Auerhaus

nach dem Roman von Bov Bjerg
Musik Albrecht Dornauer
Dramaturgie Birgit Lengers
Premiere am 21. Mai 2017, Kammerspiele
Marcel KohlerHöppner
Christoph FrankenFrieder
Maike KnirschVera
Elena SchmidtPauline
Lisa HrdinaCäcilia
Božidar KocevskiHarry
nachtkritik.de
Sophie Diesselhorst, 22.05.2017
Auerhaus – Am Deutschen Theater in Berlin vervielfältigt Nora Schlocker die Stimmen des Romans von Bov Bjerg

Frieder, Cäcilia, Vera, Pauline und Harry. Sie erzählen einander, wie es war. Nein, wie es ist. Denn auch wenn das Auerhaus – benannt nach dem Song "Our House" von Madness (1982) – in der Vergangenheit der 80er Jahre liegt, seine Bewohner*innen versprengt sind und einer gar unter die Erde, und das wird auch alles zugegeben – die gemeinsame Lebenserfahrung bleibt ihnen allen nah, so nah, dass das Auerhaus in der Erzählung wiederaufersteht. Diese Unmittelbarkeit ist höchst ansteckend, die Schauspieler*innen infizieren den Raum mit Gegenwart und erzählen sich manchmal so stürmisch sich in einen Stolz auf ihre Solidargemeinschaft hinein, dass sie rot werden müssten, wenn sie nicht Schauspieler wären.

Wenn das Publikum nach der Pause wieder hereingebeten wird, dann nicht auf seine Plätze, sondern mit auf die Bühne zur Silvester-Party, die der rauschende Höhepunkt dieser utopie-autarken WG ist, die allerdings schon zuviel auf dem Buckel hat, um sich auf eine Weltverbesserungs-Mission verirren zu können. Feiern geht aber schon, und dieses eine Mal auch mit Gästen. Frieder hat die eine Hälfte der Psychiatrie eingeladen, Pauline die andere, Harry "sämtliche Schwule zwischen Paris und Stuttgart", und natürlich ist die ganze Oberstufe da. Diese ganzen Leute, das sind wir. Und wir dürfen uns solange am Glamour unserer Gastgeber wärmen, bis Frieders Stimmung kippt und er uns "nach Hause", also zurück auf unsere Plätze schickt. Andererseits: Wenn Frieders Stimmung nicht ab und zu kippen würde, dann gäbe es das Auerhaus gar nicht. [...]

"Ich bin satt. I am sad", sagt Frieder immer nach dem Essen, und seine Lebensmüdigkeit hängt als Damoklesschwert über dem Auerhaus, aber indem Frieder das so offen bestätigt, organisiert er auch den gemeinsamen Widerstand. Sie bauen genauso viel und noch ein bisschen mehr Scheiße als normale Jugendliche. Zum Soundtrack von "Birth School Work Death" von den Godfathers klauen sie wie die Raben, Christoph Franken als Frieder stopft sich die Ladung eines ganzen Supermarktwagens in einen gelben Regenponcho. Später entwendet er die Bundeswehr-Akte von Höppner, um ihm Freiheit zu schenken. Sie fuchteln mit einer Spielzeugpistole herum, erschießen ihre Schatten, nachdem sie sie Traurigkeit und Einsamkeit getauft haben. Später richtet Frieder die Spielzeugpistole auf einen Polizisten, und das Spiel fände beinahe ein vorzeitiges abruptes Ende.

All das würde auf die Dauer nicht funktionieren, wenn sie ihrem Zusammenleben nicht auch eine Struktur geben würden. Die gemeinsamen Essen, die Gestaltung ihres Auerhauses übersetzen Nora Schlocker und ihr Team in eine Vielzahl an Kostümen, angefangen mit der riesigen Halskrause, die Frieder als Psychiatriepatient trägt. Bei seinem zweiten Auftritt hat er sie zum Eimer umfunktioniert und kippt daraus Erde ins Fundament des Hauses, das auf der Bühne nur ein Rechteck im Boden ist. Mehr Bebilderung braucht es nicht.Bei der Party haben sie alle Blumenkränze auf den Köpfen, und Frieder trägt ein wallendes wild lila-grün-gemustertes Kleid. Normalerweise sind er und Höppner (Marcel Kohler) in Uniform, graue Jeans, weißes T-Shirt. Bei ihnen beiden wird am deutlichsten gemacht, was aber eigentlich auf alle zutrifft: wie ihre Biografien sich verstricken, wie sie im Aufeinander-Eingehen natürlich manchmal sich selbst mit dem anderen verwechseln – was zu Krisen führt, aus denen dann wieder nur die heraushelfen können, die sie ausgelöst haben. Entwirrung nicht möglich, das ist schon in der Erzählung von Bov Bjerg so, die aber in der multiperspektivisch aufgelösten Erzählung von Nora Schlocker noch mehr flirrt. Ein toller Theaterstoff, der ja schon Karriere macht auf den Spielplänen, und hier wird das Schönste aus ihm geschneidert.
Auerhaus – Am Deutschen Theater in Berlin vervielfältigt Nora Schlocker die Stimmen des Romans von Bov Bjerg

Frieder, Cäcilia, Vera, Pauline und Harry. Sie erzählen einander, wie es war. Nein, wie es ist. Denn auch wenn das Auerhaus – benannt nach dem Song "Our House" von Madness (1982) – in der Vergangenheit der 80er Jahre liegt, seine Bewohner*innen versprengt sind und einer gar unter die Erde, und das wird auch alles zugegeben – die gemeinsame Lebenserfahrung bleibt ihnen allen nah, so nah, dass das Auerhaus in der Erzählung wiederaufersteht. Diese Unmittelbarkeit ist höchst ansteckend, die Schauspieler*innen infizieren den Raum mit Gegenwart und erzählen sich manchmal so stürmisch sich in einen Stolz auf ihre Solidargemeinschaft hinein, dass sie rot werden müssten, wenn sie nicht Schauspieler wären.

Wenn das Publikum nach der Pause wieder hereingebeten wird, dann nicht auf seine Plätze, sondern mit auf die Bühne zur Silvester-Party, die der rauschende Höhepunkt dieser utopie-autarken WG ist, die allerdings schon zuviel auf dem Buckel hat, um sich auf eine Weltverbesserungs-Mission verirren zu können. Feiern geht aber schon, und dieses eine Mal auch mit Gästen. Frieder hat die eine Hälfte der Psychiatrie eingeladen, Pauline die andere, Harry "sämtliche Schwule zwischen Paris und Stuttgart", und natürlich ist die ganze Oberstufe da. Diese ganzen Leute, das sind wir. Und wir dürfen uns solange am Glamour unserer Gastgeber wärmen, bis Frieders Stimmung kippt und er uns "nach Hause", also zurück auf unsere Plätze schickt. Andererseits: Wenn Frieders Stimmung nicht ab und zu kippen würde, dann gäbe es das Auerhaus gar nicht. [...]

"Ich bin satt. I am sad", sagt Frieder immer nach dem Essen, und seine Lebensmüdigkeit hängt als Damoklesschwert über dem Auerhaus, aber indem Frieder das so offen bestätigt, organisiert er auch den gemeinsamen Widerstand. Sie bauen genauso viel und noch ein bisschen mehr Scheiße als normale Jugendliche. Zum Soundtrack von "Birth School Work Death" von den Godfathers klauen sie wie die Raben, Christoph Franken als Frieder stopft sich die Ladung eines ganzen Supermarktwagens in einen gelben Regenponcho. Später entwendet er die Bundeswehr-Akte von Höppner, um ihm Freiheit zu schenken. Sie fuchteln mit einer Spielzeugpistole herum, erschießen ihre Schatten, nachdem sie sie Traurigkeit und Einsamkeit getauft haben. Später richtet Frieder die Spielzeugpistole auf einen Polizisten, und das Spiel fände beinahe ein vorzeitiges abruptes Ende.

All das würde auf die Dauer nicht funktionieren, wenn sie ihrem Zusammenleben nicht auch eine Struktur geben würden. Die gemeinsamen Essen, die Gestaltung ihres Auerhauses übersetzen Nora Schlocker und ihr Team in eine Vielzahl an Kostümen, angefangen mit der riesigen Halskrause, die Frieder als Psychiatriepatient trägt. Bei seinem zweiten Auftritt hat er sie zum Eimer umfunktioniert und kippt daraus Erde ins Fundament des Hauses, das auf der Bühne nur ein Rechteck im Boden ist. Mehr Bebilderung braucht es nicht.Bei der Party haben sie alle Blumenkränze auf den Köpfen, und Frieder trägt ein wallendes wild lila-grün-gemustertes Kleid. Normalerweise sind er und Höppner (Marcel Kohler) in Uniform, graue Jeans, weißes T-Shirt. Bei ihnen beiden wird am deutlichsten gemacht, was aber eigentlich auf alle zutrifft: wie ihre Biografien sich verstricken, wie sie im Aufeinander-Eingehen natürlich manchmal sich selbst mit dem anderen verwechseln – was zu Krisen führt, aus denen dann wieder nur die heraushelfen können, die sie ausgelöst haben. Entwirrung nicht möglich, das ist schon in der Erzählung von Bov Bjerg so, die aber in der multiperspektivisch aufgelösten Erzählung von Nora Schlocker noch mehr flirrt. Ein toller Theaterstoff, der ja schon Karriere macht auf den Spielplänen, und hier wird das Schönste aus ihm geschneidert.
neues deutschland
Thomas Blum, 23.05.2017
Deutsches Theater Berlin: Bov Bjergs Erfolgsroman "Auerhaus" als Bühnenstück

Bei der nun in den DT-Kammerspielen zu sehenden Bühnenfassung von "Auerhaus" hat man erfreulicherweise der Versuchung widerstanden, die Fabel des Romans in biederer Form eins zu eins nachzuerzählen oder schlimmstenfalls gar in 80er-Jahre-nostalgischer Form auf die Bühne zu bringen, sie zu illustrieren wie eine sentimentale Coming-of-Age-Geschichte. Es ist kein gut gemeintes, pseudofreches, pädagogisches Ohnsorg-Theater für Jugendliche daraus geworden und auch kein postmodernes Castorfsches Zitatschnipselcollage- und Brülltheater.

Vielmehr hat man Bov Bjergs Roman, den man auch als Meditation über die Frage, wie ein gelingendes Leben in einer Gesellschaft voller Zwänge aussehen kann, lesen kann, ernstgenommen, die Kunstfertigkeit, mit der er seine Geschichte erzählt, nicht ignoriert, die Erzählung nicht als Textfriedhof benutzt, von dem man sich nach Belieben bedienen kann. Man hat sich auf die jugendlichen Hauptfiguren konzentriert, ihre Wünsche, ihren Frust, ihr Denken, ihre Konflikte, und sich darin versucht, den Humor und die sprachliche Präzision der Dialoge, die die Romanvorlage auszeichnen, auf die Bühne zu retten. Und ein bisschen Komödie, ein bisschen Slapstick hinzugegeben.

Insbesondere das Bühnenbild, für dessen Kargheit und Simplizität man dankbar sein muss, weil auch dieses alle Aufmerksamkeit des Zuschauers ganz auf die Figuren und Dialoge lenkt, ist eine gelungene Allegorie auf die Ödnis und Tristesse unserer traurigen Realität: Eine Bühnenrückwand sehen wir, und einen schwarzen Fußboden. Das muss reichen.

Ein Stück Holz kann ein Flugzeug sein, weiß ein Kind. Und so hat man auch darauf verzichtet, originalgetreu eine chaotische 80er-Jahre-WG-Ausstattung auf der Bühne nachzubilden. Stattdessen schneiden die Darsteller mit einem Teppichmesser ein großes viereckiges Stück aus dem schwarzen Bühnenbodenbelag und schütten dort Sand auf: Dort, an dieser Stelle, befindet sich das Auerhaus, vor dessen Betreten man sich die Schuhe auszieht, allerdings nicht aus Gehorsamkeit, um den Fußboden nicht zu beschmutzen, sondern um barfuß in die Freiheit zu steigen, in das selbstbestimmte, nicht mehr von der Erwachsenenwelt reglementierte Leben, in die Utopie. Unterm Pflaster liegt der Strand. Man muss ihn nur finden oder ihn sich schaffen. [...]

Auch die Zuschauer sollen sich an jene Freiheit erinnern, die sie irgendwann im Laufe ihrer Existenz vergessen, verlernt oder hinter sich gelassen haben. Mindestens ein Mal im Lauf der Inszenierung werden sie daran erinnert, dass das Theater in seinen besten Momenten auch immer freies Spiel und Feier des Moments ist, eine Party, nicht nur rituelle Verrichtung und bürgerliche Zwangsveranstaltung zur Belehrung und Erbauung.
Deutsches Theater Berlin: Bov Bjergs Erfolgsroman "Auerhaus" als Bühnenstück

Bei der nun in den DT-Kammerspielen zu sehenden Bühnenfassung von "Auerhaus" hat man erfreulicherweise der Versuchung widerstanden, die Fabel des Romans in biederer Form eins zu eins nachzuerzählen oder schlimmstenfalls gar in 80er-Jahre-nostalgischer Form auf die Bühne zu bringen, sie zu illustrieren wie eine sentimentale Coming-of-Age-Geschichte. Es ist kein gut gemeintes, pseudofreches, pädagogisches Ohnsorg-Theater für Jugendliche daraus geworden und auch kein postmodernes Castorfsches Zitatschnipselcollage- und Brülltheater.

Vielmehr hat man Bov Bjergs Roman, den man auch als Meditation über die Frage, wie ein gelingendes Leben in einer Gesellschaft voller Zwänge aussehen kann, lesen kann, ernstgenommen, die Kunstfertigkeit, mit der er seine Geschichte erzählt, nicht ignoriert, die Erzählung nicht als Textfriedhof benutzt, von dem man sich nach Belieben bedienen kann. Man hat sich auf die jugendlichen Hauptfiguren konzentriert, ihre Wünsche, ihren Frust, ihr Denken, ihre Konflikte, und sich darin versucht, den Humor und die sprachliche Präzision der Dialoge, die die Romanvorlage auszeichnen, auf die Bühne zu retten. Und ein bisschen Komödie, ein bisschen Slapstick hinzugegeben.

Insbesondere das Bühnenbild, für dessen Kargheit und Simplizität man dankbar sein muss, weil auch dieses alle Aufmerksamkeit des Zuschauers ganz auf die Figuren und Dialoge lenkt, ist eine gelungene Allegorie auf die Ödnis und Tristesse unserer traurigen Realität: Eine Bühnenrückwand sehen wir, und einen schwarzen Fußboden. Das muss reichen.

Ein Stück Holz kann ein Flugzeug sein, weiß ein Kind. Und so hat man auch darauf verzichtet, originalgetreu eine chaotische 80er-Jahre-WG-Ausstattung auf der Bühne nachzubilden. Stattdessen schneiden die Darsteller mit einem Teppichmesser ein großes viereckiges Stück aus dem schwarzen Bühnenbodenbelag und schütten dort Sand auf: Dort, an dieser Stelle, befindet sich das Auerhaus, vor dessen Betreten man sich die Schuhe auszieht, allerdings nicht aus Gehorsamkeit, um den Fußboden nicht zu beschmutzen, sondern um barfuß in die Freiheit zu steigen, in das selbstbestimmte, nicht mehr von der Erwachsenenwelt reglementierte Leben, in die Utopie. Unterm Pflaster liegt der Strand. Man muss ihn nur finden oder ihn sich schaffen. [...]

Auch die Zuschauer sollen sich an jene Freiheit erinnern, die sie irgendwann im Laufe ihrer Existenz vergessen, verlernt oder hinter sich gelassen haben. Mindestens ein Mal im Lauf der Inszenierung werden sie daran erinnert, dass das Theater in seinen besten Momenten auch immer freies Spiel und Feier des Moments ist, eine Party, nicht nur rituelle Verrichtung und bürgerliche Zwangsveranstaltung zur Belehrung und Erbauung.
Stage and Screen
Sascha Krieger, 25.05.2017
Regisseurin Nora Schlocker beherrscht jugendliche Stoffe – mit ihrer Adaption von "Alice im Wunderland" im Rahmen des Jungen DT war sie zum Theatertreffen der Jugend eingeladen. Und auch hier geht es vor allem ums Jungsein, um das Gefühl plötzlicher Freiheit, das Zurechtfinden in der Welt, das Sich-Reiben an ihr, und darum, wie sich das anfühlt. Jung zu sein, hinauszutreten in diese seltsame Welt, Gemeinschaft zu proben und sich selbst darin zu finden. Einen halbrunden hellgrauen Raum hat Jessica Rockstroh gebaut, einen weiten Raum, der die Figuren jedoch umzingelt, freundlich neutral und doch Grenzen setzend. Also muss die Axt ran. Christoph Franken, ein zerbrechlich verlorener Lebenssucher als Frieder, schwingt sie und bricht so durch die Tür, hinein in den neuen Lebensraum. Das Auerhaus, es ist ein Rechteck, das sich die Bewohner aus dem schwarzen Bühnenboden herausschneiden. Zement wird auf ihm verteilt, Baustoff für ein neues Leben. Nur mit nackten Füßen ist er zu betreten, dieser Schutz- und Möglichkeitsraum, diese eigenständige Leben. Wunderbar poetisch sind diese Eintrittsrituale gehalten, Momente des Dazugehörens und der Befreiung. Aber sieht diese Fläche im Scheinwerferlicht nicht aus wie ein Sandkasten? Und tatsächlich ist er auch Spielfläche, nicht nur im theatralen Sinn. Spielerisch ist der Grundton dieses Abends, die WG-Bewohner eine Krabbelgruppe des Erwachsenwerdens. Man spielt: Ladendiebstahl und letztes Abendmahl, mal erschießt seine Schatten, die für Angst und Wut und Enge stehen, am legt sich an mit dem Staat, der Gesellschaft, testet Grenzen aus, geht zu weit, fährt gegen die Wand. Auch wenn es ernst wird, bleibt es doch Spiel. Und ist doch tiefster Ernst. Leben nennt man das wohl.

Das gilt auch für die Narration. Der Ich-Erzähler, Höppner, bleibt auch bei Schlocker bestehen, doch führt seine Erzählung immer wieder ins Spiel und selbst wenn ganz am Ende ausgespielt ist, die Geschichte nur noch zu Ende erzählt werden kann, weil die Zeit des Ausprobierens, der Hoffnung, des sich gegen die Welt Stemmens vorbei ist, bleibt der Erzähler nicht allein, stehen die anderen neben ihm, bleibt die Erzählung eine gemeinschaftliche, die Geschichte die eines kollektiven Projekts. Marcel Kohler ist dieser Höppner, am DT längst ein Spezialist für die trotzig widerständige Jugend, die Teil der Gesellschaft sein will, aber zu ihren Konditionen. Sein Höppner ist reif, kompromissbereit, höflich und zugleich eine dauernde adoleszente Herausforderung an die Welt, direkt, respektlos, Grenzen austestend, die eigenen wie die der anderen. Kohler verkörpert diesen Widerspruch mit jugendlichem Staunen, er hält die losen Enden zusammen, ist gemeinsam mit Franken, vielleicht mehr noch als dieser Kraftzentrum des Abends. Weil es die Geschichte seiner Figur ist, sein Blick auf dieses scheitern müssende und doch erfolgreiche Experiment selbstbestimmter Ich- und Wir-Werdung. Es ist sein Blick, den wir – die wir mal Mitschüler sind und nach der Pause einige Minuten Silversterpartygesellschaft – teilen, der sich mit unserem, erinnernden misch zu einer kollektiven Erzählung wie sie eben auch die auf der Bühne ist. Und die den Zuschauer, so er es zulässt, einschließt.

"Auerhaus" will nicht linear nacherzählen, sondern nachempfinden. Der Abend ist so sprunghaft wie die jugendliche Selbsterfahrung. Albernheit und existenzielle Verzweiflung, Euphorie und Resignation, ausgelassenes Spiel und Verlorenheit – sie liegen schmerzvoll nah zusammen, treffen sich immer wieder im gleichen Satz, lassen sich hier so wenig trennen, wie sie es in der Realität tun. Nora Schlockers Inszenierung will die Zerrissenheit, die Abenteuer ist, das Gefühl des Aufbruchs, die Neugier, die so schnell umschlagen kann in Todessehnsucht spürbar, fühlbar, erlebbar machen, den Zuschauer als Komplizen gewinnen. [...] Such das ist Leben und das feiert dieser Abend so kompromisslos wie berührend. Ohne große Geste, fast beiläufig. Auch darin liegt seine Größe.
Regisseurin Nora Schlocker beherrscht jugendliche Stoffe – mit ihrer Adaption von "Alice im Wunderland" im Rahmen des Jungen DT war sie zum Theatertreffen der Jugend eingeladen. Und auch hier geht es vor allem ums Jungsein, um das Gefühl plötzlicher Freiheit, das Zurechtfinden in der Welt, das Sich-Reiben an ihr, und darum, wie sich das anfühlt. Jung zu sein, hinauszutreten in diese seltsame Welt, Gemeinschaft zu proben und sich selbst darin zu finden. Einen halbrunden hellgrauen Raum hat Jessica Rockstroh gebaut, einen weiten Raum, der die Figuren jedoch umzingelt, freundlich neutral und doch Grenzen setzend. Also muss die Axt ran. Christoph Franken, ein zerbrechlich verlorener Lebenssucher als Frieder, schwingt sie und bricht so durch die Tür, hinein in den neuen Lebensraum. Das Auerhaus, es ist ein Rechteck, das sich die Bewohner aus dem schwarzen Bühnenboden herausschneiden. Zement wird auf ihm verteilt, Baustoff für ein neues Leben. Nur mit nackten Füßen ist er zu betreten, dieser Schutz- und Möglichkeitsraum, diese eigenständige Leben. Wunderbar poetisch sind diese Eintrittsrituale gehalten, Momente des Dazugehörens und der Befreiung. Aber sieht diese Fläche im Scheinwerferlicht nicht aus wie ein Sandkasten? Und tatsächlich ist er auch Spielfläche, nicht nur im theatralen Sinn. Spielerisch ist der Grundton dieses Abends, die WG-Bewohner eine Krabbelgruppe des Erwachsenwerdens. Man spielt: Ladendiebstahl und letztes Abendmahl, mal erschießt seine Schatten, die für Angst und Wut und Enge stehen, am legt sich an mit dem Staat, der Gesellschaft, testet Grenzen aus, geht zu weit, fährt gegen die Wand. Auch wenn es ernst wird, bleibt es doch Spiel. Und ist doch tiefster Ernst. Leben nennt man das wohl.

Das gilt auch für die Narration. Der Ich-Erzähler, Höppner, bleibt auch bei Schlocker bestehen, doch führt seine Erzählung immer wieder ins Spiel und selbst wenn ganz am Ende ausgespielt ist, die Geschichte nur noch zu Ende erzählt werden kann, weil die Zeit des Ausprobierens, der Hoffnung, des sich gegen die Welt Stemmens vorbei ist, bleibt der Erzähler nicht allein, stehen die anderen neben ihm, bleibt die Erzählung eine gemeinschaftliche, die Geschichte die eines kollektiven Projekts. Marcel Kohler ist dieser Höppner, am DT längst ein Spezialist für die trotzig widerständige Jugend, die Teil der Gesellschaft sein will, aber zu ihren Konditionen. Sein Höppner ist reif, kompromissbereit, höflich und zugleich eine dauernde adoleszente Herausforderung an die Welt, direkt, respektlos, Grenzen austestend, die eigenen wie die der anderen. Kohler verkörpert diesen Widerspruch mit jugendlichem Staunen, er hält die losen Enden zusammen, ist gemeinsam mit Franken, vielleicht mehr noch als dieser Kraftzentrum des Abends. Weil es die Geschichte seiner Figur ist, sein Blick auf dieses scheitern müssende und doch erfolgreiche Experiment selbstbestimmter Ich- und Wir-Werdung. Es ist sein Blick, den wir – die wir mal Mitschüler sind und nach der Pause einige Minuten Silversterpartygesellschaft – teilen, der sich mit unserem, erinnernden misch zu einer kollektiven Erzählung wie sie eben auch die auf der Bühne ist. Und die den Zuschauer, so er es zulässt, einschließt.

"Auerhaus" will nicht linear nacherzählen, sondern nachempfinden. Der Abend ist so sprunghaft wie die jugendliche Selbsterfahrung. Albernheit und existenzielle Verzweiflung, Euphorie und Resignation, ausgelassenes Spiel und Verlorenheit – sie liegen schmerzvoll nah zusammen, treffen sich immer wieder im gleichen Satz, lassen sich hier so wenig trennen, wie sie es in der Realität tun. Nora Schlockers Inszenierung will die Zerrissenheit, die Abenteuer ist, das Gefühl des Aufbruchs, die Neugier, die so schnell umschlagen kann in Todessehnsucht spürbar, fühlbar, erlebbar machen, den Zuschauer als Komplizen gewinnen. [...] Such das ist Leben und das feiert dieser Abend so kompromisslos wie berührend. Ohne große Geste, fast beiläufig. Auch darin liegt seine Größe.
taz
René Hamann, 26.05.2017
Nora Schlockers Inszenierung (Dramaturgie und Mitautorin: Birgit Lengers), die am Sonntagabend ihre Premiere in den Kammerspielen des DT feierte, setzt dabei auf einen kleinen Brecht'schen Verfremdungseffekt – das "Auerhaus" ist nicht viel mehr als ein ausgerissenes Stück Filzboden; ein Viereck, das mit Sand und Lehm beschüttet wird und vor dessen Betreten man sich gefälligst die Schuhe auszuziehen hat. [...]

Die Besetzung ist dabei gut ausgesucht und darf in dem sehr reduzierten Bühnensetting (Bühne: Jessica Rockstroh) brillieren, was vor allem für Christoph Franken als Frieder gilt, der hier vollen Körpereinsatz zeigt. Auch Marcel Kohler beweist erneut, dass er den jungen Mann in jeder Rolle zu spielen weiß. [...]

Das Ensemble war sehr gut, die Inszenierung einfallsreich, die Geschichte nachvollziehbar. Der Rest ist Identifikation.
Nora Schlockers Inszenierung (Dramaturgie und Mitautorin: Birgit Lengers), die am Sonntagabend ihre Premiere in den Kammerspielen des DT feierte, setzt dabei auf einen kleinen Brecht'schen Verfremdungseffekt – das "Auerhaus" ist nicht viel mehr als ein ausgerissenes Stück Filzboden; ein Viereck, das mit Sand und Lehm beschüttet wird und vor dessen Betreten man sich gefälligst die Schuhe auszuziehen hat. [...]

Die Besetzung ist dabei gut ausgesucht und darf in dem sehr reduzierten Bühnensetting (Bühne: Jessica Rockstroh) brillieren, was vor allem für Christoph Franken als Frieder gilt, der hier vollen Körpereinsatz zeigt. Auch Marcel Kohler beweist erneut, dass er den jungen Mann in jeder Rolle zu spielen weiß. [...]

Das Ensemble war sehr gut, die Inszenierung einfallsreich, die Geschichte nachvollziehbar. Der Rest ist Identifikation.

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Treffpunkt Eingang Kammerspiele
13.30
Gastspiel Théâtre National du Luxembourg

Die Nashörner

von Eugène Ionesco
Regie: Frank Hoffmann
Kammerspiele
19.30 - 21.00
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse
mit englischen Übertiteln
nach dem Roman von Michel Houellebecq
Deutsches Theater
20.00 - 22.00
19.30 Einführung - Saal
zum letzten Mal
von David Greig
Box
20.00 - 21.10