Das Fest

von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov
Regie Anne Lenk
Musikalische Leitung Leo Schmidthals
Licht Marco Scherle
Dramaturgie David Heiligers
Premiere am 20. Januar 2017, Kammerspiele
Jörg PoseHelge, der Vater
Barbara SchnitzlerElse, die Mutter
Alexander KhuonChristian, der älteste Sohn
Lisa HrdinaHelene, die Tochter
Camill JammalMichael, der jüngste Sohn
Kathleen MorgeneyerMette, Michaels Frau
Thorsten HierseKemal, Helenes Freund
Franziska MachensPia, Christians Jugendfreundin
Bernd MossHelmut, der Toastmaster
Jürgen HuthGroßvater, väterlicherseits
Katharina MatzGroßmutter, väterlicherseits
Michael GerberOnkel Leif
Damian Fink, Josefine Jellinek, Lea Metscher, Leosander ScheithauerKinder von Mette und Michael
Helge, der Vater
Else, die Mutter
Christian, der älteste Sohn
Helene, die Tochter
Michael, der jüngste Sohn
Mette, Michaels Frau
Kemal, Helenes Freund
Pia, Christians Jugendfreundin
Helmut, der Toastmaster
Großvater, väterlicherseits
Großmutter, väterlicherseits
Onkel Leif
Damian Fink, Josefine Jellinek, Lea Metscher, Leosander Scheithauer
Kinder von Mette und Michael
Märkische Oderzeitung
Irene Bazinger, 27.01.2017
In den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin macht die Regisseurin Anne Lenk das Publikum nun zu Gästen dieser ungeplant verlaufenen Festlichkeit. Am Anfang gibt es ein Glas Sekt und man sitzt im Bühnenbild von Halina Kratochwil auf Tribünen rings um die kleine Spielfläche. Die Schauspieler lassen sich immer wieder zwischen den Zuschauern nieder und sprechen sie direkt an.
Der so entstehende enge Kontakt bringt die Geschichte noch beklemmender näher und vergrößert die emotional-dramatische Fallhöhe. Denn Jörg Pose als Vater ist keine unsympathische Erscheinung, im Gegenteil: Man glaubt ihm die Rührung, als ihm der ganze Saal ein Ständchen singt, und auch die Liebe zu seiner Familie, die er regelmäßig unterstreicht. An den Missbrauch will er sich zuerst partout nicht erinnern, gibt den überlasteten Unternehmer, der sich nicht alles habe merken können.
Alexander Khuon als gequälter Christian balanciert eindrucksvoll zwischen der Wut auf den väterlichen Täter und der Unterwürfigkeit des gebrochenen Kindes. Seine Abrechnung beginnt sachlich und eiskalt, ehe er sich, als die Gratulanten nach ein paar Schrecksekunden einfach weitermachen wie bisher und entschlossen wegschauen, in zornige Verzweiflung steigert. Die gilt vor allem seiner Mutter, die von den Schändungen der Zwillinge wusste, ohne jedoch einzuschreiten.
Barbara Schnitzler lässt diese kriecherische gepflegte Dame charmant im Schatten ihres Gatten blühen, den sie wider besseren Wissens anhimmelt, als könne er kein Wässerchen trüben. Mit den Enthüllungen Christians bekommt auch das Verhältnis zu den anderen Familienmitgliedern empfindliche Risse, sei es zur Tochter Helene (Lisa Hrdina), ihrem Freund Kemal (Thorsten Hierse), zum jüngsten Sohn Michael (Camill Jammal) oder zu Christians Jugendfreundin Pia (Franziska Machens).
Alle stecken, ob sie es wollen oder nicht, hier mitsamt den Zuschauern unter einer Decke – und irgendwann wird der Sauerstoff knapp. Das Ende ist für die Familie eine Befreiung, aber, und das zeigt Anne Lenks suggestiv gelungene Inszenierung, eine Wiedergutmachung wohl kaum möglich.
In den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin macht die Regisseurin Anne Lenk das Publikum nun zu Gästen dieser ungeplant verlaufenen Festlichkeit. Am Anfang gibt es ein Glas Sekt und man sitzt im Bühnenbild von Halina Kratochwil auf Tribünen rings um die kleine Spielfläche. Die Schauspieler lassen sich immer wieder zwischen den Zuschauern nieder und sprechen sie direkt an.
Der so entstehende enge Kontakt bringt die Geschichte noch beklemmender näher und vergrößert die emotional-dramatische Fallhöhe. Denn Jörg Pose als Vater ist keine unsympathische Erscheinung, im Gegenteil: Man glaubt ihm die Rührung, als ihm der ganze Saal ein Ständchen singt, und auch die Liebe zu seiner Familie, die er regelmäßig unterstreicht. An den Missbrauch will er sich zuerst partout nicht erinnern, gibt den überlasteten Unternehmer, der sich nicht alles habe merken können.
Alexander Khuon als gequälter Christian balanciert eindrucksvoll zwischen der Wut auf den väterlichen Täter und der Unterwürfigkeit des gebrochenen Kindes. Seine Abrechnung beginnt sachlich und eiskalt, ehe er sich, als die Gratulanten nach ein paar Schrecksekunden einfach weitermachen wie bisher und entschlossen wegschauen, in zornige Verzweiflung steigert. Die gilt vor allem seiner Mutter, die von den Schändungen der Zwillinge wusste, ohne jedoch einzuschreiten.
Barbara Schnitzler lässt diese kriecherische gepflegte Dame charmant im Schatten ihres Gatten blühen, den sie wider besseren Wissens anhimmelt, als könne er kein Wässerchen trüben. Mit den Enthüllungen Christians bekommt auch das Verhältnis zu den anderen Familienmitgliedern empfindliche Risse, sei es zur Tochter Helene (Lisa Hrdina), ihrem Freund Kemal (Thorsten Hierse), zum jüngsten Sohn Michael (Camill Jammal) oder zu Christians Jugendfreundin Pia (Franziska Machens).
Alle stecken, ob sie es wollen oder nicht, hier mitsamt den Zuschauern unter einer Decke – und irgendwann wird der Sauerstoff knapp. Das Ende ist für die Familie eine Befreiung, aber, und das zeigt Anne Lenks suggestiv gelungene Inszenierung, eine Wiedergutmachung wohl kaum möglich.
Das Kulturblog
Konrad Kögler, 20.01.2017
Lenk und ihr Dramaturg David Heiligers setzen das Publikum mitten ins Geschehen dieser zwar perfekt durchgeplanten, aber völlig aus dem Ruder laufenden Familienfeier: Bei freier Platzwahl kann man beispielsweise direkt neben Katharina Matz und Jürgen Huth, die als Großeltern milde über den Trubel lächeln, sitzen. Dieses Konzept, hautnah dabei zu sein, wurde zuletzt schon mehrfach in diesem Haus ausprobiert, z. B. bei "Väter und Söhne" und "Untergang des Egoisten Fatzer", passte aber noch nie so gut wie bei diesem Kammerspiel über eine Familie, die sich auf engstem Raum versammelt hat und den unter den Teppich gekehrten Wahrheiten nicht länger ausweichen kann.
Die zweite glückliche Entscheidung dieses sehenswerten Abends war, dass Lenk/Heiligers an ihrer Fassung trotz einiger Freiheiten (vor allem im ersten Teil) ziemlich nah am Original bleiben. [...] In ihrer Werktreue gelingt Anne Lenk ein eindrucksvolles Missbrauchsdrama.
Lenk und ihr Dramaturg David Heiligers setzen das Publikum mitten ins Geschehen dieser zwar perfekt durchgeplanten, aber völlig aus dem Ruder laufenden Familienfeier: Bei freier Platzwahl kann man beispielsweise direkt neben Katharina Matz und Jürgen Huth, die als Großeltern milde über den Trubel lächeln, sitzen. Dieses Konzept, hautnah dabei zu sein, wurde zuletzt schon mehrfach in diesem Haus ausprobiert, z. B. bei "Väter und Söhne" und "Untergang des Egoisten Fatzer", passte aber noch nie so gut wie bei diesem Kammerspiel über eine Familie, die sich auf engstem Raum versammelt hat und den unter den Teppich gekehrten Wahrheiten nicht länger ausweichen kann.
Die zweite glückliche Entscheidung dieses sehenswerten Abends war, dass Lenk/Heiligers an ihrer Fassung trotz einiger Freiheiten (vor allem im ersten Teil) ziemlich nah am Original bleiben. [...] In ihrer Werktreue gelingt Anne Lenk ein eindrucksvolles Missbrauchsdrama.
Pagewizz
Steffen Kassel, 23.01.2017
Die Spannung steigt – Anne Lenk macht das ganz clever. Der jüngste Sohn Michael (Camill Jammal) beispielsweise attackiert vorurteilsbeladen Kemal, der sich im falschen Film wähnt. Jetzt ist endlich das totale Chaos im Anzug, und dann taucht auch noch der Abschiedsbrief der Tochter Linda auf, die sich angesichts der Scham vor der Zeit das Licht ausgeblasen hat. Jetzt ist alles raus. Helge, der seine Kinder mehr liebte als üblich, ist allein schon durch Christians Blick verurteilt: Khuon bohrt sein Augen vernichtend in Poses Gesicht. Der Sturz der "Großen" ist vollbracht, Helges Ausflüchte versanden und er und seine Gattin werden des Raumes verwiesen. Nur die Alten und der in einem anderen Zeitalter lebende Onkel Leif (Michael Gerber) verstehen den Aufstand nicht und halten traditionsgemäß zu Helge [...]. Dies ist reinstes Ensemble-Theater mit differenziert gefeilten Charakteren, die sich ganz aufs Spiel einlassen, jenseits von überflüssigem Gebrüll, grellen Verschmocktheiten und Requisitenüberladungen. Die Spannung steigt – Anne Lenk macht das ganz clever. Der jüngste Sohn Michael (Camill Jammal) beispielsweise attackiert vorurteilsbeladen Kemal, der sich im falschen Film wähnt. Jetzt ist endlich das totale Chaos im Anzug, und dann taucht auch noch der Abschiedsbrief der Tochter Linda auf, die sich angesichts der Scham vor der Zeit das Licht ausgeblasen hat. Jetzt ist alles raus. Helge, der seine Kinder mehr liebte als üblich, ist allein schon durch Christians Blick verurteilt: Khuon bohrt sein Augen vernichtend in Poses Gesicht. Der Sturz der "Großen" ist vollbracht, Helges Ausflüchte versanden und er und seine Gattin werden des Raumes verwiesen. Nur die Alten und der in einem anderen Zeitalter lebende Onkel Leif (Michael Gerber) verstehen den Aufstand nicht und halten traditionsgemäß zu Helge [...]. Dies ist reinstes Ensemble-Theater mit differenziert gefeilten Charakteren, die sich ganz aufs Spiel einlassen, jenseits von überflüssigem Gebrüll, grellen Verschmocktheiten und Requisitenüberladungen.
Tagesspiegel
Christine Wahl, 22.01.2017
Wer zum ''Fest'' in die Kammerspiele des Deutschen Theaters will, bekommt am Eingang ein Glas Sekt in die Hand gedrückt. Dazu verabreicht der gut gelaunte ''Toastmaster'' des Abends (Bernd Moss) grinsend ein Leuchtstäbchen, im Kindergeburtstagsfachjargon ''Knicklicht'' genannt: ''Sie werden es brauchen.'' [...] Alexander Khuon spielt überzeugend den Enthüller-Sohn Christian, und Jörg Pose ist ihm dabei als Verdränger-Vater Helge ein ebenbürtiger Partner. Wer zum ''Fest'' in die Kammerspiele des Deutschen Theaters will, bekommt am Eingang ein Glas Sekt in die Hand gedrückt. Dazu verabreicht der gut gelaunte ''Toastmaster'' des Abends (Bernd Moss) grinsend ein Leuchtstäbchen, im Kindergeburtstagsfachjargon ''Knicklicht'' genannt: ''Sie werden es brauchen.'' [...] Alexander Khuon spielt überzeugend den Enthüller-Sohn Christian, und Jörg Pose ist ihm dabei als Verdränger-Vater Helge ein ebenbürtiger Partner.
Zitty
Tom Mustroph, 24.01.2017
Erst gibt’s Sekt, dann wird reiner Wein eingeschenkt: Im DT wird der Zuschauer zum Teil der Festgesellschaft [...] Der älteste Sohn Christian (Alexander Khuon) bringt erst stockend, dann immer entschlossener werdend, die Missbrauchsanklage gegen den Vater vor. Er wird nicht erhört.
Khuon spielt den anklagenden Sohn auch derart zergrübelt, derart in Fantasieräume sich flüchtend, dass man selbst bei Kenntnis der Vorlage für einen Moment glaubt, Lenk könnte es wagen, den gesamten Verwurf als Hirngespinst darzustellen. Ein mutiger Schritt, auf Tuchfühlung mit der Realwelt, in der Vergewaltiger gern ihre Opfer diskreditieren.
Am Ende ist man – schrecklicherweise – fast erlöst, dass die Vorwürfe stimmen. Ein gut gebauter Psychothriller.
Erst gibt’s Sekt, dann wird reiner Wein eingeschenkt: Im DT wird der Zuschauer zum Teil der Festgesellschaft [...] Der älteste Sohn Christian (Alexander Khuon) bringt erst stockend, dann immer entschlossener werdend, die Missbrauchsanklage gegen den Vater vor. Er wird nicht erhört.
Khuon spielt den anklagenden Sohn auch derart zergrübelt, derart in Fantasieräume sich flüchtend, dass man selbst bei Kenntnis der Vorlage für einen Moment glaubt, Lenk könnte es wagen, den gesamten Verwurf als Hirngespinst darzustellen. Ein mutiger Schritt, auf Tuchfühlung mit der Realwelt, in der Vergewaltiger gern ihre Opfer diskreditieren.
Am Ende ist man – schrecklicherweise – fast erlöst, dass die Vorwürfe stimmen. Ein gut gebauter Psychothriller.
Frankfurter Rundschau
Dirk Pilz, 23.01.2017
Aus Wut, aus Verzweiflung, aus Angst und Zorn. Diese Inszenierung will uns am Seelenkragen packen, schütteln, bis die Wahrheiten herausfallen: Wir werden zum Sehen gezwungen, wir sollen nicht ausweichen dürfen. [...] Erzählt wird die Geschichte einer Familienzersetzung, nach dem berühmten und vom Theater süchtig aufgesogenen Film "Das Fest" von Thomas Vinterberg. Ein Familienvater lässt sich zum 60. feiern. Der älteste Sohn Christian aber verkündet, was verschwiegen werden wollte: Der Vater ist ein Vergewaltiger, die Mutter stille Mitwisserin. Die Feier implodiert, und das Bestechende an der Vorlage ist: Sie implodiert in Schüben, stiftet unerwartete Allianzen – und lässt beunruhigend offen, wer hier wahr spricht, wer Opfer, wer Täter ist. Aus Wut, aus Verzweiflung, aus Angst und Zorn. Diese Inszenierung will uns am Seelenkragen packen, schütteln, bis die Wahrheiten herausfallen: Wir werden zum Sehen gezwungen, wir sollen nicht ausweichen dürfen. [...] Erzählt wird die Geschichte einer Familienzersetzung, nach dem berühmten und vom Theater süchtig aufgesogenen Film "Das Fest" von Thomas Vinterberg. Ein Familienvater lässt sich zum 60. feiern. Der älteste Sohn Christian aber verkündet, was verschwiegen werden wollte: Der Vater ist ein Vergewaltiger, die Mutter stille Mitwisserin. Die Feier implodiert, und das Bestechende an der Vorlage ist: Sie implodiert in Schüben, stiftet unerwartete Allianzen – und lässt beunruhigend offen, wer hier wahr spricht, wer Opfer, wer Täter ist.

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