Wintersonnenwende

Regie Jan Bosse
Kostüme Kathrin Plath
Dramaturgie David Heiligers
Deutschsprachige Erstaufführung am 23. Oktober 2015
Felix GoeserAlbert
Judith HofmannBettina
Jutta WachowiakCorinna
Bernd StempelRudolph
Edgar EckertKonrad
Albert
Bettina
Corinna
Rudolph
Konrad
Die deutsche Bühne
Reinhard Wengierek, 24.10.2015
"Mit diesem scheinbar ach so liebenswürdigen und kultivierten Biedermann aus Südamerika kam etwas offensichtlich extrem Fremdes, Böses ins Haus, tropft etwas in die Köpfe und Seelen dieser vorweihnachtlichen Gesellschaft, von dem sie meint, ansonsten nichts damit zu tun zu haben. Es ist das hier verführerisch süß schmeckende Gift faschistoider Ideologie, die vom Schönen und Guten schwärmt, vom sauberen, wohl geordneten Garten, der von Blattläusen gesäubert sein müsse, von der Vermischung mit Unkraut. Denn immer und überall müssten Ordnung und Reinheit über dreckiges Chaos triumphieren, womit selbstredend unser Liberal-Libertinäres, Kränkliches, unsere Glaubens- und Orientierungslosigkeit gemeint ist, dem der Untergang drohe. So wie in der Natur das Niedere und Schwächere dem Höheren, Gesunden und Stärkeren weichen müsse.

Damit ist in Roland Schimmelpfennigs Konversationsstück 'Wintersonnenwende' endlich heraus, was im schwarz abstrahierten Bühnenbild schon angedroht wurde: am Ende Schlimmes, eben kein Kabarett. Doch zuvor gibt es genau das in langen 100 Minuten. Quasi als grobkörniges Vorspiel zum subtil gedachten Menetekel: Nämlich die notorische Anfälligkeit der total demokratisierten, total freiheitlich sich dünkenden, unentwegt mit sich hadernden und letztlich ziellosen Bürgerlichkeit (und nicht nur der!) fürs Totalitäre mit seinen klaren Ansagen."
"Mit diesem scheinbar ach so liebenswürdigen und kultivierten Biedermann aus Südamerika kam etwas offensichtlich extrem Fremdes, Böses ins Haus, tropft etwas in die Köpfe und Seelen dieser vorweihnachtlichen Gesellschaft, von dem sie meint, ansonsten nichts damit zu tun zu haben. Es ist das hier verführerisch süß schmeckende Gift faschistoider Ideologie, die vom Schönen und Guten schwärmt, vom sauberen, wohl geordneten Garten, der von Blattläusen gesäubert sein müsse, von der Vermischung mit Unkraut. Denn immer und überall müssten Ordnung und Reinheit über dreckiges Chaos triumphieren, womit selbstredend unser Liberal-Libertinäres, Kränkliches, unsere Glaubens- und Orientierungslosigkeit gemeint ist, dem der Untergang drohe. So wie in der Natur das Niedere und Schwächere dem Höheren, Gesunden und Stärkeren weichen müsse.

Damit ist in Roland Schimmelpfennigs Konversationsstück 'Wintersonnenwende' endlich heraus, was im schwarz abstrahierten Bühnenbild schon angedroht wurde: am Ende Schlimmes, eben kein Kabarett. Doch zuvor gibt es genau das in langen 100 Minuten. Quasi als grobkörniges Vorspiel zum subtil gedachten Menetekel: Nämlich die notorische Anfälligkeit der total demokratisierten, total freiheitlich sich dünkenden, unentwegt mit sich hadernden und letztlich ziellosen Bürgerlichkeit (und nicht nur der!) fürs Totalitäre mit seinen klaren Ansagen."
nachtkritik.de
Simone Kaempf, 24.10.2015
"Bosse schafft es, die Spitzfindigkeiten von Schimmelpfennigs Text lustvoll auszuleuchten, bewegt sich eher entlang der Komödie. Wenn die Dialoge flutschen, entfächert sich unter ihrer Redegewandtheit und Angriffslust auch ein Psychogramm voll wackliger Haltungen und unangetasteter Grenzen. (...) Der Abend lebt auch durch die gute Schwebe, in der die Schauspieler ihre Figuren zwischen Ernst, ironischer Distanz und Melancholie halten. Seht her, so sind wir alle, spricht daraus. Felix Goeser als Albert ragt noch einmal heraus, einer, der seine Macken kultiviert und doch um Normalität ringt. Und einen Extra-Applaus erhält, wenn er slapstickhaft den großen Weihnachtsbaum zusammensteckt. Der Tannenbaum ist aus Plastik, aber in seiner Schiefgewachsenheit auf täuschend echt gemacht und wird von Bettina mit echten Kerzen schmückt – auch die Figuren bewegen sich zwischen Authentizität und Künstlichkeit, die ihnen zur zweiten Natur geworden ist. Judith Hofmann und Felix Goeser haben großartige Szenen. Wenn ihn die Tannennadeln piksen, sticht sie nach: 'Gibt's etwas, wogegen Du nicht allergisch bist?' Findet sie etwas verrückt, hält er es für gefährlich. Eine Albee'sche Eheschlacht in der freundlicheren und glatteren Prenzlauer-Berg-Variante." "Bosse schafft es, die Spitzfindigkeiten von Schimmelpfennigs Text lustvoll auszuleuchten, bewegt sich eher entlang der Komödie. Wenn die Dialoge flutschen, entfächert sich unter ihrer Redegewandtheit und Angriffslust auch ein Psychogramm voll wackliger Haltungen und unangetasteter Grenzen. (...) Der Abend lebt auch durch die gute Schwebe, in der die Schauspieler ihre Figuren zwischen Ernst, ironischer Distanz und Melancholie halten. Seht her, so sind wir alle, spricht daraus. Felix Goeser als Albert ragt noch einmal heraus, einer, der seine Macken kultiviert und doch um Normalität ringt. Und einen Extra-Applaus erhält, wenn er slapstickhaft den großen Weihnachtsbaum zusammensteckt. Der Tannenbaum ist aus Plastik, aber in seiner Schiefgewachsenheit auf täuschend echt gemacht und wird von Bettina mit echten Kerzen schmückt – auch die Figuren bewegen sich zwischen Authentizität und Künstlichkeit, die ihnen zur zweiten Natur geworden ist. Judith Hofmann und Felix Goeser haben großartige Szenen. Wenn ihn die Tannennadeln piksen, sticht sie nach: 'Gibt's etwas, wogegen Du nicht allergisch bist?' Findet sie etwas verrückt, hält er es für gefährlich. Eine Albee'sche Eheschlacht in der freundlicheren und glatteren Prenzlauer-Berg-Variante."
Berliner Morgenpost
Stefan Kirschner, 25.10.2015
"Jan Bosse entscheidet sich für Reduktion. Er liefert einen sehr unterhaltsamen, gut zweistündigen Abend ab, der vom Publikum mit herzlichem Applaus bedacht wurde. (...) Unbedingt erwähnenswert sind die von Magritte, Mondrian und Yves Saint Laurent inspirierten Kostüme von Katrin Plath. Die passen so schön zu dem vordergründig klischeebeladenen Stoff, in den Schimmelpfennig und Bosse hübsche kunstreferentielle Anspielungen eingewebt haben." "Jan Bosse entscheidet sich für Reduktion. Er liefert einen sehr unterhaltsamen, gut zweistündigen Abend ab, der vom Publikum mit herzlichem Applaus bedacht wurde. (...) Unbedingt erwähnenswert sind die von Magritte, Mondrian und Yves Saint Laurent inspirierten Kostüme von Katrin Plath. Die passen so schön zu dem vordergründig klischeebeladenen Stoff, in den Schimmelpfennig und Bosse hübsche kunstreferentielle Anspielungen eingewebt haben."
Märkische Oderzeitung
Uwe Stiehler, 26.10.2015
"Felix Goeser spielt den überforderten, kleinlauten, großkotzigen, ratlosen, verstolpert komischen Albert einfach hinreißend. Er changiert mühelos zwischen intellektuellem Überflieger, Familienchaot, Slapstick-Opfer und klarsichtigem Warner. Judith Hofmann gibt Bettina mit viel Gefühl und Tiefgang. Jutta Wachowiak (Corinna) wirkt genauso überzeugend. Ihr reicht ein 'Ach' um eine ganze Szene zu konterkarieren. Edgar Eckert macht als Konrad ungeheuer was los in diesem Stück. Körperbetont malocht er als Rampenwühler, romantischer Liebhaber und bilderstürmender Bühnenverwüster. In diesem Chaos steht Bernd Stempel (Rudolph) meistens als ruhender Pol, eine aparte, zuweilen zynische Erscheinung, ein schräger Vogel, ein irrer Windhund, ein kreuzgefährliches, weil so harmlos wirkendes Biest. Seinen größten Auftritt hat er, als er wie ein inszenierender Don Quijote seinen Gastgebern seine Idee für eine Oper entwirft. Für dieses schon fast dadaistische Zwischenspiel gab es zu Recht lauten Zwischenapplaus an diesem hinreißenden Theaterabend." "Felix Goeser spielt den überforderten, kleinlauten, großkotzigen, ratlosen, verstolpert komischen Albert einfach hinreißend. Er changiert mühelos zwischen intellektuellem Überflieger, Familienchaot, Slapstick-Opfer und klarsichtigem Warner. Judith Hofmann gibt Bettina mit viel Gefühl und Tiefgang. Jutta Wachowiak (Corinna) wirkt genauso überzeugend. Ihr reicht ein 'Ach' um eine ganze Szene zu konterkarieren. Edgar Eckert macht als Konrad ungeheuer was los in diesem Stück. Körperbetont malocht er als Rampenwühler, romantischer Liebhaber und bilderstürmender Bühnenverwüster. In diesem Chaos steht Bernd Stempel (Rudolph) meistens als ruhender Pol, eine aparte, zuweilen zynische Erscheinung, ein schräger Vogel, ein irrer Windhund, ein kreuzgefährliches, weil so harmlos wirkendes Biest. Seinen größten Auftritt hat er, als er wie ein inszenierender Don Quijote seinen Gastgebern seine Idee für eine Oper entwirft. Für dieses schon fast dadaistische Zwischenspiel gab es zu Recht lauten Zwischenapplaus an diesem hinreißenden Theaterabend."
Berliner Zeitung
Dirk Pilz, 26.10.2015
"Felix Goeser als Albert kickt seine Figur mit Raffinesse ins Komische, Judith Hofmann taucht ihre Bettina gern unvermutet ins Grelle, Jutta Wachowiak projiziert die Gudrun-Seite ins Großflächige und die Corinna-Seite ins Garstige. Edgar Eckert lässt seinen Konrad in einer schönen Krawallnummer explodieren. Die Weingläser fliegen vom Tisch, der Weihnachtsbaum kippt herunter. Es sind viele Wege zwischen glucksender Ironie und stürmischem Ernst, den dieser Abend entdeckt. (...) Die Figuren tragen ihren Oberflächenbetrug wie Schnitzerk vor sich her. Sie hüpfen von der Erzähl- in die Einfühlungsposition und können ihre raschelnde Ausgedachtheit nie verbergen. Sollen sie auch nicht. Aber was wollen sie dann? Jan Bosse antwortet darauf, indem er sich am Ende von der Voralge losreißt und mit diesem einen 'Saujuden'-Satz die gesamte Familiendramenblase platzen lässt. Und weil Bernd Stempel seinen Rudolph gekonnt in die Schwebe zwischen Alt- und Neunazi versetzt, ihn so liebenswürdig wie infam aussehen lässt, ist er ein echter Wirkungstreffer. Das Stück zerbröselt, die gesamte Scheinwelt verpufft." "Felix Goeser als Albert kickt seine Figur mit Raffinesse ins Komische, Judith Hofmann taucht ihre Bettina gern unvermutet ins Grelle, Jutta Wachowiak projiziert die Gudrun-Seite ins Großflächige und die Corinna-Seite ins Garstige. Edgar Eckert lässt seinen Konrad in einer schönen Krawallnummer explodieren. Die Weingläser fliegen vom Tisch, der Weihnachtsbaum kippt herunter. Es sind viele Wege zwischen glucksender Ironie und stürmischem Ernst, den dieser Abend entdeckt. (...) Die Figuren tragen ihren Oberflächenbetrug wie Schnitzerk vor sich her. Sie hüpfen von der Erzähl- in die Einfühlungsposition und können ihre raschelnde Ausgedachtheit nie verbergen. Sollen sie auch nicht. Aber was wollen sie dann? Jan Bosse antwortet darauf, indem er sich am Ende von der Voralge losreißt und mit diesem einen 'Saujuden'-Satz die gesamte Familiendramenblase platzen lässt. Und weil Bernd Stempel seinen Rudolph gekonnt in die Schwebe zwischen Alt- und Neunazi versetzt, ihn so liebenswürdig wie infam aussehen lässt, ist er ein echter Wirkungstreffer. Das Stück zerbröselt, die gesamte Scheinwelt verpufft."

Die Kraft der Kunst

Regisseur Jan Bosse über 'Wintersonnenwende'

Der Wunsch nach der entideologisierten Zone

Ein Gespräch mit der Schauspielerin Jutta Wachowiak

Außerdem im Spielplan

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von Dietrich Brüggemann
Regie: Dietrich Brüggemann
Box
19.30 - 21.00
URAUFFÜHRUNG
von Thomas Melle
Anschl. Premierenparty mit der Band Rainer von Vielen - Bar und Foyer Kammerspiele
Kammerspiele
20.00 - 22.00

Von Mainz bis an die Memel CXXXVII

Ein Videoschnipselvortrag von Kuttner
Deutsches Theater
21.00