Hochzeit

von Elias Canetti
Licht Matthias Vogel
Dramaturgie Juliane Koepp
Premiere
9. Juni 2017, Ruhrfestspiele Recklinghausen
Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen
Jörg PoseOberbaurat Segenreich, Brautvater
Natali SeeligJohanna, die Brautmutter
Franziska MachensChrista, die Braut
Camill JammalKarl, ihr Bruder im dritten Semester
Nina GummichMariechen, das Jüngste, vierzehnjährig
Bernd MossDirektor Schön, ein Freund
Moritz GroveHorch, ein Idealist
Wiebke MollenhauerWitwe Zart
Markwart Müller-ElmauDr. Bock, Hausarzt, achtzigjährig
Elias ArensGall, Apotheker
Anja SchneiderMonika Gall, seine Frau
Harald BaumgartnerRosig, Sargfabrikant
Linda PöppelAnita
Nele RosetzPepi Kokosch
Edgar EckertMichel, der Bräutigam
Tabitha FrehnerToni Gilz
Oberbaurat Segenreich, Brautvater
Johanna, die Brautmutter
Christa, die Braut
Karl, ihr Bruder im dritten Semester
Mariechen, das Jüngste, vierzehnjährig
Direktor Schön, ein Freund
Horch, ein Idealist
Witwe Zart
Dr. Bock, Hausarzt, achtzigjährig
Gall, Apotheker
Monika Gall, seine Frau
Rosig, Sargfabrikant
Pepi Kokosch
Michel, der Bräutigam
Toni Gilz
Sonntagsnachrichten Herne
Pitt Hermann, 12.06.2017
"Ganz in Weiß mit einem Blumenstrauß": Andreas Kriegenburg konzentriert sich ganz auf das höchst turbulent inszenierte, von Harald Thor (seine hydraulische Bühne wankt wie demnächst die "Bundeswippe" auf der Berliner Schlossfreiheit) und Andrea Schaad (burlesk-offenherzige Kostüme) opulent ausgestattete vor allem sexuell triebhafte Geschehen in der Beletage. Im Stil einer auf Droge gesetzten Brechtschen "Kleinbürgerhochzeit" unter wohlsituierten höheren Beamten und akademischen Freiberuflern erzeugt der Regisseur schenkelklopfende Heiterkeit beim unterhaltungsdurstigen Festivalpublikum, das sich köstlich über diese schrägen Typen amüsiert und gar nicht auf die Idee kommt, selbst gemeint zu sein. [...]

Kriegenburg kann sich auf ein wahrlich hochkarätiges Ensemble verlassen, das er zu Beginn wie beim Starring einer der zahllosen amerikanischen Netz-Serien im Blitzlichtgewitter posieren lässt. Allen voran Jörg Pose als selbstgewisser Oberbaurat Segenreich, stolzer Brautvater der 21-jährigen Christa (ganz Tochter ihrer Mutter: eine handfeste Franziska Machens), die als Zwölfjährige vom Hausarzt und Freund der Familie mit dem sprechenden Namen Dr. Bock (Markwart Müller-Elmau gibt den achtzigjährigen Fummler noch vergleichsweise zurückgenommen) verführt worden ist. Was freilich in dem ganzen Kriegenburg-Klamauk untergeht.

Bock erlaubt sich, bei Canetti noch unter dem Tisch, anzügliche Freiheiten bei Anita (Linda Pöppel), obwohl die sich doch gerade mit Peter Hell verlobt hat. Der freilich bei Kriegenburg dem Rotstift zum Opfer gefallen ist. Macht hier aber nichts, weil sich das Schnitzlersche Reigen-Karussell in dermaßen hohem Tempo dreht, dass mit Kollateralschäden gerechnet werden muss.

Natali Seelig ist eine Brautmutter "mit dem jungen Herzen und den blühenden Formen" wie sie im Buche steht: Sie hat daheim die Hosen an und lässt sich diese nur allzu gern vom Bräutigam Michel (Edgar Eckert) im eigenen Ehebett ausziehen, wie ihr mit 14 Jahren jüngstes Kind Mariechen mitbekommen hat und erpresserisch auszunutzen weiß: Nina Gummich als rosafarbenes Bonbon von frühreifem Früchtchen, dass es auf den Bräutigam abgesehen hat, welcher wiederum nicht abgeneigt ist, nach der Mutter auch die Tochter zu beglücken.

Wiebke Mollenhauer gibt eine mit knapp Dreißig allzu junge Witwe mit dem nicht minder sprechenden Namen Zart, die zumindest hier alles andere als mimosenhaft auftritt und nicht mit ihren Reizen geizt, um bei Horch (strizzihaft: Moritz Grove) zu punkten, einem allseits umschwärmten jungen Feuerkopf (der von Canetti gebrauchte Begriff "Idealist" ist heute, 85 Jahre nach seiner Entstehung, missverständlich).

Schön (Bernd Moss) heißt zwar so, ist es aber nicht. Was den Herrn Direktor nicht weiter stört in seinen Ambitionen die Brautmutter Johanna betreffend oder die Witwe Zart, deren Mann seit zwei Jahren unter der Erde ist. Rosig (Harald Baumgartner als Sexual-Slapsticker) dagegen, der Sargfabrikant, ist nicht abgeneigt, Monika Gall (Anja Schneider) mehr als nur ihr den Hof zu machen. Zumal deren Gatte, der Apotheker (Elias Arens als Tattergreis kurz vor dem natürlichen Exitus), nichts dagegen hatte - mer muss och jünne künne. Schließlich ist auch noch Pepi Kokosch (Nele Rosetz) aus dem Souterrain aufgetaucht, um die sich Karl (Camill Jammal), Student im dritten Semester und Bruder der Braut, bemüht, bevor Horch vom inzwischen betrunkenen Hausherrn das Zepter übernimmt und eine etwas andere Reise nach Jerusalem in Gang setzt: Wer will mit wem zusammen sein, wenn der Untergang naht?
"Ganz in Weiß mit einem Blumenstrauß": Andreas Kriegenburg konzentriert sich ganz auf das höchst turbulent inszenierte, von Harald Thor (seine hydraulische Bühne wankt wie demnächst die "Bundeswippe" auf der Berliner Schlossfreiheit) und Andrea Schaad (burlesk-offenherzige Kostüme) opulent ausgestattete vor allem sexuell triebhafte Geschehen in der Beletage. Im Stil einer auf Droge gesetzten Brechtschen "Kleinbürgerhochzeit" unter wohlsituierten höheren Beamten und akademischen Freiberuflern erzeugt der Regisseur schenkelklopfende Heiterkeit beim unterhaltungsdurstigen Festivalpublikum, das sich köstlich über diese schrägen Typen amüsiert und gar nicht auf die Idee kommt, selbst gemeint zu sein. [...]

Kriegenburg kann sich auf ein wahrlich hochkarätiges Ensemble verlassen, das er zu Beginn wie beim Starring einer der zahllosen amerikanischen Netz-Serien im Blitzlichtgewitter posieren lässt. Allen voran Jörg Pose als selbstgewisser Oberbaurat Segenreich, stolzer Brautvater der 21-jährigen Christa (ganz Tochter ihrer Mutter: eine handfeste Franziska Machens), die als Zwölfjährige vom Hausarzt und Freund der Familie mit dem sprechenden Namen Dr. Bock (Markwart Müller-Elmau gibt den achtzigjährigen Fummler noch vergleichsweise zurückgenommen) verführt worden ist. Was freilich in dem ganzen Kriegenburg-Klamauk untergeht.

Bock erlaubt sich, bei Canetti noch unter dem Tisch, anzügliche Freiheiten bei Anita (Linda Pöppel), obwohl die sich doch gerade mit Peter Hell verlobt hat. Der freilich bei Kriegenburg dem Rotstift zum Opfer gefallen ist. Macht hier aber nichts, weil sich das Schnitzlersche Reigen-Karussell in dermaßen hohem Tempo dreht, dass mit Kollateralschäden gerechnet werden muss.

Natali Seelig ist eine Brautmutter "mit dem jungen Herzen und den blühenden Formen" wie sie im Buche steht: Sie hat daheim die Hosen an und lässt sich diese nur allzu gern vom Bräutigam Michel (Edgar Eckert) im eigenen Ehebett ausziehen, wie ihr mit 14 Jahren jüngstes Kind Mariechen mitbekommen hat und erpresserisch auszunutzen weiß: Nina Gummich als rosafarbenes Bonbon von frühreifem Früchtchen, dass es auf den Bräutigam abgesehen hat, welcher wiederum nicht abgeneigt ist, nach der Mutter auch die Tochter zu beglücken.

Wiebke Mollenhauer gibt eine mit knapp Dreißig allzu junge Witwe mit dem nicht minder sprechenden Namen Zart, die zumindest hier alles andere als mimosenhaft auftritt und nicht mit ihren Reizen geizt, um bei Horch (strizzihaft: Moritz Grove) zu punkten, einem allseits umschwärmten jungen Feuerkopf (der von Canetti gebrauchte Begriff "Idealist" ist heute, 85 Jahre nach seiner Entstehung, missverständlich).

Schön (Bernd Moss) heißt zwar so, ist es aber nicht. Was den Herrn Direktor nicht weiter stört in seinen Ambitionen die Brautmutter Johanna betreffend oder die Witwe Zart, deren Mann seit zwei Jahren unter der Erde ist. Rosig (Harald Baumgartner als Sexual-Slapsticker) dagegen, der Sargfabrikant, ist nicht abgeneigt, Monika Gall (Anja Schneider) mehr als nur ihr den Hof zu machen. Zumal deren Gatte, der Apotheker (Elias Arens als Tattergreis kurz vor dem natürlichen Exitus), nichts dagegen hatte - mer muss och jünne künne. Schließlich ist auch noch Pepi Kokosch (Nele Rosetz) aus dem Souterrain aufgetaucht, um die sich Karl (Camill Jammal), Student im dritten Semester und Bruder der Braut, bemüht, bevor Horch vom inzwischen betrunkenen Hausherrn das Zepter übernimmt und eine etwas andere Reise nach Jerusalem in Gang setzt: Wer will mit wem zusammen sein, wenn der Untergang naht?

Außerdem im Spielplan

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60 Jahre Antikriegstag

Die Zukunft im Beifall der Bomben

"Septembren" von Philippe Malone
Mit Corinna Harfouch, Kathleen Morgeneyer, Hannes Gwisdek (Sound), Helge Leiberg (Live-Malerei)
Deutsches Theater
19.30
Eintritt frei