Tod eines Handlungsreisenden

von Arthur Miller
Bühne Ben Baur
Kostüme Inga Timm
Dramaturgie Ulrich Beck
Premiere am 17. März 2017, Deutsches Theater
Ulrich MatthesWilly Loman
Olivia GrigolliLinda Loman
Benjamin LillieBiff Loman
Camill JammalHappy Loman
Harald BaumgartnerCharley
Timo WeisschnurBernard
Moritz GroveHoward Wagner
Jürgen HuthStanley
Ruby CommeyJenny
Linda BlümchenLetta
Ulrike HarbortDie Frau
Ulrich MatthesOnkel Ben
Willy Loman
Linda Loman
Biff Loman
Happy Loman
Bernard
Howard Wagner
Stanley
Jenny
Ulrike Harbort
Die Frau
Onkel Ben
Berliner Morgenpost
Felix Müller, 19.03.2017
Wie viel schauspielerisches Talent sich schon in den Dienst dieser Rolle gestellt hat: Der brillante Lee J. Cobb in Elia Kazans Broadway-Inszenierung. Der etwas arg putzige Heinz Rühmann in einer Verfilmung von Gerhard Klingenberg aus dem Jahr 1968. Der rastlose Dustin Hoffman in Volker Schlöndorffs Leinwand-Adaption von 1985. Und jetzt, er schlägt sich ganz ausgezeichnet in dieser Reihe: Ulrich Matthes am Deutschen Theater. Sie alle haben Willy Loman zum Leben erweckt, den von Arthur Miller 1949 ersonnenen Knecht des amerikanischen Traumes, ''eine Ausgeburt von Widersprüchen'', wie Miller selbst schrieb, ''ein Clown''. [...]

Regisseur Bastian Kraft hat erkannt, dass es mit Willy Loman doch ein bisschen komplizierter ist. Die Schauspieler auf der kargen Bühne, angestrahlt von einem großen Scheinwerfer in der ersten Parkettreihe, agieren wie Zwerge im überlebensgroßen Schatten ihrer Wünsche. Manchmal, in Willy Lomans Träumen, wechselt das Lichtspiel fast übergangslos in Animationssequenzen: Wir sehen Silhouetten junger Frauen vorbeispazieren, Fahrradfahrer und Basketballspieler kreuzen die Szenerie, immer schneller werdende Umrisse von Stühlen und Tischen wuchern zu einem bedrohlichen Wald aus viel Schwarz und wenig Weiß.

Da entstehen atmosphärisch packende Momente, die Mitleid wecken mit einem Menschen in der Krise. Einem, an dem die Frage nagt, wo er falsch abgebogen ist in seinem Leben und warum. Der, um im Bild des Autofahrens zu bleiben, viel öfter in den Rückspiegel schaut als durch die Frontscheibe, und der wahrscheinlich so bald einen Unfall bauen wird.

Und noch etwas Weiteres leistet dieser Abend: Er zeigt, dass Arthur Millers Drama nicht nur von den Leiden eines Angestellten erzählt, sondern auch eine Familienaufstellung ist. Die besorgte Mutter Linda (Olivia Grigolli), die in ihrer männlich dominierten Sippe tapfer die Fahne des Zusammenhalts hochhält und dabei unter die Räder kommt. Der vom Vater zu wenig geliebte Sohn Happy (Camill Jammal), der sein Los erträgt und von sich selbst absehen kann, solange keine attraktive Frau in Reichweite ist. Der zu stark geliebte Sohn Biff (Benjamin Lillie), der von den Erwartungen des Vaters in den seelischen Ruin getrieben wird. Und schließlich Willy Loman selbst, von Ulrich Matthes in allen seinen Facetten großartig zum Schillern gebracht: depressiv, stolz, melancholisch und verloren, plötzlich herrisch und von jähen Hoffnungen reanimiert, dann wieder bettelnd und klein. Kein Clown. Sondern ein Mensch, der stirbt.
Wie viel schauspielerisches Talent sich schon in den Dienst dieser Rolle gestellt hat: Der brillante Lee J. Cobb in Elia Kazans Broadway-Inszenierung. Der etwas arg putzige Heinz Rühmann in einer Verfilmung von Gerhard Klingenberg aus dem Jahr 1968. Der rastlose Dustin Hoffman in Volker Schlöndorffs Leinwand-Adaption von 1985. Und jetzt, er schlägt sich ganz ausgezeichnet in dieser Reihe: Ulrich Matthes am Deutschen Theater. Sie alle haben Willy Loman zum Leben erweckt, den von Arthur Miller 1949 ersonnenen Knecht des amerikanischen Traumes, ''eine Ausgeburt von Widersprüchen'', wie Miller selbst schrieb, ''ein Clown''. [...]

Regisseur Bastian Kraft hat erkannt, dass es mit Willy Loman doch ein bisschen komplizierter ist. Die Schauspieler auf der kargen Bühne, angestrahlt von einem großen Scheinwerfer in der ersten Parkettreihe, agieren wie Zwerge im überlebensgroßen Schatten ihrer Wünsche. Manchmal, in Willy Lomans Träumen, wechselt das Lichtspiel fast übergangslos in Animationssequenzen: Wir sehen Silhouetten junger Frauen vorbeispazieren, Fahrradfahrer und Basketballspieler kreuzen die Szenerie, immer schneller werdende Umrisse von Stühlen und Tischen wuchern zu einem bedrohlichen Wald aus viel Schwarz und wenig Weiß.

Da entstehen atmosphärisch packende Momente, die Mitleid wecken mit einem Menschen in der Krise. Einem, an dem die Frage nagt, wo er falsch abgebogen ist in seinem Leben und warum. Der, um im Bild des Autofahrens zu bleiben, viel öfter in den Rückspiegel schaut als durch die Frontscheibe, und der wahrscheinlich so bald einen Unfall bauen wird.

Und noch etwas Weiteres leistet dieser Abend: Er zeigt, dass Arthur Millers Drama nicht nur von den Leiden eines Angestellten erzählt, sondern auch eine Familienaufstellung ist. Die besorgte Mutter Linda (Olivia Grigolli), die in ihrer männlich dominierten Sippe tapfer die Fahne des Zusammenhalts hochhält und dabei unter die Räder kommt. Der vom Vater zu wenig geliebte Sohn Happy (Camill Jammal), der sein Los erträgt und von sich selbst absehen kann, solange keine attraktive Frau in Reichweite ist. Der zu stark geliebte Sohn Biff (Benjamin Lillie), der von den Erwartungen des Vaters in den seelischen Ruin getrieben wird. Und schließlich Willy Loman selbst, von Ulrich Matthes in allen seinen Facetten großartig zum Schillern gebracht: depressiv, stolz, melancholisch und verloren, plötzlich herrisch und von jähen Hoffnungen reanimiert, dann wieder bettelnd und klein. Kein Clown. Sondern ein Mensch, der stirbt.
Berliner Zeitung
Ulrich Seidler, 20.03.2017
Karge, ernste Sache, dieser von Bastian Kraft inszenierte ''Tod eines Handlungsreisenden''. Klarer Fall von Chichi-Verbot. Tisch, Lampe, Stühle, ansonsten: leerer Raum. Vor allem eine leere Wand, der unendliche weiße Rundhorizont des Deutschen Theaters. [...]

Der Beamer macht es möglich, dass unabhängig von der Realität auf der Bühne vorproduzierte Schatten an die Wand geworfen werden können. Mit diesem Trick wird veranschaulicht, wie sich in Willy Lomans Kopf immer mal wieder die Zeiten überlagern, wie sich vergangene Szenen mit gegenwärtigen mischen, wie sich die Schatten verselbständigen, zu Träumen zusammenrotten, durcheinanderrennen − bis ein Flackern die Bildstörung beendet. [...]

Das 1949 uraufgeführte, viele Male verfilmte Arthur-Miller-Stück ist gut zusammengestrichen und aus seiner inzwischen historischen Gegenwart − der US-amerikanischen Depression in den 1930ern − in Richtung Zeitlosigkeit transponiert worden. [...]

Nun, Willy Loman mag sich verspekuliert haben, aber er kann doch rechnen, er weiß, was eine Bilanz ist. Einnahmen und Ausgaben. Er zieht die Konsequenz, als er am Ende seines Traums angekommen ist. Er wacht auf und stirbt. Ein stiller Abgang. Viel Applaus.
Karge, ernste Sache, dieser von Bastian Kraft inszenierte ''Tod eines Handlungsreisenden''. Klarer Fall von Chichi-Verbot. Tisch, Lampe, Stühle, ansonsten: leerer Raum. Vor allem eine leere Wand, der unendliche weiße Rundhorizont des Deutschen Theaters. [...]

Der Beamer macht es möglich, dass unabhängig von der Realität auf der Bühne vorproduzierte Schatten an die Wand geworfen werden können. Mit diesem Trick wird veranschaulicht, wie sich in Willy Lomans Kopf immer mal wieder die Zeiten überlagern, wie sich vergangene Szenen mit gegenwärtigen mischen, wie sich die Schatten verselbständigen, zu Träumen zusammenrotten, durcheinanderrennen − bis ein Flackern die Bildstörung beendet. [...]

Das 1949 uraufgeführte, viele Male verfilmte Arthur-Miller-Stück ist gut zusammengestrichen und aus seiner inzwischen historischen Gegenwart − der US-amerikanischen Depression in den 1930ern − in Richtung Zeitlosigkeit transponiert worden. [...]

Nun, Willy Loman mag sich verspekuliert haben, aber er kann doch rechnen, er weiß, was eine Bilanz ist. Einnahmen und Ausgaben. Er zieht die Konsequenz, als er am Ende seines Traums angekommen ist. Er wacht auf und stirbt. Ein stiller Abgang. Viel Applaus.
Der Tagesspiegel
Christine Wahl, 20.03.2017
Loman verzweifelt bekanntermaßen redlich daran, vom viel beschworenen amerikanischen Traum immer weiter wegzudriften. Mit zunehmend unsicherem Gang und ahnungsvoll nach innen blickenden Augen demonstriert Matthes das Ausmaß dieser Lomanschen Verzweiflung. Die Geschäfte gehen schlecht, und selbst die Möglichkeit, seine Erfolglosigkeit mit den Superkarrieren des Nachwuchses zu kompensieren, bleibt ihm versagt. [...]

Jeder ist hier aufs Deutlichste mit seinem erträumten und unerreichten Selbst konfrontiert. Bei den Bildern aus seligen Tagen, als die Söhne mit Daddy Ball spielten, das Leben schlichtweg jünger und daher einfach weniger Zeit gewesen war, es zu verpfuschen, wirkt das Schattenkabinett besonders gigantisch.
Loman verzweifelt bekanntermaßen redlich daran, vom viel beschworenen amerikanischen Traum immer weiter wegzudriften. Mit zunehmend unsicherem Gang und ahnungsvoll nach innen blickenden Augen demonstriert Matthes das Ausmaß dieser Lomanschen Verzweiflung. Die Geschäfte gehen schlecht, und selbst die Möglichkeit, seine Erfolglosigkeit mit den Superkarrieren des Nachwuchses zu kompensieren, bleibt ihm versagt. [...]

Jeder ist hier aufs Deutlichste mit seinem erträumten und unerreichten Selbst konfrontiert. Bei den Bildern aus seligen Tagen, als die Söhne mit Daddy Ball spielten, das Leben schlichtweg jünger und daher einfach weniger Zeit gewesen war, es zu verpfuschen, wirkt das Schattenkabinett besonders gigantisch.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Simon Strauss, 20.03.2017
Es ist eine ganz und gar auf Ulrich Matthes maßgeschneiderte Inszenierung, die man an diesem Abend im Deutschen Theater zu sehen bekommt. Klugerweise verzichtet Bastian Kraft auf jegliche Form der Ironisierung oder Ideologisierung des Stoffes und verlässt sich ganz auf die psychologische Suggestivkraft seines Hauptdarstellers. Für ihn und sein facettenreiches Verzweiflungsspiel hat er die Bühne leergeräumt, alle Ausstattung und Regieeinfälle auf das Wesentliche reduziert. Nur eine Lampe baumelt wie ein Galgenstrick über Matthes' Kopf. Ansonsten ist er auf weiter Flur allein mit der großen Anstrengung, die ihn sein Leben kostet.

An der weißen, rund umschließenden Bühnenwand werden ab und zu Traumbilder und Visionen als Schauspiele projiziert und mit Musik unterlegt. Sonst läuft alles sehr ruhig und konzentriert auf sein gefühlskluges Spiel hinaus. Es ist ein Spiel mit hohem Einsatz und großer Wirkung: Denn die Demütigung, die er erfährt, und die Verzweiflung, an der er leidet, kennen kein Datum. Sie rühren über Zeiten und Gesellschaftsordnungen hinweg. Loman ist keiner von gestern und keiner von heute. Er ist allgegenwärtig. Das ist seine ganze Tragik. Und  – verkörpert von Ulrich Matthes  –  unser großes Zuschauerglück.
Es ist eine ganz und gar auf Ulrich Matthes maßgeschneiderte Inszenierung, die man an diesem Abend im Deutschen Theater zu sehen bekommt. Klugerweise verzichtet Bastian Kraft auf jegliche Form der Ironisierung oder Ideologisierung des Stoffes und verlässt sich ganz auf die psychologische Suggestivkraft seines Hauptdarstellers. Für ihn und sein facettenreiches Verzweiflungsspiel hat er die Bühne leergeräumt, alle Ausstattung und Regieeinfälle auf das Wesentliche reduziert. Nur eine Lampe baumelt wie ein Galgenstrick über Matthes' Kopf. Ansonsten ist er auf weiter Flur allein mit der großen Anstrengung, die ihn sein Leben kostet.

An der weißen, rund umschließenden Bühnenwand werden ab und zu Traumbilder und Visionen als Schauspiele projiziert und mit Musik unterlegt. Sonst läuft alles sehr ruhig und konzentriert auf sein gefühlskluges Spiel hinaus. Es ist ein Spiel mit hohem Einsatz und großer Wirkung: Denn die Demütigung, die er erfährt, und die Verzweiflung, an der er leidet, kennen kein Datum. Sie rühren über Zeiten und Gesellschaftsordnungen hinweg. Loman ist keiner von gestern und keiner von heute. Er ist allgegenwärtig. Das ist seine ganze Tragik. Und  – verkörpert von Ulrich Matthes  –  unser großes Zuschauerglück.
nachtkritik.de
Michael Wolf, 18.03.2017
Tod eines Handlungsreisenden – Bastian Kraft inszeniert Arthur Millers kapitalismuskritischen Klassiker mit Ulrich Matthes am Deutschen Theater Berlin

[...]

Nein, Bastian Kraft setzt mit seiner Inszenierung eher ein ästhetisches, denn ein politisches Statement: Für die Schauspielkunst. Im Zentrum natürlich Ulrich Matthes, der all seine Energien bündelt, um als Willy Loman auszubrennen. Malt der sich eine glänzende Zukunft aus, funkeln Matthes' Augen im gleißenden Scheinwerferlicht. Verliert er sich im Streit mit seinen Dämonen, sind es schwarze Löcher, bereit alles Reale zu verschlingen, um seinem Versagen zu entgehen. [...]

Gegenwehr bietet Matthes nur Moritz Grove als Willys Chef, der sich viel mehr für sein neu gekauftes Tonbandgerät interessiert als für den bettelnden Angestellten. Beiläufig und hochkomisch bietet er Matthes Gelegenheit, Willy noch tiefer in die Verzweiflung stürzen zu lassen. [...]

Videokünstler Stefan Bischoff, Bühnenbildner Ben Baur und Lichttechnikerin Cornelia Gloth zaubern dazu ein beeindruckendes Schattenspiel an die Wand. Willys Dämonen wohnen in den Wänden seines Hauses: Seine Söhne als Kinder beim Baskettballspiel, der schwer reiche, inzwischen tote, Bruder und eine verhängnisvolle Affäre zeichnen sich dunkel auf weißen Grund ab. Am Anfang steht er klein und schwach neben den meterhohen Schatten des Küchentischs – Sinnbild für das Haus, die Familie, an deren Versorgung er scheitert. [...]

Die Inszenierung reduziert das Stück konsequent auf die verhängnisvolle Überschätzung gesellschaftlicher Ansprüche. Entschieden, kurzweilig, mit einem grandiosen Matthes glänzt dieser ''Handlungsreisende'' [...].
Tod eines Handlungsreisenden – Bastian Kraft inszeniert Arthur Millers kapitalismuskritischen Klassiker mit Ulrich Matthes am Deutschen Theater Berlin

[...]

Nein, Bastian Kraft setzt mit seiner Inszenierung eher ein ästhetisches, denn ein politisches Statement: Für die Schauspielkunst. Im Zentrum natürlich Ulrich Matthes, der all seine Energien bündelt, um als Willy Loman auszubrennen. Malt der sich eine glänzende Zukunft aus, funkeln Matthes' Augen im gleißenden Scheinwerferlicht. Verliert er sich im Streit mit seinen Dämonen, sind es schwarze Löcher, bereit alles Reale zu verschlingen, um seinem Versagen zu entgehen. [...]

Gegenwehr bietet Matthes nur Moritz Grove als Willys Chef, der sich viel mehr für sein neu gekauftes Tonbandgerät interessiert als für den bettelnden Angestellten. Beiläufig und hochkomisch bietet er Matthes Gelegenheit, Willy noch tiefer in die Verzweiflung stürzen zu lassen. [...]

Videokünstler Stefan Bischoff, Bühnenbildner Ben Baur und Lichttechnikerin Cornelia Gloth zaubern dazu ein beeindruckendes Schattenspiel an die Wand. Willys Dämonen wohnen in den Wänden seines Hauses: Seine Söhne als Kinder beim Baskettballspiel, der schwer reiche, inzwischen tote, Bruder und eine verhängnisvolle Affäre zeichnen sich dunkel auf weißen Grund ab. Am Anfang steht er klein und schwach neben den meterhohen Schatten des Küchentischs – Sinnbild für das Haus, die Familie, an deren Versorgung er scheitert. [...]

Die Inszenierung reduziert das Stück konsequent auf die verhängnisvolle Überschätzung gesellschaftlicher Ansprüche. Entschieden, kurzweilig, mit einem grandiosen Matthes glänzt dieser ''Handlungsreisende'' [...].
Stuttgarter Zeitung
Nicole Golombek, 19.03.2017
Auf einer bis auf Tisch und Stühle leer geräumten Bühne bevölkern Schatten die Wand. Die wachsen je nach Lichtführung (Cornelia Gloth) ins Riesige und schrumpfen ins Winzige, bis sie kleiner als die Schatten der Tischbeine sind. Die Figuren können sich nicht einschätzen, wähnen sich mal deutlich großartiger, mal viel kümmerlicher als sie sind. Dieses Konzept ist von derart schlagender Bildlichkeit, dass es redundant wirken könnte. Doch es funktioniert. Willys erfolgreicher Bruder Ben, das ist Ulrich Matthes’ Silhouette in XXL  –  während Matthes als Willy Loman neben diesem Schatten stehend diesem nur bis zur Hüfte reicht. Und wenn der ermattete, verwirrte Willy sich in Erinnerungen verliert, sieht man bewegte Bilder von Silhouetten (Video: Stefan Bischoff)  –  Ehefrau, Geliebte, spielende Söhne, ihr streberhafter Freund Bernard  –  wirbeln in rascher, schwindelig machender Folge durcheinander. [...]

Ulrich Matthes’ zögerliches Erwidern der Umarmung zeigt, dass er sich über die Geste freut, aber nicht nachvollziehen kann, was Biff redet. Er beharrt darauf: ''Dieser Junge wird etwas Großartiges werden!'' Ulrich Matthes spielt Willy als müden, harten Hund. Sein Westernhemd unter dem Jackett zeigt an, er ist ein Kerl alter Schule: erschöpft, aber beseelt vom Geist der Eroberer, der starken Männer, die in der rauen Welt zu bestehen versuchen. So ein Cowboy kann sich natürlich auch nicht die Blöße geben, für einen gutmütigen Bürohengst wie Charley (Harald Baumgartner) zu arbeiten. In seiner Eitelkeit und in seinem kindlichen Trotz, nicht zu sehen, was alles verloren ist, ist dieser Willy Loman anrührend.

Lachen im Weinen, davon ist der gut eineinhalbstündige Abend getragen. Manchmal ist er von ironischer Leichtigkeit durchweht. Bastian Kraft, der in Stuttgart Schnitzlers ''Reigen'' mit Edgar Selge und Franziska Walser inszeniert hat, liest den Text genau. [...] So erzählt die Inszenierung des fast 70 Jahre alten, brandneu wirkenden Stückes mehr als nur vom American Dream, sie atmet die German Angst der unteren Mittelschicht vor dem Absturz.
Auf einer bis auf Tisch und Stühle leer geräumten Bühne bevölkern Schatten die Wand. Die wachsen je nach Lichtführung (Cornelia Gloth) ins Riesige und schrumpfen ins Winzige, bis sie kleiner als die Schatten der Tischbeine sind. Die Figuren können sich nicht einschätzen, wähnen sich mal deutlich großartiger, mal viel kümmerlicher als sie sind. Dieses Konzept ist von derart schlagender Bildlichkeit, dass es redundant wirken könnte. Doch es funktioniert. Willys erfolgreicher Bruder Ben, das ist Ulrich Matthes’ Silhouette in XXL  –  während Matthes als Willy Loman neben diesem Schatten stehend diesem nur bis zur Hüfte reicht. Und wenn der ermattete, verwirrte Willy sich in Erinnerungen verliert, sieht man bewegte Bilder von Silhouetten (Video: Stefan Bischoff)  –  Ehefrau, Geliebte, spielende Söhne, ihr streberhafter Freund Bernard  –  wirbeln in rascher, schwindelig machender Folge durcheinander. [...]

Ulrich Matthes’ zögerliches Erwidern der Umarmung zeigt, dass er sich über die Geste freut, aber nicht nachvollziehen kann, was Biff redet. Er beharrt darauf: ''Dieser Junge wird etwas Großartiges werden!'' Ulrich Matthes spielt Willy als müden, harten Hund. Sein Westernhemd unter dem Jackett zeigt an, er ist ein Kerl alter Schule: erschöpft, aber beseelt vom Geist der Eroberer, der starken Männer, die in der rauen Welt zu bestehen versuchen. So ein Cowboy kann sich natürlich auch nicht die Blöße geben, für einen gutmütigen Bürohengst wie Charley (Harald Baumgartner) zu arbeiten. In seiner Eitelkeit und in seinem kindlichen Trotz, nicht zu sehen, was alles verloren ist, ist dieser Willy Loman anrührend.

Lachen im Weinen, davon ist der gut eineinhalbstündige Abend getragen. Manchmal ist er von ironischer Leichtigkeit durchweht. Bastian Kraft, der in Stuttgart Schnitzlers ''Reigen'' mit Edgar Selge und Franziska Walser inszeniert hat, liest den Text genau. [...] So erzählt die Inszenierung des fast 70 Jahre alten, brandneu wirkenden Stückes mehr als nur vom American Dream, sie atmet die German Angst der unteren Mittelschicht vor dem Absturz.
Südwest Presse
Christoph Müller, 20.03.2017
Der abgearbeitete Handlungsreisende Willy Loman wird entlassen und weiß nicht mehr, wie er seine Familie ernähren soll. Nichts klappt. Er lügt und betrügt sich selbst, von einer Illusion in die nächste tappend. Jeder Traum wird ihm zum Traumata. Seine trotz allem tapfer zu ihm haltende Frau kann die beiden ebenfalls von Versagerängsten getriebenen Söhne nicht davon abhalten, sich als etwas Besseres zu fühlen. Das tragische Ende nimmt Bastian Krafts Inszenierung am Berliner Deutschen Theater statt als Requiem als eine Art Prolog – soll heißen: Die Gegenwart der Handlung erklärt sich ganz aus ihrer Vergangenheit.

Exzellenter Ulrich Matthes

Normalerweise kommt Millers Abstiegs-Lamento hochpathetisch über die Rampe. Nicht so hier. Eine Ausnüchterung findet statt. Und das ist das Verdienst der exzellenten Darsteller. Ulrich Matthes in der Titelrolle verinnerlicht den Wirklichkeits-Flüchtigen mit sanfter Gefasstheit: meistens wie erloschen apathisch, gelassen, manchmal im impulsiven Aufbrausen trocken-witzig den andern ins Wort fallend. Er lässt sich bei aller Melancholie von seinen Hoffnungsworten kurzfristig schwebeleicht berauschen, ist fassungslos auf alles gefasst und sichtbar tief enttäuscht von seinen beiden egozentrischen Taugenichts-Söhnen.
Der abgearbeitete Handlungsreisende Willy Loman wird entlassen und weiß nicht mehr, wie er seine Familie ernähren soll. Nichts klappt. Er lügt und betrügt sich selbst, von einer Illusion in die nächste tappend. Jeder Traum wird ihm zum Traumata. Seine trotz allem tapfer zu ihm haltende Frau kann die beiden ebenfalls von Versagerängsten getriebenen Söhne nicht davon abhalten, sich als etwas Besseres zu fühlen. Das tragische Ende nimmt Bastian Krafts Inszenierung am Berliner Deutschen Theater statt als Requiem als eine Art Prolog – soll heißen: Die Gegenwart der Handlung erklärt sich ganz aus ihrer Vergangenheit.

Exzellenter Ulrich Matthes

Normalerweise kommt Millers Abstiegs-Lamento hochpathetisch über die Rampe. Nicht so hier. Eine Ausnüchterung findet statt. Und das ist das Verdienst der exzellenten Darsteller. Ulrich Matthes in der Titelrolle verinnerlicht den Wirklichkeits-Flüchtigen mit sanfter Gefasstheit: meistens wie erloschen apathisch, gelassen, manchmal im impulsiven Aufbrausen trocken-witzig den andern ins Wort fallend. Er lässt sich bei aller Melancholie von seinen Hoffnungsworten kurzfristig schwebeleicht berauschen, ist fassungslos auf alles gefasst und sichtbar tief enttäuscht von seinen beiden egozentrischen Taugenichts-Söhnen.
neues deutschland
Christian Baron, 21.03.2017
Regisseur Bastian Kraft hat die Hauptrolle für seine Neuinszenierung am Deutschen Theater Berlin stilsicher mit Ulrich Matthes besetzt. Der verleiht seinem tragischen Helden durch bedeutungsschweres Spiel eine emotionale Dringlichkeit, die diesen Willy Loman als Max Mustermann einer hysterischen Gegenwart erscheinen lässt.

Sein Nachname klingt aus guten Gründen nach dem englischen Adjektiv 'low' (niedrig, gering, tief, leise). Von jeder Tour kehrt er mit struppigem Haar im schlecht sitzenden Anzug mit gebückter Haltung und verzweifeltem Gemüt total erschöpft nach Hause zurück. Ihn entkräftet aber nicht etwa die Mühsal des Kilometerfressens, sondern das sich verstärkende Empfinden, im Leben nicht vorangekommen zu sein und obendrein die Frucht seines Leibes noch perspektivloser durch die komplexe Krisenwelt stolpern zu sehen. Happy (Camill Jammal) ist ein in den Tag hinein lebender Womanizer und Biff (Benjamin Lillie) ein zorniger junger Loser. Letzterer ist bei Miller auch die zweite Hauptfigur. Lillie spielt seinen Part glaubwürdig und solide [...].

Bastian Kraft hat den Text mit Dramaturg Ulrich Beck im Sprachduktus behutsam aktualisiert und so gekürzt, dass ein Abend von gerade einmal 100 Minuten herausgekommen ist. Sie haben es geschafft, die kapitalismuskritische Substanz dieses herausragend geschriebenen Stückes zu erhalten. Das ist eine eigenständige, große künstlerische Leistung und funktioniert auch dank des Ensembles so gut. Der Abend ist bestes Schauspielertheater, das Jahrzehnte alte Figuren aus den USA der 1940er Jahre ins Heute holt, ohne dass ihnen auch nur der geringste Staub der Zeiten anzumerken wäre.

In seinem Regiekonzept vertraut Kraft ganz auf die Wirkung der Dialoge. Und er verzichtet darauf, Millers Story in ein eindimensionales Deutungskorsett zu zwängen. Was dadurch bleibt, ist dieses eine Gefühl, das die politische Verfassung so vieler in diesen Tagen treffend kennzeichnet: die reine Ratlosigkeit.
Regisseur Bastian Kraft hat die Hauptrolle für seine Neuinszenierung am Deutschen Theater Berlin stilsicher mit Ulrich Matthes besetzt. Der verleiht seinem tragischen Helden durch bedeutungsschweres Spiel eine emotionale Dringlichkeit, die diesen Willy Loman als Max Mustermann einer hysterischen Gegenwart erscheinen lässt.

Sein Nachname klingt aus guten Gründen nach dem englischen Adjektiv 'low' (niedrig, gering, tief, leise). Von jeder Tour kehrt er mit struppigem Haar im schlecht sitzenden Anzug mit gebückter Haltung und verzweifeltem Gemüt total erschöpft nach Hause zurück. Ihn entkräftet aber nicht etwa die Mühsal des Kilometerfressens, sondern das sich verstärkende Empfinden, im Leben nicht vorangekommen zu sein und obendrein die Frucht seines Leibes noch perspektivloser durch die komplexe Krisenwelt stolpern zu sehen. Happy (Camill Jammal) ist ein in den Tag hinein lebender Womanizer und Biff (Benjamin Lillie) ein zorniger junger Loser. Letzterer ist bei Miller auch die zweite Hauptfigur. Lillie spielt seinen Part glaubwürdig und solide [...].

Bastian Kraft hat den Text mit Dramaturg Ulrich Beck im Sprachduktus behutsam aktualisiert und so gekürzt, dass ein Abend von gerade einmal 100 Minuten herausgekommen ist. Sie haben es geschafft, die kapitalismuskritische Substanz dieses herausragend geschriebenen Stückes zu erhalten. Das ist eine eigenständige, große künstlerische Leistung und funktioniert auch dank des Ensembles so gut. Der Abend ist bestes Schauspielertheater, das Jahrzehnte alte Figuren aus den USA der 1940er Jahre ins Heute holt, ohne dass ihnen auch nur der geringste Staub der Zeiten anzumerken wäre.

In seinem Regiekonzept vertraut Kraft ganz auf die Wirkung der Dialoge. Und er verzichtet darauf, Millers Story in ein eindimensionales Deutungskorsett zu zwängen. Was dadurch bleibt, ist dieses eine Gefühl, das die politische Verfassung so vieler in diesen Tagen treffend kennzeichnet: die reine Ratlosigkeit.
Süddeutsche Zeitung
Peter Laudenbach, 21.03.2017
Wie es aussieht, dürfte Arthur Millers Angestellten-Konkurrenzangst-Klassiker 'Tod eines Handlungsreisenden' eines der großen Stücke dieser Spielzeit werden. Nach Inszenierungen in Stuttgart und Köln hatte jetzt Bastian Krafts Variante am Deutschen Theater Berlin Premiere. [...]

Bastian Kraft, sonst eher ein effektbewusster Kunsthandwerker als ein tiefenanalytisch interessierter Regisseur, hat für seine Berliner Inszenierung eine klügere Lösung gefunden: Er zeigt Loman als Jedermann-Figur und Durchschnittscharakter. Die Inszenierung lädt den Zuschauer nicht zum Selbstmitleid ein, sondern zur Besichtigung eines Selbstbetrugs. Ulrich Matthes spielt den tapferen Loman empfindsam, aber genau und unsentimental. Wir können dabei zusehen, wie dieser Mensch Stück für Stück zerbricht und wie er verzweifelt am Selbstbild eines erfolgreichen Geschäftsmanns festhält. Wir sehen, wie er sich müht, sein eigenes Zerbrechen, das langsame Abrutschen, die berufliche Erfolglosigkeit vor sich selbst, vor seiner Frau und seinen Söhnen (Benjamin Lille und Camill Jammal) zu überspielen und wie er dabei immer groteskere Verrenkungen macht. [...]

An einer der besten und traurigsten Stellen des Abends will Loman noch einmal aufbrechen uns mit seinem Chef Klartext reden. Die Illusion einer besseren Zukunft flackert auf. Seine Frau, gespielt von der großen Olivia Grigoli, schaut ihm nur sehr lange und still hinterher. Sie liebt ihn, sie weiß, dass er keine Chance hat. Und jetzt steht sie da und wartet, bis auch dieser Aufbruch zu nichts als zur nächsten, letzten Niederlage und Lomans Entlassung führt.

Auf der weiten, bis zum Rundhorizont geöffneten und nur spärlich mit Tisch und Stühlen möblierten Bühne sind die kleinen Menschlein rettungslos verloren. Über ihnen kreist, wie um die Höhe des leeren Raums zu betonen, ein einsamer Scheinwerfer (Bühne: Ben Baur). Die Erinnerungsfiguren, mit denen Loman endlose Selbstgespräche führt, tauchen als große Schatten am Rundhorizont auf wie Traumgespinste. Es sind die immer wieder als letzter Trost imaginierten Bilder einer besseren Vergangenheit. Loman spinnt sich in sie ein wie in eine Gedankenzuflucht, eine Rettung in den Wahn.
Wie es aussieht, dürfte Arthur Millers Angestellten-Konkurrenzangst-Klassiker 'Tod eines Handlungsreisenden' eines der großen Stücke dieser Spielzeit werden. Nach Inszenierungen in Stuttgart und Köln hatte jetzt Bastian Krafts Variante am Deutschen Theater Berlin Premiere. [...]

Bastian Kraft, sonst eher ein effektbewusster Kunsthandwerker als ein tiefenanalytisch interessierter Regisseur, hat für seine Berliner Inszenierung eine klügere Lösung gefunden: Er zeigt Loman als Jedermann-Figur und Durchschnittscharakter. Die Inszenierung lädt den Zuschauer nicht zum Selbstmitleid ein, sondern zur Besichtigung eines Selbstbetrugs. Ulrich Matthes spielt den tapferen Loman empfindsam, aber genau und unsentimental. Wir können dabei zusehen, wie dieser Mensch Stück für Stück zerbricht und wie er verzweifelt am Selbstbild eines erfolgreichen Geschäftsmanns festhält. Wir sehen, wie er sich müht, sein eigenes Zerbrechen, das langsame Abrutschen, die berufliche Erfolglosigkeit vor sich selbst, vor seiner Frau und seinen Söhnen (Benjamin Lille und Camill Jammal) zu überspielen und wie er dabei immer groteskere Verrenkungen macht. [...]

An einer der besten und traurigsten Stellen des Abends will Loman noch einmal aufbrechen uns mit seinem Chef Klartext reden. Die Illusion einer besseren Zukunft flackert auf. Seine Frau, gespielt von der großen Olivia Grigoli, schaut ihm nur sehr lange und still hinterher. Sie liebt ihn, sie weiß, dass er keine Chance hat. Und jetzt steht sie da und wartet, bis auch dieser Aufbruch zu nichts als zur nächsten, letzten Niederlage und Lomans Entlassung führt.

Auf der weiten, bis zum Rundhorizont geöffneten und nur spärlich mit Tisch und Stühlen möblierten Bühne sind die kleinen Menschlein rettungslos verloren. Über ihnen kreist, wie um die Höhe des leeren Raums zu betonen, ein einsamer Scheinwerfer (Bühne: Ben Baur). Die Erinnerungsfiguren, mit denen Loman endlose Selbstgespräche führt, tauchen als große Schatten am Rundhorizont auf wie Traumgespinste. Es sind die immer wieder als letzter Trost imaginierten Bilder einer besseren Vergangenheit. Loman spinnt sich in sie ein wie in eine Gedankenzuflucht, eine Rettung in den Wahn.
Stage and Screen
Sascha Krieger, 18.04.2017
Auch wenn es in Sphären angekommen zu sein scheint, die man kaum für möglich gehalten hätte – neu ist das Phänomen der Realitätsverweigerung nicht, nur fand man es früher vor allem im Privaten. "Lebenslüge" nannte man es dann oder auch "Selbstbetrug". Willy Loman ist so ein Selbstbetrüger und Lebenslügner. Einer, der Sätze sagt wie: "Halte mir keine Vorträge über irgendwelche Fakten!" Einer, der in jede Zeit passt und erst recht in diese. Ein Realitätsleugner, ein Alternative-Fakten-Erfinder, ein postfaktischer Mensch.
Jetzt steht er also auf der Bühne des Deutschen Theaters und wirft Schatten. [...]

Willy Loman, der aus der Zeit Gefallene, der amerikanische Träumer, dessen Zeit längst vorbei ist, weil sie nie war. Der desto stärker am Glauben, jeder können es schaffen, wenn er sich nur bemühe, festhält, je klarer es wird, dass dieser eine Lüge ist. Ulrich Matthes ist dieser Willy. Eine Paraderolle, ein Muss für jeden Großschauspieler, da bildet Matthes keine Ausnahme. Es ist sein Abend, weil es der Abend seiner Rolle ist. Bei Regisseur Bastian Kraft ist Willy Ausgangs- und Endpunkt seiner Tragödie der Realitätleugnung, der Tragödie des postfaktischen Menschen. [...]

Diesen gibt Matthes als personifizierte Körperspannung. Keine Bewegung ist zu viel, kein Schnörkel schleicht sich ein, dieser Willy ist Anspannung, ist sein eigenes Korsett, ist Haltung selbst dann, wenn alle Hoffnung entschwunden ist. Die Augen blitzen, wenn die Illusion eines Lichtstreifs am Horizont erscheint, sie erlöschen, wenn sich dieser als Fata Morgana entpuppt. Die Hülle, die Oberfläche des tüchtigen Verkäufers bleibt aufrecht, nur im Gesicht und in der Stimme Matthes' findet sich der Verfall, der Niedergang, das Aufgeben. [...]

Es ist ein intensiver, sehr stiller, zuweilen intimer Abend geworden, ein bewegender auch in seiner existenziellen Direktheit. Bastian Kraft hat den Stoff entschlackt, reduziert auf das in seinen Augen Wesentliche: den der eigenen Lebenslüge verfallenden ihr nicht mehr entrinnen könnenden Menschen, dessen pure Existenz er selbst längst untergraben hat.
Auch wenn es in Sphären angekommen zu sein scheint, die man kaum für möglich gehalten hätte – neu ist das Phänomen der Realitätsverweigerung nicht, nur fand man es früher vor allem im Privaten. "Lebenslüge" nannte man es dann oder auch "Selbstbetrug". Willy Loman ist so ein Selbstbetrüger und Lebenslügner. Einer, der Sätze sagt wie: "Halte mir keine Vorträge über irgendwelche Fakten!" Einer, der in jede Zeit passt und erst recht in diese. Ein Realitätsleugner, ein Alternative-Fakten-Erfinder, ein postfaktischer Mensch.
Jetzt steht er also auf der Bühne des Deutschen Theaters und wirft Schatten. [...]

Willy Loman, der aus der Zeit Gefallene, der amerikanische Träumer, dessen Zeit längst vorbei ist, weil sie nie war. Der desto stärker am Glauben, jeder können es schaffen, wenn er sich nur bemühe, festhält, je klarer es wird, dass dieser eine Lüge ist. Ulrich Matthes ist dieser Willy. Eine Paraderolle, ein Muss für jeden Großschauspieler, da bildet Matthes keine Ausnahme. Es ist sein Abend, weil es der Abend seiner Rolle ist. Bei Regisseur Bastian Kraft ist Willy Ausgangs- und Endpunkt seiner Tragödie der Realitätleugnung, der Tragödie des postfaktischen Menschen. [...]

Diesen gibt Matthes als personifizierte Körperspannung. Keine Bewegung ist zu viel, kein Schnörkel schleicht sich ein, dieser Willy ist Anspannung, ist sein eigenes Korsett, ist Haltung selbst dann, wenn alle Hoffnung entschwunden ist. Die Augen blitzen, wenn die Illusion eines Lichtstreifs am Horizont erscheint, sie erlöschen, wenn sich dieser als Fata Morgana entpuppt. Die Hülle, die Oberfläche des tüchtigen Verkäufers bleibt aufrecht, nur im Gesicht und in der Stimme Matthes' findet sich der Verfall, der Niedergang, das Aufgeben. [...]

Es ist ein intensiver, sehr stiller, zuweilen intimer Abend geworden, ein bewegender auch in seiner existenziellen Direktheit. Bastian Kraft hat den Stoff entschlackt, reduziert auf das in seinen Augen Wesentliche: den der eigenen Lebenslüge verfallenden ihr nicht mehr entrinnen könnenden Menschen, dessen pure Existenz er selbst längst untergraben hat.

Außerdem im Spielplan

nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf
Kammerspiele
19.00 - 21.00