Die Schönheit von Ost-Berlin

Eine Ronald-M.-Schernikau-Collage
Bühne Peter Baur
Kostüme Inga Timm
Dramaturgie John von Düffel
Uraufführung 7. November 2014
Margit BendokatDie Mutter
Elias ArensRonald M. Schernikau
Thorsten HierseRonald M. Schernikau
Wiebke MollenhauerRonald M. Schernikau
Bernd MossRonald M. Schernikau
Der Tagesspiegel
Christine Wahl, 09.11.2014
Als immer Anders- (und oft Weiter-) denkender ist Ronald M. Schernikau natürlich eine Idealfigur, um die je eigenen Begrenzungen und Spießigkeiten beider Systeme en passant unters Mikroskop zu legen. Deshalb ist es eine großartige Idee des 34-jährigen Regisseurs Bastian Kraft, inmitten der Mauerfall-Jubiläums-Feierlichkeiten am Deutschen Theater unter dem Motto 'Die Schönheit von Ost-Berlin' ausgerechnet eine Schernikau-Collage herauszubringen. Elias Arens, Thorsten Hierse, Bernd Moss und Wiebke Mollenhauer hocken als langhaarige Hornbrillen-Wiedergänger des Autors in den Kammerspielen auf einer Art Wohninsel (Bühne: Peter Baur). Zwischen Schreibpult und pinkfarbenem Marx-Kopf, zwischen Pin-up-Boys, Retro-Telefon und Fluchtauto-Heck kommen, relativ chronologisch, gleichermaßen literarische Texte wie entscheidende Biografiesplitter zu Gehör: Wer sich bei Schernikau (noch) nicht so gut auskennt, hat hinterher einen guten Überblick.

Reichliche hundert Minuten lang wechselt also Perücken-Trash wie der Krimi 'Die Schönheit', der nach Castorf-Manier als Live-Film auf eine Großleinwand gekalauert wird, mit studentischer WG-Küchen-Prosa: "Sabine, könntest du dir vorstellen, in der DDR zu leben?“ Bernd Moss spreizt sich mit sichtlichem Genuss als Peter Hacks, der dem großen literarischen Talent zur Übersiedlung in die DDR rät, während Wiebke Mollenhauer mit einer kleinen Aids-Aufklärungsstunde die Achtziger wiederauferstehen lässt und Thorsten Hierse den schüchtern in seinen breitbeinigen Schulkumpel Leif alias Elias Arens verliebten B. aus Schernikaus Coming-out-Erstling 'Kleinstadtnovelle' aufs Sofa liebäugelt. Gewohnt klar, pathosfrei und gerade deswegen so berührend erzählt Bendokat die Geschichte von Schernikaus Mutter, die im Westen – in ganz anderen Denk- und Gefühlskategorien als ihr Sohn – auch nie heimisch wurde. Schernikau wäre zu Recht begeistert gewesen: Am Deutschen Theater, seiner Lieblingsbühne, gehörte Bendokat zu den von ihm ganz besonders verehrten Schauspielerinnen.
Als immer Anders- (und oft Weiter-) denkender ist Ronald M. Schernikau natürlich eine Idealfigur, um die je eigenen Begrenzungen und Spießigkeiten beider Systeme en passant unters Mikroskop zu legen. Deshalb ist es eine großartige Idee des 34-jährigen Regisseurs Bastian Kraft, inmitten der Mauerfall-Jubiläums-Feierlichkeiten am Deutschen Theater unter dem Motto 'Die Schönheit von Ost-Berlin' ausgerechnet eine Schernikau-Collage herauszubringen. Elias Arens, Thorsten Hierse, Bernd Moss und Wiebke Mollenhauer hocken als langhaarige Hornbrillen-Wiedergänger des Autors in den Kammerspielen auf einer Art Wohninsel (Bühne: Peter Baur). Zwischen Schreibpult und pinkfarbenem Marx-Kopf, zwischen Pin-up-Boys, Retro-Telefon und Fluchtauto-Heck kommen, relativ chronologisch, gleichermaßen literarische Texte wie entscheidende Biografiesplitter zu Gehör: Wer sich bei Schernikau (noch) nicht so gut auskennt, hat hinterher einen guten Überblick.

Reichliche hundert Minuten lang wechselt also Perücken-Trash wie der Krimi 'Die Schönheit', der nach Castorf-Manier als Live-Film auf eine Großleinwand gekalauert wird, mit studentischer WG-Küchen-Prosa: "Sabine, könntest du dir vorstellen, in der DDR zu leben?“ Bernd Moss spreizt sich mit sichtlichem Genuss als Peter Hacks, der dem großen literarischen Talent zur Übersiedlung in die DDR rät, während Wiebke Mollenhauer mit einer kleinen Aids-Aufklärungsstunde die Achtziger wiederauferstehen lässt und Thorsten Hierse den schüchtern in seinen breitbeinigen Schulkumpel Leif alias Elias Arens verliebten B. aus Schernikaus Coming-out-Erstling 'Kleinstadtnovelle' aufs Sofa liebäugelt. Gewohnt klar, pathosfrei und gerade deswegen so berührend erzählt Bendokat die Geschichte von Schernikaus Mutter, die im Westen – in ganz anderen Denk- und Gefühlskategorien als ihr Sohn – auch nie heimisch wurde. Schernikau wäre zu Recht begeistert gewesen: Am Deutschen Theater, seiner Lieblingsbühne, gehörte Bendokat zu den von ihm ganz besonders verehrten Schauspielerinnen.
neues deutschland
Thomas Blum, 10.11.2014
Die Inszenierung geht erfreulicherweise nicht in die Falle, die bei der Beschäftigung mit Personen wie ihm nahe läge: den politischen Schriftsteller Schernikau zu entpolitisieren, ihn zum kauzigen Exoten oder schrillen schwulen Paradiesvogel zu trivialisieren.
Regisseur Bastian Kraft und Dramaturg John von Düffel wollen ihre Inszenierung, wie sie mitteilen, als eine "gegen die Erinnerungsseligkeit des 25. Mauerfalljubiläums" gerichtete verstanden wissen. Es ist dies nicht die schlechteste Aufgabe eines Theaters der Gegenwart: andere Stimmen sprechen zu lassen in Zeiten, wo alle wie ein einziger großer Chor klingen. Schernikau ist so eine. Einige Sätze, die er im März 1990 auf dem DDR-Schriftstellerkongress sprach, lauten: "Wer die Gewerkschaft fordert, wird den Unternehmerverband kriegen. Wer die Buntheit des Westens will, wird die Verzweiflung des Westens kriegen. Wer Bananen essen will, muss Neger verhungern lassen."
Die Inszenierung geht erfreulicherweise nicht in die Falle, die bei der Beschäftigung mit Personen wie ihm nahe läge: den politischen Schriftsteller Schernikau zu entpolitisieren, ihn zum kauzigen Exoten oder schrillen schwulen Paradiesvogel zu trivialisieren.
Regisseur Bastian Kraft und Dramaturg John von Düffel wollen ihre Inszenierung, wie sie mitteilen, als eine "gegen die Erinnerungsseligkeit des 25. Mauerfalljubiläums" gerichtete verstanden wissen. Es ist dies nicht die schlechteste Aufgabe eines Theaters der Gegenwart: andere Stimmen sprechen zu lassen in Zeiten, wo alle wie ein einziger großer Chor klingen. Schernikau ist so eine. Einige Sätze, die er im März 1990 auf dem DDR-Schriftstellerkongress sprach, lauten: "Wer die Gewerkschaft fordert, wird den Unternehmerverband kriegen. Wer die Buntheit des Westens will, wird die Verzweiflung des Westens kriegen. Wer Bananen essen will, muss Neger verhungern lassen."
nachtkritik.de
Georg Kasch, 08.11.2014
Jetzt also, 25 Jahre nach dem Zusammenbruch jenes Landes, das er verzweifelt liebte, setzen Bastian Kraft und sein Team Schernikau mit 'Die Schönheit von Ost-Berlin' ein äußerst lebendiges Denkmal. Biografie und Werk haben sie zu einer halbwegs linearen Erzählung montiert und in den Kammerspielen auf eine Insel gesetzt: Peter Baur türmt dicht gedrängt Bett neben Pissoir neben rosafarbene Marxbüste, ein Audi-Heck schiebt sich unter einen Ausguck, "ich bins!" leuchtet neben einem Kaugummiautomaten. Schernikaus Kleinstadt-Isolation steckt darin, natürlich West-Berlin, aber auch ein dichterisches Universum, in dem Kommunismus, Schlager und schwuler Sex einander nicht ausschließen, sondern bedingen.

Kraft inszeniert das als wirbelndes Treiben, in dem die vier Schauspieler die schönsten Schernikau-Zitate zu Pointen abschmecken, ein Grand Prix der treffendsten Bonmots, eine intellektuelle Schlagerparade der Paradoxien – für einen, der so gerne Schlagersängerin geworden wäre. Einmal spielen sie Schernikaus überdrehten Krimi "Die Schönheit" nach, 1987 für eine Tuntengruppe geschrieben: im Bauch der Bühnen-Insel, mit Hollywood-Soundkulisse und hastigem Perückenwechsel, übertragen von der Handkamera auf die Bühnenrückwand. Trashiger kann's auch Frank Castorf nicht. Überhaupt spart Kraft nicht mit Hollywood-Pathos – das ist erstaunlich viel Herz und Schmerz für einen, der das romantische Glotz-Verbot in jeden seiner leidenschaftlich glühenden Texte trieb.
Jetzt also, 25 Jahre nach dem Zusammenbruch jenes Landes, das er verzweifelt liebte, setzen Bastian Kraft und sein Team Schernikau mit 'Die Schönheit von Ost-Berlin' ein äußerst lebendiges Denkmal. Biografie und Werk haben sie zu einer halbwegs linearen Erzählung montiert und in den Kammerspielen auf eine Insel gesetzt: Peter Baur türmt dicht gedrängt Bett neben Pissoir neben rosafarbene Marxbüste, ein Audi-Heck schiebt sich unter einen Ausguck, "ich bins!" leuchtet neben einem Kaugummiautomaten. Schernikaus Kleinstadt-Isolation steckt darin, natürlich West-Berlin, aber auch ein dichterisches Universum, in dem Kommunismus, Schlager und schwuler Sex einander nicht ausschließen, sondern bedingen.

Kraft inszeniert das als wirbelndes Treiben, in dem die vier Schauspieler die schönsten Schernikau-Zitate zu Pointen abschmecken, ein Grand Prix der treffendsten Bonmots, eine intellektuelle Schlagerparade der Paradoxien – für einen, der so gerne Schlagersängerin geworden wäre. Einmal spielen sie Schernikaus überdrehten Krimi "Die Schönheit" nach, 1987 für eine Tuntengruppe geschrieben: im Bauch der Bühnen-Insel, mit Hollywood-Soundkulisse und hastigem Perückenwechsel, übertragen von der Handkamera auf die Bühnenrückwand. Trashiger kann's auch Frank Castorf nicht. Überhaupt spart Kraft nicht mit Hollywood-Pathos – das ist erstaunlich viel Herz und Schmerz für einen, der das romantische Glotz-Verbot in jeden seiner leidenschaftlich glühenden Texte trieb.
Deutschlandfunk
Hartmut Krug, 08.11.2014
Schon Peter Baurs Bühnenbild, das im Hintergrund mit Plakaten und Bildern historisches Zeitkolorit aus Ost und West beisteuert, unterstützt die Erklärungen, mit denen Bastian Krafts Collage 'Die Schönheit von Ostberlin' aufwartet. Meist chronologisch, oft aber auch von Rückblenden aufgelockert, wird Schernikaus Leben nacherzählt. Der Schwule, der Schriftsteller und der "letzte Kommunist", wie er in einer Biografie genannt wird, ist ein Mythos. (...)

Schernikaus Lebenslauf wird im munteren Viererspiel mit Pathos, Witz und schrillen Effekten vorgeführt. Kraft hatte den schönen Regieeinfall, Schernikau von gleich vier Darstellern spielen zu lassen. Allesamt mit blonden Langhaarperücken, flaumigem Oberlippenbärtchen und Brille. Sie teilen sich Begeisterung wie Zweifel der Figur, aber auch andere Rollen.
Schon Peter Baurs Bühnenbild, das im Hintergrund mit Plakaten und Bildern historisches Zeitkolorit aus Ost und West beisteuert, unterstützt die Erklärungen, mit denen Bastian Krafts Collage 'Die Schönheit von Ostberlin' aufwartet. Meist chronologisch, oft aber auch von Rückblenden aufgelockert, wird Schernikaus Leben nacherzählt. Der Schwule, der Schriftsteller und der "letzte Kommunist", wie er in einer Biografie genannt wird, ist ein Mythos. (...)

Schernikaus Lebenslauf wird im munteren Viererspiel mit Pathos, Witz und schrillen Effekten vorgeführt. Kraft hatte den schönen Regieeinfall, Schernikau von gleich vier Darstellern spielen zu lassen. Allesamt mit blonden Langhaarperücken, flaumigem Oberlippenbärtchen und Brille. Sie teilen sich Begeisterung wie Zweifel der Figur, aber auch andere Rollen.
Süddeutsche Zeitung
Jens Bisky, 10.11.2014
Die Sehnsucht nach der DDR hat ihm die Mutter ins Herz gepflanzt. Wie das geschah berichtete Schernikau selber in 'Irene Binz'. Margit Bendokat spricht als Mutter die wunderbaren Sätze, Blankverse voll großer Leichtigkeit. Wann immer es um die Geschichte der Flucht, der missglückenden Ankunft im Westen geht, gewinnt der Zuschauer eine Ahnung von Tragik, schuldloser Verstrickung. Naiv klingt Bendokat, aber nicht aus Unbedarftheit. Die Sehnsucht nach der DDR hat ihm die Mutter ins Herz gepflanzt. Wie das geschah berichtete Schernikau selber in 'Irene Binz'. Margit Bendokat spricht als Mutter die wunderbaren Sätze, Blankverse voll großer Leichtigkeit. Wann immer es um die Geschichte der Flucht, der missglückenden Ankunft im Westen geht, gewinnt der Zuschauer eine Ahnung von Tragik, schuldloser Verstrickung. Naiv klingt Bendokat, aber nicht aus Unbedarftheit.

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Mit englischen Übertiteln
nach Thomas Bernhard
Inszenierung: Thom Luz
Kammerspiele
19.30 - 20.45
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse
nach dem Roman von Stanisław Lem 
Box
20.00 - 21.40
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse