Hier geht es zu unserer Rezension vom 7.6.2012


5.6.2012 VON JULIA WIEßNER

Europäisches Babylon

Auf Mörderjagd begegnen Engländer, Deutsche und Estländer in „Three Kingdoms“ ihrem Selbst im fremden Europa

Grenzenloses Europa, lange haben wir von dir geträumt. Du schienst zum Greifen nah, aber ziehst dich jetzt wieder in deine nationalen Grenzen zurück. Europa, du steckst in der Krise, deine Bürger versinken in schlechten Nachrichten und verlieren das große Ganze aus den Augen. Deine Medien überschlagen sich mit düsteren Prognosen, sie scheinen die Hoffnung schon aufgegeben zu haben. Dein Theater aber wirkt als gemeinsame Bühne, auf der sich eine Geschichte so wenig an politisch gesteckte Grenzen hält wie der Geist deiner großen Idee.

Die Geschichte von „Three Kingdoms“ beginnt in der Themse, wo der abgetrennte Kopf einer Prostituierten schwimmt. Ein britisches Ermittlerteam folgt der Spur zum restlichen Körper, der sie über Deutschland bis nach Estland ins Rotlichtmilieu führt. Sprachenkuddelmuddel und Kulturschock treiben die beiden Kriminalbeamten Ignatius Stone und Charlie Lee fast in den Wahnsinn. Diabolische Schurken und Kommissare wie der deutsche Steffen Dresner agieren in kafkaesken Situationen, bis die Suche nach dem Mörder im Wirrwarr der Sprachen untergeht. Denn die deutschen, englischen und estnischen Schauspieler sprechen ihre jeweilige Muttersprache - Europa wird zum Babylon, in dem sich Zuschauer und Protagonisten verlieren.

„Three Kingdoms“ ist eine Koproduktion des Londoner Lyric Hammersmith Theatre, des Tallinner Theaters NO99 und der Münchner Kammerspiele. In allen drei Ländern wird das Stück aufgeführt. Regisseur Sebastian Nübling, über den Simon Stephens sagt, er sei „fucking brillant and brave”, inszenierte bereits vier seiner Stücke. Nübling ist bestens vertraut mit dem bekennenden Krimi-Fan Stephens, der 2007, 2008 und 2011 von Theater heute zum „besten ausländischen Dramatiker“ gekürt wurde. Der 41-jährige Engländer findet es „großartig, wie die verschiedenen Elemente des Stücks verschiedene Theatertraditionen demonstrieren.“ Europa, du darfst gespannt sein, ob deine so unterschiedlichen Bürger in diesen drei Stunden ihre Vorurteile überwinden, gemeinsam ein Ziel verfolgen – und am Ende den Mörder finden.


"Three Kingdoms", Regie: Sebastian Nübling, 7.6. um 19.30 Uhr und 8.6. um 19 Uhr im Deutschen Theater

Jürgen
10.06.2012 14:40

Three Kingdoms war bisher der absolute Höhepunkt dieser Autorentheatertage. Großartig, mitreißend, schockierend, verblüffend, innovativ, anders - und eben absolut sehenswert. Tolles Ensemble!