Jugend ohne Gott

von Ödön von Horváth
Premiere 18. Dezember 2013
Koproduktion mit der HfS ‚Ernst Busch‘
Christoph Franken
Thorsten Hierse
Anton von Lucke
Helmut Mooshammer
Harry Schäfer
Maike Schmidt
Barbara Schnitzler
Emorio Fao
Berliner Zeitung
Dirk Pilz, 19.12.2013
Tilmann Köhler (...), der Regisseur dieses knapp dreistündigen Abends in den Kammerspielen des Deutschen Theaters, lässt spielen. Überlässt also die Figuren dem Freiraum des Unabschließbaren, schafft den Schauspielern jene freie, frische Luft, um an- statt auszudeuten, um Figuren, nicht Pappkameraden zu erfinden. Thorsten Hierse zum Beispiel, der Pfarrer, wird so zu einem wunderbar verwandlungsseligen, gestengenauen Frischluftspieler. Christoph Franken, der mit dem Pfarrer debattierende Lehrer, neigt zwar dazu, stimmlich und mimisch zu überpegeln, als hocke seine Figur auf einem siedenden Dampfkessel, der jede Sekunde hochgehen kann, schafft damit jedoch auch eine emotionale, seelendruckreiche Dichte, in der sich Stück und Regie treffen. (...)

Aus einfachen Tischen entstehen Türme, Wälle, Wände (Bühne: Karoly Risz), jede Szene erwächst in geheimnisvoller, organischer Weise aus der vorhergehenden heraus. Auch erstaunlich. Alles darf, alles muss hier das Spielen, Sprechen leisten – ein Regisseur, der mehr auf seine Schauspieler als auf Tricks und Einfälle vertraut. Ein hauchzartes, schwarzes Tuch über dem Kopf, und Barbara Schnitzler ist die trauernde Mutter ihres als Mörder angeklagten Sohnes. Das Tüchlein zur Seite gelegt, der Sprechton sanft verschoben – und schon ist sie die Staatsanwältin. Diese Kunst leichthändischer Verschiebungen beherrschen alle an diesem bemerkenswert konzentrierten Abend, neben Hierse, Franken und Schnitzler Helmut Mooshammer und die drei Studierenden an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Maike Schmidt, Harry Schäfer und Anton von Lucke.
Tilmann Köhler (...), der Regisseur dieses knapp dreistündigen Abends in den Kammerspielen des Deutschen Theaters, lässt spielen. Überlässt also die Figuren dem Freiraum des Unabschließbaren, schafft den Schauspielern jene freie, frische Luft, um an- statt auszudeuten, um Figuren, nicht Pappkameraden zu erfinden. Thorsten Hierse zum Beispiel, der Pfarrer, wird so zu einem wunderbar verwandlungsseligen, gestengenauen Frischluftspieler. Christoph Franken, der mit dem Pfarrer debattierende Lehrer, neigt zwar dazu, stimmlich und mimisch zu überpegeln, als hocke seine Figur auf einem siedenden Dampfkessel, der jede Sekunde hochgehen kann, schafft damit jedoch auch eine emotionale, seelendruckreiche Dichte, in der sich Stück und Regie treffen. (...)

Aus einfachen Tischen entstehen Türme, Wälle, Wände (Bühne: Karoly Risz), jede Szene erwächst in geheimnisvoller, organischer Weise aus der vorhergehenden heraus. Auch erstaunlich. Alles darf, alles muss hier das Spielen, Sprechen leisten – ein Regisseur, der mehr auf seine Schauspieler als auf Tricks und Einfälle vertraut. Ein hauchzartes, schwarzes Tuch über dem Kopf, und Barbara Schnitzler ist die trauernde Mutter ihres als Mörder angeklagten Sohnes. Das Tüchlein zur Seite gelegt, der Sprechton sanft verschoben – und schon ist sie die Staatsanwältin. Diese Kunst leichthändischer Verschiebungen beherrschen alle an diesem bemerkenswert konzentrierten Abend, neben Hierse, Franken und Schnitzler Helmut Mooshammer und die drei Studierenden an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Maike Schmidt, Harry Schäfer und Anton von Lucke.
Der Tagesspiegel
Andreas Schäfer, 20.12.2013
Als Ausdruck ihrer fortschreitenden Entindividualisierung hat Horváth den Schülern die Vornamen verweigert. Sie heißen, wie im Polizeibericht, nur: "Der Z." oder "der R.". Mit dem Geist dieser Abstraktion geht auch Tilmann Köhler an die Sache heran. Die Bühne besteht aus nüchternen Multifunktionstischen, die mit jedem Szenenwechsel verschoben werden (Bühne: Karoly Risz). Christoph Franken ist der Lehrer, aber alle anderen – Thorsten Hierse, Anton von Lucke, Helmut Mooshammer, Barbara Schnitzler und die "Ernst Busch"-Studenten Maike Schmidt und Harry Schäfer – bilden ein in zeitlos schickes Grau gekleidetes Kollektiv (Kostüme: Susanne Uhl), in dem ständig die Rollen gewechselt werden und jeder Übergang auf der Bühne sichtbar bleibt. So wie die Schauspieler zwischendurch auf Tischtürme klettern oder sich verspielt in Formation aufbauen, könnte das Ganze auch die Probe einer Jugendtruppe sein – wenn da nicht diese Neugier, diese analytische Sachlichkeit wäre. Es ist nicht einfach, die Qualität dieses Abends in Worte zu fassen, weil Tilmann Köhlers Arbeit vor allem im Wegnehmen besteht. Er hilft den Schauspielern, sich unverstellt zu zeigen, obwohl der permanente Figurenwechsel das Gestellte, den Spielcharakter unterstreicht – woran allerdings auch die Gitarrenbegleitung des Musikers Thonaci ihren Anteil hat. Aber es ist ein ernstes Spiel. Hier wird etwas vorgeführt, um dahinter zu kommen. Hinter die Teufelskreise des Misstrauens etwa oder die Kettenreaktionen der Furcht. Als Ausdruck ihrer fortschreitenden Entindividualisierung hat Horváth den Schülern die Vornamen verweigert. Sie heißen, wie im Polizeibericht, nur: "Der Z." oder "der R.". Mit dem Geist dieser Abstraktion geht auch Tilmann Köhler an die Sache heran. Die Bühne besteht aus nüchternen Multifunktionstischen, die mit jedem Szenenwechsel verschoben werden (Bühne: Karoly Risz). Christoph Franken ist der Lehrer, aber alle anderen – Thorsten Hierse, Anton von Lucke, Helmut Mooshammer, Barbara Schnitzler und die "Ernst Busch"-Studenten Maike Schmidt und Harry Schäfer – bilden ein in zeitlos schickes Grau gekleidetes Kollektiv (Kostüme: Susanne Uhl), in dem ständig die Rollen gewechselt werden und jeder Übergang auf der Bühne sichtbar bleibt. So wie die Schauspieler zwischendurch auf Tischtürme klettern oder sich verspielt in Formation aufbauen, könnte das Ganze auch die Probe einer Jugendtruppe sein – wenn da nicht diese Neugier, diese analytische Sachlichkeit wäre. Es ist nicht einfach, die Qualität dieses Abends in Worte zu fassen, weil Tilmann Köhlers Arbeit vor allem im Wegnehmen besteht. Er hilft den Schauspielern, sich unverstellt zu zeigen, obwohl der permanente Figurenwechsel das Gestellte, den Spielcharakter unterstreicht – woran allerdings auch die Gitarrenbegleitung des Musikers Thonaci ihren Anteil hat. Aber es ist ein ernstes Spiel. Hier wird etwas vorgeführt, um dahinter zu kommen. Hinter die Teufelskreise des Misstrauens etwa oder die Kettenreaktionen der Furcht.
Kulturradio vom RBB
Peter Hans Göpfert, 19.12.2013
An den Kammerspielen, erst mit Wajdi Mouawads 'Verbrennungen' und nun mit der Adaption von Horváths Roman zeigt Tilmann Köhler wiederum mit minimalistischen Mitteln eine bemerkenswert sprachlich-spielerische Kraft. Köhler dekoriert kein Milieu, er pinselt keine Atmosphäre. Mit nur wenigen Spielern vom Deutschen Theatern und Studenten der Busch-Hochschule, mit schnellen Rollensprüngen, dem raschen Ineinander der Szenen wird er auch der Erzählweise Horváths, dem Wechsel von Dialog und Erzählung, auch den inneren Monologen gerecht. (...)

Es ist aber gerade auch der körperliche Einsatz, mit dem die Spieler die Gewalttätigkeit der Schüler, ihre anpasserische Gedrilltheit zeigen. Ein todkranker Schüler kämpft ein fiktives Match mit einem bewunderten Torwart, der ihn am Sterbelager besucht. Helmut Mooshammer ist mal Schüler, dann Vater, dann Pfarrer und Richter, alle Rollen scharf und zugleich leicht satirisch gezeichnet. Köhler gibt auch der Disputation zwischen dem noch ungläubigen Lehrer und dem Pfarrer Raum, der den strafenden, nicht zu verstehenden Gott "das Schrecklichste auf der Welt" nennt und erklärt, die Kirche werde nicht dereinst durch das Nadelöhr passen, weil sie ja selbst dieses Nadelöhr sei. Köhler bringt sein Ensemble nicht nur zu sprechender Bewegung, er choreographiert auch (wenn man das so sagen kann) des Nebeneinander und Ineinander der redenden und erzählenden und einredenden Stimmen. Und zwischendurch, wo es ja um latent faschistischen Ungeist, um Gott und Staat und den Einzelnen geht, singen vier Knaben wiederholt ein "Dies irae, Dies illa".
An den Kammerspielen, erst mit Wajdi Mouawads 'Verbrennungen' und nun mit der Adaption von Horváths Roman zeigt Tilmann Köhler wiederum mit minimalistischen Mitteln eine bemerkenswert sprachlich-spielerische Kraft. Köhler dekoriert kein Milieu, er pinselt keine Atmosphäre. Mit nur wenigen Spielern vom Deutschen Theatern und Studenten der Busch-Hochschule, mit schnellen Rollensprüngen, dem raschen Ineinander der Szenen wird er auch der Erzählweise Horváths, dem Wechsel von Dialog und Erzählung, auch den inneren Monologen gerecht. (...)

Es ist aber gerade auch der körperliche Einsatz, mit dem die Spieler die Gewalttätigkeit der Schüler, ihre anpasserische Gedrilltheit zeigen. Ein todkranker Schüler kämpft ein fiktives Match mit einem bewunderten Torwart, der ihn am Sterbelager besucht. Helmut Mooshammer ist mal Schüler, dann Vater, dann Pfarrer und Richter, alle Rollen scharf und zugleich leicht satirisch gezeichnet. Köhler gibt auch der Disputation zwischen dem noch ungläubigen Lehrer und dem Pfarrer Raum, der den strafenden, nicht zu verstehenden Gott "das Schrecklichste auf der Welt" nennt und erklärt, die Kirche werde nicht dereinst durch das Nadelöhr passen, weil sie ja selbst dieses Nadelöhr sei. Köhler bringt sein Ensemble nicht nur zu sprechender Bewegung, er choreographiert auch (wenn man das so sagen kann) des Nebeneinander und Ineinander der redenden und erzählenden und einredenden Stimmen. Und zwischendurch, wo es ja um latent faschistischen Ungeist, um Gott und Staat und den Einzelnen geht, singen vier Knaben wiederholt ein "Dies irae, Dies illa".
Märkische Oderzeitung
Anna Fastabend, 19.12.2013
Diebin Eva mit einem Stein in der Hand küsst den Tagebuchschreiber Z. Sie stehen auf einer Bretterbühne, im Hintergrund stapeln sich die Schultische. Dann brüllt Z (Thorsten Hierse) "Sau" und stößt die Diebin (Maike Schmidt) so brutal von sich weg, dass sie zu Boden fällt. Er stampft mit dem Fuß auf. Der helle, harte Klang von Schuhsohlen auf Holz erfüllt den Theatersaal. Und obwohl diese Szene voll von Gewalt ist, erleben beide miteinander einen Moment der Glückseligkeit. Sie spüren zum ersten Mal, dass sie fühlende Menschen sind.
Die Szene stammt aus dem Stück 'Jugend ohne Gott' von Ödön von Horváth, das am Mittwoch in den Kammerspielen des Deutschen Theaters als Koproduktion mit der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Premiere hatte. Tilmann Köhler hat bei seiner Inszenierung den Roman für sich sprechen lassen und mit einfachen Mitteln auf die Bühne (Karoly Risz) gebracht. Als Requisiten gibt es nur Tische, Äpfel, Schulhefte und einen Stein. Dadurch zeichnet Tilmann das erschreckende Bild der Jugend aus der Zeit zwischen Weimarer Republik und Zweitem Weltkrieg umso eindrucksvoller nach
Diebin Eva mit einem Stein in der Hand küsst den Tagebuchschreiber Z. Sie stehen auf einer Bretterbühne, im Hintergrund stapeln sich die Schultische. Dann brüllt Z (Thorsten Hierse) "Sau" und stößt die Diebin (Maike Schmidt) so brutal von sich weg, dass sie zu Boden fällt. Er stampft mit dem Fuß auf. Der helle, harte Klang von Schuhsohlen auf Holz erfüllt den Theatersaal. Und obwohl diese Szene voll von Gewalt ist, erleben beide miteinander einen Moment der Glückseligkeit. Sie spüren zum ersten Mal, dass sie fühlende Menschen sind.
Die Szene stammt aus dem Stück 'Jugend ohne Gott' von Ödön von Horváth, das am Mittwoch in den Kammerspielen des Deutschen Theaters als Koproduktion mit der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Premiere hatte. Tilmann Köhler hat bei seiner Inszenierung den Roman für sich sprechen lassen und mit einfachen Mitteln auf die Bühne (Karoly Risz) gebracht. Als Requisiten gibt es nur Tische, Äpfel, Schulhefte und einen Stein. Dadurch zeichnet Tilmann das erschreckende Bild der Jugend aus der Zeit zwischen Weimarer Republik und Zweitem Weltkrieg umso eindrucksvoller nach

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mit englischen Übertiteln
von Samuel Beckett
Regie: Christian Schwochow
Deutsches Theater
20.00 - 21.20
19.30 Einführung - Saal
von Jakob Nolte
Regie: Tom Kühnel
Kammerspiele
20.00 - 21.00