In Zeiten des abnehmenden Lichts

Bühne Katja Haß
Kostüme Anja Rabes
Dramaturgie Juliane Koepp
Uraufführung 28. Februar 2013
Christian GrashofWilhelm Powileit
Gabriele HeinzCharlotte Powileit
Margit BendokatNadjéshda Iwánowna
Bernd StempelKurt Umnitzer (Charlottes Sohn, Wilhelms Stiefsohn)
Judith HofmannIrina Umnitzer (Kurts Ehefrau, Tochter von Nadjéshda Iwánowna)
Alexander KhuonAlexander Umnitzer (Sohn von Kurt und Irina)
Lasse Stadelmann / Lenz LengersMarkus (Sohn von Alexander und Melitta)
Elisabeth MüllerMelittta / Catrin
Markus GrafMexikaner / Adrian / Günter Habesatt / Schlinger / Stellvertreter des Bezirkssekretärs
Wilhelm Powileit
Charlotte Powileit
Nadjéshda Iwánowna
Kurt Umnitzer (Charlottes Sohn, Wilhelms Stiefsohn)
Irina Umnitzer (Kurts Ehefrau, Tochter von Nadjéshda Iwánowna)
Alexander Umnitzer (Sohn von Kurt und Irina)
Lasse Stadelmann / Lenz Lengers
Markus (Sohn von Alexander und Melitta)
Melittta / Catrin
Mexikaner / Adrian / Günter Habesatt / Schlinger / Stellvertreter des Bezirkssekretärs
Neues Deutschland
Hans-Dieter Schütt, 04.03.2013
Bernd Stempel gibt Kurt, jenen einen Sohn der das Lager überlebte. Der Geschichtsforscher an der Seite einer russischen Trinkerin (Judith Hofmann). Aufstiegsbewusst. Zweifelnd – und doch so sicher im Kalkül, wie weit man im Parteistaat gehen kann, um als kritisch und loyal zugleich zu gelten. Schlimmste Art der Selbstverstümmelung. Man redet sich ein, sie fände nicht statt. Stempel ist großartig in seiner Offenbarung, aus wie vielen Weichteilen ein Mensch besteht, wenn er Selbstverleugnung und Selbstachtung in Balance halten will.
Kurts "Mutti": Gabriele Heinz. Sie zeigt beeindruckend die Euphorie frühen DDR-Glücks, zeichnet schwungvoll die Emanzipationskraft der einflussreichen Literaturkritiken nach, spielt den unmerklichen Wechsel ins eitle kulturpolitische Machtgebaren, und sie kommt erschüttert zur eisiger Ruhe eines Hasses, der dem eigenen Mann Wilhelm gilt.
Bernd Stempel gibt Kurt, jenen einen Sohn der das Lager überlebte. Der Geschichtsforscher an der Seite einer russischen Trinkerin (Judith Hofmann). Aufstiegsbewusst. Zweifelnd – und doch so sicher im Kalkül, wie weit man im Parteistaat gehen kann, um als kritisch und loyal zugleich zu gelten. Schlimmste Art der Selbstverstümmelung. Man redet sich ein, sie fände nicht statt. Stempel ist großartig in seiner Offenbarung, aus wie vielen Weichteilen ein Mensch besteht, wenn er Selbstverleugnung und Selbstachtung in Balance halten will.
Kurts "Mutti": Gabriele Heinz. Sie zeigt beeindruckend die Euphorie frühen DDR-Glücks, zeichnet schwungvoll die Emanzipationskraft der einflussreichen Literaturkritiken nach, spielt den unmerklichen Wechsel ins eitle kulturpolitische Machtgebaren, und sie kommt erschüttert zur eisiger Ruhe eines Hasses, der dem eigenen Mann Wilhelm gilt.
Die Welt
Reinhard Wengierek, 02.03.2013
Christian Grashof tobt schon am Rande der Karikatur als Stalins letzte Waffe, Gabriele Heinz als seine Frau Charlotte ist das energsiche Muttertier. Als ihr Sohn Kurt ganz groß tragikomisch Bernd Stempel, der die Fäuste nur heimlich in der Tasche ballt, dazu Judith Hofmann, seine Frau Irina, als Wrack des Alkohols nebst ihrer Mutter, die Margit Bendokat als weltweise summende und singende Babuschka unvergesslich macht.
Und schließlich Alexander Khuon als verlorener Sohn und Enkel Sascha, der schier sprachlos vor Staunen und Entsetzen über alle Lügen, alles Leid und Elend wie ein wundersamer Zausel im abgewrackten Che-Guevara-Look untröstlich, glücklos und sterbenskrank durch alle Szenen geistert. Für ihn sind alle Lichter ausgegangen.
Christian Grashof tobt schon am Rande der Karikatur als Stalins letzte Waffe, Gabriele Heinz als seine Frau Charlotte ist das energsiche Muttertier. Als ihr Sohn Kurt ganz groß tragikomisch Bernd Stempel, der die Fäuste nur heimlich in der Tasche ballt, dazu Judith Hofmann, seine Frau Irina, als Wrack des Alkohols nebst ihrer Mutter, die Margit Bendokat als weltweise summende und singende Babuschka unvergesslich macht.
Und schließlich Alexander Khuon als verlorener Sohn und Enkel Sascha, der schier sprachlos vor Staunen und Entsetzen über alle Lügen, alles Leid und Elend wie ein wundersamer Zausel im abgewrackten Che-Guevara-Look untröstlich, glücklos und sterbenskrank durch alle Szenen geistert. Für ihn sind alle Lichter ausgegangen.
Frankfurter Rundschau
Ulrich Seidler, 02.03.2013
Diese Gleichzeitigkeit verschiedener Erzählebenen hat das Theater der Literatur voraus, und Kimmig spielt den Vorteil lässig aus. Es ist immer wieder erstaunlich, was man als Zuschauer alles mitmacht, ohne die Situation zu verlieren: Wenn das Figurengespräch mitten im Satz zum inneren Monolog umschaltet. Oder wenn die Szene von Berlin nach Mexiko und ein paar Jahrzehnte in die Vergangenheit springt. (...)

Schauspielerisch ist diese Springerei sehr herausfordernd. Mal muss man minutenlang anwesend-abwesend herumstehen und ist mit Nicht-Hinhören und Nicht-Bemerktwerden beschäftigt. Dann wieder sind happige Einfühl-Sprints nötig. Aber wir sind im Deutschen Theater, die können das.
Diese Gleichzeitigkeit verschiedener Erzählebenen hat das Theater der Literatur voraus, und Kimmig spielt den Vorteil lässig aus. Es ist immer wieder erstaunlich, was man als Zuschauer alles mitmacht, ohne die Situation zu verlieren: Wenn das Figurengespräch mitten im Satz zum inneren Monolog umschaltet. Oder wenn die Szene von Berlin nach Mexiko und ein paar Jahrzehnte in die Vergangenheit springt. (...)

Schauspielerisch ist diese Springerei sehr herausfordernd. Mal muss man minutenlang anwesend-abwesend herumstehen und ist mit Nicht-Hinhören und Nicht-Bemerktwerden beschäftigt. Dann wieder sind happige Einfühl-Sprints nötig. Aber wir sind im Deutschen Theater, die können das.
suite 101
Steffen Kassel, 01.03.2013
Alexander wird von Alexander Khuon gespielt, der mit ausgefranstem Vollbart und mittlerweile klassischem Bundeswehr-Parka auftritt. Rein optisch das Musterexemplar eines Anhängers der westdeutschen Protestbewegung aus den 1980er-Jahren, wie präpariert für eine Kampfdemonstration gegen die Frankfurter Startbahn West. Renitenz zeigt die Figur auch im akademischen Leben, denn sie gibt das Studium kurz vor dem Diplom auf. Hier hat Bernd Stempel als Kurt einen brillanten Auftritt: in einer furiosen Wutaufwallung liest er seinem widerspenstigen Sohn die Leviten. Ein ähnlich starke Szene hat Stempel, als er über seinen im Gulag erschlagenen Bruder reflektiert und dermaßen von Mitgefühl und Trauer heimgesucht wird, dass er innerlich „mitfickt“. Die Höchststufe eines ironischen Zynismus. Schon lange nicht mehr hat Bernd Stempel in einem solchen Grad aufgedreht, um das Maximum aus sich herauszuholen. Allein wegen Grashof und Stempel lohnt es sich, sich diese Inszenierung anzusehen. Alexander wird von Alexander Khuon gespielt, der mit ausgefranstem Vollbart und mittlerweile klassischem Bundeswehr-Parka auftritt. Rein optisch das Musterexemplar eines Anhängers der westdeutschen Protestbewegung aus den 1980er-Jahren, wie präpariert für eine Kampfdemonstration gegen die Frankfurter Startbahn West. Renitenz zeigt die Figur auch im akademischen Leben, denn sie gibt das Studium kurz vor dem Diplom auf. Hier hat Bernd Stempel als Kurt einen brillanten Auftritt: in einer furiosen Wutaufwallung liest er seinem widerspenstigen Sohn die Leviten. Ein ähnlich starke Szene hat Stempel, als er über seinen im Gulag erschlagenen Bruder reflektiert und dermaßen von Mitgefühl und Trauer heimgesucht wird, dass er innerlich „mitfickt“. Die Höchststufe eines ironischen Zynismus. Schon lange nicht mehr hat Bernd Stempel in einem solchen Grad aufgedreht, um das Maximum aus sich herauszuholen. Allein wegen Grashof und Stempel lohnt es sich, sich diese Inszenierung anzusehen.

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von Dietrich Brüggemann
Regie: Dietrich Brüggemann
Box
19.30 - 21.00
URAUFFÜHRUNG
von Thomas Melle
Anschl. Premierenparty mit der Band Rainer von Vielen - Bar und Foyer Kammerspiele
Kammerspiele
20.00 - 22.00

Von Mainz bis an die Memel CXXXVII

Ein Videoschnipselvortrag von Kuttner
Deutsches Theater
21.00