Der Mann ohne Vergangenheit

von Aki Kaurismäki
Ein Mann wird zusammengeschlagen. Der schwer Verletzte verliert alles: sein Gedächtnis, seine Identität, sein bisheriges Leben. Vollkommen allein, in einer ihm unbekannten Stadt, ausgeschlossen von den gewöhnlichsten gesellschaftlichen Verrichtungen, geht es für den Namenlosen von nun an nur noch um eins: ums Überleben. Und um die Ausgeschlossenen, die ihm dabei helfen werden. Aki Kaurismäki, der vielleicht melancholischste unter den großen europäischen Filmregisseuren, erzählt in ‚Der Mann ohne Vergangenheit‘ ein wundersam zärtliches Märchen: über Freundschaft und Liebe, Egoismus, strukturelle Gewalt, Hoffnung und die Angst vor dem Absturz. Das ist oft traurig, häufig komisch und immer ohne falsche Sentimentalität. Und ganz nebenbei setzt Kaurismäki dem Gewicht der Geschichte(n), die das Individuum ausmachen, etwas anderes entgegen: seine Präsenz und die Kraft seiner Handlungen.
Kostüme Ellen Hofmann
Komposition und Einstudierung Alexander Dafov / Simon Jakob Drees
Dramaturgie Claus Caesar
Premiere 17. Dezember 2010
Harald Baumgartner
Margit Bendokat
Andreas Döhler
Samuel Finzi
Wolfram Koch
Michael Schweighöfer
Almut Zilcher
Simon Jakob DreesVioline, Gitarre, Gesang, Mundharmonika
Tobias MorgensternAkkordeon, Gesang
Scott WhiteKontrabass, Violine, Gesang, Perkussion
XellOboe, Englishhorn, Xaphoon, Glockenspiel, Gesang, E-Gitarre
Simon Jakob Drees
Violine, Gitarre, Gesang, Mundharmonika
Tobias Morgenstern
Akkordeon, Gesang
Scott White
Kontrabass, Violine, Gesang, Perkussion
Xell
Oboe, Englishhorn, Xaphoon, Glockenspiel, Gesang, E-Gitarre
Junge Welt
21.12.2010
Es wird wenig gesprochen in diesem Stück, es werden die anderen Kommunikationspfade benutzt, Augensprache, Gesichtssprache, das Hochziehen einer Augenbraue, Musik, Stöhnen, Drohgebärden, Lachen. Das passt sehr gut zum Milieu, das geschildert werden soll, das meist auch nicht mehr viel Worte findet: die Untersten, deren Ausbeutung sich ganz und gar unserer Vorstellungskraft entzieht.
Margit Bendokat sticht wie üblich heraus, mit ihrem herrlichen berlinerisch gibt sie die perfekte Obdachlose, die von einer Sozialwohnung wie von einem Schloss träumt, dass sie und ihr alkoholischer Nachtwächtermann, ebenso perfekt in Gesicht, Ausdruck und Gestik (Harald Baumgartner) bald beziehen werden. So realistisch die einzelnen Menschen dieser Szene dargestellt sind, so surreal wirkt doch die ganze Sache, was dem exemplarischen Charakter der Darstellung gut tut und hier den größten Reiz ausmacht, man sieht, die künstlerische Überhöhung der düsteren Realität in Richtung Satire, erhebt die Einzelgeschichte zur Lehre, ohne lehrerhaft zu wirken, erhebt da Einzelschicksal zur Allgemeingültigkeit und macht aus der Ballade um einen verlorenen Menschen einer Großstadt ein komödiantisches Gesellschaftsdrama.
 
„Das Innenleben sichtbar werden zu lassen hinter einem völlig undurchdringlichen Gesicht“, sagt Kaurismäki, das sei die Kunst, auch dies ist hier ohne Zweifel gelungen, „ist das Gegenteil jener Schauspieler, die sich undurchdringlich machen, um so ihre Leere besser verbergen zu können.“ Auch das stimmt und man kann nicht sagen, wieso, aber diese Wolfram Koch belebt sein undurchdringliches Gesicht und seinen steifen Körper unglaublich und schafft es, dass sowohl Irmas bisheriges Frömmlertum durch diese Figur aus den Fugen gerät, als auch das Publikum immer wieder zum Lachen gereizt wird.
Es wird wenig gesprochen in diesem Stück, es werden die anderen Kommunikationspfade benutzt, Augensprache, Gesichtssprache, das Hochziehen einer Augenbraue, Musik, Stöhnen, Drohgebärden, Lachen. Das passt sehr gut zum Milieu, das geschildert werden soll, das meist auch nicht mehr viel Worte findet: die Untersten, deren Ausbeutung sich ganz und gar unserer Vorstellungskraft entzieht.
Margit Bendokat sticht wie üblich heraus, mit ihrem herrlichen berlinerisch gibt sie die perfekte Obdachlose, die von einer Sozialwohnung wie von einem Schloss träumt, dass sie und ihr alkoholischer Nachtwächtermann, ebenso perfekt in Gesicht, Ausdruck und Gestik (Harald Baumgartner) bald beziehen werden. So realistisch die einzelnen Menschen dieser Szene dargestellt sind, so surreal wirkt doch die ganze Sache, was dem exemplarischen Charakter der Darstellung gut tut und hier den größten Reiz ausmacht, man sieht, die künstlerische Überhöhung der düsteren Realität in Richtung Satire, erhebt die Einzelgeschichte zur Lehre, ohne lehrerhaft zu wirken, erhebt da Einzelschicksal zur Allgemeingültigkeit und macht aus der Ballade um einen verlorenen Menschen einer Großstadt ein komödiantisches Gesellschaftsdrama.
 
„Das Innenleben sichtbar werden zu lassen hinter einem völlig undurchdringlichen Gesicht“, sagt Kaurismäki, das sei die Kunst, auch dies ist hier ohne Zweifel gelungen, „ist das Gegenteil jener Schauspieler, die sich undurchdringlich machen, um so ihre Leere besser verbergen zu können.“ Auch das stimmt und man kann nicht sagen, wieso, aber diese Wolfram Koch belebt sein undurchdringliches Gesicht und seinen steifen Körper unglaublich und schafft es, dass sowohl Irmas bisheriges Frömmlertum durch diese Figur aus den Fugen gerät, als auch das Publikum immer wieder zum Lachen gereizt wird.
Neues Deutschland
Hans-Dieter Schütt, 20.12.2010
Wolfram Koch als Mann ohne Vergangenheit: eindringliche Konzentration eines fuchsig gespannten Gesichts, das fortwährend Witterung aufnimmt. Koch ist ganz Unmerklichkeit, aber darin beeindruckend präsent. Wie er starr im Tumult seiner inneren Leere steht, wie er doch wieder größere Augen bekommt, wie sich Gehemmtheit in neue Gefasstheit wandelt, wie er seine einstige Frau trifft und von seiner unglücklichen Ehe wie von einer fremdplanetarischen Geschichte erfährt, wie er sich in die Nähe einer neuen Liebe tastet (Almut Zilcher spielt diese Liebe, eine Heilsarmistin, mit augenglänzender Erschrockenheit). Das hat eine berührende Langsamkeit, eine traurig stolze Einsamkeit. Wolfram Koch als Mann ohne Vergangenheit: eindringliche Konzentration eines fuchsig gespannten Gesichts, das fortwährend Witterung aufnimmt. Koch ist ganz Unmerklichkeit, aber darin beeindruckend präsent. Wie er starr im Tumult seiner inneren Leere steht, wie er doch wieder größere Augen bekommt, wie sich Gehemmtheit in neue Gefasstheit wandelt, wie er seine einstige Frau trifft und von seiner unglücklichen Ehe wie von einer fremdplanetarischen Geschichte erfährt, wie er sich in die Nähe einer neuen Liebe tastet (Almut Zilcher spielt diese Liebe, eine Heilsarmistin, mit augenglänzender Erschrockenheit). Das hat eine berührende Langsamkeit, eine traurig stolze Einsamkeit.

Außerdem im Spielplan

nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf
Kammerspiele
19.00 - 21.00