Diebe
Diebe
zitty, Tobias Schwartz, 28.1.2010
Wie ein Mähdrescher frisst sich ein walzenartiges Drehwerk in die Szenen, verschlingt sie und spuckt sie wieder aus: Am Fernsehspiel orientierte Episoden aus dem Leben von Menschen, deren abgründige Schicksale auf bedrückende, gleichzeitig urkomische Weise zusammenlaufen. Andreas Kriegenburg inszeniert die Uraufführung von Dea Lohers 'Diebe'. Ein lang ersehntes Novum, dass diese wichtige Dramatikerin in Berlin überhaupt aufgeführt wird. Im Falle eines Loher-Stückes von einer Komödie zu sprechen, wäre verfehlt, aber Kriegenburg, der auch das gelungene Bühnenbild kreierte, inszeniert es als ebensolche. Ohne freilich die Untiefen zu übergehen, für die Lohers Texte bekannt sind und für die er als genauer Kenner ihres Werks feines Gespür entwickelt. Ein guter Teil der Komik allerdings steckt bereits im doppelbödigen Text. Heraus kommt eine tragikomische Symbiose. Die wird von den Schauspielern meisterhaft dargeboten. Herausragend Susanne Wolff als von ihrem Freund halb erwürgte Frau, die ihn bei der Polizei nicht anzeigen will, sondern sich nur informieren, wie sie sich beim nächsten Mal verhalten soll. Schwer depressiv Jörg Pose als lebensmüder Selbstmörder. Mitreißend Bernd Moss und Katrin Klein als kleinbürgerliches Slapstick-Ehepaar.
Leichte Beben
Die Zeit, Ijoma Mangold, 21.1.2010
Ihr neues Stück 'Diebe', das jetzt im Deutschen Theater in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg seine Uraufführung hatte, ist aber ein kleines Bravourstück im Genre des elegant-sinnigen Boulevards. Es sind Szenen aus der Gegenwart, bekannte Gesichter, gemischte Gefühle. Sie erzählen vom verpassten Leben, von der Selbstlüge, von den Schwierigkeiten der Paarfindung und den Flüchtigkeiten aller Bindungen, von der sanften Repression des Kapitalismus und den jähen Attacken der unterdrückten Triebe. Es ist das, was man sich schon immer über die eigene Zeit gedacht hat, in charmante, hervorragend pointierte Szenen gesetzt. Was Kriegenburg mit seinem bestens aufgelegten Ensemble (einer hinreißenden Susanne Wolff, die schrill, abgebrüht und zugleich allerbarmend die Berliner Göre gibt, einem wunderbaren Markwart Müller-Elmau, der von der Süße des Selbstbetrugs erzählt) virtuos auf die Bühne zaubert, ist gut ausbalanciert zwischen Satire und Zartheit. Ein großes Mühlrad dominiert die Bühne, das in einem ewigen Reigen die Figuren auf die Bühne spült und wieder mitnimmt.
Unterm Wasserrad der Geschichten
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Irene Bazinger, 18.1.2010
Alle zusammen feiern die tragischen Versatzstücke kaputter Existenzgründungen als eine grotesk amüsante Komödie am Abgrund, die sie mit ein paar kecken Schritten geschickt in die bodenlose Farce treiben. Mögen auch manche Episoden ausgedacht, manche Wendungen ungereimt klingen, in der federleicht verständigen, formvollendet souveränen Inszenierung von Andreas Kriegenburg wird daraus eine brillante, beglückende, zauberisch burleske Rêverie: arme Menschen, kleine Geschichten - reiches, großes Theater.
Schicksale wie aus einem Füllhorn
Neues Deutschland, Christoph Funke, 18.1.2010
Das Ensemble meistert diese schwierige Aufgabe, 'aus dem Stand' zu einprägsamen, unverwechselbaren Figuren zu finden, mit schwereloser Eindringlichkeit. Nur hingetupft sind die Eigenarten dieser ihr Selbst suchenden Menschen, aber in jeder Geste steckt das wunderbar Trotzige und kleinlich Schäbige eines Lebens im Schatten. Das Dutzend Darsteller gibt sich an das scheinbar Improvisierte aller Vorgänge mit Anmut und schwereloser artistischer Brillanz hin.
Krampfhaft an der Gegenwart festhalten
Gießener Allgemeine Zeitung, Elke Vogel, 18.1.2010
Das Bühnenbild von Andreas Kriegenburg ist spektakulär: Ein den ganzen Raum einnehmendes Rad einer riesigen Wassermühle schaufelt immer wieder neue Schicksale ins Blickfeld der Zuschauer. Bei der Uraufführung von Dea Lohers ‚Diebe‘ am Deutschen Theater Berlin balancierten die Schauspieler am Freitagabend mal schräg aufrechtstehend, mal halb liegend oder gleich kopfüber auf den hölzernen Drehflügeln. Es sind gescheiterte und vom Scheitern bedrohte Menschen aller Altersklassen, deren Geschichten die preisgekrönte Dramatikerin in ‚Diebe‘ zu einem Querschnitt unserer heutigen Gesellschaft verwebt. Gibt es Hoffnung für die Hoffnung? So lautet eine der Kernfragen.
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