Junges DT International

30.nach.89

Talking About Your Generation
Regie Uta Plate
Dramaturgie Birgit Lengers
Künstlerische Mitarbeit Paul Schmidt
Anleitung Puppenspiel Viviane Podlich
Bühne Lana Ramsay
Foto- und Videodokumentation Charlotte Grief
Kostüme Henrike Huppertsberg, Juliane Kalkowski
Projektidee Johannes Krug, Ansgar Gilster
Projektleitung Caroline Zeidler
Projektkoordination Warschau Maryna Czaplińska
Projektkoordination Moskau Alena Yankelevich
Regieassistenz Rahel Hofbauer
Sound Design Alexander Maulwurf, Kornel Duchaczek
Premiere
19. Oktober 2019
Box
Berliner Zeitung
Cornelia Geißler, 07.11.2019
"Man muss mehr reden untereinander. Sonst entsteht schnell der Eindruck, dass man sich nicht füreinander interessiert. Die Alten halten die Jugend für radikal, die Jungen glauben, die Alten hocken nur noch auf dem Sofa und wollen nichts mehr." "Man muss mehr reden untereinander. Sonst entsteht schnell der Eindruck, dass man sich nicht füreinander interessiert. Die Alten halten die Jugend für radikal, die Jungen glauben, die Alten hocken nur noch auf dem Sofa und wollen nichts mehr."
rbb Abendschau
Birgit Raddatz, 03.11.2019
"Natürlich gibt es viele Westdeutsche, die sehr gut über Geschichte Bescheid wissen. Aber ich glaube, die Attitüde, wie man auf die Geschichte zurückblickt, ist anders. Die Westdeutschen im Stück glauben, bestens Bescheid zu wissen." "Natürlich gibt es viele Westdeutsche, die sehr gut über Geschichte Bescheid wissen. Aber ich glaube, die Attitüde, wie man auf die Geschichte zurückblickt, ist anders. Die Westdeutschen im Stück glauben, bestens Bescheid zu wissen."
rbb24
Ute Büsing, 20.10.2019
Eine der schönsten Spielszenen steht gleich zu Beginn. Da setzt ein junger Russe nach und nach aus gelben Kleidungsstücken seinen Vater zusammen. Er erzählt, wie der sich zwischen Schmugglerbanden im aufkeimenden Raubtierkapitalismus der Jelzin-Jahre durchschlug. Tricksen oder Töten. Später lernt das Publikum diesen Vater und seine Haltung (er unterstützt Putin) in einer der eingespielten Filmszenen der Gespräche vor Ort kennen. [...] 

Die Russen laufen der Unterscheidung halber ganz in gelben Spieluniformen auf. Rosa markiert sind die Polen und blau die Deutschen. Nacheinander klären die Mann- und Frauschaften der drei Nationen über die jeweiligen Verhältnisse auf, die 89/90 zur politischen Wende führten. In der didaktischen Abteilung des prallen 90-Minüters erklären sie sich selbst und dem Publikum noch einmal, welche politischen Entwicklungen zum Umbruch führten. Dabei werden eigene und fremde Wissenslücken mit spielerischen Overhead-Projektionen gefüllt und illustriert: Fotos von 
Massendemonstrationen, Panzern und Politikern im Widerstreit beharrender und systemsprengender Kräfte werden übermalt und so auch kommentiert. […]

Bei den jungen Russen reibt sich viel der geballten Spielenergie an Putin und dessen Alleinherrschaft auf. Immer wieder wird sie thematisiert als Einschränkung persönlicher Freiheiten und der allgemeinen Menschenrechte, während die jungen Polen in ihrem Spiel eher mit dem Ausleben neuer Freiheiten und der Besetzung gesellschaftlicher Nischen beschäftigt sind. […]

Eine ebenfalls sehr eindringliche Spielszene, wiederum mit Handpuppen und zweckentfremdet eingesetzten Gegenständen, widmet sich ausführlich der Großmutter einer Spielerin, einer polnischen Fernsehjournalistin, die im Polizeistaat unter General Jaruzelski Aufstände dokumentierte und sich damit in Gefahr brachte. Jede Nation trägt anrührend ihre eigene Freiheitshymne vor – nur bei den Deutschen hapert es damit, sich auf den einen Song des Umbruchs zu einigen. […]

Bitterernstes wechselt mit lustigen Interventionen in diesem animierten Geschichtslabor zur lebendigen Erinnerungskultur. Das Publikum spürt richtig, wie sich die an diesem Intensivkurs des Lebens Beteiligten, angeleitet von Regisseurin Uta Plate und Dramaturgin Birgit Lengers, während des gemeinsamen Recherche- und Probenprozesses nahe gekommen sind, Freundschaften geschlossen haben.


Eine der schönsten Spielszenen steht gleich zu Beginn. Da setzt ein junger Russe nach und nach aus gelben Kleidungsstücken seinen Vater zusammen. Er erzählt, wie der sich zwischen Schmugglerbanden im aufkeimenden Raubtierkapitalismus der Jelzin-Jahre durchschlug. Tricksen oder Töten. Später lernt das Publikum diesen Vater und seine Haltung (er unterstützt Putin) in einer der eingespielten Filmszenen der Gespräche vor Ort kennen. [...] 

Die Russen laufen der Unterscheidung halber ganz in gelben Spieluniformen auf. Rosa markiert sind die Polen und blau die Deutschen. Nacheinander klären die Mann- und Frauschaften der drei Nationen über die jeweiligen Verhältnisse auf, die 89/90 zur politischen Wende führten. In der didaktischen Abteilung des prallen 90-Minüters erklären sie sich selbst und dem Publikum noch einmal, welche politischen Entwicklungen zum Umbruch führten. Dabei werden eigene und fremde Wissenslücken mit spielerischen Overhead-Projektionen gefüllt und illustriert: Fotos von 
Massendemonstrationen, Panzern und Politikern im Widerstreit beharrender und systemsprengender Kräfte werden übermalt und so auch kommentiert. […]

Bei den jungen Russen reibt sich viel der geballten Spielenergie an Putin und dessen Alleinherrschaft auf. Immer wieder wird sie thematisiert als Einschränkung persönlicher Freiheiten und der allgemeinen Menschenrechte, während die jungen Polen in ihrem Spiel eher mit dem Ausleben neuer Freiheiten und der Besetzung gesellschaftlicher Nischen beschäftigt sind. […]

Eine ebenfalls sehr eindringliche Spielszene, wiederum mit Handpuppen und zweckentfremdet eingesetzten Gegenständen, widmet sich ausführlich der Großmutter einer Spielerin, einer polnischen Fernsehjournalistin, die im Polizeistaat unter General Jaruzelski Aufstände dokumentierte und sich damit in Gefahr brachte. Jede Nation trägt anrührend ihre eigene Freiheitshymne vor – nur bei den Deutschen hapert es damit, sich auf den einen Song des Umbruchs zu einigen. […]

Bitterernstes wechselt mit lustigen Interventionen in diesem animierten Geschichtslabor zur lebendigen Erinnerungskultur. Das Publikum spürt richtig, wie sich die an diesem Intensivkurs des Lebens Beteiligten, angeleitet von Regisseurin Uta Plate und Dramaturgin Birgit Lengers, während des gemeinsamen Recherche- und Probenprozesses nahe gekommen sind, Freundschaften geschlossen haben.


Der Tagesspiegel
Patrick Wildermann, 21.10.2019
Genau das ist der Reiz – die Umbrüche von 1989 aus der Perspektive derjenigen gespiegelt zu bekommen, die sich ihr Geschichtspuzzle vor allem aus dem Unterricht sowie den Erzählungen von Eltern und Großeltern zusammensetzen.
Im Stück "30.NACH.89" des jungen DT, das jetzt in der Box des Hauses Premiere feierte, wird einem das alles von vier jungen Menschen nähergebracht, die Folien auflegen, Bilder überschreiben und Fakten referieren. Über eine Zeit, die sie selbst nicht erlebt haben. [...] 

Das bräuchte es im Theater öfter: eine schnelle Eingreiftruppe, die mit dem Tageslichtprojektor bewaffnet, die Szene entert und Geschichtsnachhilfe in allgemein verständlichen Lektionen erteilt. Gerade junge Zuschauer könnten bestimmt davon profitieren. Schließlich, Stichwort Bildungsmisere, weiß man heutzutage nie, was man an Wissen voraussetzen darf. Zum Beispiel über die Wendejahre in Russland, Polen und Deutschland. […]

Insgesamt 18 Jugendliche, jeweils sechs aus Deutschland, Polen und Russland, sind im Zuge dieses Projekts in der Regie von Uta Plate durch die Länder gereist, haben Gespräche mit Verwandten und Zeitzeugen geführt (darunter Politikern wie Wolfgang Thierse oder auf polnischer Seite der Solidarnosc-Veteranin Grazyna Staniszeska) und sich die berechtigte Frage gestellt: Was hat das alles heute mit mir zu tun? […]

Auch Befremden darf dabei sein. Etwa, wenn der junge Prokhor Gusev die Schilderungen seines Vaters aus den wilden 90ern wiedergibt. Dass man sich damals für eine Schachtel Zigaretten vom Taxifahrer durch die ganze Stadt kutschieren lassen konnte, weil es nirgendwo Kippen zu kaufen gab. Dass man lügen und manipulieren musste und sein Leben riskierte, wenn man sich unversehens im falschen Viertel wiederfand. Eine Wild-Ost-Ära. […]

Uta Plate, vormals Leiterin des Jugendclubs der Schaubühne, hat die Reiseerlebnisse, Recherche-Ergebnisse und Workshop-Erfahrungen in eine stringente Form gebracht.




Genau das ist der Reiz – die Umbrüche von 1989 aus der Perspektive derjenigen gespiegelt zu bekommen, die sich ihr Geschichtspuzzle vor allem aus dem Unterricht sowie den Erzählungen von Eltern und Großeltern zusammensetzen.
Im Stück "30.NACH.89" des jungen DT, das jetzt in der Box des Hauses Premiere feierte, wird einem das alles von vier jungen Menschen nähergebracht, die Folien auflegen, Bilder überschreiben und Fakten referieren. Über eine Zeit, die sie selbst nicht erlebt haben. [...] 

Das bräuchte es im Theater öfter: eine schnelle Eingreiftruppe, die mit dem Tageslichtprojektor bewaffnet, die Szene entert und Geschichtsnachhilfe in allgemein verständlichen Lektionen erteilt. Gerade junge Zuschauer könnten bestimmt davon profitieren. Schließlich, Stichwort Bildungsmisere, weiß man heutzutage nie, was man an Wissen voraussetzen darf. Zum Beispiel über die Wendejahre in Russland, Polen und Deutschland. […]

Insgesamt 18 Jugendliche, jeweils sechs aus Deutschland, Polen und Russland, sind im Zuge dieses Projekts in der Regie von Uta Plate durch die Länder gereist, haben Gespräche mit Verwandten und Zeitzeugen geführt (darunter Politikern wie Wolfgang Thierse oder auf polnischer Seite der Solidarnosc-Veteranin Grazyna Staniszeska) und sich die berechtigte Frage gestellt: Was hat das alles heute mit mir zu tun? […]

Auch Befremden darf dabei sein. Etwa, wenn der junge Prokhor Gusev die Schilderungen seines Vaters aus den wilden 90ern wiedergibt. Dass man sich damals für eine Schachtel Zigaretten vom Taxifahrer durch die ganze Stadt kutschieren lassen konnte, weil es nirgendwo Kippen zu kaufen gab. Dass man lügen und manipulieren musste und sein Leben riskierte, wenn man sich unversehens im falschen Viertel wiederfand. Eine Wild-Ost-Ära. […]

Uta Plate, vormals Leiterin des Jugendclubs der Schaubühne, hat die Reiseerlebnisse, Recherche-Ergebnisse und Workshop-Erfahrungen in eine stringente Form gebracht.




Stage and Screen
Sascha Krieger, 22.10.2019
Da trägt der Enthusiasmus der wunderbaren jungen Spieler*innen den Zuschauer hinein in den magischen Raum, in dem das Unmögliche möglich erscheint: einander kennen zu lernen, die anderen zu verstehen, von einander zu lernen. [...] 

Es ist eine Annäherung durch das Spiel, das unterschiedlichste Ausformungen erfährt. Vom russischen Jungen, der seinen Vater aus Kleidungsstücken "nachbaut" und sich damit dessen Erfahrungen und Erinnerungen schrittweise annähert im Versuch, daraus Verständnis und Schlüsse fürs eigene leben zu ziehen, bis zu den beiden deutschen Altersgenoss*innen, die frontalen Geschichtsunterricht anekdotisch aufgelockert und mit allerlei ironischen Störgeräuschen angereichert, imitieren, von den Handpuppen, welche die Perspektive der "Wessis" liebevoll satirisch vermitteln, bis zu eine Tableau-artigen Gegenüberstellung klischeehafter pseudofolkloristischer Selbstbilder des Putin-Russlands mit der Wut der Jungen in Form hochgehaltener, projizierter und damit physisch nicht fassbarer Begriffe, die in ersterem nicht vorkommen, etwa Realität oder Menschenrechte. Der Abend ist – und kann kaum anderes sein – eine Collage, angereichert mit kurzen Interviewausschnitten mit Zeitzeugen, drei ausgewählten Oppositionellen, und Eltern, mal Geschichtsstunde, mal etwas zähes Zwiegespräch über eigene politische Positionierungen, mal aus Sicht der Jugendlichen nachgestellte Konversation mit denen, die dabei waren – damals – aber nicht mehr dabei sind – heute. […]

Da ergibt sich so manche spannende Perspektive, etwa wenn die Pro-Putin-Mutter dem Sohn wünscht, seinen eigenen politischen Weg zu suchen, auch wenn der von ihrem Abweichen sollte. Ohnehin ist der "russische" Teil des abends am stärksten, macht er doch die Zerrissenheit eines Landes spürbar, das sich soweit politisiert hat, dass es gänzlich unpolitisch geworden ist, in dem politisches Engagement das Ziel hat, politische Debatten zu verhindern. Und in dem eine Generation heranwächst, die die Wahl hat zwischen Wegschauen und Resignation auf der einen oder Wut und Rebellion auf der anderen Seite. Die Verzweiflung und der aufwallende Ärger wird hier immer wieder spürbar. […]

Und er funktioniert dann am besten, wenn er sich mit dem Verstehen, dem Verstehenwollen des Anderen, ob nun über Generationen- oder geografische Grenzen hinweg, befasst. Wenn er sich um das miteinander und übereinander Sprechen dreht und aus den Wörtern Bilder, Szenen, Spiel, Interaktion zu machen versucht, wenn er Bedeutung, persönliche wie kollektive umkreist, das Gemeinsame im vermeintlich Trennenden sucht.
Da trägt der Enthusiasmus der wunderbaren jungen Spieler*innen den Zuschauer hinein in den magischen Raum, in dem das Unmögliche möglich erscheint: einander kennen zu lernen, die anderen zu verstehen, von einander zu lernen. [...] 

Es ist eine Annäherung durch das Spiel, das unterschiedlichste Ausformungen erfährt. Vom russischen Jungen, der seinen Vater aus Kleidungsstücken "nachbaut" und sich damit dessen Erfahrungen und Erinnerungen schrittweise annähert im Versuch, daraus Verständnis und Schlüsse fürs eigene leben zu ziehen, bis zu den beiden deutschen Altersgenoss*innen, die frontalen Geschichtsunterricht anekdotisch aufgelockert und mit allerlei ironischen Störgeräuschen angereichert, imitieren, von den Handpuppen, welche die Perspektive der "Wessis" liebevoll satirisch vermitteln, bis zu eine Tableau-artigen Gegenüberstellung klischeehafter pseudofolkloristischer Selbstbilder des Putin-Russlands mit der Wut der Jungen in Form hochgehaltener, projizierter und damit physisch nicht fassbarer Begriffe, die in ersterem nicht vorkommen, etwa Realität oder Menschenrechte. Der Abend ist – und kann kaum anderes sein – eine Collage, angereichert mit kurzen Interviewausschnitten mit Zeitzeugen, drei ausgewählten Oppositionellen, und Eltern, mal Geschichtsstunde, mal etwas zähes Zwiegespräch über eigene politische Positionierungen, mal aus Sicht der Jugendlichen nachgestellte Konversation mit denen, die dabei waren – damals – aber nicht mehr dabei sind – heute. […]

Da ergibt sich so manche spannende Perspektive, etwa wenn die Pro-Putin-Mutter dem Sohn wünscht, seinen eigenen politischen Weg zu suchen, auch wenn der von ihrem Abweichen sollte. Ohnehin ist der "russische" Teil des abends am stärksten, macht er doch die Zerrissenheit eines Landes spürbar, das sich soweit politisiert hat, dass es gänzlich unpolitisch geworden ist, in dem politisches Engagement das Ziel hat, politische Debatten zu verhindern. Und in dem eine Generation heranwächst, die die Wahl hat zwischen Wegschauen und Resignation auf der einen oder Wut und Rebellion auf der anderen Seite. Die Verzweiflung und der aufwallende Ärger wird hier immer wieder spürbar. […]

Und er funktioniert dann am besten, wenn er sich mit dem Verstehen, dem Verstehenwollen des Anderen, ob nun über Generationen- oder geografische Grenzen hinweg, befasst. Wenn er sich um das miteinander und übereinander Sprechen dreht und aus den Wörtern Bilder, Szenen, Spiel, Interaktion zu machen versucht, wenn er Bedeutung, persönliche wie kollektive umkreist, das Gemeinsame im vermeintlich Trennenden sucht.

Eine Kooperation mit

Projektpartner

gefördert von

Außerdem im Spielplan

PREMIERE
nach Homer / Euripides
Regie: Stephan Kimmig
Premierenparty - Bar und Foyer Kammerspiele
Deutsches Theater
19.30 - 21.00
Mit englischen Übertiteln
von Bastian Kraft und Ensemble nach Hans Christian Andersen
Kammerspiele
20.00 - 21.50
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse