„Ich bin es gewohnt durch's Raster zu fallen.” Interview mit Open Call-Gewinner Nico Sauer
Die Jury hat sich entschieden: Fast 300 Bewerbungen folgten auf die erstmalige Ausschreibung eines Open Calls am DT für eine Produktion in der Box. Nico Sauer und sein Team haben die Juror:innen begeistert und in einem zweistufigen Auswahlprozess überzeugt. Die Uraufführung wird am 14. April 2026 stattfinden, die Produktion mit dem Titel Ach, Mom! wird sich zwischen Oper, Theater und Performance bewegen.
Herzlichen Glückwunsch, du hast das Open-Call-Rennen der nächsten Saison am DT gemacht - was war dein erster Gedanke?
Freude und Überraschung. Was wäre das in einem Wort? Verblüffen, Entzücken, Freudenschock?
Was hat dich an der Idee des Open Call und am DT (und der Box) als Spielstätte fasziniert/ gereizt?
Ich bin es gewohnt durch's Raster zu fallen. Das ist nicht (nur) Selbstmitleid, sondern (auch) Eigenlob. Ich mache weder Musik, noch Theater, sondern Musiktheater — aber nicht so, wie ihr jetzt schon wieder denkt...! Ich meine, das was im Musiktheater in Komposition und Regie getrennt wird, mache ich beides falsch und führe es zusammen, damit etwas richtiges entsteht. Sowas flutscht leicht durch die Sparten. Das hat praktische Gründe. Die Betriebe laufen heiß; Abläufe müssen sitzen, Handwerke liefern. Was davon abweicht, droht, den Betrieb ins Stocken zu bringen. Umso mehr freue ich mich, dass sich das DT auf Ach, Mom! einlässt. Ohne Open Call wär's vielleicht nicht zu dieser Begegnung gekommen.
Im Open Call ging es um Vertrauen - inwiefern setzt sich Ach, Mom! damit auseinander?
Ach, Mom! ist eine Familiensituation. Familie hat viel zu tun mit Vertrauen. Vielleicht ist Familie sogar Synonym mit Vertrauen, wenn man den Familienbegriff von seinen repressiven Anteilen befreit, ihn unabhängig macht von seinen genetischen und ökonomischen Bedingungen und sagt: Ihr seid meine Familie, weil ich euch vertraue. Oder: Ich vertraue euch, weil ihr meine Familie seid.
Was als Sitcom beginnt, endet im Delirium einer neuen, grotesken Theatersprache. – Nico Sauer, Regisseur von Ach, Mom!
Ach, Mom! – worum geht es?
Ach, Mom! ist eine choreografierte Multicam-Sitcom für vier Ensemble-Schauspieler:innen. Erzählmuster entstehen nicht als Text, sondern in musikalischen Strukturen. Narrative Erwartungen werden unterlaufen, übercodiert, zersetzt. Die Familie, die im Zentrum steht, zerfällt nicht in ein moralisches Drama, sondern in ein System aus Zeichen, Bewegungen, Objekten und Blicken, das sich neu konfiguriert – wie ein mechanischer Golem, der seine eigene Syntax spricht. Was als Sitcom beginnt, endet im Delirium einer neuen, grotesken Theatersprache.
Wie sieht dein Team aus, mit wem realisierst du Ach, Mom!?
Ich arbeite mit Magdalena Emmerig zusammen, die Kostüm- und Bühnenbild macht, und auch knietief mit mir in der Konzeption steckt. Es ist nicht nur sehr produktiv, sondern macht auch großen Spaß.
Du hast einen (sehr) musikalischen Background - was erwartet uns Musikalisches in Ach, Mom!?
Ach, Mom! ist eine präzise choreografierte Schauspiel-Inszenierung, in der kompositorisches Denken auf Schauspiel-Vokabular angewendet wird. Bewegungen, Mikrogesten, Körperhaltungen, Mimik und Blickachsen der Schauspieler:innen folgen einer Partitur. Die Einzelbewegungen sind einfach, aber ihre Überlagerung erzeugt eine komplexe szenische Polyphonie. Durch rhythmische Verschiebung, Überlagerung und fein getimte Körperinteraktionen wird linearer Plot dekonstruiert. Der durchkomponierte Soundtrack ist Musik, Ambience und Foley zugleich – und fungiert als emotionale, rhythmische und dramaturgische Ebene in einem.
Komposition, Performance, Multimedia - wie sieht dein Schwerpunkt in Bezug auf Ach, Mom! aus?
Ausnahmsweise performe ich diesmal nicht selbst. Das ist ungewohnt für mich – in den letzten zehn Jahren stand ich fast überall selbst mit auf der Bühne. Für mich heißt das: loslassen lernen und das Baby bzw. die Babies laufen lassen. Ich freue mich sehr darauf, mit den fantastischen Darsteller:innen vom DT zusammenzuarbeiten. Regie, Komposition, Ton und Video mache ich selbst — das trenne ich nicht voneinander.