15.6.2012 VON ANNA MAYRHAUSER
Sei du selbst und geh joggen!
Heute Abend nochmal im DT: „Tür auf Tür zu“ von Ingrid Lausund. Kommt in die Box und lacht mal wieder!
Eine Frau diskutiert mit einer Tür, die einen Anzug trägt und ein Chor muss später noch zur Arbeit ins Call-Center - Das klingt phantastisch, aber „Tür auf Tür zu“ ist ein sehr komisches Stück über das leise und äußerst reale Drama Arbeitslosigkeit. Unbezahlte Praktikanten, 400-Euro-Jobber und angeblich zu alte, nicht mehr vermittelbare Arbeitsmarktverlierer: Selten wird im Theater so herzhaft gelacht wie an diesem Abend.
Die ausrangierte Anneliz ist hart im nehmen: Ihr Barbie-Alter-Ego ist der Tür soeben in den Arsch gekrochen

Ingrid Lausund mag Titel. „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“, „Bandscheibenvorfall. Ein Abend für Leute mit Haltungsschäden“ oder demnächst: „Zeit – die erschöpfte Schnecke wirft ihr Haus weg und flippt richtig aus“, so heißen die Stücke der Regisseurin und Autorin. „Tür auf Tür zu“ klingt dagegen schlicht. So schlicht wie die Besetzung: An etwa 14 Figuren habe sie anfangs gedacht, erzählt Ingrid Lausund gestern Abend vor der Vorstellung beim Autorenporträt in der DT-Lounge. Übrig geblieben sind drei: Die Tür, der Chor und die Frau, Anneliz.
Mehr braucht das Team um Ingrid Lausund auch nicht um das Drama Arbeitslosigkeit genau zu beschreiben. Die Bühne ist fast leer, fast schwarz, nur ein Kreis ist mit Kreide auf den Boden gezeichnet. Fast ein bisschen episches Theater. Aber nur fast. So ernst nimmt sich das Stück nicht.
Anneliz war nur kurz mal eben draußen. Und kommt plötzlich nicht mehr rein. Die Tür öffnet sich: für Teenager, für ein George-Clooney-Double, für einen schlechten Witz, für einen Mann, noch einen Mann und noch einen Mann. „Ja, ich weiß, dass ist nur meine subjektive Wahrnehmung“, schimpft die Frau, Anneliz. Für sie bleibt die Tür (wunderbar stoisch: Matthias Matz) zu. Ihr Job ist weg.
Anneliz, um die 50, nicht mehr jung, noch nicht alt, rote Schuhe, graues Giltzeroberteil, grauer Bleistiftrock, bewahrt erst mal Haltung. Aber mit jeder neuen Bewerbung, mit jedem neuem Gespräch mit Leuten, die drinnen sind, sinkt ihre Selbstachtung. Nichts hilft mehr: Weder der Ayurveda-Tee „Momente des Glücks“, noch joggen gehen, noch schimpfen.
Der Chor (sehr komisch: Robert Glatzeder als gehetztes Ein-Mann-Unternehmen) hört Anneliz zu, kommentiert, versucht sie auch zu stützen. Aber er hat selbst zu kämpfen. Er ist ein 400-Euro-Jobber. Aus Kostengründen wurde der Chor auf eine Person reduziert. Eigentlich hätte er doch nur ein bisschen Gitarre spielen sollen und jetzt muss er hier fast alles alleine machen!
Ingrid Lausund muss genau zugehört haben. Die Sprache der Bewerbungswelt, die kleinen und großen Lebenslügen der Freiberufler („Ich nehme mir nur grad eine Auszeit“), die hilflosen Selbstgespräche beim Warten auf die nächste Zu- oder Absage – all das erzählt Lausund präzise. Mit Hildegard Schroedter hat sie eine tolle Anneliz gefunden. Sehr komisch und sehr stark, mit Gespür für Timing und mit großem Respekt vor der Figur gibt sie ihre Anneliz. Diese Frau soll kein Milieu und keine individuelle Figur darstellen, sagt Ingrid Lausund zuvor in der DT-Lounge. Und genau diese Abstraktion bringt uns Anneliz nahe. Ob gebeutelte Angehörige der Generation Praktikum oder eben Fünfzigjährige, die plötzlich keiner mehr will...ein bisschen Anneliz kennt jeder.
Das Berliner Publikum lacht laut an diesem Abend. Es lacht, wenn Anneliz versucht, die Tür mit einem Streaptease zu überzeugen, sie doch noch rein zu lassen. Es lacht, wenn sich Anneliz entscheidet, der Tür doch in den Arsch zu kriechen („Wenn Sie sich dazu entscheiden, jemanden in den Arsch zu kriechen, tun sie es bewusst und mit Elan. Und: Nehmen Sie sich den Rest des Tages frei“, rät Anneliz im Jargon von Bewerbungsratgebern). Das Publikum lacht, wenn Anneliz beim Versuch, morgens ihr neues Leben positiv zu visualisieren, einen Panikanfall bekommt und sich von „Ich bin gut“ zu „Wahrscheinlich habe ich längst eine tödliche Krankheit“ steigert. Und manchmal ist das Publikum auch ganz still. „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich etwas überzeichne, ich nehme unseren Alltag einfach so wahr“, erklärte Ingrid Lausund zuvor. Sei du selbst, dann klappt das schon alles, hört Anneliz immer wieder. Da haben wir ihn wieder, den Authentizitätsterror.
"Tür auf Tür zu" von Ingrid Lausund, Regie: Ingrid Lausund, ein Gastspiel der lausundproductions in Koproduktion mit dem Theater Duisburg, nochmal heute, am 15.6. um 20 Uhr in der Box.