Wassa Schelesnowa

von Maxim Gorki
Bühne Katja Haß
Kostüme Anja Rabes
Dramaturgie Sonja Anders
Premiere 16. Mai 2014
Corinna HarfouchWassa Schelesnowa
Franziska MachensAnna, ihre Tochter
Christoph FrankenSemjon, ihr Sohn
Alexander KhuonPawel, ihr Sohn
Lisa HrdinaNatalja, Semjons Frau
Katharina Marie SchubertLjudmilla, Pawels Frau und Michailo Wassilijews Tochter
Michael GoldbergProchor, Bruder von Wassas Mann Sachar
Bernd StempelMichailo Wassilijew, Geschäftsführer
Marcel KohlerAlexander, Assistent von Wassa
Wassa Schelesnowa
Anna, ihre Tochter
Semjon, ihr Sohn
Pawel, ihr Sohn
Natalja, Semjons Frau
Ljudmilla, Pawels Frau und Michailo Wassilijews Tochter
Prochor, Bruder von Wassas Mann Sachar
Michailo Wassilijew, Geschäftsführer
Alexander, Assistent von Wassa
Berliner Zeitung
Dirk Pilz, 19.05.2014
Für Kimmig ist es ein Sonnenuntergangsstück – das Zerrissensein blieb, der Horizont des Utopischen aber ist verschlossen. Verstellt vom Schreckensdogma der Alternativlosigkeit. Man sieht: eine in die Gegenwart kopierte Familie von Ichlingen, die allesamt mit der Pflege ihrer Seelenhinterhöfe beschäftigt sind. Hocken herum und schlagen sich, verlangen Reichtum und wüssten nicht, was damit anzufangen. Wollen geliebt werden und ängstigen sich, für die Liebe etwas herzuschenken. Suchen Leidenschaft und fürchten die Hingabe. Arme, stumpfe Karrieretröpfe. (...)

Dieser Abend ist Theater, das dem schnellen Blick schlichter Gemüter nach plumper Fernsehdramatik aussehen mag, nach einem Realismus, der auch mir oft wie die schiere Verdopplung einer schlechten Wirklichkeit vorkam, gerade bei Inszenierungen von Kimmig, gerade in der Erinnerung an seinen Prachtboulevard-Abend „Kinder der Sonne“ am DT vor vier Jahren. Diesmal aber ist es psychologischer Realismus schärfsten Wassers, kein weich gezeichnetes Gegenwartsaquarell, sondern ein Kupferstich, spitz und beißend.Es ist außerhalb der Theaterdiskurse derzeit viel von einem Neuen Realismus die Rede. Neuer Realismus heißt: die Versprechen auf Freiheit der Postmoderne, die Triumph-Rufe von den Todesnachrichten der Metaphysik sind verpufft. Und jetzt? Jetzt gewinnt eine alte, aber noch nie veraltete Einsicht wieder Gewicht, die Robert Spaemann kürzlich niederschrieb: "Unser Leben ist nicht in unserer Hand. Wir sind unserer selbst nicht mächtig." Aber was folgt daraus? Und was lassen wir daraus folgen? (...)

Das sind die Fragen dieses knapp zweistündigen, sehr streitbaren und ungemein aufschlussreichen Abends. Es ist damit im Theater eine Wirklichkeit angekommen, die jenseits der engen Bühnenbetriebsmoden längst durchlitten wird. Es wird jetzt also abermals zu prüfen und durchdringen sein, was gestern noch altmodisch, womöglich gar überwunden schien. Es gilt abermals, die eigenen und allgemeinen Vorurteile über uns Gegenwartsleute und unser Gegenwartstheater zu überdenken. Besseres kann einem nicht geschehen.
Für Kimmig ist es ein Sonnenuntergangsstück – das Zerrissensein blieb, der Horizont des Utopischen aber ist verschlossen. Verstellt vom Schreckensdogma der Alternativlosigkeit. Man sieht: eine in die Gegenwart kopierte Familie von Ichlingen, die allesamt mit der Pflege ihrer Seelenhinterhöfe beschäftigt sind. Hocken herum und schlagen sich, verlangen Reichtum und wüssten nicht, was damit anzufangen. Wollen geliebt werden und ängstigen sich, für die Liebe etwas herzuschenken. Suchen Leidenschaft und fürchten die Hingabe. Arme, stumpfe Karrieretröpfe. (...)

Dieser Abend ist Theater, das dem schnellen Blick schlichter Gemüter nach plumper Fernsehdramatik aussehen mag, nach einem Realismus, der auch mir oft wie die schiere Verdopplung einer schlechten Wirklichkeit vorkam, gerade bei Inszenierungen von Kimmig, gerade in der Erinnerung an seinen Prachtboulevard-Abend „Kinder der Sonne“ am DT vor vier Jahren. Diesmal aber ist es psychologischer Realismus schärfsten Wassers, kein weich gezeichnetes Gegenwartsaquarell, sondern ein Kupferstich, spitz und beißend.Es ist außerhalb der Theaterdiskurse derzeit viel von einem Neuen Realismus die Rede. Neuer Realismus heißt: die Versprechen auf Freiheit der Postmoderne, die Triumph-Rufe von den Todesnachrichten der Metaphysik sind verpufft. Und jetzt? Jetzt gewinnt eine alte, aber noch nie veraltete Einsicht wieder Gewicht, die Robert Spaemann kürzlich niederschrieb: "Unser Leben ist nicht in unserer Hand. Wir sind unserer selbst nicht mächtig." Aber was folgt daraus? Und was lassen wir daraus folgen? (...)

Das sind die Fragen dieses knapp zweistündigen, sehr streitbaren und ungemein aufschlussreichen Abends. Es ist damit im Theater eine Wirklichkeit angekommen, die jenseits der engen Bühnenbetriebsmoden längst durchlitten wird. Es wird jetzt also abermals zu prüfen und durchdringen sein, was gestern noch altmodisch, womöglich gar überwunden schien. Es gilt abermals, die eigenen und allgemeinen Vorurteile über uns Gegenwartsleute und unser Gegenwartstheater zu überdenken. Besseres kann einem nicht geschehen.
Der Tagesspiegel
Christine Wahl, 18.05.2014
Die bürgerliche Kernfamilie als Terrorzentrale der Intimität: Kein Wunder, dass der Matriarchin Wassa, die im knallroten Pullover als Einzige so etwas wie Alltags- und Erwerbstätigkeitsbereitschaft signalisiert und sich vom Rest der Sippe Proseminar-Sprüche über den bösen Kapitalismus anhören muss, bereits zur frühen Morgenstunde der Kamm schwillt. Die bürgerliche Kernfamilie als Terrorzentrale der Intimität: Kein Wunder, dass der Matriarchin Wassa, die im knallroten Pullover als Einzige so etwas wie Alltags- und Erwerbstätigkeitsbereitschaft signalisiert und sich vom Rest der Sippe Proseminar-Sprüche über den bösen Kapitalismus anhören muss, bereits zur frühen Morgenstunde der Kamm schwillt.
nachtkritik.de
Nikolaus Merck, 17.05.2014
Spielleiter Stephan Kimmig und seine Leute nehmen die Figuren ernst. Das bedeutet zum Beispiel: Sohn Pawel, den Alexander Khuon gibt, ist am Anfang völlig gaga. Er sabbert und brabbelt vor sich hin, er sei ein Schiff, das durch Eis... und solches Zeug. Was ihn aber nicht daran hindert, Mutter und Eheweib und Onkel brutalst zu bedrängen und dabei dennoch den Liebesbedürftigen, Zukurzgekommenen, Bemitleidenswerten nicht nur im Knopfloch zu tragen. Desgleichen Christoph Franken als der zweite Bruder Semjon. Gemeinsam mit Pawel eine rechte Skorpionenbrut, die Mutters Assistenten Alexander (in Vertretung von Gorkis Dienstmägden: Marcel Kohler, beachtlich) zusammenschlägt, Schwester Anna um den Esstisch jagt, wenn sie in Verdacht gerät, das Familienerbe zu erschleichen. Und doch gelingt es auch Franken, am Ende, wenn er mit gespitztem Kussmund um die Liebe der sich vor ihrer Ausgeburt ekelnden Mutter Wassa bettelt, als armer Junge, den man trösten möchte, vor den Herzen des Publikums zu erscheinen.
Selbst Bernd Stempel als steifstöckiger Verwalter Michailo macht als vergeblich liebender Ljudmilla-Vater Punkte. Und Michael Goldberg, obwohl er sich über Kratzer im Autolack beschweren muss und nicht mehr wie bei Gorki über getötete Tauben, steht am Ende alleine im Regen seiner unglücklichen Liebe zu Verwaltertochter und schaut nicht nur wie gewöhnlich auf diesem Theater übermüdet, sondern geradezu verloren und deshalb sehr menschlich drein. Bevor er erschlagen wird, weil er die Orgasmen mit Pawels Frau Ljudmilla als Morphium für seine Herzkrankheit gefeiert hatte.

Aber wie es, ungewöhnlich genug, ein Abend der Männer ist im Deutschen Theater, ist es auch ein Abend der Frauen. Wundersam, verrückt und tränenumflort somnambul gibt Katharina Marie Schubert Schwiegertochter Nr. 2, Michailos, also Stempels, Tochter Ljudmilla, die zugleich knüppelhart ihrem Mann Pawel jede Zärtlichkeit verweigert ("Meine Haut würde ich Dir gerne da lassen, wenn ich nur weg könnte"). Als revoluzzendes und ihren Kerl Semjon mit Klauen verteidigendes Springteufelchen Natalja, Schwiegertochter Nr. 1, sorgt Lisa Hrdina für den comic relief. Mit ihrem Auftrittsmotz "Gibt's keine Eier?" sollte sie sich für tragende Rollen in "Fuck ju Goethe" 2 bis 17 aufgedrängt haben. (...)

Und natürlich (...) die Diva Corinna Harfouch als Wassa. Harfouch ist die Seele und das Zentrum, Harfouch hält den Laden zusammen. Kraft ihrer Präsenz. Nüchtern, zurückgenommen, mit kleinen Zeichen der Sache Fahrt und Richtung gebend. (...)
Harfouch bebt innerlich und zeigt es außen, Harfouch kommandiert und Harfouch liebt, Harfouch kämpft um "ihren", also Wassas Besitz, den sie schließlich mit Tricks vor den untauglichen Söhnen in Sicherheit bringt, und Harfouch zeigt, dass sie sich die Liebe zur Familie aus der Seele schneiden muss, will sie die Firma behalten, die wiederum den Kitt abgeben soll, den Rest, allerdings den von Wassa selbst auserwählten Rest der Familie, Anna und Ljudmilla und sie selbst, zusammenzuhalten. Man könnte auch sagen, die Weise, wie die kapitalistischen Gesetze "in der Familie privatisiert werden" (Programmheft), gewinnt in Corinna Harfouchs Darstellung der Familienunternehmerin Wassa Schelesnowa eine vorbildliche Gestalt. Großer Jubel und Chapeau.
Spielleiter Stephan Kimmig und seine Leute nehmen die Figuren ernst. Das bedeutet zum Beispiel: Sohn Pawel, den Alexander Khuon gibt, ist am Anfang völlig gaga. Er sabbert und brabbelt vor sich hin, er sei ein Schiff, das durch Eis... und solches Zeug. Was ihn aber nicht daran hindert, Mutter und Eheweib und Onkel brutalst zu bedrängen und dabei dennoch den Liebesbedürftigen, Zukurzgekommenen, Bemitleidenswerten nicht nur im Knopfloch zu tragen. Desgleichen Christoph Franken als der zweite Bruder Semjon. Gemeinsam mit Pawel eine rechte Skorpionenbrut, die Mutters Assistenten Alexander (in Vertretung von Gorkis Dienstmägden: Marcel Kohler, beachtlich) zusammenschlägt, Schwester Anna um den Esstisch jagt, wenn sie in Verdacht gerät, das Familienerbe zu erschleichen. Und doch gelingt es auch Franken, am Ende, wenn er mit gespitztem Kussmund um die Liebe der sich vor ihrer Ausgeburt ekelnden Mutter Wassa bettelt, als armer Junge, den man trösten möchte, vor den Herzen des Publikums zu erscheinen.
Selbst Bernd Stempel als steifstöckiger Verwalter Michailo macht als vergeblich liebender Ljudmilla-Vater Punkte. Und Michael Goldberg, obwohl er sich über Kratzer im Autolack beschweren muss und nicht mehr wie bei Gorki über getötete Tauben, steht am Ende alleine im Regen seiner unglücklichen Liebe zu Verwaltertochter und schaut nicht nur wie gewöhnlich auf diesem Theater übermüdet, sondern geradezu verloren und deshalb sehr menschlich drein. Bevor er erschlagen wird, weil er die Orgasmen mit Pawels Frau Ljudmilla als Morphium für seine Herzkrankheit gefeiert hatte.

Aber wie es, ungewöhnlich genug, ein Abend der Männer ist im Deutschen Theater, ist es auch ein Abend der Frauen. Wundersam, verrückt und tränenumflort somnambul gibt Katharina Marie Schubert Schwiegertochter Nr. 2, Michailos, also Stempels, Tochter Ljudmilla, die zugleich knüppelhart ihrem Mann Pawel jede Zärtlichkeit verweigert ("Meine Haut würde ich Dir gerne da lassen, wenn ich nur weg könnte"). Als revoluzzendes und ihren Kerl Semjon mit Klauen verteidigendes Springteufelchen Natalja, Schwiegertochter Nr. 1, sorgt Lisa Hrdina für den comic relief. Mit ihrem Auftrittsmotz "Gibt's keine Eier?" sollte sie sich für tragende Rollen in "Fuck ju Goethe" 2 bis 17 aufgedrängt haben. (...)

Und natürlich (...) die Diva Corinna Harfouch als Wassa. Harfouch ist die Seele und das Zentrum, Harfouch hält den Laden zusammen. Kraft ihrer Präsenz. Nüchtern, zurückgenommen, mit kleinen Zeichen der Sache Fahrt und Richtung gebend. (...)
Harfouch bebt innerlich und zeigt es außen, Harfouch kommandiert und Harfouch liebt, Harfouch kämpft um "ihren", also Wassas Besitz, den sie schließlich mit Tricks vor den untauglichen Söhnen in Sicherheit bringt, und Harfouch zeigt, dass sie sich die Liebe zur Familie aus der Seele schneiden muss, will sie die Firma behalten, die wiederum den Kitt abgeben soll, den Rest, allerdings den von Wassa selbst auserwählten Rest der Familie, Anna und Ljudmilla und sie selbst, zusammenzuhalten. Man könnte auch sagen, die Weise, wie die kapitalistischen Gesetze "in der Familie privatisiert werden" (Programmheft), gewinnt in Corinna Harfouchs Darstellung der Familienunternehmerin Wassa Schelesnowa eine vorbildliche Gestalt. Großer Jubel und Chapeau.
NDR Kultur
Oliver Kranz, 17.05.2014
Die Harfouch ist der Star des Abends. Man kann ihre inneren Kämpfe mitverfolgen. Soll sie ihren Schwager, der die Firma ruinieren möchte, vergiften lassen? Sie zögert. Und auch als Mutter ist sie unsicher. Sie begegnet ihren Kindern grob, zeigt aber doch immer wieder, dass sie sie liebt. Ihren Sohn Pawel, der von seiner Frau betrogen wird, versucht sie zu trösten (... ).

Pawel wird von Alexander Khuon gespielt – sehr emotional und berührend. Und auch die anderen Akteure überzeugen. Die Aufführung ist von einer unglaublichen Intensität. Am Ende großer Applaus für Corinna Harfouch und das gesamte Ensemble.
Die Harfouch ist der Star des Abends. Man kann ihre inneren Kämpfe mitverfolgen. Soll sie ihren Schwager, der die Firma ruinieren möchte, vergiften lassen? Sie zögert. Und auch als Mutter ist sie unsicher. Sie begegnet ihren Kindern grob, zeigt aber doch immer wieder, dass sie sie liebt. Ihren Sohn Pawel, der von seiner Frau betrogen wird, versucht sie zu trösten (... ).

Pawel wird von Alexander Khuon gespielt – sehr emotional und berührend. Und auch die anderen Akteure überzeugen. Die Aufführung ist von einer unglaublichen Intensität. Am Ende großer Applaus für Corinna Harfouch und das gesamte Ensemble.

Außerdem im Spielplan

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URAUFFÜHRUNG
Zum 75. Geburtstag von Rosa von Praunheim

Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht

von Rosa von Praunheim
Regie: Rosa von Praunheim
21.30 Uhr Karaokeparty danach DJane Gerry Tale - Bar - Eintritt frei
Kammerspiele
19.00 - 21.10
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse
mit englischen Übertiteln
von Jean Genet
Deutsches Theater
19.30 - 21.05
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse
Box
19.30 - 21.15