Amerika

nach dem Roman Der Verschollene von Franz Kafka
Regie / Bühne Dušan David Pařízek
Dramaturgie Birgit Lengers
Premiere
27. September 2017, Deutsches Theater
Marcel KohlerKarl Roßmann
Ulrich MatthesOnkel Jakob / Oberkellner Isbary / Personalchef
Regine ZimmermannKlara / Therese / Oberköchin Grete Mitzelbach / Brunelda / Johanna Brummer
Frank SeppelerMack / Delarmarche / Oberportier Feodor
Edgar EckertPollunder / Robinson
Karl Roßmann
Onkel Jakob / Oberkellner Isbary / Personalchef
Klara / Therese / Oberköchin Grete Mitzelbach / Brunelda / Johanna Brummer
Mack / Delarmarche / Oberportier Feodor
Pollunder / Robinson
nachtkritik.de
Anne Peter, 27.09.2017
Das allerdings hat Seltenheitswert: wie Uli Matthes im eng anliegenden Goldpaillettenglamourfummel in die Knie sackt, unter weiß getürmten Afro-Locken "Suicide is painless" ins Mikro röhrt und die Finger rockstarlike nach den Fans im Parkett ausstreckt! [...] Es ist das verspielt intensive Finale von Dušan David Pařízeks "Amerika" am Deutschen Theater, nach Kafkas Romanfragment "Der Verschollene".

Marcel Kohler spielt den Karl als großäugigen Naiven, als hochgeschossenes Kind, erst mit Empörungsfalten auf der Stirn, später mit schreckgeweiteten Augen. Der lange Oberkörper, zunächst noch aufrecht, krümmt sich im Verlauf, immer höher zieht er die Schultern unter der Erfahrung diverser Drangsale. [...] Und die wunderbar vielfältige DT-Rückkehrerin Regine Zimmermann erfindet für jede ihrer weiblichen Rollen eine andere Art, Karl um den Hals zu fallen. (Bis auf Kohler treten alle in Mehrfach-Rollen auf.)
Das allerdings hat Seltenheitswert: wie Uli Matthes im eng anliegenden Goldpaillettenglamourfummel in die Knie sackt, unter weiß getürmten Afro-Locken "Suicide is painless" ins Mikro röhrt und die Finger rockstarlike nach den Fans im Parkett ausstreckt! [...] Es ist das verspielt intensive Finale von Dušan David Pařízeks "Amerika" am Deutschen Theater, nach Kafkas Romanfragment "Der Verschollene".

Marcel Kohler spielt den Karl als großäugigen Naiven, als hochgeschossenes Kind, erst mit Empörungsfalten auf der Stirn, später mit schreckgeweiteten Augen. Der lange Oberkörper, zunächst noch aufrecht, krümmt sich im Verlauf, immer höher zieht er die Schultern unter der Erfahrung diverser Drangsale. [...] Und die wunderbar vielfältige DT-Rückkehrerin Regine Zimmermann erfindet für jede ihrer weiblichen Rollen eine andere Art, Karl um den Hals zu fallen. (Bis auf Kohler treten alle in Mehrfach-Rollen auf.)
Berliner Morgenpost
Elisa von Hof, 29.09.2017
Regisseur Dušan David Pařízek zeigt frei nach Franz Kafkas Roman "Der Verschollene" ein Amerika, in dem der amerikanische Traum längst zerschellt ist und Roßmann gleich mit. Marcel Kohler, die einzige Konstante in diesem Rollenwechselspiel, treibt gramgebeugt von Unglück zu Unglück, die tiefen Augen immer jammervoller – das gelingt ihm famos. Regisseur Dušan David Pařízek zeigt frei nach Franz Kafkas Roman "Der Verschollene" ein Amerika, in dem der amerikanische Traum längst zerschellt ist und Roßmann gleich mit. Marcel Kohler, die einzige Konstante in diesem Rollenwechselspiel, treibt gramgebeugt von Unglück zu Unglück, die tiefen Augen immer jammervoller – das gelingt ihm famos.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Simon Strauss, 29.09.2017
Da ist vor allem Ulrich Matthes als Oberkellner Isbary, in samtloter Hotelboy-Uniform mit glänzenden Knöpfen und Kappe. Wie er seinem neuen Lehrling Karl mit scharfen Gesten dessen zukünftiges Arbeitsleben als Liftboy erklärt, wie er ihm das Seilziehen und Trinkgeldabgreifen vormacht und dabei eine kompromisslose Disziplin verkörpert. Seine Stimme ist nur ganz leicht gefärbt, eine Mischung aus britischem Butler-Sound und tschechischer Oberlehrerstrenge, die Körperhaltung ist schnurstracks, als wollte sie sagen: Das Leben ist erst einmal Form und äußerer Anstand – um das Innere kümmern wir uns später, falls noch Zeit bleiben sollte.
 
Und dann ist da die Schreibmaschinistin Therese, gespielt von Regine Zimmermann, die seit dieser Spielzeit wieder fest im DT-Ensemble ist. Wie sie sich vorn an der Bühne hilflos auf eine Bank setzt, die Oberschenkel aneinanderschlägt und mit leicht sächsischem Unterton lospalavert. Sie ist besessen von einem atemlosen Selbstzweifel, zuckt beim Zuhören zusammen und will im Grunde nur über sich sprechen. Alles andere macht ihr viel zu viel Angst. Ebenso wie die Erinnerung an den tödlichen Sturz ihrer Mutter von einem Baugerüst. Das Letzte, was sie von ihr sah, waren ihre "ausgestreckten Beine". Und von oben brüllte ärgerlich ein Bauarbeiter herunter. Diese junge Frau ist eine Leidensfigur, der man sofort auf die Beine helfen, die man umarmen und festhalten will.

Und schließlich Edgar Eckert als liebreizend-ungehobelter Gauner Robinson. Dieser Schauspieler ist eine wirkliche Entdeckung: Wie er mit rauher Stiinme und teuflischer Ambiance das Defekte an dieser Figur herausarbeitet – immer läuft die Nase, immer staut sich der Schweiß auf der Stirn –, das ist wegen seiner
unerbittlichen Direktheit eindrucksvoll. Eckert dampft den sozialen Status seiner Person regelrecht heraus. Sein Körper echot die b¡utale Vulgarität seinef Rede. Dieser junge Schauspieler hat, was heute vielen fehlt: Instinkt.
Da ist vor allem Ulrich Matthes als Oberkellner Isbary, in samtloter Hotelboy-Uniform mit glänzenden Knöpfen und Kappe. Wie er seinem neuen Lehrling Karl mit scharfen Gesten dessen zukünftiges Arbeitsleben als Liftboy erklärt, wie er ihm das Seilziehen und Trinkgeldabgreifen vormacht und dabei eine kompromisslose Disziplin verkörpert. Seine Stimme ist nur ganz leicht gefärbt, eine Mischung aus britischem Butler-Sound und tschechischer Oberlehrerstrenge, die Körperhaltung ist schnurstracks, als wollte sie sagen: Das Leben ist erst einmal Form und äußerer Anstand – um das Innere kümmern wir uns später, falls noch Zeit bleiben sollte.
 
Und dann ist da die Schreibmaschinistin Therese, gespielt von Regine Zimmermann, die seit dieser Spielzeit wieder fest im DT-Ensemble ist. Wie sie sich vorn an der Bühne hilflos auf eine Bank setzt, die Oberschenkel aneinanderschlägt und mit leicht sächsischem Unterton lospalavert. Sie ist besessen von einem atemlosen Selbstzweifel, zuckt beim Zuhören zusammen und will im Grunde nur über sich sprechen. Alles andere macht ihr viel zu viel Angst. Ebenso wie die Erinnerung an den tödlichen Sturz ihrer Mutter von einem Baugerüst. Das Letzte, was sie von ihr sah, waren ihre "ausgestreckten Beine". Und von oben brüllte ärgerlich ein Bauarbeiter herunter. Diese junge Frau ist eine Leidensfigur, der man sofort auf die Beine helfen, die man umarmen und festhalten will.

Und schließlich Edgar Eckert als liebreizend-ungehobelter Gauner Robinson. Dieser Schauspieler ist eine wirkliche Entdeckung: Wie er mit rauher Stiinme und teuflischer Ambiance das Defekte an dieser Figur herausarbeitet – immer läuft die Nase, immer staut sich der Schweiß auf der Stirn –, das ist wegen seiner
unerbittlichen Direktheit eindrucksvoll. Eckert dampft den sozialen Status seiner Person regelrecht heraus. Sein Körper echot die b¡utale Vulgarität seinef Rede. Dieser junge Schauspieler hat, was heute vielen fehlt: Instinkt.
Der Tagesspiegel
Christine Wahl, 29.09.2017
Marcel Kohler zeigt den in diesen amerikanischen (Alb-)Traum geworfenen Teenager mit redlicher Empörung und wachsender Verzweiflung über die Ungerechtigkeit der Welt, während Ulrich Matthes eine breite Klaviatur männlicher Autoritätspersonen bespielt: vom streng-gütigen und dabei (typisch Kafka) undurchsichtigen Onkel bis zum demütigungswilligen und betont Akzent sprechenden Oberkellner des Hotels, das in Parízeks Inszenierung offenkundig die Einwanderungsgesellschaft spiegelt. Regine Zimmermann, von der Schaubühne ans DT zurückgekehrt, gibt die Oberköchin Grete Mitzelbach durchgängig mit Wiener Schmäh (und turnt sich mit Verve auch durch die restlichen Frauenrollen). [...]

Es gibt Erlösung, zumindest im DT. Und zwar von allem: dem Bühnenparkett-Kasten, der entfremdeten Arbeit, den fremdgesteuerten Schicksalen und der utopielosen Gesellschaft. Wenn auch, natürlich, gebrochen. Die Rettung ist die (nunmehr freie, offene) Bühne. Das Naturtheater von Oklahoma, in dem Karl letztlich landet, besteht bei Parízek aus einer Engelskapelle im goldenen Kitsch-Look, deren Mitglieder (selbst-)ironische Plänkeleien über den Schauspielerberuf aus ihren üppigen Lockenperücken schütteln. Der Personalchef – Matthes im bodenlangen Goldglitzerfummel "Suicide is painless" schmetternd – verfügt zudem über astreine Rockstarqualitäten.
Marcel Kohler zeigt den in diesen amerikanischen (Alb-)Traum geworfenen Teenager mit redlicher Empörung und wachsender Verzweiflung über die Ungerechtigkeit der Welt, während Ulrich Matthes eine breite Klaviatur männlicher Autoritätspersonen bespielt: vom streng-gütigen und dabei (typisch Kafka) undurchsichtigen Onkel bis zum demütigungswilligen und betont Akzent sprechenden Oberkellner des Hotels, das in Parízeks Inszenierung offenkundig die Einwanderungsgesellschaft spiegelt. Regine Zimmermann, von der Schaubühne ans DT zurückgekehrt, gibt die Oberköchin Grete Mitzelbach durchgängig mit Wiener Schmäh (und turnt sich mit Verve auch durch die restlichen Frauenrollen). [...]

Es gibt Erlösung, zumindest im DT. Und zwar von allem: dem Bühnenparkett-Kasten, der entfremdeten Arbeit, den fremdgesteuerten Schicksalen und der utopielosen Gesellschaft. Wenn auch, natürlich, gebrochen. Die Rettung ist die (nunmehr freie, offene) Bühne. Das Naturtheater von Oklahoma, in dem Karl letztlich landet, besteht bei Parízek aus einer Engelskapelle im goldenen Kitsch-Look, deren Mitglieder (selbst-)ironische Plänkeleien über den Schauspielerberuf aus ihren üppigen Lockenperücken schütteln. Der Personalchef – Matthes im bodenlangen Goldglitzerfummel "Suicide is painless" schmetternd – verfügt zudem über astreine Rockstarqualitäten.
neues deutschland
Martin Hatzius, 30.09.2017
Wie Marcel Kohler im viel zu engen knallroten Livree am Boden kniet, das hat Wucht. Mit steinerner Miene, deren Melancholie in den Saal drückt, kauert der baumhohe Schauspieler in der Rolle eines 16-Jährigen an der Rampe und schweigt reglos, während ihm im Rücken der Prozess gemacht wird. Jedes weitere Wort der Verteidigung weiß dieser Junge mit Namen Karl Roßmann, wäre zwecklos. Das Urteil über ihn wurde von höheren Mächten längst gesprochen. Die höheren Mächte, das sind hier: Ulrich Matthes, der gestrenge Oberkellner des New Yorker Luxushotels, in dem Roßmann sich bis zum Moment seiner Kündigung als Liftboy verdingte. Der respektheischende Oberportier Frank Seppeler. Und Regine Zimmermann, die Oberköchin, die es anfangs so gut mit dem Neuen meinte. Allesamt einen oder zwei Köpfe kleiner als Karl. Aber schon das Ober- im Titel macht sie unbezwingbar. Karls unverzeihliches Vergehen: Er hat während Dienstes einen betrunkenen Landstreicher (Edgar Eckert), der ihn zuvor um Hab und Gut gebracht hatte, aus Angst und Mitleid im Schlafsaal einquatiert. Wie Marcel Kohler im viel zu engen knallroten Livree am Boden kniet, das hat Wucht. Mit steinerner Miene, deren Melancholie in den Saal drückt, kauert der baumhohe Schauspieler in der Rolle eines 16-Jährigen an der Rampe und schweigt reglos, während ihm im Rücken der Prozess gemacht wird. Jedes weitere Wort der Verteidigung weiß dieser Junge mit Namen Karl Roßmann, wäre zwecklos. Das Urteil über ihn wurde von höheren Mächten längst gesprochen. Die höheren Mächte, das sind hier: Ulrich Matthes, der gestrenge Oberkellner des New Yorker Luxushotels, in dem Roßmann sich bis zum Moment seiner Kündigung als Liftboy verdingte. Der respektheischende Oberportier Frank Seppeler. Und Regine Zimmermann, die Oberköchin, die es anfangs so gut mit dem Neuen meinte. Allesamt einen oder zwei Köpfe kleiner als Karl. Aber schon das Ober- im Titel macht sie unbezwingbar. Karls unverzeihliches Vergehen: Er hat während Dienstes einen betrunkenen Landstreicher (Edgar Eckert), der ihn zuvor um Hab und Gut gebracht hatte, aus Angst und Mitleid im Schlafsaal einquatiert.
Wirtschaftswoche
Dieter Schnaas, 01.10.2017
Regine Zimmermann zieht als Oberköchin und Therese wienerische-sächsische Mundart-Register. Ulrich Matthes ist in der Sparsamkeit und Plastizität seiner Onkel-Gesten und mit dem osteuropäisch eingefärbten Butler-Deutsch des Personalchefs eine stille Sensation. Und Edgar Eckert spielt den Robinson mit derselben sensationellen schwitzig-nasetriefenden  Aufdringlichkeit, wie man sie von ihm schon aus "Gespenster" und "Berlin Alexanderplatz" kennt: Schwer vorstellbar, dass er derzeit einen Schauspieler gibt, der es mit Eckert an feucht-faßbinderscher Körperlichkeit, an leiblicher Leibhaftigkeit aufnehmen kann. Regine Zimmermann zieht als Oberköchin und Therese wienerische-sächsische Mundart-Register. Ulrich Matthes ist in der Sparsamkeit und Plastizität seiner Onkel-Gesten und mit dem osteuropäisch eingefärbten Butler-Deutsch des Personalchefs eine stille Sensation. Und Edgar Eckert spielt den Robinson mit derselben sensationellen schwitzig-nasetriefenden  Aufdringlichkeit, wie man sie von ihm schon aus "Gespenster" und "Berlin Alexanderplatz" kennt: Schwer vorstellbar, dass er derzeit einen Schauspieler gibt, der es mit Eckert an feucht-faßbinderscher Körperlichkeit, an leiblicher Leibhaftigkeit aufnehmen kann.
tip
Peter Laudenbach, 06.10.2017
Staunend und hilflos freundlich blickt Kohlers Roßmann in diese fremde Welt des Erwachsenwerdens, in der alles bürokratisch hoch verregelt und trotzdem undurchsichtig ist wie heute ein Asylverfahren. Dass er nicht umkommt oder durchdreht, ist ein Wunder. Der kunstutopische Fluchtpunkt des Romans, das große Naturtheater von Oklahoma, entpuppt sich als trötende Amateurjazzbigband in Sun-Ra-Outerspace-Glitzerkostümen – ein besseres Paradies kann es eigentlich nicht geben. Staunend und hilflos freundlich blickt Kohlers Roßmann in diese fremde Welt des Erwachsenwerdens, in der alles bürokratisch hoch verregelt und trotzdem undurchsichtig ist wie heute ein Asylverfahren. Dass er nicht umkommt oder durchdreht, ist ein Wunder. Der kunstutopische Fluchtpunkt des Romans, das große Naturtheater von Oklahoma, entpuppt sich als trötende Amateurjazzbigband in Sun-Ra-Outerspace-Glitzerkostümen – ein besseres Paradies kann es eigentlich nicht geben.

Außerdem im Spielplan

Heute2324252627282930Dezember 12345678910111213141516171819202122232425262728293031Januar 12345678910111213141516171819202122232425262728293031

Offenes DT

Zwischen Ankommen und Bleiben
Biografische Gespräche zwischen Neu- und Altberliner_innen. In Kooperation mit dem Nachbarschaftsmuseum e.V. im Rahmen des Projekts "Erfahren, verstehen, gestalten – für eine
gemeinsame Zukunft in Berlin"
Weitere Informationen hier
Bar
17.00
Eintritt frei
zum 50. Mal
mit englischen Übertiteln
Nachgespräch mit Andres Veiel und Hasko Weber, Moderation: Stefan Reinecke - DT
Deutsches Theater
19.30 - 21.25
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse