Eine Inszenierung des Jungen DT

Corpus Delicti

Ein multimediales Klassenzimmerstück
nach dem Roman von Juli Zeh
Regie und Video: Robert Lehniger
Ausstattung Linda Spörl
Dramaturgie Lasse Scheiba
Theaterpädagogik Maura Meyer, Simon Gal
Abspielsteuerung Yoav Pasovsky
Regieassistenz Nelly Gypkens
15. September 2020
Heinz-Berggruen-Gymnasium
Javeh Asefdjah
Laura Eichten
Paul Grillim Video
Caner Sunarim Video
Niklas Wetzelim Video
Regine Zimmermannim Video
rbb Inforadio
Barbara Behrendt, 15.09.2020
Junges DT: Corpus Delicti nach Juli Zeh als Klassenzimmerstück Die Richterin ist per Video zugeschaltet und spricht ihr Urteil übers Ipad in die Aula des Heinz-Berggruen-Gymnasiums. Verurteilt wird die Biologin Mia Holl, weil sie eine Zigarette geraucht hat. […]

Überhaupt hat das Junge DT stark multimedial gearbeitet. Schon vor der Premiere konnten die Jugendlichen via App Propagandavideos von Kramer anschauen und rauchende Mitschüler denunzieren. Umfragen gaben zudem vor, ein individuelles Gesundheitsprofil zu erstellen. Ziemlich gut gemacht, dieses Einführungsspielchen. Am Berggruen-Gymnasium hat man nicht nur vorab die App gespielt sondern sogar den Roman gelesen, den Zeh aus ihrem Theaterstück entwickelt hat. Für Philippa ist durch die Inszenierung einiges klarer geworden: „Ich habe das Stück dadurch besser verstanden, weil davor war es eher so – okay, ich weiß was passiert, aber irgendwie konnte man sich nicht wirklich in die Figuren hineinversetzen – und beim Theaterstück konnte man das halt viel besser jetzt machen.“ […]

Im Stück ist es der mutige Widerstand gegen eine Gesundheitsdiktatur, doch könnte diese Moral zurzeit nicht auch denen in die Hände spielen, die Corona leugnen? Robert Lehniger: „Wir hatten heute natürlich eine Klasse, wo man das Gefühl hatte, da sitzt jetzt niemand dabei, der das ignoriert, dass Corona eine Realität ist. Also die Theaterpädagogik ist auf so einen Moment vorbereitet aber ich finde die Frage: Wo steht man in diesen Tagen? Die soll diese Inszenierung stellen.“ […]
Berliner Morgenpost
Lena Boden, 16.09.2020
Schauprozess in einer Schulaula: Leben in einem totalitären System: Das Junge Deutsche Theater zeigt Juli Zehs „Corpus Delicti“ Vor Beginn des Stückes wird man mithilfe einer App an die Diktatur herangeführt, um die dystopische Welt verstehen zu können, in der Mia Holl (Laura Eichten) lebt, eine wohlerzogene Bürgerin. Mia sitzt auf dem Tisch in der Aula des Heinz-Berggruen-Gymnasiums, wo die Inszenierung des Jungen Deutschen Theaters stattfindet. Ein orangener Ganzkörperanzug signalisiert Gefangenschaft und Grenzen. Kontrolliert von dem Gesundheitssystem „Methode“ und der gesundheitsvernarrten Autorin Kramer (Javeh Asefdjah) muss Mia täglich ihr Ernährungsprotokoll einreichen und ihre Sportübungen durchstehen. Nach dem Tod ihres Bruders, der unschuldig wegen Mordes im Gefängnis saß und sich dort das Leben genommen hatte, ist Mia von der Bahn abgekommen und hat die Regeln des Staates missachtet. Nun wird sie aufgrund ihrer Verstöße angeklagt und kommt vor Gericht.

[...]

Regisseur Robert Lehniger schafft es durch das Zusammenspiel mit versetztem Ton, Musik und das Wandern der Schauspieler vom einen ins andere Tablet, die Technik als starkes Element zu nutzen. Später beweist Mias Anwalt die Unschuld des Bruders und offenbart damit einen großen Fehler des Staates. Dadurch zerbricht der Glaube Mias an das Gesundheitssystem. Laura Eichert gelingt es, mit einem starken, einschneidenden Monolog, „einer Gesellschaft das Vertrauen zu entziehen“, endgültig.

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