Wodka-Käfer

von Anne Jelena Schulte nach Berliner Mietshaus von Irina Liebmann
Bühne und Video Oliver Helf
Dramaturgie Ulrich Beck
Uraufführung am 13. Dezember 2015
Michael GerberKammerjäger
Gabriele HeinzRike / Emma S. / Mark
Barbara SchnitzlerLisa / Astrid / Rita
Olivia GräserPeter /Regina / Cordula
Jonas VietzkeKatja / Karl Werner P. / Steffi / Stefan
Ingo SchröderMusiker
Kammerjäger
Rike / Emma S. / Mark
Lisa / Astrid / Rita
Peter /Regina / Cordula
Katja / Karl Werner P. / Steffi / Stefan
Musiker
e-politik.de
Konrad Kögler, 04.01.2016
"Die Stärke dieses Abends ist es, dass er präzise Momentaufnahmen aus dem Prenzlauer Berg liefert, über den so viele Klischees von Latte Macchiatto-Müttern bis Bioladen-Bionade-Schwaben kursieren. Gabriele Heinz und Barbara Schnitzler, zwei große Damen des DT-Ensembles, wechseln sich mit Olivia Gräser und Jonas Vietzke ab, die Hausbewohner zu verkörpern: den alleinerziehenden Architekten Peter, der sich mit Minijobs über Wasser hält. Die in der DDR aufgewachsene Pharmaassistentin Katja, die sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelt, es aber in der geerbten Eigentumswohnung in Lichterfelde nicht aushielt. Die gerade aus Hamburg zugezogene Startup-Kreativagentur-Beraterin Steffi, die Berlin so supercool findet, aber bisher keine sozialen Kontakte aufbauen konnte. Der Punksänger Mark, der von der Kreuzberger Hausbesetzer-Szene geprägt ist und sich mit seiner Partnerin, einer Schauspielerin, die als Sekretärin jobbt, und zwei im Hintergrund zankenden Kindern mehr schlecht als recht über Wasser hält. Astrid, die Tischlerin mit dem Faible für Astrologie, die sich wie eine Billardkugel fühlt, da sie wesentliche Lebensentscheidungen ihren wechselnden Männern überlassen hat, die sie nach Belieben hin und herschubsen. Die junge Mutter Steffi, die von Panikattacken geplagt wird, sobald sie S-Bahn fährt, und sich deshalb am liebsten mit dem kleinen Kind in ihrem Nest verkriecht." "Die Stärke dieses Abends ist es, dass er präzise Momentaufnahmen aus dem Prenzlauer Berg liefert, über den so viele Klischees von Latte Macchiatto-Müttern bis Bioladen-Bionade-Schwaben kursieren. Gabriele Heinz und Barbara Schnitzler, zwei große Damen des DT-Ensembles, wechseln sich mit Olivia Gräser und Jonas Vietzke ab, die Hausbewohner zu verkörpern: den alleinerziehenden Architekten Peter, der sich mit Minijobs über Wasser hält. Die in der DDR aufgewachsene Pharmaassistentin Katja, die sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelt, es aber in der geerbten Eigentumswohnung in Lichterfelde nicht aushielt. Die gerade aus Hamburg zugezogene Startup-Kreativagentur-Beraterin Steffi, die Berlin so supercool findet, aber bisher keine sozialen Kontakte aufbauen konnte. Der Punksänger Mark, der von der Kreuzberger Hausbesetzer-Szene geprägt ist und sich mit seiner Partnerin, einer Schauspielerin, die als Sekretärin jobbt, und zwei im Hintergrund zankenden Kindern mehr schlecht als recht über Wasser hält. Astrid, die Tischlerin mit dem Faible für Astrologie, die sich wie eine Billardkugel fühlt, da sie wesentliche Lebensentscheidungen ihren wechselnden Männern überlassen hat, die sie nach Belieben hin und herschubsen. Die junge Mutter Steffi, die von Panikattacken geplagt wird, sobald sie S-Bahn fährt, und sich deshalb am liebsten mit dem kleinen Kind in ihrem Nest verkriecht."
Freie Volksbühne Berlin Blog
Reinhard Wengierek, 18.01.2016
"Dieses Patchwork Berliner Miniaturen erzählt viel von der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit dieser Stadt; von Lebensumständen vor und nach 1990: Psychogramme, soziale Skizzen, die sich letztlich zu einem pittoresken Gesamtberliner Daseinspanorama fügen. Alles, so wird bekräftigt, sei dokumentarisch belegt, auch wenn es noch so heftig nach Klischee klingt. Sei’s drum. Die hundert locker frech und wie aus dem Ärmel geschüttelten Minuten präzise Berlin-Beobachtung sind unterhaltsam und aufschlussreich, nicht nur für Einheimische und Zugereiste, sondern auch für – ja doch – für Touristen. Eine witzige, auch aberwitzige und (im schnellen, kontrastreichen Wechsel) tragisch-traurige soziokulturell-sozialpsychologische Stadtführung. Voller Sentiment und Lakonie. Des Lebens spärlicher Glanz und heulendes Elend, die Tränen lax weggesteckt. Prolls, halbwegs Erfolgreiche, Verlierer, Verlorene, Vereinsamte, Aufmotzer und Auferstandene. Fesselnd wird dieser Mix erst recht durch die Kunst einer Handvoll starker Schauspieler (der Star am DT ist immer wieder, in welchem Format auch immer, das Ensemble!): Michael Gerber, Gabriele Heinz, Barbara Schnitzler, Olivia Gräser, Jonas Vietzke. Berlin-Feeling in schillernder Grau-Abstufung wie hingezaubert. Die Hauptstadt-PR sollte mit 'Wodka-Käfer' werben für unsere Stadt." "Dieses Patchwork Berliner Miniaturen erzählt viel von der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit dieser Stadt; von Lebensumständen vor und nach 1990: Psychogramme, soziale Skizzen, die sich letztlich zu einem pittoresken Gesamtberliner Daseinspanorama fügen. Alles, so wird bekräftigt, sei dokumentarisch belegt, auch wenn es noch so heftig nach Klischee klingt. Sei’s drum. Die hundert locker frech und wie aus dem Ärmel geschüttelten Minuten präzise Berlin-Beobachtung sind unterhaltsam und aufschlussreich, nicht nur für Einheimische und Zugereiste, sondern auch für – ja doch – für Touristen. Eine witzige, auch aberwitzige und (im schnellen, kontrastreichen Wechsel) tragisch-traurige soziokulturell-sozialpsychologische Stadtführung. Voller Sentiment und Lakonie. Des Lebens spärlicher Glanz und heulendes Elend, die Tränen lax weggesteckt. Prolls, halbwegs Erfolgreiche, Verlierer, Verlorene, Vereinsamte, Aufmotzer und Auferstandene. Fesselnd wird dieser Mix erst recht durch die Kunst einer Handvoll starker Schauspieler (der Star am DT ist immer wieder, in welchem Format auch immer, das Ensemble!): Michael Gerber, Gabriele Heinz, Barbara Schnitzler, Olivia Gräser, Jonas Vietzke. Berlin-Feeling in schillernder Grau-Abstufung wie hingezaubert. Die Hauptstadt-PR sollte mit 'Wodka-Käfer' werben für unsere Stadt."
neues deutschland
Hans-Dieter Schütt, 11.01.2016
Dreizehn Hausbewohner kommen in einem fünfköpfigen Ensemble zu Wort und Wert. Und Würde und Wut. Rollenwechsel, Geschlechterwechsel – über eine Hose wird ein rotes Kleid gezogen, auf die Mannsfrisur eine Frauenperücke gesetzt, Alt spielt Jung, Jung Alt. Aus Pappkartons werden die Requisiten für den jeweils nächsten porträtierten Bewohner genommen. Da sind Alleinerziehende und Minijober, lethargisch Brütende und beflissene  Projekt-Betreiber. Eine Sperrholzwand als gelbe Hausfassade, umgeben von Gerüststangen: ewiger Aufbau, und das ist nichts weiter als Festschreibung jenes Fragmentarischen, in dem wir nie wirklich eine Heimat finden können.

[...] Der Abend hat etwas Landläufiges, er bauscht sich nicht selber auf. Er spielt mit der Wirklichkeit, bis die das Geständnis ablegt: Ja, so bin ich. Exaktheit will sich aus Sachverhalten der nächsten Umgebung schälen; Stoff kommt sozusagen in einer Muttersprache vor. Es ist Theater fürs Nachdenken darüber, dass wir gern wir selber sein, aber doch auch leben wollen. Geben sei seliger denn nehmen? Wir geben ständig – nämlich meist klein bei. Im Theater dürfen wir uns beim zirkushaften Genuss ertappen, Leuten zuzuschauen die es nicht aufgeben, Welt auf Bewusstsein reimen zu wollen. Und wie sie dabei zerren, zappeln, Zähnezeigen. „Am Rand der Erschöpfung reden wir alle in Hauptsätzen“, schrieb Henrik Ibsen. Ein Klingeln an der Haustür versetzt diese Menschen in die unerwartete Lage, ihrer Erschöpfung zu begegnen und Hauptsätze über das eigene Gemüt zubilden. Geatmete, geseufzte, gestöhnte, gestammelte, wirr klare Sätze; Ausdruck, ungeplant, eines Aufrufs oder gar Aufschreis (Edvard Munch!), und so entstand durchaus Dichterisches.
Dreizehn Hausbewohner kommen in einem fünfköpfigen Ensemble zu Wort und Wert. Und Würde und Wut. Rollenwechsel, Geschlechterwechsel – über eine Hose wird ein rotes Kleid gezogen, auf die Mannsfrisur eine Frauenperücke gesetzt, Alt spielt Jung, Jung Alt. Aus Pappkartons werden die Requisiten für den jeweils nächsten porträtierten Bewohner genommen. Da sind Alleinerziehende und Minijober, lethargisch Brütende und beflissene  Projekt-Betreiber. Eine Sperrholzwand als gelbe Hausfassade, umgeben von Gerüststangen: ewiger Aufbau, und das ist nichts weiter als Festschreibung jenes Fragmentarischen, in dem wir nie wirklich eine Heimat finden können.

[...] Der Abend hat etwas Landläufiges, er bauscht sich nicht selber auf. Er spielt mit der Wirklichkeit, bis die das Geständnis ablegt: Ja, so bin ich. Exaktheit will sich aus Sachverhalten der nächsten Umgebung schälen; Stoff kommt sozusagen in einer Muttersprache vor. Es ist Theater fürs Nachdenken darüber, dass wir gern wir selber sein, aber doch auch leben wollen. Geben sei seliger denn nehmen? Wir geben ständig – nämlich meist klein bei. Im Theater dürfen wir uns beim zirkushaften Genuss ertappen, Leuten zuzuschauen die es nicht aufgeben, Welt auf Bewusstsein reimen zu wollen. Und wie sie dabei zerren, zappeln, Zähnezeigen. „Am Rand der Erschöpfung reden wir alle in Hauptsätzen“, schrieb Henrik Ibsen. Ein Klingeln an der Haustür versetzt diese Menschen in die unerwartete Lage, ihrer Erschöpfung zu begegnen und Hauptsätze über das eigene Gemüt zubilden. Geatmete, geseufzte, gestöhnte, gestammelte, wirr klare Sätze; Ausdruck, ungeplant, eines Aufrufs oder gar Aufschreis (Edvard Munch!), und so entstand durchaus Dichterisches.

Außerdem im Spielplan

nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf
Kammerspiele
19.00 - 21.00
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse