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7.6.2012 VON MAGDALENA ULRICH

Aufmerksamkeit im Anderswo

Beobachtungen auf den Autorentheatertagen und in unserem Alltag

„Wir leben in einer nervösen Zeit“, sagte DT-Intendant Ulrich Khuon in seiner Eröffnungsrede zu den Autorentheatertagen am vergangenen Dienstag im Saal des Deutschen Theater. Es ist eine Zeit, die „kein großes, gemeinsames Thema kennt, an dem es sich abzuarbeiten gilt“. Vielmehr ist unsere Zeit zersplittert in heterogene Bruchstücke.

Heute in den Morgenstunden: Rush Hour auf den Straßen Berlins. In der Buslinie M41 in Richtung Hauptbahnhof gibt der Busfahrer Gas. Schnell noch ein Spurwechsel, um es bei gelb über die Ampel zu schaffen - das war wohl der Plan des Busfahrers. Er streifte dabei in voller Fahrt einen schwarzen Audi A8. Die Karosserie wird von der Wucht des Omnibusses zerdrückt. Zum Glück ist niemand verletzt.

Der Busfahrer hält rasch den Bus an, auf einem vierspurigen Abschnitt der Straße kurz hinter dem Potsdamer Platz. Vorne, mitte, hinten – er öffnet alle Bustüren. Die Fahrgäste irren hektisch auf die Straße hinaus. Fast hätte der nachfolgende Verkehr einen bärtigen jungen Mann erfasst. Auch eine Mutter hievt ihren Kinderwagen aus dem Bus hinaus. Ihr kleiner Junge sitzt aufrecht im Kinderwagen, folgt mit seinen wachen, blauen Kinderaugen einem dicht an ihm vorbeirauschenden Auto. Heute ist wie durch ein Wunder nichts passiert: Kein Kind, kein Fahrgast ist verletzt worden. Nur ein schwarzer A8 steht zerdrückt auf der linken Spur.

In Roland Schimmelpfennigs „Das fliegende Kind“ - eines der drei Stücke, die am Dienstag die Autorentheatertage eröffneten - geschieht dagegen ein grausames Verkehrsunglück: Ein Vater erfasst mit seiner brandneuen, schwarzen Limousine ein Kind, das mit seiner Laterne am Straßenrand spaziert. Es ist sein eigener Sohn. Das Kind fliegt durch die Luft – die Zeit steht still – das Kind stirbt.

Die Katastrophe passiert, weil Vater und Mutter so ganz und gar nicht bei sich sind. Selbst, wenn sie als Familie beisammen sind beim Kinderchorkonzert des Sohnes, liegt ihre Aufmerksamkeit stets im Anderswo: bei ihren derzeitigen Seitensprüngen, die ein Symptom für das Bedürfnis sind, bloß nichts zu verpassen. Trotz der Verbindlichkeit des Familienlebens versuchen die jungen Erwachsenen möglichst viele Möglichkeiten mitzunehmen. Für das Jetzt fehlt ihnen die Achtsamkeit.

In Schimmelpfennigs Stück tötet der Vater sein eigenes Kind, weil er im Moment des Unfalls eine Multi-Tasking-Situation hektisch zu meistern versucht: beim Fahren die Musik leiser drehen und gleichzeitig nach dem Mobiltelefon tasten, das unter den Beifahrersitz gefallen ist. Wir kennen diese überspannten Situationen: in der einen Hand das Handy, in der anderen der Kaffeebecher, schnell noch bei Rot über die Ampel huschen – wir wissen schon, dass es gefährlich ist.

Zurzeit wird ein Werbespot im Fernsehen gesendet. Man sieht ein Flugzeug kurz nach der Landung. Ein Geschäftsmann schnallt sich eilig ab, drängt sich durch den Gang. „Termine, Termine!“ ruft er, setzt den Schritt über die Schwelle der Flugzeugtür und tritt ins Leere. Die Treppe war noch nicht bereit gestellt. Eine Versicherung wirbt mit diesem amüsanten Spot. Doch was bedeutet „versichern“, wenn wir zerstreut und verirrt sind, wenn wir uns selbst verlieren?

Vielleicht gilt es sich in dieser nervösen Zeit, einmal nicht auf die drohenden Krisen zu fokussieren und sich mal nicht von Ängsten antreiben zu lassen. Vielleicht sollten wir auch einmal wieder „Momo“, der wundersamen Geschichte von Michael Ende zuhören. Denn es gibt darin eine beeindruckende Figur: Beppo, den Straßenfeger. Wenn er eine sehr lange Straße fegen muss, verliert er sich nie im Ausmaß der anstehenden Arbeit. Er eilt sich nicht und sorgt sich nicht, dass er die viele Arbeit womöglich nicht schaffen wird. Beppo lebt immer nur den kommenden Augenblick: Schritt, Atemzug, Besenstrich – das ist sein Motto. Eins nach dem Anderen, solange bis schließlich der ganze Weg geschafft ist. Und wenn ihr mich fragt: Der Atemzug ist dabei das Schönste.