade am Kunstmarkt

Erst ein bestialischer Mord und dann auch noch Slapstick-Humor - trotzdem hat Falk Richters Version von Michel Houellebecqs „Karte und Gebiet“ beseelt. Selten hört man das Berliner Publikum so oft „Bravo“ rufen wie an diesem Abend.

Ein Tisch als Leinwand: Manchmal braucht es eine Projektionsfläche um das Geschehen sichtbar zu machen.

„Du leere Sau“, brüllt Jed Martin. Der junge Künstler (sehr feinfühlig von Christoph Luser gespielt) steht in seinem Atelier in einer angedeuteten Fabrikhalle und schreit die Leinwand an. Er verzweifelt an seinem Gemälde „Jeff Koons und Damien Hirst teilen den Kunstmarkt unter sich auf“. Es will ihm nicht gelingen, zwei der reichsten Künstler der Gegenwart zu malen, denn er kann ihr „leeres Vertreter-Lächeln“ nicht einfangen. Sie haben keine Leidenschaft in sich, die Martin abbilden könnte.

Die „Vertriebsleiter“ der Kunst, wie er die beiden Kunst-Stars nennt, sind für den jungen Maler der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt und ihn letztendlich für zehn Jahre aus der Kunstwelt katapultiert. Es ist ein Kernpunkt des ganzen Dramas: Der Künstler fühlt sich als Hofmaler, der Auftragsarbeiten ausführt, ein Rückschritt in der Entwicklung der Freien Kunst, denn es geht nur noch um Gewinn.

Im Stück spielen die öffentliche Wirkung der Kunst und Kritiker-Meinungen eine entscheidende Rolle. Michel Houellebecq, der selbst in den Medien immer wieder zerrissen und als Skandalautor dargestellt wird, schreibt in seiner Romanvorlage aus eigener Erfahrung. In die Handlung von "Karte und Gebiet" hat er sich als Figur selbst eingeschrieben. Und genau bei ihr findet der junge Maler Jed Martin die verzweifelt gesuchte künstlerische Leidenschaft, die er in einem Portrait festhalten will.

Im Stück lebt Houellebecq in seinem leeren Elternhaus in brutaler Einsamkeit (intensiv: Olaf Johannessen) zwischen Zigaretten, Rotwein und Textentwürfen. Das Kostüm (Daniela Selig) - mal ein schlichter, schmutziger Hausanzug, mal ein grüner Parka und zu weit hochgezogene Hosen - unterstreicht die Persönlichkeit der Figur: Sie kümmert sich nicht um Äußerlichkeiten, sondern kämpft mit eigenen Dämonen und denen des Marktes (Moritz Führmann toll als geldgeiler Galerist und Kritiker).

Stets lauert der Tod im Hintergrund. Das wird etwa dadurch angedeutet, dass der Autor wieder in seinem Kinderbett schläft - der Rückfall auf eine frühkindliche Stufe am Lebensende. Noch mehr Raum bekommt das Thema Vergänglichkeit in der zweiten Hälfte des Stückes durch die Figur von Jed Martins Vater (ergreifend gespielt von Werner Rehm). Der offensichtlich vom Sohn geliebte, aber ihm fremd gewordene Vater nimmt sich kurz nach dem ersten ernsthaften Gespräch mit seinem Sohn das Leben.

Ein derart vielschichtiges Buch auf die Bühne zu bringen, verlangt besondere Mittel. In Falk Richters Inszenierung ist das etwa das gut durchdachte Bühnenbild von Katrin Hoffmann. In einem zweiten Bühnenraum, der durch eine halbtransparente Wand abgetrennt ist, findet die Vergangenheit statt. Von dort kommen auch die stimmungsvollen Live Sound-Collagen von Malte Beckenbach.

Zusätzlich unterstützen Videoarbeiten des Künstlers Chris Kondek den Wechsel zwischen Dialogen und Berichten von Karin Pfammatter als sinnlich-schöne Erzählerin, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und ferner Zukunft. Dabei sind die Filme kein beliebiges Beiwerk, sondern künstlerische Live-Performances oder Film-Collagen, die mit einem Tisch oder Stuhl eingefangen werden. Je nachdem, wo der Projektor-Kegel auftrifft, sehen wir eine andere Szene.

Genie und Wahnsinn: eine Leiche wird im Stil eines Jackson Pollock-Gemäldes arrangiert

Dass 40 Minuten vor Schluss eine Pause kam, wirkte ein wenig unnötig und das Stück rutschte anschließend in den Slapstick. Normalerweise wären Polizisten, die ständig stolpern und gegen aufschlagende Türen laufen, unerträglich. Diese Überzeichnung wirkt hier aber erlösend. Denn der bestialische Mord am Autor ist im Buch schon schwer auszuhalten, ohne es ab und an zur Seite zu legen: Michel Houellebecqs Leiche wurde mit einem chirurgischen Laser in winzige Stücke geschnitten und ausgerechnet im Stil eines Jackson Pollock-Gemäldes im ganzen Haus drapiert.

Ähnlich anspielungsreich verhält sich das ganze Stück und es ist eine reine Freude, die Hiebe auf die Kunstwelt nach und nach zu entschlüsseln. Auch die Idee, den philosophisch sprichwörtlichen „Tod des Autors“ auf den Autorentheatertagen zu zeigen, zeugt von Humor. Im Stück verbinden sich fast klassisch unerfüllte Liebe, Gewinnsucht, Selbstzerfleischung, Leidenschaft (zur Kunst) und innere Erschütterung. Das Gastspiel vom Schauspielhaus Düsseldorf geht tief, ist ernsthaft und doch extrem unterhaltsam.