Hier geht es zu unserer Stückankündigung von "Malaga"


10.6.2012 VON NANCY HENZE


Alex, was ist passiert?

„Malaga“ ist ein Familiendesaster zwischen Fönfrisur, Baumwollhemd und Adoleszenz.

Als sich die Türen der Box geschlossen haben, folgt das übliche Getuschel. Dann ein lautes Gespräch mitten im Publikum: Michael (Klaus Rodewald) und Vera (Ragna Pitoll) sind schon fast geschieden und diskutieren darüber, wer am Wochenende die siebenjährige Tochter Rebekka nimmt – eigentlich hat keiner der beiden Zeit. Michael nicht, weil er zu dem wichtigsten Kongress seines Lebens fahren muss. Und Vera nicht, weil sie ihre neue Freiheit genießen und mit ihrem Liebhaber nach Málaga reisen will. Rebekka selbst tritt nicht auf. Über sie wird verhandelt – sie ist die Behandelte zwischen dem Hin- und Herschieben von Verantwortung und Verzichtsvorschlägen.

Als Michael und Vera auf die Bühne treten, ist eines klar: Dieses lächerliche Ehe-Drama hat man auch von solchen Leuten erwartet: Vera trägt eine akkurate Fönfrisur und ein grob gemustertes Kleid – sie besteht auf Eleganz, sie hat an nichts weniger Interesse, als an ihrem bald-Ex-Mann Michael. Dieser, im stereotypen Versorger-Outfit (blaues Hemd, Anzughose), sorgt zunächst mit salopper Art für Lacher im Publikum.

Und dann erscheint auch schon die Rettung für das Babysitter-Dilemma: der 19-jährige Alex (Peter Pearce) im hippen Print-Shirt und mit neongelb umrahmter Brille. Dem angehenden Filmstudent kommt die Finanzspritze gelegen, denn sein Studium in New York wird nicht billig. Überschwänglich und nerv-tötend berichtet er von seiner Leidenschaft für Filme („Lichtstimmungen hauen mich um!“) und möchte auch noch spontan Rebekka in sein Filmvorhaben miteinbeziehen - vorausgesetzt sie könne acht bis neun Stunden pro Tag arbeiten. Diese Vorstellung gefällt sogar der toleranten Vera nicht. Trotzdem glaubt sie an Alex‘ Verantwortungsbewusstsein – er ist schließlich ihr Ticket nach Málaga.

Alex wird zunehmend suspekter und dreister. Durchaus befremdlich wirkt es, wie er Vera eindringlich nach ihrem neuem Partner befragt und Michael sein jahrelanges Scheitern vor Augen hält - was diesen wiederum nur dazu bringt, Alex' Honorar um das Doppelte zu erhöhen. Alex hat eine große Stärke: Er weiß, wie man Unsicherheiten ausnutzt. 

Das Ende der Geschichte ist irgendwie absehbar: Rebekka liegt im Krankenhaus (auch als Analogie auf ihren Status der Behandelten zu verstehen). „Es sieht nicht gut aus“, bemerkt Vera, die jetzt mehr mit ihren zittrigen Händen, als mit ihrer Frisur beschäftig ist. Wieder werden Vorhaltungen gemacht, wieder wird Verantwortung ausgelost. Aber was ist überhaupt passiert? Alex erzählt von den Filmaufnahmen, die er mit seinem Smartphone von Rebekka gemacht hat. „Das war echt“, schreit er. „Wie soll ich jetzt noch Filme drehen?“ Seine Ideale sind zerstört, er ist unfähig, Verantwortung für Rebekkas Unfall zu übernehmen – und rastet am Ende aus.

Das Publikum ist sichtlich schockiert, überall aufgerissene Augen und schüttelnde Köpfe. Das ist ein Verdienst der grandiosen Schauspieler. Besonders Ragna Pitoll sticht durch ihr überzeugendes Spiel als Vera hervor – wie sie im Schlussakt beweist, in dem sie spürbar macht, wie es ist, dem eigenen Mann Mann nicht mehr in die Augen schauen zu können. Lukas Bärfuss' Theaterstück dauert nur 60 Minuten, präsentiert in der Zeit aber eine satte Mischung aus Tragik, Komik und Gefühl - rund um ein Kind, das weder auf der Bühne, noch im Bewusstsein der Eltern auftaucht.