Über Leben
Familie mit Gespenstern
Süddeutsche Zeitung, Peter Laudenbach, 09.04.2011
Der scheinbar leichte Tonfall, das Ineinander von Alltagsbanalitäten, verworrenen Liebesgeschichten und den Gespenstern der Vergangenheit, die episodische Erzählweise, die filmisch schnellen Schnitte, das hat auch im Ineinander von Lakonie, Komik und Trauer etwas von Tschechows Dramaturgie der Beiläufigkeit. Man muss Stephan Kimmig dafür danken, dass er die drei Stücke (‚Leas Hochzeit‘, ‚Heftgarn‘, ‚Simon‘) jetzt angemessen groß inszeniert hat. Zum ersten Mal wird auf einer deutschen Bühne die gesamte Trilogie aufgeführt.
Küsse mich ein letztes Mal!
Frankfurter Rundschau, Jürgen Otten, 11.04.2011
[M]anchmal, und das ist selten geworden, manchmal besteht das Glück darin, dass alles, aber auch wirklich alles passt.
Ein solcher Fall ist Judith Herzbergs Trilogie ‚Über Leben‘ am Deutschen Theater Berlin, inszeniert von Stephan Kimmig und gestaltet von Schauspielern, denen man noch während ihres Tuns durch die Bank sagen möchte, wie wunderbar sie doch dieses Stück begreifen, wie sie es förmlich in sich aufsaugen und so zu ihrem Stück machen, jeder einzelne von ihnen und jeder auf seine Weise.
Der erste Teil der Trilogie von Judith Herzberg heißt ‚Leas Hochzeit‘. […] Stephan Kimmig inszeniert diese Feier als Zeitlupen-Tanz. Alle sind immer irgendwie in Bewegung, aber zugleich erstarrt und stumm in dieser Bewegung. Und wenn dann in diese Bewegung hinein plötzlich das legendäre Lied ‚Bésame mucho‘ erklingt, dann wirkt das Ganze wie ein Totentanz, so irreal, so phantasmagorisch, und so unendlich einsam und traurig: Küss‘ mich ein letztes Mal.
Sterben ist nicht schlimm
Berliner Zeitung, Ulrich Seidler, 11.04.2011
Das Stück schwebt ähnlich wie eine Biene über dem Geschehen, es zieht von Dialog zu Dialog, sammelt Nektar und trägt Pollen weiter. Auch wenn in dieser Familie viel und auch offen gesprochen wird, lässt sich erkennen wie sich das im Schweigen verpackte Trauma auf die folgenden Generationen […] auswirkt, wie die Familie davon bestimmt ist, aber nicht gewillt ist, sich beherrschen zu lassen.
Stephan Kimmig gibt dem Text den Raum, der ihm gebührt. Und er nimmt ihn so behutsam, wie er geschrieben wurde. […] Dass sich Respekt und Neugier nicht widersprechen, das zeigen auch die Schauspieler, die in ihren Figuren nichtaufgehen, aber sich ihnen in unendlicher Weise annähern. Warum sollte ein Ensemble weniger Vielfalt und Heterogenität aushalten als die große, bunte, lebendige Familie?
Elend und Glück der Erinnerung
Neues Deutschland, Hans-Dieter Schütt, 11.04.2011
Hervorhebungen sind ungerecht. Dennoch. Christian Grashof ist Simon, Almut Zilcher Ada. Die Alten. Grashof: heiter, grobgestrickt, leise und rührend, vertrackt und verknarzt – liebenswert feige befreite er sich aus dem Deportationstrauma. Und lebt! Ada geht in den Traumafreitod, die Zilcher gespenstert rot gewandet, lächelnd wie eine Unberührbare, durch die Szenen. Susanne Wolff ist beider Tochter Lea; von den Eltern kurz vor dem Abtransport einer nichtjüdischen Fremdmutter übergeben – gibt verstörend traurig das Porträt eines geretteten, aber nie erlösten Menschen, verdammt zu einer inneren Auskühlung, gegen die die dunklen, fragenden Augen unentwegt ein Feuer versuchen. Christine Schorn ist diese Fremdmutter, ungelenk, wie so vieles, dem man den Mut nicht ansieht.
Man dreht sich und wendet sich und begräbt die Toten
Berliner Morgenpost, Kathrin Pauly, 10.04.2011
Kimmig hat mit diesem Stück gefunden, was einer wie er, der das Ganze gern vom Detail aus untersucht, braucht; einen extrem starken, offenen Text. Wenn dann noch ein entsprechendes Darstellerensemble dazu kommt, wird das so ein feiner und kraftvoller Abend wie jetzt am Deutschen Theater.
Im Heute heimisch werden
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Irene Bazinger, 11.04.2011
Keine großen Geschichten, kein theatralisches Brimborium, sondern lose schroffe Fragmente einer Realität, die sich jeder organisch zusammenhängenden Darstellung entzogen zu haben scheint: So spiegelt die Form der Dramen mit ihren komplexen Shortcuts die tiefere Wahrheit dieser Figuren, denen Halt, Vertrauen und Gewissheit zu prekären Kategorien geworden sind.
In der Regie von Stephan Kimmig wirken die siebzehn Schauspieler immer wie Transitreisende in einer abgeschlossenen, gar nicht bis spärlich möbilierten Wartezone. […]
Viereinhalb Stunden dauert der Abend und ist wegen der famosen Dialoge und der vitalen Figurenzeichnung keinen Moment langweilig.
Wie es euch zerfällt
Der Tagesspiegel, Peter von Becker, 11.4.2011
Viereinhalb Stunden, dieser Abend. Und kein schwergewichtiger Klassiker, sondern das Stück einer schwebenden Feder. So leicht wie schwer, und das Schwere leicht zu machen und manchmal umgekehrt, das ist die große Kunst der holländischen Dichterin und Dramatikerin Judith Herzberg.
Ein Ereignis also auf jeden Fall. Denn im Deutschen Theater Berlin werden zum ersten Mal die drei wichtigsten Stücke der Autorin als ein Gesamtkunstwerk gezeigt.
Wer übrigbleibt
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Volker Corsten, 10.04.2011
Man kennt das von Fernsehserien: Es dauert, aber ist man erst mal im Stoff, kennt die Figuren, kann die Novela ewig weitergehen.
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