Eine Inszenierung des Jungen DT

Katzelmacher

von Rainer Werner Fassbinder
Musik Joe Masi
Choreographie Ronni Maciel
Dramaturgie Birgit Lengers
Premiere am 6. Februar 2017, Kammerspiele
Stephanie AmarellMarie
Lorin BrockhausErich
Chenoa North-HarderHelga
Maximilian DiehlePeter
Lina BookhagenElisabeth
Fabiola KuonenRosy
Emil KollmannFranz
Henry SchlagePaul
Annie NowakGunda
Patrick NadlerKlaus
Katrin KatsMädchen im Auto
Stephanie Amarell
Marie
Lorin Brockhaus
Erich
Chenoa North-Harder
Helga
Maximilian Diehle
Peter
Lina Bookhagen
Elisabeth
Fabiola Kuonen
Rosy
Emil Kollmann
Franz
Henry Schlage
Paul
Annie Nowak
Gunda
Patrick Nadler
Klaus
Katrin Kats
Mädchen im Auto
Kulturradio vom rbb
Regine Bruckmann, 06.02.2017
Hier im Deutschen Theater spielt sich alles auf einem Dach ab, die Bühne ist eine Landschaft aus Mauern, Schornsteinen und schrägen Flächen, auf denen die jungen Darsteller klettern und tanzen. Die Regisseurin Jessica Glause hat eine dadurch sehr dynamische Inszenierung erarbeitet. Aber gleichzeitig verweist die begrenzte Spielfläche des Daches auf eine eingeschränkte Welt, eine Welt, die sich in einer Art rasendem Stillstand befindet. […] „Eine Ordnung muss wieder her“ – dieser Satz aus Fassbinders Drama könnte heute auch auf einem Wahlplakat der AFD stehen. Die Fassbinder-Foundation ist streng, was die Texte des Meisters betrifft. Aber sein ‚Katzelmacher’ ist auch ohne Aktualisierung und mit winzigen Veränderungen ein Stück, das im Hier und Jetzt spielt. Hier im Deutschen Theater spielt sich alles auf einem Dach ab, die Bühne ist eine Landschaft aus Mauern, Schornsteinen und schrägen Flächen, auf denen die jungen Darsteller klettern und tanzen. Die Regisseurin Jessica Glause hat eine dadurch sehr dynamische Inszenierung erarbeitet. Aber gleichzeitig verweist die begrenzte Spielfläche des Daches auf eine eingeschränkte Welt, eine Welt, die sich in einer Art rasendem Stillstand befindet. […] „Eine Ordnung muss wieder her“ – dieser Satz aus Fassbinders Drama könnte heute auch auf einem Wahlplakat der AFD stehen. Die Fassbinder-Foundation ist streng, was die Texte des Meisters betrifft. Aber sein ‚Katzelmacher’ ist auch ohne Aktualisierung und mit winzigen Veränderungen ein Stück, das im Hier und Jetzt spielt.
rbb Inforadio
Nadine Kreuzahler, 07.02.2017
Mitreißend und modern

„Es braucht nicht viel, um urbane Tristesse anzudeuten […] - ein Dach, aber im Verlauf des Abends auch gleichzeitig ein Platz, eine Kneipe, das Dorf, die Kleinstadt, der Vorort. Hier hängt die Jugend ab, trinkt Bier, zickt sich an, lästert, langweilt sich, hat Sex, wartet darauf, dass etwas passiert, aber ohne eine Idee, was das denn sein könnte. In diese Gemengelage aus Frust, Aggression, Verunsicherung, Missgunst und Neid, Sehnsucht nach echter Liebe und einem besseren Leben, nach Geld und Status, platzt eines Tages ein Fremder […] Jorgos selbst ist dabei nie zu sehen. Die jungen Schauspieler sprechen zum Publikum, wenn sie zu Jorgos sprechen. Das ist eine gute Entscheidung: Jorgos könnte jeder sein.
Regisseurin Jessica Glause und ihr Team machen aus dem Fassbinder-Stück einen poppigen Theaterabend. Sie übernehmen die artifiziellen Dialoge aus "Katzelmacher" samt bayrisch eingefärbtem Gossen-Sprech und paaren sie mit pumpender Musik und einer energiegeladenen Choreographie mit viel Körpereinsatz.
Mitreißend und modern

„Es braucht nicht viel, um urbane Tristesse anzudeuten […] - ein Dach, aber im Verlauf des Abends auch gleichzeitig ein Platz, eine Kneipe, das Dorf, die Kleinstadt, der Vorort. Hier hängt die Jugend ab, trinkt Bier, zickt sich an, lästert, langweilt sich, hat Sex, wartet darauf, dass etwas passiert, aber ohne eine Idee, was das denn sein könnte. In diese Gemengelage aus Frust, Aggression, Verunsicherung, Missgunst und Neid, Sehnsucht nach echter Liebe und einem besseren Leben, nach Geld und Status, platzt eines Tages ein Fremder […] Jorgos selbst ist dabei nie zu sehen. Die jungen Schauspieler sprechen zum Publikum, wenn sie zu Jorgos sprechen. Das ist eine gute Entscheidung: Jorgos könnte jeder sein.
Regisseurin Jessica Glause und ihr Team machen aus dem Fassbinder-Stück einen poppigen Theaterabend. Sie übernehmen die artifiziellen Dialoge aus "Katzelmacher" samt bayrisch eingefärbtem Gossen-Sprech und paaren sie mit pumpender Musik und einer energiegeladenen Choreographie mit viel Körpereinsatz.
Berliner Zeitung
Doris Meierhenrich, 08.02.2017
Bewundernswert selbstsichere, spielfreudige Darsteller des Jungen DT

Der Clou der Inszenierung aber ist: Jorgos tritt nicht auf, wir alle, das Publikum, sind er. Und so pöbeln und schlagen die Spieler bald munter in unsere Richtung. Das hat den Vorteil, dass die Regisseurin sich des arg defizitären, selbst nur miefigen Ausländerbildes entledigt, mit dem Fassbinder arbeitet. Nur: geht die Übertragung so einfach? Können wir in bequemer Entfernung zu all den Sprüchen und Tritten mal einfach Jorgos sein?
Bewundernswert selbstsichere, spielfreudige Darsteller des Jungen DT

Der Clou der Inszenierung aber ist: Jorgos tritt nicht auf, wir alle, das Publikum, sind er. Und so pöbeln und schlagen die Spieler bald munter in unsere Richtung. Das hat den Vorteil, dass die Regisseurin sich des arg defizitären, selbst nur miefigen Ausländerbildes entledigt, mit dem Fassbinder arbeitet. Nur: geht die Übertragung so einfach? Können wir in bequemer Entfernung zu all den Sprüchen und Tritten mal einfach Jorgos sein?
berlinonline
Dennis Schwarz, 08.02.2017
Die jungen Schauspieler überzeugen durch ihre Kraft und Ausdauer. Der Zuschauer wird die gesamte Zeit durch die wechselnden Charaktere auf Trab gehalten. Viele Nebengeschichten, kleine Rangeleien und Pöbeleien, wie die ständige Erniedrigung Peters durch Elisabeth, beherrschen die ersten Minuten des Stückes. Alles scheint seine Bahnen zu ziehen, als in der Ferne Jorgos auftaucht. Der ist „Griech, aus Griechenland“ und kurz gesagt Gastarbeiter. Jorgos tritt nie leiblich in Erscheinung, sondern bleibt lediglich Gesprächsthema der Anderen.
[...] Fassbinders Stück lässt sich von den 60er Jahren auf die heutige Zeit übertragen. Fremdenfeindlichkeit ist ein großes, ein sehr schweres Thema. Glause gelingt es, durch den nicht sichtbaren Jorgos, diese Feindlichkeit zu charakterisieren. Der Hass nimm stetig zu. Die eigene Unzufriedenheit wird auf die Anderen projiziert. Die Anderen, die Fremden. Die sind Schuld an meiner Tristesse, an meinem Leben. Alles in meinem Kopf. Doch gibt es den Anderen, den Fremden, den Einen, der mein Leben zerstört wirklich? Oder bin ich es nicht selbst am Ende? Passiert alles in nur in meinem Kopf? Grandios gelöst.
Die jungen Schauspieler überzeugen durch ihre Kraft und Ausdauer. Der Zuschauer wird die gesamte Zeit durch die wechselnden Charaktere auf Trab gehalten. Viele Nebengeschichten, kleine Rangeleien und Pöbeleien, wie die ständige Erniedrigung Peters durch Elisabeth, beherrschen die ersten Minuten des Stückes. Alles scheint seine Bahnen zu ziehen, als in der Ferne Jorgos auftaucht. Der ist „Griech, aus Griechenland“ und kurz gesagt Gastarbeiter. Jorgos tritt nie leiblich in Erscheinung, sondern bleibt lediglich Gesprächsthema der Anderen.
[...] Fassbinders Stück lässt sich von den 60er Jahren auf die heutige Zeit übertragen. Fremdenfeindlichkeit ist ein großes, ein sehr schweres Thema. Glause gelingt es, durch den nicht sichtbaren Jorgos, diese Feindlichkeit zu charakterisieren. Der Hass nimm stetig zu. Die eigene Unzufriedenheit wird auf die Anderen projiziert. Die Anderen, die Fremden. Die sind Schuld an meiner Tristesse, an meinem Leben. Alles in meinem Kopf. Doch gibt es den Anderen, den Fremden, den Einen, der mein Leben zerstört wirklich? Oder bin ich es nicht selbst am Ende? Passiert alles in nur in meinem Kopf? Grandios gelöst.
Das Kulturblog
Konrad Kögler, 07.02.2017
Die neue Produktion des Jungen DT in den Kammerspielen des Deutschen Theaters überrascht damit, dass die Jugendlichen auf der Bühne ganz unter sich bleiben. Jessica Glause erarbeitete ihre Fassbinder-Adaption ''Katzelmacher'' mit elf Schülerinnen und Schülern. Anders als in ''Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf…''  oder ''2 Uhr 14'' stehen ihnen diesmal keine erfahrenen Profis zur Seite.

Die zweite Setzung des Abends ist, dass die zentrale Rolle des Jorgos eine Leerstelle bleibt. Der griechische ''Gast- oder Fremdarbeiter'' – so nannte man die Zuwanderer bekanntlich Ende der 60er Jahre, als Rainer Werner Fassbinder mit 24 Jahren dieses Stück schrieb – ist eine Projektionsfläche. Bei den einen löst er Sehnsüchte aus. Einige junge Frauen erträumen sich eine Zukunft mit potentem, exotischem Lover, der sie aus der bisherigen Tristesse herausreißt. Die Männer reagieren eher ängstlich auf den ''Eindringling'' in ihr ''Revier''. Sie überspielen ihre Unsicherheit mit Aggression und Hass. [...]

Fraglos passt das Fassbinder-Drama, mit dem der junge Regisseur 1968 am Münchner Action-Theater und ein Jahr später auch im Kino erste Erfolge hatte, gut in unsere Zeit. Die fremdenfeindlichen Töne der Figuren und die Forderung ''Eine Ordnung muss wieder her'' klingen aus aktuellen Diskussionen gefährlich vertraut.
Die neue Produktion des Jungen DT in den Kammerspielen des Deutschen Theaters überrascht damit, dass die Jugendlichen auf der Bühne ganz unter sich bleiben. Jessica Glause erarbeitete ihre Fassbinder-Adaption ''Katzelmacher'' mit elf Schülerinnen und Schülern. Anders als in ''Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf…''  oder ''2 Uhr 14'' stehen ihnen diesmal keine erfahrenen Profis zur Seite.

Die zweite Setzung des Abends ist, dass die zentrale Rolle des Jorgos eine Leerstelle bleibt. Der griechische ''Gast- oder Fremdarbeiter'' – so nannte man die Zuwanderer bekanntlich Ende der 60er Jahre, als Rainer Werner Fassbinder mit 24 Jahren dieses Stück schrieb – ist eine Projektionsfläche. Bei den einen löst er Sehnsüchte aus. Einige junge Frauen erträumen sich eine Zukunft mit potentem, exotischem Lover, der sie aus der bisherigen Tristesse herausreißt. Die Männer reagieren eher ängstlich auf den ''Eindringling'' in ihr ''Revier''. Sie überspielen ihre Unsicherheit mit Aggression und Hass. [...]

Fraglos passt das Fassbinder-Drama, mit dem der junge Regisseur 1968 am Münchner Action-Theater und ein Jahr später auch im Kino erste Erfolge hatte, gut in unsere Zeit. Die fremdenfeindlichen Töne der Figuren und die Forderung ''Eine Ordnung muss wieder her'' klingen aus aktuellen Diskussionen gefährlich vertraut.
Toute la Culture
Nicolas Chaplain, 08.02.2017
Am Deutschen Theater Berlin inszeniert Jessica Glause mit elf Jugendlichen "Katzelmacher", ein Stück geschrieben von Fassbinder im Jahr 1968, das immer noch erschreckend aktuell ist.

Fassbinder porträtiert junge, desillusionnierte Menschen in ihrer Begegnung mit einem griechischen Gastarbeiter. In dieser Begegnung kristallisieren sich ihre Ängste heraus, Gerüchte werden geschürt, Hass entfacht und ihre Vorurteile kommen zum Vorschein. Elf Jugentliche interpretieren Fassbinders Text und stellen das Unbehagen, die Symptome einer statischen in Langweile erstarrten Gesellschaft dar. In dem Bühnenbild von Jil Bertermann, das aus Häuserdächern besteht, trinken sie und streiten sich, hören auf Handys Musik, trainieren, rennen und tanzen sie, um sich auszutoben. Ein Luftballon fliegt hinter ihnen fort - Metapher einer Illusion von Entwicklung, Freiheit und Liebe. Sogar Maries mit Kreide auf den Boden gezeichnetes Herz wird durch den Regen weggewischt. 

Stéphanie Amarell, Lorin Brockhaus, Chenoa North-Harder, Henry Schlage, Annie Nowak, Fabiola Kuonen, Emil Kollmann, Lina Bookhagen, Maximilian Diehle, Patrick Nadler und Katrin Kats sind alle überzeugend. Jeder verteidigt seine Rolle mit Geschicklichkeit und Kühnheit, Talent und Ehrlichkeit. Alle lassen eine besondere Frische, Unbefangenheit und Spiellust erkennen. Ihre Stimmen formulieren klar Fragen zu Jugend, Zukunft, Arbeit, zum Glück, zum Berühmtsein usw.

[...] Jessica Glause interessiert es, wie diese mutierten Wesen funktionieren und zeigt die alltägliche Gewalt, den Neid, die aufkommemde Begierden in dem Mikrokosmos der Gruppe.
Am Deutschen Theater Berlin inszeniert Jessica Glause mit elf Jugendlichen "Katzelmacher", ein Stück geschrieben von Fassbinder im Jahr 1968, das immer noch erschreckend aktuell ist.

Fassbinder porträtiert junge, desillusionnierte Menschen in ihrer Begegnung mit einem griechischen Gastarbeiter. In dieser Begegnung kristallisieren sich ihre Ängste heraus, Gerüchte werden geschürt, Hass entfacht und ihre Vorurteile kommen zum Vorschein. Elf Jugentliche interpretieren Fassbinders Text und stellen das Unbehagen, die Symptome einer statischen in Langweile erstarrten Gesellschaft dar. In dem Bühnenbild von Jil Bertermann, das aus Häuserdächern besteht, trinken sie und streiten sich, hören auf Handys Musik, trainieren, rennen und tanzen sie, um sich auszutoben. Ein Luftballon fliegt hinter ihnen fort - Metapher einer Illusion von Entwicklung, Freiheit und Liebe. Sogar Maries mit Kreide auf den Boden gezeichnetes Herz wird durch den Regen weggewischt. 

Stéphanie Amarell, Lorin Brockhaus, Chenoa North-Harder, Henry Schlage, Annie Nowak, Fabiola Kuonen, Emil Kollmann, Lina Bookhagen, Maximilian Diehle, Patrick Nadler und Katrin Kats sind alle überzeugend. Jeder verteidigt seine Rolle mit Geschicklichkeit und Kühnheit, Talent und Ehrlichkeit. Alle lassen eine besondere Frische, Unbefangenheit und Spiellust erkennen. Ihre Stimmen formulieren klar Fragen zu Jugend, Zukunft, Arbeit, zum Glück, zum Berühmtsein usw.

[...] Jessica Glause interessiert es, wie diese mutierten Wesen funktionieren und zeigt die alltägliche Gewalt, den Neid, die aufkommemde Begierden in dem Mikrokosmos der Gruppe.
Die Deutsche Bühne
Magdalena Sporkmann, 10.02.2017
Mit Talent und Hingabe ist es dem Jungen DT unter Regie von Jessica Glause gelungen, diese große Langeweile von Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher auf der Bühne des Deutschen Theaters berührend und aufrüttelnd zu gestalten. Mit Talent und Hingabe ist es dem Jungen DT unter Regie von Jessica Glause gelungen, diese große Langeweile von Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher auf der Bühne des Deutschen Theaters berührend und aufrüttelnd zu gestalten.

Außerdem im Spielplan

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mit englischen Übertiteln
Eine zeitgenössische Recherche von 15 Autor_innen, 9 Schauspieler_innen und 1 Schaf
Mit Texten und Videos von Maxim Drüner (K.I.Z)/Juri Sternburg, Sherko Fatah, Nino Haratischwili, Navid Kermani, Bernadette Knoller/Anja Läufer/Claudia Trost, Dea Loher, Clemens Meyer, Rocko Schamoni, Jochen Schmidt, Jan Soldat, Mark Terkessidis, Felicia Zeller
Regie: Jette Steckel
anschl. Nachgespräch mit dem Ensemble, Jette Steckel, Anika Steinhoff - Saal
Deutsches Theater
18.00 - 22.00
Ein Projekt von Gernot Grünewald und Ensemble
Regie: Gernot Grünewald
Box
19.30 - 21.10
PREMIERE

WUT

von Elfriede Jelinek
Regie: Martin Laberenz
Kammerspiele
20.00 - 22.20