4.48 Psychose

von Sarah Kane
Regie / Bühne Ulrich Rasche
Komposition und Musikalische Leitung Nico van Wersch
Chorleitung Toni Jessen
Kostüme Clemens Leander
Video und Live-Kamera Florian Seufert
Ton Marcel Braun, Martin Person
Dramaturgie David Heiligers
Premiere
17. Januar 2020
Deutsches Theater
Elias Arens
Katja Bürkle
Thorsten Hierse
Toni Jessen
Jürgen Lehmann
Kathleen Morgeneyer
Justus Pfankuch
Linda Pöppel
Yannik Stöbener
Carsten Brocker (E-Orgel)Live-Musik
Katelyn King (Schlagwerk)Live-Musik
Špela Mastnak (Schlagwerk)Live-Musik
Thomsen Merkel (Bass)Live-Musik
Carsten Brocker (E-Orgel), Katelyn King (Schlagwerk), Špela Mastnak (Schlagwerk), Thomsen Merkel (Bass)
Live-Musik
Der Tagesspiegel
Christine Wahl, 18.01.2020
Und herausgekommen ist schließlich – das lässt sich ohne Wenn und Aber sagen – auch einer der größten Abende seit langem. Möglicherweise der klügste und genaueste, den Ulrich Rasche bis dato inszeniert hat [...]

"4.48 Psychose" klingt im Deutschen Theater nicht nur überraschend zeitgenössisch, ja geradezu zeitdiagnostisch.

Der Regisseur verteilt den Text auf drei Schauspielerinnen und sechs Schauspieler, die jeweils überdurchschnittlich viele singuläre Sprechanteile haben, von denen man einige noch nie so großartig gesehen hat wie hier.

Es sind die kürzesten 170 Minuten seit langem im Theater, was über das Schauspiel hinaus vor allem den Kompositionen Nico van Werschs und den außergewöhnlichen Live-Musikern zu verdanken ist.

Ein wirklich großer, maßstabsetzender Abend!
Und herausgekommen ist schließlich – das lässt sich ohne Wenn und Aber sagen – auch einer der größten Abende seit langem. Möglicherweise der klügste und genaueste, den Ulrich Rasche bis dato inszeniert hat [...]

"4.48 Psychose" klingt im Deutschen Theater nicht nur überraschend zeitgenössisch, ja geradezu zeitdiagnostisch.

Der Regisseur verteilt den Text auf drei Schauspielerinnen und sechs Schauspieler, die jeweils überdurchschnittlich viele singuläre Sprechanteile haben, von denen man einige noch nie so großartig gesehen hat wie hier.

Es sind die kürzesten 170 Minuten seit langem im Theater, was über das Schauspiel hinaus vor allem den Kompositionen Nico van Werschs und den außergewöhnlichen Live-Musikern zu verdanken ist.

Ein wirklich großer, maßstabsetzender Abend!
Süddeutsche Zeitung
Peter Laudenbach, 20.01.2020
Ulrich Rasche inszeniert Sarah Kanes "4.48 Psychose" am Deutschen Theater Berlin chorstark auf Laufbändern. Ein erschütterndes Exerzitium.

Wieder einmal marschieren die Spieler auf mehreren Laufbändern auf der Stelle - ein starkes Bild für den rasenden Stillstand, die in endlosen Wiederholungsschleifen tobenden Gedankenketten der Kranken (die Bühne hat der Regisseur gemeinsam mit Franz Dittrich entworfen). Rasche unterlegt die gesamte Aufführung mit einem lauten Soundtrack, der starke Sogkraft entwickelt […]

Die elektronisch verfremdeten Schlaginstrument-Patterns und der düster flirrende Ambient-Sound der herausragenden Livemusiker (Carsten Brocker, Katelyn King, Spela Mastnak, Thomsen Merkel) machen die Aufführung zu einer Sprechoper.

Die Inszenierung splittet Kanes Verzweiflungsprotokoll in Monologe, Dialoge, Quartette, wechselnde Chorformationen auf. Rasche gelingt damit nicht weniger, als den Text von der Pathologisierung, der verkürzenden Parallelisierung mit dem schrecklichen Tod seiner Autorin zu befreien.

Bei Rasche sind wir nicht im spätbürgerlichen Befindlichkeitstheater, sondern in den Regionen der antiken Tragödie.
Ulrich Rasche inszeniert Sarah Kanes "4.48 Psychose" am Deutschen Theater Berlin chorstark auf Laufbändern. Ein erschütterndes Exerzitium.

Wieder einmal marschieren die Spieler auf mehreren Laufbändern auf der Stelle - ein starkes Bild für den rasenden Stillstand, die in endlosen Wiederholungsschleifen tobenden Gedankenketten der Kranken (die Bühne hat der Regisseur gemeinsam mit Franz Dittrich entworfen). Rasche unterlegt die gesamte Aufführung mit einem lauten Soundtrack, der starke Sogkraft entwickelt […]

Die elektronisch verfremdeten Schlaginstrument-Patterns und der düster flirrende Ambient-Sound der herausragenden Livemusiker (Carsten Brocker, Katelyn King, Spela Mastnak, Thomsen Merkel) machen die Aufführung zu einer Sprechoper.

Die Inszenierung splittet Kanes Verzweiflungsprotokoll in Monologe, Dialoge, Quartette, wechselnde Chorformationen auf. Rasche gelingt damit nicht weniger, als den Text von der Pathologisierung, der verkürzenden Parallelisierung mit dem schrecklichen Tod seiner Autorin zu befreien.

Bei Rasche sind wir nicht im spätbürgerlichen Befindlichkeitstheater, sondern in den Regionen der antiken Tragödie.
Berliner Zeitung
Ulrich Seidler, 18.01.2020
Was für ein Heldenmut ist für diese Seelenausreißung bei lebendigem Leib, für einen solchen Opfergang nötig. Aber auch was für eine finstere Sicherheit [...] Und mit ebensolcher Sicherheit ästhetisiert Rasche diesen Schrei. [...]

Auf vier ununterbrochen arbeitenden Laufbändern, die dazu von der Drehbühne bewegt werden und selbst fahrbar sind, halten sich die Sprechenden auf der Stelle schreitend im minutiös gesetzten Licht, lassen sich wieder ins Dunkle bewegen, wechseln Positionen, halten den Rhythmus in chorischen Passagen und ringen sich aus tiefsten Seelenschlingen den Text ab. Wort für Wort. Auch das ist ein gar nicht genug zu würdigender Akt künstlerischer Anstrengung, die keinen Zweifel am eigenen Tun und keinen Rückzug zulässt. [...]

So nah kann man dem Begreifen dieses Schmerzes - ohne selbst von ihm ergriffen und vernichtet zu werden - wohl nur im Theater kommen.
Was für ein Heldenmut ist für diese Seelenausreißung bei lebendigem Leib, für einen solchen Opfergang nötig. Aber auch was für eine finstere Sicherheit [...] Und mit ebensolcher Sicherheit ästhetisiert Rasche diesen Schrei. [...]

Auf vier ununterbrochen arbeitenden Laufbändern, die dazu von der Drehbühne bewegt werden und selbst fahrbar sind, halten sich die Sprechenden auf der Stelle schreitend im minutiös gesetzten Licht, lassen sich wieder ins Dunkle bewegen, wechseln Positionen, halten den Rhythmus in chorischen Passagen und ringen sich aus tiefsten Seelenschlingen den Text ab. Wort für Wort. Auch das ist ein gar nicht genug zu würdigender Akt künstlerischer Anstrengung, die keinen Zweifel am eigenen Tun und keinen Rückzug zulässt. [...]

So nah kann man dem Begreifen dieses Schmerzes - ohne selbst von ihm ergriffen und vernichtet zu werden - wohl nur im Theater kommen.
Berliner Morgenpost
Reinhard Wengierek, 18.01.2020
Ein quälender, ein faszinierender Abend. [...] Diese geradezu körperlich das Publikum packende Tonsetzung ist ein Meisterwerk. Es entspricht dem so schmerzlichen Hin und Her, Auf und Ab zwischen Bei-sich- und Außer-sich-Sein der Kaneschen Selbstanalyse. Es gleicht einem Gefühlskraftwerk. [...]

Schön und schrecklich, unentwegt zerrend und ziehend an den Nerven, am Herz, am Hirn. [...]

Das einfach Raffinierte dieser mit heilignüchternem Ernst, mit unendlicher Empathie und Liebe gemachten Inszenierung, diesem Hohelied auf die Humanitas, ist Rasches Erfindung einer Art Partitur für die Sätze, Worte, Silben, Punkte. Kanes Extremismus der einen Liebe, der reinen Wahrheit in Kollision mit der rohen Wirklichkeit des stets schwer Getrübten – dieser Höllenqualen und heillose Verlassenheit auslösende Riss durchs Universum, dem die Autorin nicht gewachsen war, hier wird er zum bitteren, schockierenden, provozierenden Erlebnis.
Ein quälender, ein faszinierender Abend. [...] Diese geradezu körperlich das Publikum packende Tonsetzung ist ein Meisterwerk. Es entspricht dem so schmerzlichen Hin und Her, Auf und Ab zwischen Bei-sich- und Außer-sich-Sein der Kaneschen Selbstanalyse. Es gleicht einem Gefühlskraftwerk. [...]

Schön und schrecklich, unentwegt zerrend und ziehend an den Nerven, am Herz, am Hirn. [...]

Das einfach Raffinierte dieser mit heilignüchternem Ernst, mit unendlicher Empathie und Liebe gemachten Inszenierung, diesem Hohelied auf die Humanitas, ist Rasches Erfindung einer Art Partitur für die Sätze, Worte, Silben, Punkte. Kanes Extremismus der einen Liebe, der reinen Wahrheit in Kollision mit der rohen Wirklichkeit des stets schwer Getrübten – dieser Höllenqualen und heillose Verlassenheit auslösende Riss durchs Universum, dem die Autorin nicht gewachsen war, hier wird er zum bitteren, schockierenden, provozierenden Erlebnis.
nachtkritik.de
Janis El-Bira, 18.01.2020
[...] schnell wird klar, dass es ausgerechnet ein Stück ohne definierte Figuren, ohne Ort und Zeit ist, das dem Klassiker-Chirurgen Rasche die Grundlage einer seiner bisher dichtesten Theaterarbeiten bereitet. [...]

Rasches Zugriff ist darin so nah an Kanes weit über alles Individualpathologische hinausgehendem Text, wie man es sich klüger und genauer kaum vorstellen könnte. [...]

Federnd und dabei schmerzekstatisch wie Kathleen Morgeneyer, stolz und widerständig wie Linda Pöppel, mit letzter Lebensgalligkeit wie Katja Bürkle. Wo sonst kann man diese Ausnahmespielerinnen gerade auch durch das, was sie alles nicht tun, so eingehend beobachten, ja studieren wie hier? Rasches Theater lädt stets zur Sinnesschärfung durch Auslassung. [...]

Fast gewohnheitsmäßig bewundert man da die zu irrer Aggressivität geballten Chöre (vor allem ein präzise achttaktig gebauter Ärzte-Männerchor über die Symptome und Medikation der Patientin lässt das Blut in den Adern gefrieren) und die makellose Maschinerie mit ihren gleitenden Szenenübergängen. [...]

"Wie kann ich zur Form zurückkehren", heißt es so einmal bei Sarah Kane, "seit alles formstrenge Denken mir abgeht?" Dieser Abend kann ihr darauf keine Antwort geben. Uns aber schon.
[...] schnell wird klar, dass es ausgerechnet ein Stück ohne definierte Figuren, ohne Ort und Zeit ist, das dem Klassiker-Chirurgen Rasche die Grundlage einer seiner bisher dichtesten Theaterarbeiten bereitet. [...]

Rasches Zugriff ist darin so nah an Kanes weit über alles Individualpathologische hinausgehendem Text, wie man es sich klüger und genauer kaum vorstellen könnte. [...]

Federnd und dabei schmerzekstatisch wie Kathleen Morgeneyer, stolz und widerständig wie Linda Pöppel, mit letzter Lebensgalligkeit wie Katja Bürkle. Wo sonst kann man diese Ausnahmespielerinnen gerade auch durch das, was sie alles nicht tun, so eingehend beobachten, ja studieren wie hier? Rasches Theater lädt stets zur Sinnesschärfung durch Auslassung. [...]

Fast gewohnheitsmäßig bewundert man da die zu irrer Aggressivität geballten Chöre (vor allem ein präzise achttaktig gebauter Ärzte-Männerchor über die Symptome und Medikation der Patientin lässt das Blut in den Adern gefrieren) und die makellose Maschinerie mit ihren gleitenden Szenenübergängen. [...]

"Wie kann ich zur Form zurückkehren", heißt es so einmal bei Sarah Kane, "seit alles formstrenge Denken mir abgeht?" Dieser Abend kann ihr darauf keine Antwort geben. Uns aber schon.
taz
Katrin Bettina Müller, 20.01.2020
Das Verschwinden, die Auslöschung, um die Sarah Kanes Text "4.48 Psychose" kreist, ist hier sehr ästhetisch gefasst.

In Rasches Inszenierung wird das Stück zu einer Sprechoper.

Man kann nicht mehr unterscheiden zwischen Jäger und Gejagter. Den Zuschauer in einen solchen Zwiespalt zu drängen, gehört zu den Stärken von
Rasches Inszenierung.

Das Verschwinden, die Auslöschung, um die Sarah Kanes Text "4.48 Psychose" kreist, ist hier sehr ästhetisch gefasst.

In Rasches Inszenierung wird das Stück zu einer Sprechoper.

Man kann nicht mehr unterscheiden zwischen Jäger und Gejagter. Den Zuschauer in einen solchen Zwiespalt zu drängen, gehört zu den Stärken von
Rasches Inszenierung.

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Simon Strauss, 21.01.2020
Seine [Rasches] inzwischen verbraucht geglaubte Monumentalmetapher auf die mechanische Grausamkeit unserer Gesellschaft erlangt hier, in seiner ersten Arbeit am Deutschen Theater, noch einmal eine neue Wirkungsebene.

Die gut zehn Minuten, in denen Bürkle sich Kanes Text so nah heranholt, dass sie sich aufreibt an ihm und fressen lässt von seinem Wahn, drehen einem das Herz um. Meisterhaft beschwört sie das Gefühl herauf, dass ihr auf dieser Welt nicht mehr zu helfen ist, kein Mittel gefunden werden kann, um ihre Wunde zu schließen

Stand bei Rasches Arbeiten bisher neben die Maschine vor allem das arbeitende Kollektiv im Zentrum, lässt er hier größeren Raum für das Spiel des Individuums. Das mag an der Stoffvorlage liegen, könnte aber auch eine grundlegende Weiterentwicklung dieses Regisseurs andeuten […]

An diesem Abend jedenfalls behauptet sich Rasche gegen das Vorurteil eines textentfremdenden Formalismus: Die Geläufigkeit des Effekts wird hier vom Scheitern der Existenz tief in den Schatten gestellt.
Seine [Rasches] inzwischen verbraucht geglaubte Monumentalmetapher auf die mechanische Grausamkeit unserer Gesellschaft erlangt hier, in seiner ersten Arbeit am Deutschen Theater, noch einmal eine neue Wirkungsebene.

Die gut zehn Minuten, in denen Bürkle sich Kanes Text so nah heranholt, dass sie sich aufreibt an ihm und fressen lässt von seinem Wahn, drehen einem das Herz um. Meisterhaft beschwört sie das Gefühl herauf, dass ihr auf dieser Welt nicht mehr zu helfen ist, kein Mittel gefunden werden kann, um ihre Wunde zu schließen

Stand bei Rasches Arbeiten bisher neben die Maschine vor allem das arbeitende Kollektiv im Zentrum, lässt er hier größeren Raum für das Spiel des Individuums. Das mag an der Stoffvorlage liegen, könnte aber auch eine grundlegende Weiterentwicklung dieses Regisseurs andeuten […]

An diesem Abend jedenfalls behauptet sich Rasche gegen das Vorurteil eines textentfremdenden Formalismus: Die Geläufigkeit des Effekts wird hier vom Scheitern der Existenz tief in den Schatten gestellt.
der Freitag
Nicholas Potter, 28.02.2020
4.48 könnte man vielleicht als Rasches Wendepunkt betrachten. Die Maschinen machen weniger Radau. Rasche ist aber noch nicht fertig: "Die Verbindung von Musik, Sprache und körperlicher Bewegung ist immer noch nicht dort, wo ich hinkommen möchte. Allerdings sind wir durch die kontinuierliche Arbeit, die wir vor allem in den letzten drei Jahren durch Gastverträge mit einem teilweise festen Ensemble leisten konnten, schon ein gutes Stück weitergekommen." Für Rasches Kritiker*innen ist es gut, dass noch zwei weitere Arbeiten im Deutschen Theater geplant sind, für das Publikum sowieso. 4.48 könnte man vielleicht als Rasches Wendepunkt betrachten. Die Maschinen machen weniger Radau. Rasche ist aber noch nicht fertig: "Die Verbindung von Musik, Sprache und körperlicher Bewegung ist immer noch nicht dort, wo ich hinkommen möchte. Allerdings sind wir durch die kontinuierliche Arbeit, die wir vor allem in den letzten drei Jahren durch Gastverträge mit einem teilweise festen Ensemble leisten konnten, schon ein gutes Stück weitergekommen." Für Rasches Kritiker*innen ist es gut, dass noch zwei weitere Arbeiten im Deutschen Theater geplant sind, für das Publikum sowieso.

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Mit englischen Übertiteln
Vorstellung fällt leider aus
nach August Strindberg
Regie: Timofej Kuljabin
Kammerspiele
19.00
Vorstellung fällt leider aus
von René Pollesch
Regie: René Pollesch
Deutsches Theater
19.30 - 21.00