Tartuffe
oder Das Schwein der Weisen

von PeterLicht frei nach Molière
Regie Jan Bosse
Kostüme Kathrin Plath
Musik, Komposition & Sounddesign Carolina Bigge, Arno Kraehahn
Licht Marco Scherle
Dramaturgie David Heiligers
Premiere
22. Mai 2021
Open Air // Vorplatz

Regine ZimmermannHerr Frau Pernelle
Felix GoeserOrgon
Natali SeeligElmire
Tamer TahanDamis
Kotbong YangMariane
Moritz GroveCléante
Linn ReusseDorine
Božidar KocevskiTartuffe
Carolina BiggeLive-Musik
Herr Frau Pernelle
Orgon
Elmire
Damis
Mariane
Cléante
Dorine
Live-Musik
Deutschlandfunk Kultur
André Mumot, 22.05.2021
Das Deutsche Theater zeigt PeterLichts Molière-Umschreibung "Tartuffe oder Das Schwein der Weisen" als Open-Air-Premiere. Eine euphorischere, beglückendere Rückkehr zum Live-Theater vor Publikum kann man sich kaum wünschen.

[...]
Doch an diesem Abend hört man sich rasch ein in diesen Sound, lässt sich von ihm mitreißen, verfällt ihm schließlich mit Haut und Haaren. Warum? Weil hier nicht, wie so oft im künstlerisch avancierten Gegenwartstheater, auf das Genre der Komödie und ihre Figuren herabgeschaut wird, weil Komödie nicht parodiert, sondern tatsächlich ausgespielt wird. Das hinreißende Ensemble gibt den schrillen Karikaturen Würde und gestaltet jeden Augenblick mit Wärme, Zuneigung und Schwung. Selbst Božidar Kocevski, der den titelgebenden Hochstapler verkörpert und anfangs nur grunzende Schweinslaute von sich geben darf, verleiht seinem "Tüffi" – wie er hier meist genannt wird – ballettöse Eleganz und eine bemerkenswerte erotische Anziehungskraft, vor allem, wenn er für das ganze Ensemble eine urkomische esoterische Yogastunde abhält, die Cléante (Moritz Grove) tapfer aus dem Schweinischen simultanübersetzt.
Das Deutsche Theater zeigt PeterLichts Molière-Umschreibung "Tartuffe oder Das Schwein der Weisen" als Open-Air-Premiere. Eine euphorischere, beglückendere Rückkehr zum Live-Theater vor Publikum kann man sich kaum wünschen.

[...]
Doch an diesem Abend hört man sich rasch ein in diesen Sound, lässt sich von ihm mitreißen, verfällt ihm schließlich mit Haut und Haaren. Warum? Weil hier nicht, wie so oft im künstlerisch avancierten Gegenwartstheater, auf das Genre der Komödie und ihre Figuren herabgeschaut wird, weil Komödie nicht parodiert, sondern tatsächlich ausgespielt wird. Das hinreißende Ensemble gibt den schrillen Karikaturen Würde und gestaltet jeden Augenblick mit Wärme, Zuneigung und Schwung. Selbst Božidar Kocevski, der den titelgebenden Hochstapler verkörpert und anfangs nur grunzende Schweinslaute von sich geben darf, verleiht seinem "Tüffi" – wie er hier meist genannt wird – ballettöse Eleganz und eine bemerkenswerte erotische Anziehungskraft, vor allem, wenn er für das ganze Ensemble eine urkomische esoterische Yogastunde abhält, die Cléante (Moritz Grove) tapfer aus dem Schweinischen simultanübersetzt.
Berliner Morgenpost
Ulrike Borowczyk, 23.05.2021
Waren es bei Molière noch aktuelle Bezüge auf pseudo-religiöse Machenschaft, geht es nun um eine spätkapitalistische, männlich dominierte Welt. Alles wird "penisförmig" zerredet. Der grandiose Vollblutkomiker Božidar Kocevski singt dazu als Tüffi mit Rockstar-Attitüde herrlich albern im Falsett "Penis als Chance" und verulkt so sein toxisches Testosteron-Geprotze.
Waren es bei Molière noch aktuelle Bezüge auf pseudo-religiöse Machenschaft, geht es nun um eine spätkapitalistische, männlich dominierte Welt. Alles wird "penisförmig" zerredet. Der grandiose Vollblutkomiker Božidar Kocevski singt dazu als Tüffi mit Rockstar-Attitüde herrlich albern im Falsett "Penis als Chance" und verulkt so sein toxisches Testosteron-Geprotze.
Der Tagesspiegel
Patrick Wildermann, 24.05.2021
PeterLichts "Tartuffe" [...] ist in seiner elliptischen Wortwut und Kalauerseligkeit gar nicht leicht zu fassen. Jan Bosse schafft es aber, die Textkaskaden mit einem tollen Ensemble zu verdichten und andockfähig zu machen. Gesteigerten Drive gewinnt die Farce auch dadurch, dass Bosse sich nicht mit reinem Vorplatztheater zufrieden gibt, sondern das DT im Rücken als Schau- und Spielplatz nutzt (Bühne: Stéphane Laimé). Das Theater ist Orgis Palast, den Tüffi als Hausbesetzer in Beschlag genommen hat, es gibt Leitern zum Balkon und falsche Fassadenteile, die lustvoll eingeschlagen werden.
PeterLichts "Tartuffe" [...] ist in seiner elliptischen Wortwut und Kalauerseligkeit gar nicht leicht zu fassen. Jan Bosse schafft es aber, die Textkaskaden mit einem tollen Ensemble zu verdichten und andockfähig zu machen. Gesteigerten Drive gewinnt die Farce auch dadurch, dass Bosse sich nicht mit reinem Vorplatztheater zufrieden gibt, sondern das DT im Rücken als Schau- und Spielplatz nutzt (Bühne: Stéphane Laimé). Das Theater ist Orgis Palast, den Tüffi als Hausbesetzer in Beschlag genommen hat, es gibt Leitern zum Balkon und falsche Fassadenteile, die lustvoll eingeschlagen werden.
taz
Katrin Bettina Müller, 24.05.2021
PeterLichts Text dreht irrsinnige Schlaufen, immer nahe am Nonsens, die sich dann doch um einige ideologische Konstruktionen drehen und dran zerren. Nicht Frömmelei und Heuchelei sind bei ihm, wie es bei Molière war, die Fehler im System, sondern Selbstoptimierungswahn, Anpassung in der Peergroup und Hedonismus als Freiheitsversprechen. Dabei nutzt er eine Sprache, die scheinbar hip ist, durchsetzt von werbenden Floskeln, frei von Nuancen. […] Die Dialoge treten dabei oft verzweifelt auf der Stelle, doch das macht nichts. Denn je weniger die Figuren sich verstehen, umso aktionsreicher wird ihr Spiel. Orgon ist nicht zufällig mit einer Narrenkappe ausgestattet. Wie überhaupt die Kostüme, von Kathrin Platz entworfen, einen wilden Mix der Zeichen aussenden, quer durch die Theatergeschichte bis zum Barock von Molières Zeiten. PeterLichts Text dreht irrsinnige Schlaufen, immer nahe am Nonsens, die sich dann doch um einige ideologische Konstruktionen drehen und dran zerren. Nicht Frömmelei und Heuchelei sind bei ihm, wie es bei Molière war, die Fehler im System, sondern Selbstoptimierungswahn, Anpassung in der Peergroup und Hedonismus als Freiheitsversprechen. Dabei nutzt er eine Sprache, die scheinbar hip ist, durchsetzt von werbenden Floskeln, frei von Nuancen. […] Die Dialoge treten dabei oft verzweifelt auf der Stelle, doch das macht nichts. Denn je weniger die Figuren sich verstehen, umso aktionsreicher wird ihr Spiel. Orgon ist nicht zufällig mit einer Narrenkappe ausgestattet. Wie überhaupt die Kostüme, von Kathrin Platz entworfen, einen wilden Mix der Zeichen aussenden, quer durch die Theatergeschichte bis zum Barock von Molières Zeiten.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Irene Bazinger, 25.05.2021
Jan Bosses fröhlich beschleunigte Inszenierung dauert keine zwei Stunden, sie ist dynamisch, druckvoll und von klugem Klamauk getragen. Mit dem vortrefflichen Ensemble zeigt er PeterLichts vergnügliche Sprachkritik als anregendes Sommertheater, bei dem man herzlich kalt über andere lachen kann – und sich dabei trotzdem die so lange untätigen Applaushände wärmt.
Jan Bosses fröhlich beschleunigte Inszenierung dauert keine zwei Stunden, sie ist dynamisch, druckvoll und von klugem Klamauk getragen. Mit dem vortrefflichen Ensemble zeigt er PeterLichts vergnügliche Sprachkritik als anregendes Sommertheater, bei dem man herzlich kalt über andere lachen kann – und sich dabei trotzdem die so lange untätigen Applaushände wärmt.
Süddeutsche Zeitung
Sonja Zekri, 25.05.2021
Und dann spielt das Ensemble auf den Treppenstufen des Theaters das Wetter ohnehin an die Wand. "Tartuffe oder Das Schwein der Weisen", die Molière-Interpretation des Musikers und Autors Peter Licht, ist eine belebende Text-Dusche, die alle Diskurs-Schlacken und Emo-Blockaden wegspült.

[...]
Božidar Kocevski spielt diesen Tüffi als anfangs buchstäblich grunzendes Macho-Schwein, breitet aber nach einem herrlich lüsternen Solotänzchen seine phallokratische Weltsicht aus, in der sich das "Penishafte der Welt" und das "Penishafte des Kapitalismus" verbinden zum "Penis als Chance". Daran ist nichts klemmig oder klebrig, sondern von einer so unschuldig offenen Gier, dass Orgis Familie ihm nicht mal richtig böse ist, als sie feststellt, dass der Tüffi nur ein "normaler Sex-Schamane" ist, der die Kursgebühren für seine "School of Ausstülpung und inneren Frieden" abkassieren will.
Und dann spielt das Ensemble auf den Treppenstufen des Theaters das Wetter ohnehin an die Wand. "Tartuffe oder Das Schwein der Weisen", die Molière-Interpretation des Musikers und Autors Peter Licht, ist eine belebende Text-Dusche, die alle Diskurs-Schlacken und Emo-Blockaden wegspült.

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Božidar Kocevski spielt diesen Tüffi als anfangs buchstäblich grunzendes Macho-Schwein, breitet aber nach einem herrlich lüsternen Solotänzchen seine phallokratische Weltsicht aus, in der sich das "Penishafte der Welt" und das "Penishafte des Kapitalismus" verbinden zum "Penis als Chance". Daran ist nichts klemmig oder klebrig, sondern von einer so unschuldig offenen Gier, dass Orgis Familie ihm nicht mal richtig böse ist, als sie feststellt, dass der Tüffi nur ein "normaler Sex-Schamane" ist, der die Kursgebühren für seine "School of Ausstülpung und inneren Frieden" abkassieren will.
DIE ZEIT
Peter Kümmel, 26.05.2021
Wo bei Molière der Tartuffe Macht über die Familie Orgons erringt, indem er den Familienvorstand mit verlogener Gottesfürchtigkeit betört, da sind die Mittel, die Tartuffe bei Peter Licht anwendet, ganz andere: Er zeigt sich Orgon und den Seinen als ein in Grunzlauten sprechender Wilder, ein Eber in Menschengestalt, der ihnen das Gefühl gibt, selbst nicht "geil" zu sein ("geil" ist das Schlüsselwort der Aufführung). Wo bei Molière die Andacht und die Beichte oberste Druckmittel des Betrügers sind, da ist bei Licht der Tüffi ein Sexschamane, der seine Opfer bei ihrer Selbstachtung, ihrem Marktwert packt: Sie sollen, sagt er ihnen, in sich das Außergewöhnliche entdecken und nicht so verdammt "mittel" sein. […] Ganz am Ende ändert sich die Tonlage des Spiels. Tartuffe ist weg, und den Übriggebliebenen ist die Geilheit vergangen. Reue zieht ein in der Familie Orgon, und die Aufführung lässt uns einen Blick ins leere Universum werfen, das sich hinter aller Eitelkeit auftut. Elmire (gespielt von Natali Seelig) singt einen Song, in dem es heißt: "Wir sind Löcher mit offenen Böden. Füllt uns!" Wen kann Elmire gemeint haben? Vielleicht sogar den guten alten Theaterbetrieb, der jetzt wieder beginnt.
Wo bei Molière der Tartuffe Macht über die Familie Orgons erringt, indem er den Familienvorstand mit verlogener Gottesfürchtigkeit betört, da sind die Mittel, die Tartuffe bei Peter Licht anwendet, ganz andere: Er zeigt sich Orgon und den Seinen als ein in Grunzlauten sprechender Wilder, ein Eber in Menschengestalt, der ihnen das Gefühl gibt, selbst nicht "geil" zu sein ("geil" ist das Schlüsselwort der Aufführung). Wo bei Molière die Andacht und die Beichte oberste Druckmittel des Betrügers sind, da ist bei Licht der Tüffi ein Sexschamane, der seine Opfer bei ihrer Selbstachtung, ihrem Marktwert packt: Sie sollen, sagt er ihnen, in sich das Außergewöhnliche entdecken und nicht so verdammt "mittel" sein. […] Ganz am Ende ändert sich die Tonlage des Spiels. Tartuffe ist weg, und den Übriggebliebenen ist die Geilheit vergangen. Reue zieht ein in der Familie Orgon, und die Aufführung lässt uns einen Blick ins leere Universum werfen, das sich hinter aller Eitelkeit auftut. Elmire (gespielt von Natali Seelig) singt einen Song, in dem es heißt: "Wir sind Löcher mit offenen Böden. Füllt uns!" Wen kann Elmire gemeint haben? Vielleicht sogar den guten alten Theaterbetrieb, der jetzt wieder beginnt.

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Open Air
nach dem Roman von Albert Camus
Regie: András Dömötör
Open Air // Vorplatz
20.30 - 21.45
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