10 Gebote

Eine zeitgenössische Recherche von 15 Autor_innen, 9 Schauspieler_innen und 1 Schaf
Mit Texten und Videos von Maxim Drüner (K.I.Z)/Juri Sternburg, Sherko Fatah, Nino Haratischwili, Navid Kermani, Bernadette Knoller/Anja Läufer/Claudia Trost, Dea Loher, Clemens Meyer, Rocko Schamoni, Jochen Schmidt, Jan Soldat, Mark Terkessidis, Felicia Zeller
Licht Matthias Vogel
Ton Marcel Braun, Matthias Lunow
Dramaturgie Anika Steinhoff
Uraufführung am 21. Januar 2017, Deutsches Theater
Markus Graf
Judith Hofmann
Lorna Ishema
Ole Lagerpusch
Benjamin Lillie
Wiebke Mollenhauer
Helmut Mooshammer
Andreas Pietschmann
Natali Seelig
Hamburger Abendblatt
Heinrich Oehmsen, 06.02.2017
Der Pop-Journalist Mark Terkessidis lässt Ole Lagerpusch und Wiebke Mollenhauer zum Disco-Song "Love Shack" von den B-52's lustige Sätze über Political Correctness, Bio-Business und das Pharisäertum der gebildeten Oberschicht sagen. Auch Nino Haratischwilis Ehebruch-Szene mit ihrem überraschenden Ende ist von Hofmann, Mooshammer und Pietschmann stark gespielt; das von dem K.I.Z.-Rapper Maxim Drüner und dem Dramatiker Juri Sternburg erdachte Zwiegespräch zum Gebot "Du sollst nicht stehlen" hat loriotsche Qualität. Der Pop-Journalist Mark Terkessidis lässt Ole Lagerpusch und Wiebke Mollenhauer zum Disco-Song "Love Shack" von den B-52's lustige Sätze über Political Correctness, Bio-Business und das Pharisäertum der gebildeten Oberschicht sagen. Auch Nino Haratischwilis Ehebruch-Szene mit ihrem überraschenden Ende ist von Hofmann, Mooshammer und Pietschmann stark gespielt; das von dem K.I.Z.-Rapper Maxim Drüner und dem Dramatiker Juri Sternburg erdachte Zwiegespräch zum Gebot "Du sollst nicht stehlen" hat loriotsche Qualität.
Donaukurier
Raphael Engert, 06.02.2017
"Du sollst nicht töten!", "Du sollst nicht stehlen!", "Du sollst nicht lügen!"
Wie selbstverständlich lesen sich für uns diese Sätze. Sie sind so fest in unserer Kultur und unserem gegenseitigen Umgang verwurzelt, dass wir nur selten über ihren Ursprung nachdenken, geschweige denn sie infrage stellen. Dabei ist es ja eigentlich nicht selbstverständlich, dass zehn mehr oder weniger simple Regeln, die vor mehreren Tausend Jahren einmal aufgestellt wurden, noch heute einen derart großen Einfluss auf das menschliche Zusammenleben haben. Doch der Zahn der Zeit, dem schon so manche als unumstößlich gegoltene Gewohnheit zum Opfer gefallen ist, hat den Zehn Geboten bis jetzt verhältnismäßig wenig anhaben können; ein Großteil gilt noch immer als unbedingte moralische Instanz. Doch was haben uns Aufforderungen wie "Du sollst nicht begehren deines nächsten Haus!" oder "Du sollst den Feiertag heiligen!'' noch zu sagen in Zeiten, in denen täglich Werbung auf uns einstürzt und es immer mehr zur Normalität wird ''24/7'' erreichbar zu sein.

Dieser Frage hat sich die Regisseurin Jette Steckel zusammen mit ihrem Ensemble und 15 zeitgenössischen Künstlern angenommen. Im Deutschen Theater Berlin hat sie ''Eine zeitgenössische Recherche von 15 Autor_innen, 9 Schauspieler_innen und 1 Schaf'' erarbeitet, die die Zehn Gebote in den Mittelpunkt stellt und fragt, welche Bedeutung sie in unserer Gesellschaft noch haben können oder sollten. Schriftsteller, Dramatiker und Filmemacher haben sich jeweils mit einem Gebot auseinandergesetzt. [...]
Dementsprechend heterogen fällt der Abend in seiner Gesamtheit aus. Doch das Ensemble nutzt diese Heterogenität, treibt sie auf die Spitze und schafft es dabei immer wieder, ein Abbild unserer medialisierten Alltagserfahrung hervorzurufen.

So soll ein ''Denkraum'' im Theatersaal entstehen – ein dichtes Geflecht aus Bibelanleihen, Alltagssituationen, Grotesken und Anspielungen auf aktuelle Ereignisse. Der Zuschauer wird zum Denken herausgefordert, es bleibt ihn nichts anderes übrig. Was bedeutet das Gebot, nicht zu stehlen, in einer globalisierten Welt, in der man täglich auf Kosten von Leuten in fernen Ländern günstig einkaufen kann? Welchen Wert hat die ''Wahrheit'' noch in Zeiten, in denen sich ein US-Präsident auf alternative Fakten beruft? Und was kann das Verbot des Ehebruchs heute wohl noch anderes sein als ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten?

Auf all diese Fragen hat natürlich auch der etwa vierstündige Abend im Theater keine klaren Antworten, er versucht auch gar nicht erst, eindeutige zu geben. Aber in Zeiten, in denen man regelmäßig hören kann, wie wichtig es ist, die eigenen Werte zu verteidigen, erinnert er daran, dass man sich selbst auch immer wieder seiner eigenen Werte vergewissern und sie überprüfen muss, bevor man Anspruch darauf erheben kann, sie anderen als Norm und Orientierung zu setzen.
"Du sollst nicht töten!", "Du sollst nicht stehlen!", "Du sollst nicht lügen!"
Wie selbstverständlich lesen sich für uns diese Sätze. Sie sind so fest in unserer Kultur und unserem gegenseitigen Umgang verwurzelt, dass wir nur selten über ihren Ursprung nachdenken, geschweige denn sie infrage stellen. Dabei ist es ja eigentlich nicht selbstverständlich, dass zehn mehr oder weniger simple Regeln, die vor mehreren Tausend Jahren einmal aufgestellt wurden, noch heute einen derart großen Einfluss auf das menschliche Zusammenleben haben. Doch der Zahn der Zeit, dem schon so manche als unumstößlich gegoltene Gewohnheit zum Opfer gefallen ist, hat den Zehn Geboten bis jetzt verhältnismäßig wenig anhaben können; ein Großteil gilt noch immer als unbedingte moralische Instanz. Doch was haben uns Aufforderungen wie "Du sollst nicht begehren deines nächsten Haus!" oder "Du sollst den Feiertag heiligen!'' noch zu sagen in Zeiten, in denen täglich Werbung auf uns einstürzt und es immer mehr zur Normalität wird ''24/7'' erreichbar zu sein.

Dieser Frage hat sich die Regisseurin Jette Steckel zusammen mit ihrem Ensemble und 15 zeitgenössischen Künstlern angenommen. Im Deutschen Theater Berlin hat sie ''Eine zeitgenössische Recherche von 15 Autor_innen, 9 Schauspieler_innen und 1 Schaf'' erarbeitet, die die Zehn Gebote in den Mittelpunkt stellt und fragt, welche Bedeutung sie in unserer Gesellschaft noch haben können oder sollten. Schriftsteller, Dramatiker und Filmemacher haben sich jeweils mit einem Gebot auseinandergesetzt. [...]
Dementsprechend heterogen fällt der Abend in seiner Gesamtheit aus. Doch das Ensemble nutzt diese Heterogenität, treibt sie auf die Spitze und schafft es dabei immer wieder, ein Abbild unserer medialisierten Alltagserfahrung hervorzurufen.

So soll ein ''Denkraum'' im Theatersaal entstehen – ein dichtes Geflecht aus Bibelanleihen, Alltagssituationen, Grotesken und Anspielungen auf aktuelle Ereignisse. Der Zuschauer wird zum Denken herausgefordert, es bleibt ihn nichts anderes übrig. Was bedeutet das Gebot, nicht zu stehlen, in einer globalisierten Welt, in der man täglich auf Kosten von Leuten in fernen Ländern günstig einkaufen kann? Welchen Wert hat die ''Wahrheit'' noch in Zeiten, in denen sich ein US-Präsident auf alternative Fakten beruft? Und was kann das Verbot des Ehebruchs heute wohl noch anderes sein als ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten?

Auf all diese Fragen hat natürlich auch der etwa vierstündige Abend im Theater keine klaren Antworten, er versucht auch gar nicht erst, eindeutige zu geben. Aber in Zeiten, in denen man regelmäßig hören kann, wie wichtig es ist, die eigenen Werte zu verteidigen, erinnert er daran, dass man sich selbst auch immer wieder seiner eigenen Werte vergewissern und sie überprüfen muss, bevor man Anspruch darauf erheben kann, sie anderen als Norm und Orientierung zu setzen.
Berliner Morgenpost
Elisa von Hof, 23.01.2017
Es sind zwölf Abende hineingeschachtelt in einen, zwölf Stücke verwoben in einem. Denn Jette Steckels Inszenierung "10 Gebote", die am Sonnabend Premiere im Deutschen Theater hatte, knöpft sich die titelstiftenden Gebote häppchenweise vor. [...]
Um zu überprüfen, ob man sich heute noch mit den Geboten identifiziert und überhaupt mit dieser Moral, die wenig Scheitern zulässt und ziemlich viel Gehorsam verlangt, hat sich Jette Steckel mit 15 Autoren zusammengetan, darunter sind auch die Musiker Rocko Schamoni und Maxim Drüner von K.I.Z. [...]
Was Steckel hier auf die Bühne bringt, das ist ein bisschen wie ein Orkan. Der Zuschauer sitzt in dessen Auge, man sieht alles an sich vorbei ziehen so wie die Bühne, die sich unablässig dreht. Die stiftet den Zusam­men-halt der Episoden. Florian Lösche hat sie sich erdacht, eine ähnliche hat er bereits für Steckels Sartre-Stück "Die schmutzigen Hände" entworfen. Das dunkelgraue Labyrinth offenbart immer neue Räume wie Geheimnisse, mal mehr im Licht, mal mehr im Dunkeln. Nichts ist statisch, alles möglich. So wie die Handhabe der zehn Gebote.
Es sind zwölf Abende hineingeschachtelt in einen, zwölf Stücke verwoben in einem. Denn Jette Steckels Inszenierung "10 Gebote", die am Sonnabend Premiere im Deutschen Theater hatte, knöpft sich die titelstiftenden Gebote häppchenweise vor. [...]
Um zu überprüfen, ob man sich heute noch mit den Geboten identifiziert und überhaupt mit dieser Moral, die wenig Scheitern zulässt und ziemlich viel Gehorsam verlangt, hat sich Jette Steckel mit 15 Autoren zusammengetan, darunter sind auch die Musiker Rocko Schamoni und Maxim Drüner von K.I.Z. [...]
Was Steckel hier auf die Bühne bringt, das ist ein bisschen wie ein Orkan. Der Zuschauer sitzt in dessen Auge, man sieht alles an sich vorbei ziehen so wie die Bühne, die sich unablässig dreht. Die stiftet den Zusam­men-halt der Episoden. Florian Lösche hat sie sich erdacht, eine ähnliche hat er bereits für Steckels Sartre-Stück "Die schmutzigen Hände" entworfen. Das dunkelgraue Labyrinth offenbart immer neue Räume wie Geheimnisse, mal mehr im Licht, mal mehr im Dunkeln. Nichts ist statisch, alles möglich. So wie die Handhabe der zehn Gebote.
neues deutschland
Martin Hatzius, 24.01.2017
"Immer! Muss ich! Alles! Sollen!" dröhnt eingangs ein rockiger Rap aus den Boxen, zu dem die neun Schauspieler wild tanzen, während über ihren Köpfen der leuchtende Schriftzug "Du sollst" vom Himmel hängt. Er wird später verschwunden sein. Wo kein Gebieter mehr akzeptiert, geschweige denn angebetet wird, sind dort auch die Gebote – als moralischer Konsens, der Gesellschaft erst stiftet – obsolet geworden?
Für ihre "zeitgenössische Recherche", so der Untertitel, hat Jette Steckel 15 Autoren in die Spur geschickt, dieser Frage nachzugehen. [...] So unterschiedlich die Autoren – vom literarischen Familienarchivar Jochen Schmidt über die Beziehungsdramatikerin Nino Haratischwili bis zum Ost-West-Grenzgänger Sherko Fatah und der Filmemacherin Bernadette Knoller –, so unterschiedlich sind auch ihre Herangehensweisen: hier dokumentarisch, dort erzählend, hier komödiantisch, dort bitterernst. [...] Für die Schauspieler ist es ein Fest! Benjamin Lillie etwa darf sich im Star-Wars-Schlafanzug in eine Suada hineindelirieren, wie sie wohl nur Clemens Meyer zu schreiben versteht: Im Schweinsgalopp reitet er nicht allein das erste Gebot Gottes zurecht, der hier "Mäcloud" und "Wolkenmäcki" heißt, sondern mit ihm die halbe Popkulturgeschichte und einen gehörigen Haufen Zweifel. Oder Ole Lagerpusch und Wiebke Mollenhauer, er im schlumpfblauen, sie im glitzergoldenen Kapuzenoverall: Sie zelebrieren Mark Terkessidis' politaktivistischen Dialog über den Neid (das neunte Gebot) mit einer parodistischen Wucht, als könnte man diesen klugen Text über die Jetztzeit in der Disco tanzen. Überhaupt, dieser schmächtige Lagerpusch! Wie er von einer Rolle in die nächste schlüpft, das ist Schauspielkunst in Hochform.
"Immer! Muss ich! Alles! Sollen!" dröhnt eingangs ein rockiger Rap aus den Boxen, zu dem die neun Schauspieler wild tanzen, während über ihren Köpfen der leuchtende Schriftzug "Du sollst" vom Himmel hängt. Er wird später verschwunden sein. Wo kein Gebieter mehr akzeptiert, geschweige denn angebetet wird, sind dort auch die Gebote – als moralischer Konsens, der Gesellschaft erst stiftet – obsolet geworden?
Für ihre "zeitgenössische Recherche", so der Untertitel, hat Jette Steckel 15 Autoren in die Spur geschickt, dieser Frage nachzugehen. [...] So unterschiedlich die Autoren – vom literarischen Familienarchivar Jochen Schmidt über die Beziehungsdramatikerin Nino Haratischwili bis zum Ost-West-Grenzgänger Sherko Fatah und der Filmemacherin Bernadette Knoller –, so unterschiedlich sind auch ihre Herangehensweisen: hier dokumentarisch, dort erzählend, hier komödiantisch, dort bitterernst. [...] Für die Schauspieler ist es ein Fest! Benjamin Lillie etwa darf sich im Star-Wars-Schlafanzug in eine Suada hineindelirieren, wie sie wohl nur Clemens Meyer zu schreiben versteht: Im Schweinsgalopp reitet er nicht allein das erste Gebot Gottes zurecht, der hier "Mäcloud" und "Wolkenmäcki" heißt, sondern mit ihm die halbe Popkulturgeschichte und einen gehörigen Haufen Zweifel. Oder Ole Lagerpusch und Wiebke Mollenhauer, er im schlumpfblauen, sie im glitzergoldenen Kapuzenoverall: Sie zelebrieren Mark Terkessidis' politaktivistischen Dialog über den Neid (das neunte Gebot) mit einer parodistischen Wucht, als könnte man diesen klugen Text über die Jetztzeit in der Disco tanzen. Überhaupt, dieser schmächtige Lagerpusch! Wie er von einer Rolle in die nächste schlüpft, das ist Schauspielkunst in Hochform.

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