Theorie & Texte
Essays, Reden, Vorträge und Aufsätze
Kapitalisten von der traurigen Gestalt
Joseph und seine Brüder und die Ödipus-Dramen
von John von Düffel
(den vollständigen Aufsatz finden Sie in BELLA triste Nr. 34)
Wie selten zuvor wird im Zuge der Griechenland-Krise das kulturelle Erbe der Antike beschworen. Seit die Krise des Euro sich zu einer Krise Europas ausgeweitet hat und materielle Solidaritäten merklich bröckeln, wird immer eindringlicher an die ideellen Bindungen appelliert. In seiner essayistischen Verbeugung vor den alten Griechen zitiert Martin Walser ausgiebig Hölderlin, Günther Grass zitiert in seinen gefürchteten Gedicht-Pamphleten zur Rettung Griechenlands sich selbst. Und kein halbwegs gebildeter Mensch wird bestreiten, wie sehr der europäische Gedanke, die Idee der Demokratie und nicht zuletzt unser kulturelles Leitbild von Literatur, bildender Kunst, Architektur und Theater der attischen Hochkultur von einst verpflichtet sind.
Wie weiß darf man im 'Blackface' sein?
Theaterzeichen zwischen Festschreibung und Neuentwurf
Vortrag von Joy Kristin Kalu anlässlich des ATT-Symposiums 'Authentizitätsterror' am 10.06.2012
Das Authentische ist meines Erachtens auf der Bühne und in jeder anderen ästhetischen Rahmung immer eine Konstruktion. Die authentische Darstellung, das authentische Sprechen, die unverstellte Selbst-Veräußerung, die aktuell im Theater wie auch im Film und vor allem im Fernsehen Konjunktur haben, entsprechen immer einer spezifischen Inszenierung des Unmittelbaren, Unfertigen, Spontanen, Echten und Fehlerhaften. Die Laien oder Experten des Alltags, die allerorts zu Wort, ins Bild und auf die Bühne kommen, zeigen sich bei ihrem Auftritt nicht einfach wie sie sind, sondern sie folgen vielmehr einer Darstellungskonvention, die darauf abzielt ihre Laienhaftigkeit auszustellen, oder besser gesagt: die diese spezifische, medienwirksame Form von Laienhaftigkeit erst hervorbringt. Diese Konvention wird dabei mit jeder Reality Show komplexer, da das immer skeptischere, im Erkennen dieser Inszenierungsstrategien immer geübtere Publikum nach immer neuen Beweisen verlangt, um sich doch noch ein wenig der Illusion des 'Echten' hingeben zu können.
Sechsmal Authentizität
Vortrag von Dietrich Diederichsen anlässlich des ATT-Symposiums 'Authentizitätsterror' am 10.06.2012
Dass etwas authentisch sei, ist inden meisten Diskursen noch immer ein Ausdruck der Hochschätzung, in anderen gibt es aber schon seit ungefähr 30 Jahren – siehe: die Rockism-Debatte im britischen New Musical Express um 1981/82 – eine kritische Auseinandersetzung mit dem Fetisch der Echtheit, der einem gerade dort so oft begegnet, wo etwas massenhaft verkauft werden soll. Dabei ist dieses Urteil – dass etwas authentisch sei – also in Bezug auf etwas Anderes ungelogen, unverstellt, echt meist nie klar als ein ästhetisches oderethisches Urteil gekennzeichnet. Es gehorcht fast immer einer Strategie, die ästhetische und ethische Perspektiven gezielt vermischt, die ethisch beurteilt, was ästhetisch gerahmt ist und umgekehrt. Für solche Strategien gibt es durchaus auch ein paar gute und meistens aber viele schlechte Gründe, abhängig von ihren Kontexten und Zielen. Für jede weitere Diskussion von Urteilen des Typus „Das ist authentisch!“ bleibt indes entscheidend, wo und vor allem wann man diesem Ideologem der Authentizität begegnet; ob in der Kunst und in welcher, ob in der Produktwerbung oder gar in der Psychologie, als Lebensmaxime der 50er , der 70er oder der Gegenwart, bei Artaud, bei Joe Cocker oder bei Big Brother, am Stammtisch oder in den social media.
Die Wahrheit des Menschen - wie man von der Welt erzählt
Laurent Muhleisens Laudatio auf Dea Loher anlässlich des Preises des Internationalen Theaterinstituts ITI
Dea Loher ist die neben Elfriede Jelinek derzeit bedeutendste deutschsprachige Theaterautorin. Man müsse ihre Stücke schlicht 'loheresk' nennen, um deren 'außerordentliche Intelligenz, Sprachmacht und emotionale Intensität' angemessen zu bezeichnen, hat der Kritiker Uwe Wittstock einmal über die in Berlin lebende Bayerin gesagt. Längst werden Dea Lohers Theatertexte in der ganzen Welt gespielt. Nicht zuletzt deshalb erhielt sie im Sommer dieses Jahres den Preis des Internationalen Theaterinstituts ITI. Die Laudatio bei der Feier im Deutschen Theater hielt Laurent Muhleisen von der Comédie Française.
Wofür es sich zu leben lohnt
ein Essay von Robert Pfaller, Januar 2011
Eigentlich ist es gar nicht schwer, zu sagen, wofür es sich zu leben lohnt. Es sind kleine, oft fast unscheinbare Dinge: mit Freunden ein Gespräch beim Kaffee führen; eine Aussicht genießen; eine Runde schwimmen; in angenehmer Gesellschaft ein Glas Wein trinken; Momente der Zärtlichkeit oder der Liebe etc. Solche Momente geben uns Gelegenheit, zu bemerken, dass sich das Leben lohnt; möglicherweise auch in vielen seiner übrigen Momente. Aber nur wenn wir das bemerken können, lohnt sich das Leben. Darum sind die genannten Gelegenheiten entscheidend.
Wofür es sich zu leben lohnt, ist etwas ganz anderes als die Frage, wozu es sich zu leben lohnt - also für welche großen Ideen, welche bedeutenden Aufgaben man leben könnte, indem man ihnen das Leben unterordnet.
Den Reichtum der Welt nicht nur bei sich suchen
Ulrich Khuon über die Brüchigkeit bürgerlicher Gesellschaft, die Sehnsucht des Theaters nach wirklicher Wirklichkeit und die Chancen entlasteter Wahrnehmung
Die Theaterkunst derletzten 350 Jahre in Deutschland belegt nachdrücklich, dass nicht dieHomogenität und Identität der Gesellschaft abzubilden war, sondern ihreBrüchigkeit. Im bürgerlichen Trauerspiel erzählten Lessing und Schiller vomGegensatz zwischen feudalem Hochmut und bürgerlicher Moral, im ausgehenden 19.Jahrhundert erleben wir bei Arthur Schnitzler, Gerhart Hauptmann und HenrikIbsen die Diskrepanz zwischen bürgerlicher Fassade und ausgehöhlter Moral, dassalso Konventionen nicht Ordnung, sondern die Krise in den Köpfen produzierten.Bürgerliche Kultur, die sich in dieser Zeit auch in vielen selbstgebautenTheatern manifestierte, war immer beides: Ausdruck tiefer Zerrissenheit undgleichzeitige Sehnsucht nach Stabilitätsgewinn durch Bildung, sowie Stolz aufdas Erreichte, der Versuch also, Labilität und Festigkeit symbolisch in derKultur miteinander zu versöhnen.
Der menschliche Rest oder: Was vermag der Charakter gegen die Mächte der Welt
von Wolfgang Engler zu 'Die heilige Johanna der Schlachthöfe'
Lieblingsautoren,Lieblingsbücher, Lieblingszitate – manche kommen und gehen, manche bleiben,oftmals für ein ganzes Leben. Mein Lieblingsausspruch seit geraumer Zeit istdieser: „Ich glaube, man istfür alles, was man tut, verantwortlich, ohne Ausnahme. Wenn ich zum Beispielmeine Hand hebe, bin ich verantwortlich dafür. Oder wenn ich meinen Kopf nachlinks drehe, bin ich verantwortlich dafür. Und wenn ich unglücklich bin, binich verantwortlich dafür. Wenn ich ’ne Zigarette rauche, bin ich verantwortlichdafür. Wenn ich die Augen zumache, bin ich verantwortlich dafür. Ich vergesse,dass ich für alles verantwortlich bin, trotzdem bin ich’s.“ Die Worte fallen ineinem frühen Film von Jean-Luc Godard – ‚Vivre sa vie‘ aus dem Jahr 1962. Nana,die Hauptfigur, Dirne auf den Strassen von Paris wie ihr literarisches Vorbildbei Emile Zola, spricht sie in einem kleinen Vorstadtcafé zu einer Kollegin deshorizontalen Gewerbes. Die hatte ihr Leben kurz zuvor als eine einzige Abfolgevon Zufällen dargestellt, von Schicksalsschlägen, für die sie keineswegs dieVerantwortung trage; nun wird sie eines anderen belehrt.
Dramenklassiker auf der Bühne
von Peter von Matt
Der Begriff Klassiker ist doppeldeutig, wird aber eindeutig gebraucht. Dadurch kommt es zu Kommunikationspannen. Klassiker ist einerseits ein historischer Begriff. Er meint die führenden deutschen Autoren um 1800. Klassiker ist aber auch ein funktionaler Begriff. Dann meint er einen Autor oder ein Werk, an dem man die andern misst, und zwar in jeder Epoche. So sind Die Blechtrommel oder Warten auf Godot oder die Todesfuge Klassiker, weil man von ihnen aus den Roman und das Drama und die Lyrik der Nachkriegszeit vermisst. Goethes Stück Die natürliche Tochter gehört zur Klassik, ist aber kein Klassiker, an dem man andere Stücke misst. Tasso hingegen ist ein Klassiker im Sinne beider Bedeutungen. Das Stück ist ein Teil der deutschen Klassik, und als Tragödie des Intellektuellen im System der sozialen Macht ist es bis heute nie übertroffen worden. Wer kulturhistorisch kompetent ist, kennt die Klassiker im historischen wie im funktionalen Sinn mindestens dem Namen nach. Kulturhistorische Kompetenz ist die Eigenschaft jener Mitglieder der Gesellschaft, welche das kulturelle Gedächtnis tragen. Für eine Institution wie das Theater sind sie lebenswichtig.
Eröffnungsrede der 2. Autorentheatertage in Berlin
Elke Schmitter
Was das Konzept „Jury“ betrifft, bin ich summarisch von der Erfahrung geschlagen, dass mehrere Menschen in einer Gruppe durchaus klüger sein können, als sie vereinzelt wären – diese Überzeugung würde ich schon als Teil einer kinderreichen Familie immer verteidigen - , dass es sich aber bei nicht wenigen Jurys im Ergebnis genau andersherum verhält: Wie interessant und gebildet, witzig und tief die Diskussionen hinter verschlossenen Türen auch gewesen sein mögen, am Ende einigt man sich doch auf einen Kandidaten, der keinem weh tut und den eigentlich niemand wollte, und in der Begründung machen sich sieben kluge Leute zu einem Phrasendreschautomat.
Michael Thalheimer 'Das Bauchsystem'
von John von Düffel - April 2009
Allgemein gilt Michael Thalheimer als einer der großen Systematiker des Regietheaters. Man würde von ihm erwarten, dass er gewissermaßen das Max Reinhardtsche Regiebuch von heute schreibt. Das Minimalistische, Durchkomponierte, mitunter auch Choreographische vieler seiner Inszenierungen legt die Vermutung nahe, dass Thalheimer im stillen Kämmerlein eine Konzeption erarbeitet, der die Schauspieler auf der Probe Folge leisten, die sie nur noch „umsetzen“. Sein Ruf als Reduktionist nicht nur von Stücken, sondern auch von schauspielerischen Vorgängen hat ihm sogar einen Eintrag im Brockhaus beschert. Es gibt unter Theaterleuten mittlerweile auch das geflügelte Wort, dass auf der Probe „gethalheimert“ wird. Damit ist die immer weiter getriebene, radikale Reduktion eines Textes gemeint und eine Spielweise, die sich mit minimalen Gesten und Zeichen, auf das Wesentliche konzentriert. Thalheimer drückt das mit seinen eigenen Worten gerne so aus: „Ich will die Banane ohne Schale.“
Spiel mit der Wahrheit
von John von Düffel
Vielleicht wird das erste Jahrzehnt dieses neuen Jahrtausends als die Wiedergeburt des dokumentarischen Theaters und einiger artverwandter Rechercheformate in die Annalen eingehen. Von den Rimini-Protokollen und ihren zahlreichen Ablegern bis hin zu Andres Veiel „Der Kick“, von Frank Abts Hamburger und Berliner Stadtrecherche-Stücken bis hin zu Felicia Zellers Interview-inspirierten Theatertexten wie „Kaspar Häuser Meer“ oder „Gespräche mit Astronauten“ – wo man auch hinschaut, das Dokumentarische hat in verschiedensten Formen auf dem Theater Einzug gehalten. Die Entwicklung läuft nahezu parallel zum Dokumentar-Boom beim Film, ausgelöst durch den Polit-Provokateur und Puristen-Schreck Michael Moore, der das Genre aus seinem zauseligen Nischendasein in den Kommunalen Kinos für ein Massenpublikum interessant gemacht hat, sekundiert von zahllosen Reality-Formaten und Doku-Soaps. Der Trend ist klar: Immer weniger Schauspieler, immer mehr „echte Menschen“ oder Experten der Wirklichkeit, immer weniger erfundene Handlungen und stattdessen die Geschichten, die „das Leben schreibt“.
Ein seltsames Gerücht
von Claus Caesar
Das Normale ist das Unbefragte. Als normal gilt, was eine Gesellschaft als gegeben an- und hinnimmt, das, was ihren Mitgliedern wie selbstverständlich zur Verfügung steht: ein Set von – historisch veränderbaren – Regeln und Normen, die im Alltag Sicherheit geben, Orientierungen ermöglichen und Handlungsoptionen zur Verfügung stellen. Normalität zeichnet aus, dass sie keinen Anlass zur Reflexion bietet. Sie bleibt in gewisser Weise unsichtbar. ‚Diebe’ von Dea Loher, JFK von René Pollesch und ‚Krankenzimmer Nr. 6’ von Anton Tschechow – auf unterschiedliche, korrespondierende Weise handeln die drei Arbeiten von der Normalität, ihrer Unterbrechung und ihrer Produktion.
Berliner Lektionen
von Ulrich Khuon - Januar 2008
Die eigentlich erfreuliche Nachricht, dass Kulturstaatsminister Neumann für diverse Kulturvorhaben 400 Millionen Euro mehr aufgetan hat, erzeugte in zwei maßgeblichen Zeitungen geradezu schockhafte Wirkung. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und in der Süddeutschen Zeitung zeigten sich Nils Minkmar und Thomas Steinfeld äußerst besorgt, dass es zu viel Geld für die Kultur geben könne, dass die falsche Kultur gefördert werde – nämlich eine neue biedermeierliche –, dass Kultur durch fürsorgliche Belagerung erdrückt werde und ein neuer allumfassender Kulturbegriff alles aufsauge, kurz: dass es der Kultur in Deutschland physisch und psychisch zu gut gehe, sie werde zu Tode geliebt.
Laudatio anlässlich der Verleihung des Nicolas Born Preises an John von Düffel
von Ulrich Khuon - Oktober 2006
In einem Essay anlässlich der Dramatisierung von Thomas Vinterbergs Film ‚Das Fest’ hat John von Düffel sein Thema umrissen: „Das ‚Wir’ der Verwandtschaft atmet wie ein Organismus, wie ein umfassend großer und entgrenzter Körper. Grob, rustikal kommt er daher und gleichzeitig so unfassbar vertraut. Niemand kann sich ihm entziehen. Es lässt keinen Abstand, keine Abkapselung zu. Es will hinein in jeden Winkel der eigensinnigen Seele, es visitiert die Leiber und ergreift von ihnen Besitz. Nähe allein genügt nicht. Das Prinzip der Genealogie ist die Durchdringung und Vereinnahmung. „Warum anders sein wollen als wir?“ „Warum alles anders machen?“ "So sehr Du Dich auch sträubst, Du bist und bleibst einer von uns.“
Diener keines Herren
von Hans-Thies Lehmann
Die derzeitige Theaterdebatte ist eine Pseudodiskussion. Da sie so offenkundig ein durchsichtiges Falsum an das andere reiht, stellt sich die Frage, worum es in Wirklichkeit geht. Erstens kommen auf jede Regie-Pleite mehrere - im Sinne der Autoren - halbwegs gelungene Inszenierungen. Zweitens dürften brave Inszenierungen mehr Texte ins sichere Vergessen versenkt haben als skandalöse Regie-Untaten. Drittens tut jeder Künstler - Regisseur, Autor oder Maler, Marthaler oder Shakespeare - nichts anderes als genau das: Er bringt seine "Privatmarotten" ins Spiel und erzeugt auf diese Weise hoch subjektive (Adorno: idiosynkratische) Bilder von der Welt, die durch ästhetische Praxis das Private allgemein werden lassen. Viertens glaubt wohl im Ernst niemand daran, dass auf einmal serienweise Regisseure mutwillig als egomanische oder inkompetente Textmörder in Erscheinung treten.
Auslaufmodell Ich
von John von Düffel
Das Männerbild ist ins Wanken geraten: Die Alternative zwischen Softi und Macho, Papatyp oder Karrierehengst gilt heute nicht mehr. So einfach wie zu früher wird es nie wieder. Der Mann von heute muß erfolgreich sein im Beruf, selbstverständlich, aber auch einen sensiblen Partner abgeben. Er muß ein starker, souveräner Entscheider sein, aber auch rücksichtsvoll und kompromißbereit. Mindestens genauso wichtig ist der gute Vater: verantwortungsvoll, aber auch verspielt, eine Autorität, aber nicht autoritär, mit Zeit für Gefühle und einer Spur vom Kind im Mann, ohne jedoch die unangenehmen Seiten der Erziehung ganz der Mutter zu überlassen. Nicht zuletzt sollte der Mann von heute auch auf sich acht geben: Er sollte gepflegt sein, ernährungs- und körperbewußt, sportlich und nicht ohne Chic, allerdings keineswegs eitel oder gar selbstverliebt. Die Liste der Erwartungen, die sich allesamt hart am Rande des Widersprüchlichen bewegen, ließe sich fortsetzen. Doch so paradox sie teilweise auch klingen, sie wollen vom modernen Mann erfüllt sein, und zwar möglichst gleichzeitig. Das einstige Entweder-Oder ist dem Sowohl-als-auch gewichen. Der Mann von heute steht gewaltig unter Druck, aber natürlich darf er sich das nicht anmerken lassen.