Hier geht es zu unserer Vorankündigung zu "Eine Stille für Frau Schirakesch"
9.6.2012 VON MAJA HOOCK
Der Burka-Transvestit
Wie sehr berührt uns fremdes Leid? Theresia Walser setzt sich in ihrem Stück „Eine Stille für Frau Schirakesch“ mit der Frage nach einer kulturübergreifenden Moral auseinander
"Einwirkungen" statt "Bombardements" - und niemand stört sich daran

Verfehlte Heldentat: General Gerd

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ heißt es in der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht. Unbestreitbar ein Moralstück. Das Moralstück von heute ist dagegen nicht so leicht als solches zu erkennen, denn die Tugend versteckt sich hinter politischer Inkorrektheit.
So auch in „Eine Stille für Frau Schirakesch“, das als Gastspiel des Theater Freiburg und der Städtischen Bühnen Osnabrück gestern auf den Autorentheatertagen gespielt wurde. Der selbstverliebte General Gerd, der stolz auf den Bau einer Toilette in Tschundakar ist, wirkt skurril, ist aber nicht ausgedacht. Inspiration für den Charakter fand Autorin Theresia Walser in einer deutschen Talkshow. Die Toilette gab es tatsächlich, und dann brachte Walser auch noch das bürokratische Soldatendeutsch des Generals aus der Fassung: „Er sagte ‚Einwirkungen‘ statt ‚Bombardements‘ und niemand in der Talkrunde hat sich daran gestört“, sagt die Autorin gestern beim Autorenportrait im Saal. „Das hat mich erschüttert.“ Diese Shows seien mit ihren Dialogen wie für die Bühne gemacht, sagt Walser. Auch ihr Stück „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“, das 2006 uraufgeführt wurde, bedient sich der Talkshow als Ausgangssituation.
Das Bühnenbild ist karg: ein Sofa, Spanplatten, Überseekisten und ein Zelt. Die Szenerie markiert die Talkshow-Bühne, wo live auf die Steinigung einer gewissen Frau Schirakesch in einem halbfiktiven Afghanistan gewartet wird. Eine perverse Freakshow, die von einer egozentrischen Moderatorin geleitet wird. Sie zeigt die typischen Verhaltensmuster realer Talkshows: Sie ist unfähig zum Hinhören und erstickt jedes aufkeimende Gespräch sofort. Im Laufe des Stücks verzweifelt sie immer mehr daran, die Frau nicht retten zu können.
Einer der Talkshowgäste ist Rose, die stille Kriegsheimkehrerin. Sie blickt apathisch ins Leere. Noch bevor sie ein Wort sagt, wird klar, dass sie traumatisiert ist. Gerade beginnt sie liebevoll von ihrem Kameraden zu erzählen, der damals im Nachtlager seine Mutter herbeisehnte - und wird sofort von der Moderatorin oder ihrem eigenen Vater unterbrochen, der auch Rundengast ist. Ihre zart-poetische Version der brutalen Realität passt nicht zum oberflächlichen Interesse der Runde. Lieber prahlt ihr stolzer Vater an ihrer Stelle mit ihren Kriegserlebnissen. Er ist die subtilste Figur im Stück: „Schon als Kind wollte Rose immer retten“, sagt er, „das Größte wäre für sie ein Rehkitz gewesen, dem ein Mähdrescher die Beine abgefahren hat.“ Später wird der Vater durch eine umgelegte Burka zu einer Stellvertreter-Figur für Frau Schirakesch. Ein „Burka-Transvestit“, wie die Schönheitsköniginnen Ruth und Heidrun, ebenfalls Talkshowgäste, ihn beschimpfen.
Heidrun ist eine ehemalige Friseurbedarfs-Verkäuferin aus Bielefeld. Sie hat den Bürgerkrieg in Tschundakar ausgelöst, als sie ihre Bikini-Parade durchsetzen wollte. Vor laufender Kamera sagte sie: „Allah hätte sich die Schönste als Frauausgesucht“. Im pinken Nylonkleid und später im Bikini jammert sie lautstark über ihre schwitzende Stirn, die im Kameralicht zu stark glänzt. Dass sie die meistgehasste Frau der Welt ist, interessiert sie wenig. Ihre aggressiv-süßliche Konkurrentin Ruth weint seit der traumatischen Auslandserfahrung „Tränen, die das Übel der Welt in sich tragen“.
General Gerd verachtet die halbnackten Weiber. Dafür fordert er immer wieder ein Podest für eine „historische Rede“ über den Bau des Klohäuschens für die geheimnisvollen Marktfrauen von Tschudakar. Diese durften vor dem Markt nichts trinken, um sich nicht beim Pinkeln vor den Männern entblößen zu müssen. Seine Heldentat sieht er als Fortschritt für die Frauen. Diese nutzen das Häuschen aber nicht, denn ihre Tradition ist nunmal eine andere.
Die Konstellation ist komplex und schneidet schwierige Themen an. Zunächst geht es um die moralische Beurteilung einer Hinrichtung. Ferner geht es aber auch um die dominante Rolle der westlichen Welt. Kann man unsere, mit der Aufklärung gewachsenen Menschenrechte, über völlig andere Kulturen stülpen? Oder ist die Brutalität, mit der diese Idee umgesetzt wird, nicht selbst gegen das eigentliche Ziel gerichtet? Ein weiteres Thema: die „Aufreizungshölle“, in der sich der General sieht: Wie begegnen sich die Menschen einer übersexualisierte und einer grundkeuschen Welt?
Alle Fragen bleiben im Stück unbeantwortet. Ein Zuschauer im Theater Freiburg hatte Theresia Walser mangelnde Haltung vorgeworfen, erzählt sie gestern im Publikumsgespräch. „Der Moraladel“ sagt die Autorin, „muss schon die Positionen der Figuren aushalten. Auch wenn sie schlimm sind.“ Das Thema bietet Absurdes, sodass die Figuren ruhig einen Ton leiser sein könnten – das hätte ihrer Abscheulichkeit noch mehr Kontur verliehen, der Zynismus wäre feiner und gemeiner. Doch mangelnde Haltung kann man Walser nicht vorwerfen. Im Gegensatz zu den Brecht-Stücken sind die Charaktere alle böse, ihre Aussagen sind alle politisch inkorrekt. Genau darin liegt die starke Wertung: Wir fühlen uns abgestoßen – so sehr, dass wir beginnen, nachzudenken.
"Eine Stille für Frau Schirakesch", Regie: Annette Pullen, nächste Vorstellung heute, 9.6., 19 Uhr in den Kammerspielen