Cry Baby

Text und Regie René Pollesch
Bühne Barbara Steiner
Kostüme Tabea Braun
Chorleitung Christine Groß
Dramaturgie Anna Heesen, Bernd Isele
Uraufführung
8. September 2018, Deutsches Theater
Christine Groß
Judith Hofmann
Bernd Moss
Sophie Rois
Barbara Colceriu, Aysima Ergün, Therese Lösch, Sarah Quarshie, Milena Schedle, Stella Sticher, Beatrix Strobel, Julia Zupanc (Studentinnen aus dem 2. Studienjahr Schauspiel der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin) und Lea Beie, Josephine Lange, Charlotte Mednansky, Thea RascheChor
Barbara Colceriu, Aysima Ergün, Therese Lösch, Sarah Quarshie, Milena Schedle, Stella Sticher, Beatrix Strobel, Julia Zupanc (Studentinnen aus dem 2. Studienjahr Schauspiel der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin) und Lea Beie, Josephine Lange, Charlotte Mednansky, Thea Rasche
Chor
Deutschlandfunk Kultur
André Mumot, 08.09.2018
Und es ist wieder Sophie Rois, die in einem sehr wendigen, motorisierten Bett über die Bühne kurvt, jede Larmoyanz wegfegt mit Charme und Wildheit und sich in ihrer einzigartigen Cholerikerinnen-Raserei nach Herzenslust austoben darf. Unterstützt und einvernehmlich ergänzt von einer stilleren, aber scharf artikulierenden Judith Hofmann, von Pollesch-Veteranin Christine Groß und einem herrlichen Bernd Moss, der zwischendurch den empörten Zuschauer gibt, der "ordentliches Theater" einfordert. 

"Cry Baby" bietet, wie die vielleicht besten Pollesch-Abende der Vergangenheit, ein Spiel im Spiel, ist Selbstgespräch der Theaterkünstlerinnen zwischen Vorhängen, Fecht-Duellen und den virtuosen Eingriffen des Mädchenchores, der sich aus Schauspielschülerinnen zusammensetzt und hypermodernes Leistungsteam wie Erschießungskommando zugleich ist. Pollesch mixt Buñuel und Kleists Friedrich von Homburg zur rasanten Pyjama-Party der Metatexte, lässt seine Performer übers Scheitern und über Genies sprechen, über Karrieristen und Udo Lindenberg. [...]

Auch das Publikum reagiert hingerissen. [...]

Ein Spielzeitauftakt, der erfrischender, schwung- und hoffnungsvoller kaum ausfallen könnte. Kein Grund zu weinen, ganz gewiss.
Und es ist wieder Sophie Rois, die in einem sehr wendigen, motorisierten Bett über die Bühne kurvt, jede Larmoyanz wegfegt mit Charme und Wildheit und sich in ihrer einzigartigen Cholerikerinnen-Raserei nach Herzenslust austoben darf. Unterstützt und einvernehmlich ergänzt von einer stilleren, aber scharf artikulierenden Judith Hofmann, von Pollesch-Veteranin Christine Groß und einem herrlichen Bernd Moss, der zwischendurch den empörten Zuschauer gibt, der "ordentliches Theater" einfordert. 

"Cry Baby" bietet, wie die vielleicht besten Pollesch-Abende der Vergangenheit, ein Spiel im Spiel, ist Selbstgespräch der Theaterkünstlerinnen zwischen Vorhängen, Fecht-Duellen und den virtuosen Eingriffen des Mädchenchores, der sich aus Schauspielschülerinnen zusammensetzt und hypermodernes Leistungsteam wie Erschießungskommando zugleich ist. Pollesch mixt Buñuel und Kleists Friedrich von Homburg zur rasanten Pyjama-Party der Metatexte, lässt seine Performer übers Scheitern und über Genies sprechen, über Karrieristen und Udo Lindenberg. [...]

Auch das Publikum reagiert hingerissen. [...]

Ein Spielzeitauftakt, der erfrischender, schwung- und hoffnungsvoller kaum ausfallen könnte. Kein Grund zu weinen, ganz gewiss.
nachtkritik.de
Gabi Hift, 08.09.2018
Mit der Bühne (Barbara Steiner) erweist die Polleschtruppe der neuen Heimat ihre Reverenz: zwei rotgoldene Logen ragen in die Bühne hinein, in einer sitzt Bernd Moss und bittet, man möge ihn wecken, wenn die Vorstellung anfängt. In halber Tiefe ein dünner Vorhang mit einem Trompe-l'oeil : der romantische Einlass in ein Boudoir, dahinter das große Bett, in dem alle immer schlafen wollen, die Protagonisten und die zwölf jungen Frauen vom Chor, alle in reizenden geblümten Pyjamas. Denn das mit dem "Cry Baby" ("Heul doch") hat sich als Thema erledigt, stattdessen geht's ums Schlafen, Träumen, ums Leistungverweigern, um das Vermeiden genialer Brutalinskis und den Teamgedanken, der aber auch seine Probleme hat. [...]

[...] Sophie Rois, die glänzt und wirbelt mit Grandezza ins und aus dem Bett. Sie hat für das Pollesch-Universum eine eigene Bühnenpersona entwickelt, einen großartigen Beckett-Clown.


Ihr Clown ist eine ausgeprägte Persönlichkeit, jeder Satz entspricht einer erkennbaren Absicht, sie denkt so wütig, dass man das Hirn in Schwaden rauchen sieht, und ist dabei immer zuversichtlich. Wenn etwas nicht sofort klappt, gibt's einen erstaunten, zackigen Blick zur Seite mit geschürzten Augenbrauen: "Was war das denn!?", Bewegungen, die man sofort als Zeichentrick vor sich sieht. Wenn sie zuhört, um dann in weniger als einer hundertstel Sekunde eine triumphale Entgegnung abzuschießen, stülpt sie die Lippen vor, – wie bevor man "Oh!" sagt, die Augen sprühen Funken, so schauen kleine Kinder auf Welteroberungstrip.

Man liebt diesen Clown und wird mitgerissen in eine Welt voller Möglichkeiten. Diesmal ist sie der Mann aus "Dieses obskure Objekt der Begierde", eine Schauspielerin, die 20.000 Dollar gezahlt hat, um in diesem Liebhabertheater mitspielen zu dürfen, Klytämnestra und der Prinz von Homburg. All das setzt sich bei ihr – horreur! – zu einer konsistenten Figur zusammen. "Du!" ruft sie, zeigt mit riesiger Tragödinnengeste hinauf auf den Rang (der Test höchster Meisterschaft im No-Theater: ein Finger zeigt auf den Mond = vollkommene Anwesenheit), "Du!" und dann plötzlich in tödlicher Verachtung: "Aber wer bist denn du?" Und ihre Stimme stürzt um zwei Oktaven. Man möchte den Prinz von Homburg von ihr sehen, ist schon überzeugt, dass ihre Clownsfigur ihn spielen kann, ja muss. [...]

Bernd Moss hat ebenfalls Ansätze zu einem äußerst charmanten Clown. Die beiden fechten ein Riesenduell, sehr lustig und sie sind auf dem Level von Musketieren. Christine Groß ist für Sophie Rois eine eingespielte Adjutantin. 
Mit der Bühne (Barbara Steiner) erweist die Polleschtruppe der neuen Heimat ihre Reverenz: zwei rotgoldene Logen ragen in die Bühne hinein, in einer sitzt Bernd Moss und bittet, man möge ihn wecken, wenn die Vorstellung anfängt. In halber Tiefe ein dünner Vorhang mit einem Trompe-l'oeil : der romantische Einlass in ein Boudoir, dahinter das große Bett, in dem alle immer schlafen wollen, die Protagonisten und die zwölf jungen Frauen vom Chor, alle in reizenden geblümten Pyjamas. Denn das mit dem "Cry Baby" ("Heul doch") hat sich als Thema erledigt, stattdessen geht's ums Schlafen, Träumen, ums Leistungverweigern, um das Vermeiden genialer Brutalinskis und den Teamgedanken, der aber auch seine Probleme hat. [...]

[...] Sophie Rois, die glänzt und wirbelt mit Grandezza ins und aus dem Bett. Sie hat für das Pollesch-Universum eine eigene Bühnenpersona entwickelt, einen großartigen Beckett-Clown.


Ihr Clown ist eine ausgeprägte Persönlichkeit, jeder Satz entspricht einer erkennbaren Absicht, sie denkt so wütig, dass man das Hirn in Schwaden rauchen sieht, und ist dabei immer zuversichtlich. Wenn etwas nicht sofort klappt, gibt's einen erstaunten, zackigen Blick zur Seite mit geschürzten Augenbrauen: "Was war das denn!?", Bewegungen, die man sofort als Zeichentrick vor sich sieht. Wenn sie zuhört, um dann in weniger als einer hundertstel Sekunde eine triumphale Entgegnung abzuschießen, stülpt sie die Lippen vor, – wie bevor man "Oh!" sagt, die Augen sprühen Funken, so schauen kleine Kinder auf Welteroberungstrip.

Man liebt diesen Clown und wird mitgerissen in eine Welt voller Möglichkeiten. Diesmal ist sie der Mann aus "Dieses obskure Objekt der Begierde", eine Schauspielerin, die 20.000 Dollar gezahlt hat, um in diesem Liebhabertheater mitspielen zu dürfen, Klytämnestra und der Prinz von Homburg. All das setzt sich bei ihr – horreur! – zu einer konsistenten Figur zusammen. "Du!" ruft sie, zeigt mit riesiger Tragödinnengeste hinauf auf den Rang (der Test höchster Meisterschaft im No-Theater: ein Finger zeigt auf den Mond = vollkommene Anwesenheit), "Du!" und dann plötzlich in tödlicher Verachtung: "Aber wer bist denn du?" Und ihre Stimme stürzt um zwei Oktaven. Man möchte den Prinz von Homburg von ihr sehen, ist schon überzeugt, dass ihre Clownsfigur ihn spielen kann, ja muss. [...]

Bernd Moss hat ebenfalls Ansätze zu einem äußerst charmanten Clown. Die beiden fechten ein Riesenduell, sehr lustig und sie sind auf dem Level von Musketieren. Christine Groß ist für Sophie Rois eine eingespielte Adjutantin. 
Märkische Allgemeine
Frank Dietschreit, 09.09.2018
Regisseur René Pollesch und Schauspielerin Sophie Rois geben mit "Cry Baby" einen umjubelten Einstand am Deutschen Theater in Berlin – vor allem der Darstellerin fliegen von Beginn an die Herzen zu.

Wenn Sophie Rois – die Uraufführung von René Polleschs "Cry Baby" hat eigentlich noch gar nicht richtig begonnen – in einem schlabbrigen weißen Nachthemd auf die mit barockem Plunder vollgestopfte Bühne schlurft. Wenn sie dann lustlos ein paar unverständliche Worte krächzt, laut gähnt und sich auf ein riesiges Bett wirft. Wenn sie an Hamlet denkt und genau wie der Dänen-Prinz von all dem Grübeln über Sein und Nichtsein nur noch ermattet ist. Wenn sie so sein möchte wie Prinz Friedrich von Homburg, der die Schlacht verschläft und sich die Welt schön träumt: Dann fliegen ihr sofort die Herzen der Zuschauer zu.

Und wenn sie sich dann auch noch, die Aufführung nimmt allmählich Fahrt auf, über das von Karrieristen und Kleingeistern bevölkerte zeitgenössische Theater erregt und ihr Leben fortan lieber dem Schlaf widmen will, sind ihr Sympathie und Begeisterung vollends sicher: Es dürfte der Beginn einer großartigen Freundschaft zwischen einer zuletzt heimatlosen Schauspielerin und einem nach neuen Gesichtern und Spielweisen lechzenden Publikum sein. [...]

[...] Sophie Rois: Sie gibt dem Abend, der zu einem brachialen Ritt durch die Literatur- und Theatergeschichte wird, die satirische Würze.

Sie garantiert den doppelten Boden, den hintersinnigen Humor, der aus bunt aneinander gereihten und frech collagierten Fundstücken ein (scheinbar) stimmiges Ganzes macht. [...]

Wie immer bei Pollesch, aber diesmal brüllkomisch, geht es um alles und nichts. Und darum, ob das Theater mit der Verweigerung von Realität und dem Beharren auf die Utopie des Spiels, dem Chaos der Welt einen Sinn geben kann.
Regisseur René Pollesch und Schauspielerin Sophie Rois geben mit "Cry Baby" einen umjubelten Einstand am Deutschen Theater in Berlin – vor allem der Darstellerin fliegen von Beginn an die Herzen zu.

Wenn Sophie Rois – die Uraufführung von René Polleschs "Cry Baby" hat eigentlich noch gar nicht richtig begonnen – in einem schlabbrigen weißen Nachthemd auf die mit barockem Plunder vollgestopfte Bühne schlurft. Wenn sie dann lustlos ein paar unverständliche Worte krächzt, laut gähnt und sich auf ein riesiges Bett wirft. Wenn sie an Hamlet denkt und genau wie der Dänen-Prinz von all dem Grübeln über Sein und Nichtsein nur noch ermattet ist. Wenn sie so sein möchte wie Prinz Friedrich von Homburg, der die Schlacht verschläft und sich die Welt schön träumt: Dann fliegen ihr sofort die Herzen der Zuschauer zu.

Und wenn sie sich dann auch noch, die Aufführung nimmt allmählich Fahrt auf, über das von Karrieristen und Kleingeistern bevölkerte zeitgenössische Theater erregt und ihr Leben fortan lieber dem Schlaf widmen will, sind ihr Sympathie und Begeisterung vollends sicher: Es dürfte der Beginn einer großartigen Freundschaft zwischen einer zuletzt heimatlosen Schauspielerin und einem nach neuen Gesichtern und Spielweisen lechzenden Publikum sein. [...]

[...] Sophie Rois: Sie gibt dem Abend, der zu einem brachialen Ritt durch die Literatur- und Theatergeschichte wird, die satirische Würze.

Sie garantiert den doppelten Boden, den hintersinnigen Humor, der aus bunt aneinander gereihten und frech collagierten Fundstücken ein (scheinbar) stimmiges Ganzes macht. [...]

Wie immer bei Pollesch, aber diesmal brüllkomisch, geht es um alles und nichts. Und darum, ob das Theater mit der Verweigerung von Realität und dem Beharren auf die Utopie des Spiels, dem Chaos der Welt einen Sinn geben kann.
Berliner Morgenpost
Katrin Pauly, 10.09.2018
René Pollesch und Sophie Rois geben mit "Cry Baby" überzeugenden Einstand am Deutschen Theater [...]

René Pollesch und Sophie Rois zelebrieren ihren Einstand am Deutschen Theater zum Spielzeitauftakt als ausschweifende Pyjama-Party. Die trägt das Motto "Cry Baby", aber die offiziellen Stücktitel waren bei Pollesch noch nie entscheidend. Zum Heulen ist hier jedenfalls gar nichts. [...]

Hinter dem Bett erhebt sich ein mit Vögelchen und Pflanzen naturalistisch bedruckter, flatteriger Vorhang, die markanten Logen des Deutschen Theaters verbreitern sich auf die Bühne. Auch sonst passt hier alles erstaunlich gut zusammen. [...]

Tausend Gedankenfäden, die vor allem in Sophie Rois ihren Anfang und kein Ende nehmen. Sie ist die Lichtgestalt im Nachthemd. Mit dieser Stimme, die oft wegzubrechen scheint und doch umso nachdrücklicher jedem Wort nachspürt, mit diesen Blicken, die Sätze auf ungeahnte Umlaufbahnen schießen können. Bernd Moss kann mit diesem Tempo hervorragend mithalten, Christine Groß sowieso. Judith Hofmann bleibt zurückgenommener, weniger überdreht, was dem Abend bisweilen guttut. Dazu kommt ein zwölfköpfiger Chor, bestehend vorwiegend aus Studentinnen der Schauspielschule "Ernst Busch", ebenfalls allesamt in bunt bedruckte, seidige Pyjamas bekleidet. [...]
René Pollesch und Sophie Rois geben mit "Cry Baby" überzeugenden Einstand am Deutschen Theater [...]

René Pollesch und Sophie Rois zelebrieren ihren Einstand am Deutschen Theater zum Spielzeitauftakt als ausschweifende Pyjama-Party. Die trägt das Motto "Cry Baby", aber die offiziellen Stücktitel waren bei Pollesch noch nie entscheidend. Zum Heulen ist hier jedenfalls gar nichts. [...]

Hinter dem Bett erhebt sich ein mit Vögelchen und Pflanzen naturalistisch bedruckter, flatteriger Vorhang, die markanten Logen des Deutschen Theaters verbreitern sich auf die Bühne. Auch sonst passt hier alles erstaunlich gut zusammen. [...]

Tausend Gedankenfäden, die vor allem in Sophie Rois ihren Anfang und kein Ende nehmen. Sie ist die Lichtgestalt im Nachthemd. Mit dieser Stimme, die oft wegzubrechen scheint und doch umso nachdrücklicher jedem Wort nachspürt, mit diesen Blicken, die Sätze auf ungeahnte Umlaufbahnen schießen können. Bernd Moss kann mit diesem Tempo hervorragend mithalten, Christine Groß sowieso. Judith Hofmann bleibt zurückgenommener, weniger überdreht, was dem Abend bisweilen guttut. Dazu kommt ein zwölfköpfiger Chor, bestehend vorwiegend aus Studentinnen der Schauspielschule "Ernst Busch", ebenfalls allesamt in bunt bedruckte, seidige Pyjamas bekleidet. [...]
Berliner Zeitung
Ulrich Seidler, 10.09.2018
Der Abend versucht in 70 Minuten alle möglichen Arten von theater- und kapitalismusimmanenten Ordnungen zu unterwandern, manövriert sich mit fröhlicher Unbekümmertheit in Repräsentanzsackgassen hinein und wechselt, wenn es nicht mehr weitergeht, nach einer choreografischen Einlage zu schönster Musik die Platte. Rasender Stillstand und gute Laune müssen sich keinesfalls ausschließen. [...] Der Abend versucht in 70 Minuten alle möglichen Arten von theater- und kapitalismusimmanenten Ordnungen zu unterwandern, manövriert sich mit fröhlicher Unbekümmertheit in Repräsentanzsackgassen hinein und wechselt, wenn es nicht mehr weitergeht, nach einer choreografischen Einlage zu schönster Musik die Platte. Rasender Stillstand und gute Laune müssen sich keinesfalls ausschließen. [...]
Der Tagesspiegel
Rüdiger Schaper, 10.09.2018
"Cry Baby" nennt sich die neue Kreation, aber zum Heulen gibt es keinen Grund. Der mit 70 Minuten gewohnt sehr kurze Abend vertreibt auch ein Stückchen Volksbühnenbitterkeit und präsentiert sich als legeres Vorspiel zu einer Spielzeit am Deutschen Theater, bei dem mit Moritz Rinke, Ex-Berliner-Ensemble-Autor, ein weiterer teurer Transferspieler angeheuert hat. [...]

Die Bühne von Barbara Steiner: ein Boudoir. Vorhänge über Vorhänge. Und ein weiterer Balkon neben dem Balkon, der da immer ist. Theater verdoppelt und verdreht. Das passt wunderbar ins DT [...]

Der von Christine Groß einstudierte Chor spricht klar und hell, er nervt, er unterhält, begleitet und geleitet. Christine Groß steht selbst auf der Bühne, sie bildet mit Judith Hofmann eine Art Geleitschutz für Sophie Rois. [...] 
"Cry Baby" nennt sich die neue Kreation, aber zum Heulen gibt es keinen Grund. Der mit 70 Minuten gewohnt sehr kurze Abend vertreibt auch ein Stückchen Volksbühnenbitterkeit und präsentiert sich als legeres Vorspiel zu einer Spielzeit am Deutschen Theater, bei dem mit Moritz Rinke, Ex-Berliner-Ensemble-Autor, ein weiterer teurer Transferspieler angeheuert hat. [...]

Die Bühne von Barbara Steiner: ein Boudoir. Vorhänge über Vorhänge. Und ein weiterer Balkon neben dem Balkon, der da immer ist. Theater verdoppelt und verdreht. Das passt wunderbar ins DT [...]

Der von Christine Groß einstudierte Chor spricht klar und hell, er nervt, er unterhält, begleitet und geleitet. Christine Groß steht selbst auf der Bühne, sie bildet mit Judith Hofmann eine Art Geleitschutz für Sophie Rois. [...] 
Freigeist-Magzine
Sabine Schmidt, 10.09.2018
Autor und Regisseur René Pollesch feiert seinen Einstand am Deutsche Theater
Berlin mit einem umfassenden
Schlagabtausch aus diversen Themen, wie beispielsweise Theaterinstitution, 
Engagement und das "Gespenst der Freiheit" von Luis Buñuel. Er bringt diese Themen auf eine diskursive Metaebene und verbindet sie unter anderem mit dem Kleist-Klassiker, Prinz Friedrich von Homburg, um dem theatralen Bühnenraum vom Deutschen Theater gerecht zu werden. [...]

Beeindruckend an "Cry Baby" ist unter anderem der zwölfer Frauenchor von den Studentinnen aus dem zweiten Studienjahr der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, welcher als einheitlicher Körper auftritt – es sei denn, jemand beweist seine Teamfähigkeit und geht ab –. Der Frauenchor ist in seiner Ausdrucksweise synchron, positioniert und pointiert sich in Momenten, wie im rebellischen Engagement von Udo Lindenberg. [...]

"Cry Baby" ist ein lustiger und angenehmer Theaterabend mit grandiosen Text und beeindruckender Schauspielkunst. So einzigartig, wie es schon lange nicht mehr in Berlin zu erleben war. Glücklicherweise hat René Pollesch am Deutschen Theater wieder ein (zu) Haus(e) gefunden.
Autor und Regisseur René Pollesch feiert seinen Einstand am Deutsche Theater
Berlin mit einem umfassenden
Schlagabtausch aus diversen Themen, wie beispielsweise Theaterinstitution, 
Engagement und das "Gespenst der Freiheit" von Luis Buñuel. Er bringt diese Themen auf eine diskursive Metaebene und verbindet sie unter anderem mit dem Kleist-Klassiker, Prinz Friedrich von Homburg, um dem theatralen Bühnenraum vom Deutschen Theater gerecht zu werden. [...]

Beeindruckend an "Cry Baby" ist unter anderem der zwölfer Frauenchor von den Studentinnen aus dem zweiten Studienjahr der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, welcher als einheitlicher Körper auftritt – es sei denn, jemand beweist seine Teamfähigkeit und geht ab –. Der Frauenchor ist in seiner Ausdrucksweise synchron, positioniert und pointiert sich in Momenten, wie im rebellischen Engagement von Udo Lindenberg. [...]

"Cry Baby" ist ein lustiger und angenehmer Theaterabend mit grandiosen Text und beeindruckender Schauspielkunst. So einzigartig, wie es schon lange nicht mehr in Berlin zu erleben war. Glücklicherweise hat René Pollesch am Deutschen Theater wieder ein (zu) Haus(e) gefunden.
Kulturradio
Barbara Behrendt, 10.09.2018
Diese Saisoneröffnung galt als großes Kulturevent – und wurde am Ende mit Standing Ovations gefeiert.

René Pollesch hat die Bühnengestaltung dekorativ dem neuen Ort angepasst. In der Bühnenmitte steht ein herrschaftliches Bett, darüber Vorhänge, die ganz nach 19. Jahrhundert aussehen. Als Verlängerung des Zuschauerraums hat seine Bühnenbildnerin Barbara Steiner die Theaterlogen des Hauses identisch auf die Bühne gebaut. [...]

Und Sophie Rois? Ist selbstredend großartig. 

Rois bildet das Zentrum des Abends, auch wenn Christine Groß und Judith Hofmann gut mithalten und sich Bernd Moss als Gewinn fürs Pollesch-Universum herausstellt. Das Schöne an Sophie Rois ist ja, wie wenig sie sich begrenzen und festlegen lässt – und trotzdem eine Art Charakter darstellt.

Sie proklamiert Kleist, was das Zeug hält, sie parodiert, sie wettert wie eine Kräuterhexe, teilt aus, schmollt, reagiert blitzschnell mit Lippen, Augenbrauen und blitzenden Pupillen – und die ganze Zeit hat man das Gefühl, ihr beim Denken zuzusehen.

Ein unterhaltsamer, auch boulevardesker und freundlicher Einstand, den Pollesch am Deutschen Theater gibt, deutlich heiterer als manch andere seiner Produktionen. Kaum verschwurbelt ist dieser Abend und trumpft mit einer herzerfrischenden Sophie Rois auf [...]
Diese Saisoneröffnung galt als großes Kulturevent – und wurde am Ende mit Standing Ovations gefeiert.

René Pollesch hat die Bühnengestaltung dekorativ dem neuen Ort angepasst. In der Bühnenmitte steht ein herrschaftliches Bett, darüber Vorhänge, die ganz nach 19. Jahrhundert aussehen. Als Verlängerung des Zuschauerraums hat seine Bühnenbildnerin Barbara Steiner die Theaterlogen des Hauses identisch auf die Bühne gebaut. [...]

Und Sophie Rois? Ist selbstredend großartig. 

Rois bildet das Zentrum des Abends, auch wenn Christine Groß und Judith Hofmann gut mithalten und sich Bernd Moss als Gewinn fürs Pollesch-Universum herausstellt. Das Schöne an Sophie Rois ist ja, wie wenig sie sich begrenzen und festlegen lässt – und trotzdem eine Art Charakter darstellt.

Sie proklamiert Kleist, was das Zeug hält, sie parodiert, sie wettert wie eine Kräuterhexe, teilt aus, schmollt, reagiert blitzschnell mit Lippen, Augenbrauen und blitzenden Pupillen – und die ganze Zeit hat man das Gefühl, ihr beim Denken zuzusehen.

Ein unterhaltsamer, auch boulevardesker und freundlicher Einstand, den Pollesch am Deutschen Theater gibt, deutlich heiterer als manch andere seiner Produktionen. Kaum verschwurbelt ist dieser Abend und trumpft mit einer herzerfrischenden Sophie Rois auf [...]
Nürnberger Nachrichten
Bern Noack, 10.09.2018
Rois und Pollesch also nun in und mit dem neuen Pollesch-Stück "Cry Baby" in einer Pollesch-Inszenierung, in der Rois brilliert. Mehr als eine gute Bank! Das an komischer Ödnis kaum zu übertreffende Eingangsbekenntnis zur absoluten Müdigkeit zieht Sophie Rois in allen möglichen Varianten
durch bis zum noch komischeren Ende. [...]

Immer wieder schmeißt sie sich auf das große Lotterbett, das über die Bühne irrt, die Barbara Steiner mit angedeutetem klassischem Prunk und links und rechts mit zusätzlichen Logen-Aufbauten ausgestattet hat. Die sind DT-kompatibel und setzen das Theater praktisch nach hinten fort [...]

Ein bunter Chor Mädels in quietsch-farbigen Schlafanzügen (wunderbare Schülerinnen der
Ernst-Busch-Schauspielschule) darf das Geschehen mal als Erschießungskommando,
mal als rotzfrecher Zeitgeist-Kommentator begleiten. [...]

Sophie Rois nörgelt und kreischt sich durch dieses Theater-Dilemma (das satirisch viel mehr mit der Berliner Situation zu tun hat als
man drüber lacht...), sinniert bis die Denkblasen platzen, doziert im Brabbelton
und rezitiert reizend. Wie beiläufig rührt sie an
den Grundfesten der Institution und kann doch nicht von ihr lassen. Zwischen Hamlet und Homburg werden Brecht und Buñuel herbeizitiert, da flippt sie im
viel zu großen weißen Linnenhemd und kriegt auch mal ein enormes Solo: wie sie die total übergeschnappte Tragödin hinlegt – zum
Niederknien! [...]

Tiefgründelndes Clownstheater der besten
Sorte, das in Sophie Rois’ Frage gipfelt: "Seit wann sind Schauspieler bloß so eifrig geworden?"
Rois und Pollesch also nun in und mit dem neuen Pollesch-Stück "Cry Baby" in einer Pollesch-Inszenierung, in der Rois brilliert. Mehr als eine gute Bank! Das an komischer Ödnis kaum zu übertreffende Eingangsbekenntnis zur absoluten Müdigkeit zieht Sophie Rois in allen möglichen Varianten
durch bis zum noch komischeren Ende. [...]

Immer wieder schmeißt sie sich auf das große Lotterbett, das über die Bühne irrt, die Barbara Steiner mit angedeutetem klassischem Prunk und links und rechts mit zusätzlichen Logen-Aufbauten ausgestattet hat. Die sind DT-kompatibel und setzen das Theater praktisch nach hinten fort [...]

Ein bunter Chor Mädels in quietsch-farbigen Schlafanzügen (wunderbare Schülerinnen der
Ernst-Busch-Schauspielschule) darf das Geschehen mal als Erschießungskommando,
mal als rotzfrecher Zeitgeist-Kommentator begleiten. [...]

Sophie Rois nörgelt und kreischt sich durch dieses Theater-Dilemma (das satirisch viel mehr mit der Berliner Situation zu tun hat als
man drüber lacht...), sinniert bis die Denkblasen platzen, doziert im Brabbelton
und rezitiert reizend. Wie beiläufig rührt sie an
den Grundfesten der Institution und kann doch nicht von ihr lassen. Zwischen Hamlet und Homburg werden Brecht und Buñuel herbeizitiert, da flippt sie im
viel zu großen weißen Linnenhemd und kriegt auch mal ein enormes Solo: wie sie die total übergeschnappte Tragödin hinlegt – zum
Niederknien! [...]

Tiefgründelndes Clownstheater der besten
Sorte, das in Sophie Rois’ Frage gipfelt: "Seit wann sind Schauspieler bloß so eifrig geworden?"
Süddeutsche Zeitung
Peter Laudenbach, 10.09.2018
Sophie Rois und René Pollesch triumphieren mit "Cry Baby" [...]

René Pollesch feiert mit Sophie Rois, Christine Groß, Judith Hofmann und Bernd Moss eine Pyjama-Party. Die knall-bunten Pop-Seidenpyjamas (Kostüme: Tabea Braun) sehen so toll aus, dass man sich in seiner Tagesbekleidung im Zuschauerraum sofort albern vorkommt. Die Namen der zwölf Schauspielstudentinnen des von Christine Groß mit schöner Genauigkeit geleiteten Chors muss man sich unbedingt merken [..]
Sophie Rois und René Pollesch triumphieren mit "Cry Baby" [...]

René Pollesch feiert mit Sophie Rois, Christine Groß, Judith Hofmann und Bernd Moss eine Pyjama-Party. Die knall-bunten Pop-Seidenpyjamas (Kostüme: Tabea Braun) sehen so toll aus, dass man sich in seiner Tagesbekleidung im Zuschauerraum sofort albern vorkommt. Die Namen der zwölf Schauspielstudentinnen des von Christine Groß mit schöner Genauigkeit geleiteten Chors muss man sich unbedingt merken [..]
FAZ
Irene Bazinger, 11.09.2018
Der Schlussapplaus der mit knapp siebzig Minuten nicht gerade langen Aufführung fiel überwältigend aus. Es scheint, als habe Pollesch mit seinem fröhlich-klugen Diskurstheater – und dem bei Max Ophüls entlehnten Motto "Zwanglos drauflosdenken" – beste Chancen, hier ebenfalls zum Publikumsliebling zu werden. Für sein spektakuläres Debüt am neuen Haus hat die Bühnenbildnerin Barbara Steiner den Saal mit Proszeniumslogen auf die Bühne hinauf verlängert. Da markiert ein überhoher, zart bemalter Vorhang ein Boudoir und bedeckt vor einem nicht vorhandenen Fenster teilweise ein prächtiges blassgelbes Doppelbett. In diesem Refugium wird diskutiert und gestritten und der Gegensatz von Kunst und Leben nonchalant zelebriert. Alle tragen feine, von Tabea Braun ausgewählte Pyjamas oder Morgenmäntel, einzig Sophie Rois ein bodenlanges, weites Gewand. [...]

Lustvoll lästig gestaltet Bernd Moss einen renitenten Zuschauer, der laut aus seiner Loge meckert, wenn ihm etwas nicht gefällt ("Ich glaube, Sie können sich nicht ausdrücken"), und der sich später als Jesuitenpater mit der fulminanten Sophie Rois – nun als ketzerischen Libertin – ein ziemlich komisches, bisweilen hübsch tänzerisches Fechtduell liefert. Judith Hofmann und Christine Groß als Nachtschattengewächse sorgen trotz behauptetem Ennui für zusätzliche Dialogblüten etwa über Mieten, Märkte und Moden. [...]

Als Autor hat Pollesch alle Ideen, Phantasien und Querverweise, als Regisseur alle szenischen Kunstmittel souverän in der Hand. Zwischen Tradition und Vision, zwischen emotionalen Wahrheiten und intelektuellen Volten entwickelt er mit dem hervorragenden Ensemble seine schöne, überzeugend verdichtete Inszenierung. [...] 
Der Schlussapplaus der mit knapp siebzig Minuten nicht gerade langen Aufführung fiel überwältigend aus. Es scheint, als habe Pollesch mit seinem fröhlich-klugen Diskurstheater – und dem bei Max Ophüls entlehnten Motto "Zwanglos drauflosdenken" – beste Chancen, hier ebenfalls zum Publikumsliebling zu werden. Für sein spektakuläres Debüt am neuen Haus hat die Bühnenbildnerin Barbara Steiner den Saal mit Proszeniumslogen auf die Bühne hinauf verlängert. Da markiert ein überhoher, zart bemalter Vorhang ein Boudoir und bedeckt vor einem nicht vorhandenen Fenster teilweise ein prächtiges blassgelbes Doppelbett. In diesem Refugium wird diskutiert und gestritten und der Gegensatz von Kunst und Leben nonchalant zelebriert. Alle tragen feine, von Tabea Braun ausgewählte Pyjamas oder Morgenmäntel, einzig Sophie Rois ein bodenlanges, weites Gewand. [...]

Lustvoll lästig gestaltet Bernd Moss einen renitenten Zuschauer, der laut aus seiner Loge meckert, wenn ihm etwas nicht gefällt ("Ich glaube, Sie können sich nicht ausdrücken"), und der sich später als Jesuitenpater mit der fulminanten Sophie Rois – nun als ketzerischen Libertin – ein ziemlich komisches, bisweilen hübsch tänzerisches Fechtduell liefert. Judith Hofmann und Christine Groß als Nachtschattengewächse sorgen trotz behauptetem Ennui für zusätzliche Dialogblüten etwa über Mieten, Märkte und Moden. [...]

Als Autor hat Pollesch alle Ideen, Phantasien und Querverweise, als Regisseur alle szenischen Kunstmittel souverän in der Hand. Zwischen Tradition und Vision, zwischen emotionalen Wahrheiten und intelektuellen Volten entwickelt er mit dem hervorragenden Ensemble seine schöne, überzeugend verdichtete Inszenierung. [...] 
neues deutschland
Hans-Dieter Schütt, 12.09.2018
Man spielt herzzerreißend locker und leicht und mimt Verzweiflung; man zetert, wirft sich in Pose, aufs Bett oder auf den Boden, debattiert sich wie hochgedrehtes Motorenwerk durchs absurd lose Geschehen. Geschehen ist schon zu viel gesagt. Eher wird bei Pollesch der Essay zum Clownsauftritt verführt. Aber freilich geht es ums Eingemachte, das uns täglich, stündlich bewegt. Etwa, was überschäumendes Schöpfertum sei: "die Legitimation des durch Beziehungslosigkeit brutalisierten Einzelnen." Oder was künstlerischer Arbeit vorausgehen muss: "die Bereitschaft, sich der Versuchung zur Expression eines immer nur phantasmatischen Innen zu entziehen." Und was ist - o drängende Frage - eigentlich aus der "oft mit Tatenlosigkeit gleichgesetzten Stabilität geworden"? [...]

Die Rois! Wie ein tolles Huhn kann sie ihren Kopf in die leichte Schräge versetzen, von wo aus sie ruckartig ihre Worte in die Welt hackt. Sie hackt oder huscht. Die Zartheit röhrt; und handelte die Rois mit Stacheldraht, sie würde jedes Stück verkaufen, als sei es eine Federboa. Sie kann beim Reden gleichsam singen. Hell und ölig. Hexe und Engel. Sie ist bissig, aber beißt nur immer so weit zu, als sie sich jede Chose auf der Zunge zergehen lassen kann. Wenn sie vom Schlafen träumt, taucht sie ihre Gesichtszüge in eine graue, faltige, geradezu ansteckende Müdigkeit - strafft sie sich aber zur tonvollen Rezitation, ist sie von einem Adel umstrahlt, der beides zugleich ist: voller Ton und Parodie des hohl Tönernen.

Das Spiel, jonglierend mit Luis Bunuel und Hugo von Hofmannsthal, mit Theodor W. Adorno und Ingeborg Bachmann - es treibt den überall so eifernden, schürfenden Feuille-Ton ins selbstironische Kichern. Bei Pollesch balanciert der bedeutungstolle Debattenmodernismus kühn über Seile, mit Augenzwinkern: Diese Seile liegen allesamt am Boden. Pointiert wird mit einem Intellektualismus abgerechnet, der stets meint, auf der wahren, guten Seite der Deutungstechniken zu stehen. [...]
Man spielt herzzerreißend locker und leicht und mimt Verzweiflung; man zetert, wirft sich in Pose, aufs Bett oder auf den Boden, debattiert sich wie hochgedrehtes Motorenwerk durchs absurd lose Geschehen. Geschehen ist schon zu viel gesagt. Eher wird bei Pollesch der Essay zum Clownsauftritt verführt. Aber freilich geht es ums Eingemachte, das uns täglich, stündlich bewegt. Etwa, was überschäumendes Schöpfertum sei: "die Legitimation des durch Beziehungslosigkeit brutalisierten Einzelnen." Oder was künstlerischer Arbeit vorausgehen muss: "die Bereitschaft, sich der Versuchung zur Expression eines immer nur phantasmatischen Innen zu entziehen." Und was ist - o drängende Frage - eigentlich aus der "oft mit Tatenlosigkeit gleichgesetzten Stabilität geworden"? [...]

Die Rois! Wie ein tolles Huhn kann sie ihren Kopf in die leichte Schräge versetzen, von wo aus sie ruckartig ihre Worte in die Welt hackt. Sie hackt oder huscht. Die Zartheit röhrt; und handelte die Rois mit Stacheldraht, sie würde jedes Stück verkaufen, als sei es eine Federboa. Sie kann beim Reden gleichsam singen. Hell und ölig. Hexe und Engel. Sie ist bissig, aber beißt nur immer so weit zu, als sie sich jede Chose auf der Zunge zergehen lassen kann. Wenn sie vom Schlafen träumt, taucht sie ihre Gesichtszüge in eine graue, faltige, geradezu ansteckende Müdigkeit - strafft sie sich aber zur tonvollen Rezitation, ist sie von einem Adel umstrahlt, der beides zugleich ist: voller Ton und Parodie des hohl Tönernen.

Das Spiel, jonglierend mit Luis Bunuel und Hugo von Hofmannsthal, mit Theodor W. Adorno und Ingeborg Bachmann - es treibt den überall so eifernden, schürfenden Feuille-Ton ins selbstironische Kichern. Bei Pollesch balanciert der bedeutungstolle Debattenmodernismus kühn über Seile, mit Augenzwinkern: Diese Seile liegen allesamt am Boden. Pointiert wird mit einem Intellektualismus abgerechnet, der stets meint, auf der wahren, guten Seite der Deutungstechniken zu stehen. [...]
taz
Katrin Bettina Müller, 13.09.2018
Um die Ökonomie, die Liebe, das Spiel und den Schein ging es schon oft in den Texten von René Pollesch. Das bildet auch diesmal einen Kern seines neuen Stücks, "Cry Baby", und bringt die Dinge unter einem überraschend neuen Dreh zusammen. [...]

Und dann ist da noch ein großes Bett, das im Hintergrund der Bühne herumfuhrwerkt und auf dem alle, mit Ausnahme von Bernd Moss, gern schlafen würden. Es ist teilweise sehr voll, voller junger Mädchen, so voll war es zuletzt in einer Liegewagenkabine in „Manche mögen’s heiß“. Ein einladendes Bild, das unabhängig vom Text wieder und wieder seine eigenen Assoziationen weckt. [...]
Um die Ökonomie, die Liebe, das Spiel und den Schein ging es schon oft in den Texten von René Pollesch. Das bildet auch diesmal einen Kern seines neuen Stücks, "Cry Baby", und bringt die Dinge unter einem überraschend neuen Dreh zusammen. [...]

Und dann ist da noch ein großes Bett, das im Hintergrund der Bühne herumfuhrwerkt und auf dem alle, mit Ausnahme von Bernd Moss, gern schlafen würden. Es ist teilweise sehr voll, voller junger Mädchen, so voll war es zuletzt in einer Liegewagenkabine in „Manche mögen’s heiß“. Ein einladendes Bild, das unabhängig vom Text wieder und wieder seine eigenen Assoziationen weckt. [...]
Der Freitag
Eva Marburg, 14.09.2018
Am Ende schließlich, der fast schönsten Stelle des Abends, sagt Judith Hofmann mit großer Schlichtheit: "Und dann triffst du plötzlich auf jemanden. So wie jemand zur Tür reinkommt, und du hast das Gefühl: Ah! Das gibt es noch das Leben! Da ist es! Ja, und dann gibt es Orte, wo so die Möglichkeit da war, dass das passiert." 

Da schmeißt einem Pollesch den Schmerz noch mal hin, der Chor weint zu Crying von Roy Orbison – und es ist ja auch wirklich so verdammt selten, dass man im Leben auf solche Menschen und Orte trifft.

Trotz dieser fortgesetzten Trauerarbeit strahlt der Abend eine ergreifende Schönheit aus, voller Witz und kurioser Komik, und man hat ganz deutlich das Gefühl, man habe so einen Moment erlebt, in dem etwas in der Tür steht, das das Leben ist. 
Am Ende schließlich, der fast schönsten Stelle des Abends, sagt Judith Hofmann mit großer Schlichtheit: "Und dann triffst du plötzlich auf jemanden. So wie jemand zur Tür reinkommt, und du hast das Gefühl: Ah! Das gibt es noch das Leben! Da ist es! Ja, und dann gibt es Orte, wo so die Möglichkeit da war, dass das passiert." 

Da schmeißt einem Pollesch den Schmerz noch mal hin, der Chor weint zu Crying von Roy Orbison – und es ist ja auch wirklich so verdammt selten, dass man im Leben auf solche Menschen und Orte trifft.

Trotz dieser fortgesetzten Trauerarbeit strahlt der Abend eine ergreifende Schönheit aus, voller Witz und kurioser Komik, und man hat ganz deutlich das Gefühl, man habe so einen Moment erlebt, in dem etwas in der Tür steht, das das Leben ist. 
The New York Times
A.J. Goldmann, 21.09.2018
"Cry Baby" is Mr. Pollesch’s first work in Berlin since a failed changing of the guard at the Volksbühne, and it takes place at another storied playhouse: the Deutsches Theater. In an 18th-century boudoir that becomes a stage within a stage thanks to Barbara Steiner’s set, the actress Sophie Rois (another Volksbühne exile) and her three co-stars discuss the motivations and desires of actors, the expectations of the theatergoing audience and individuality versus groupthink. The setting lends the play the breezy feel of French Boulevard theater, although the hallmarks of that genre — love, adultery, crime — seem to have played out before the play’s beginning, when Ms. Rois shuffles onstage and plops onto the bed.

The rapid-fire dialogue is peppered with quotations, ranging from the German playwright Heinrich von Kleist to the Spanish filmmaker Luis Buñuel, and the talk careens free-associatively from Brechtian aesthetics to German pop music. There’s also a gaggle of pajama-clad girls, reciting their dialogue in unison like a Greek chorus, who at one stage crawl into Ms. Rois’s bed.

Bernd Moss, a lanky, expressive actor in the Deutsches Theater’s ensemble, is Ms. Rois’s chief interlocutor, heckling or at least provoking her as an onstage spectator, and swashbuckling his way around the stage with her in a long fencing duel. Mr. Pollesch divides the text and action into discrete scenes with his eclectic soundtrack of Roy Orbison and flamenco guitar.

As for Ms. Rois, she is charismatic and captivating as she switches between theatrical registers, embracing a spectrum from classic declamation to guttural whining reminiscent of Gollum in "Lord of the Rings." [...]
"Cry Baby" is Mr. Pollesch’s first work in Berlin since a failed changing of the guard at the Volksbühne, and it takes place at another storied playhouse: the Deutsches Theater. In an 18th-century boudoir that becomes a stage within a stage thanks to Barbara Steiner’s set, the actress Sophie Rois (another Volksbühne exile) and her three co-stars discuss the motivations and desires of actors, the expectations of the theatergoing audience and individuality versus groupthink. The setting lends the play the breezy feel of French Boulevard theater, although the hallmarks of that genre — love, adultery, crime — seem to have played out before the play’s beginning, when Ms. Rois shuffles onstage and plops onto the bed.

The rapid-fire dialogue is peppered with quotations, ranging from the German playwright Heinrich von Kleist to the Spanish filmmaker Luis Buñuel, and the talk careens free-associatively from Brechtian aesthetics to German pop music. There’s also a gaggle of pajama-clad girls, reciting their dialogue in unison like a Greek chorus, who at one stage crawl into Ms. Rois’s bed.

Bernd Moss, a lanky, expressive actor in the Deutsches Theater’s ensemble, is Ms. Rois’s chief interlocutor, heckling or at least provoking her as an onstage spectator, and swashbuckling his way around the stage with her in a long fencing duel. Mr. Pollesch divides the text and action into discrete scenes with his eclectic soundtrack of Roy Orbison and flamenco guitar.

As for Ms. Rois, she is charismatic and captivating as she switches between theatrical registers, embracing a spectrum from classic declamation to guttural whining reminiscent of Gollum in "Lord of the Rings." [...]
Theater heute
Franz Wille, 01.10.2018
Da im schlampigen Edelboulevard die abgründigen Verwirbelugen zwischen authentischem Seinsgefühl und puderquastig kostruiertem Bühnenschein am zweifelhaftesten aufblühen, beginnen dann 75 Minuten ziemlich brilliante Dialog-Spiegelfechtereien, die zum Konzentriertesten gehören, was René Pollesch in den letzten Jahren zusammengeschrieben hat. [...]

Sophie Rois bleibt wie erwartet der unerschütterlich stimmdunkle Eigensinn, der sich perfekt ins Ensemble fügt – gleichzeitig vollauthentisch und hochkünstlich –, und gönnt sich nur eine einzige heulbojenartige Divennummer, die im Vollzug angemessen ironisiert wird. [...] 
Da im schlampigen Edelboulevard die abgründigen Verwirbelugen zwischen authentischem Seinsgefühl und puderquastig kostruiertem Bühnenschein am zweifelhaftesten aufblühen, beginnen dann 75 Minuten ziemlich brilliante Dialog-Spiegelfechtereien, die zum Konzentriertesten gehören, was René Pollesch in den letzten Jahren zusammengeschrieben hat. [...]

Sophie Rois bleibt wie erwartet der unerschütterlich stimmdunkle Eigensinn, der sich perfekt ins Ensemble fügt – gleichzeitig vollauthentisch und hochkünstlich –, und gönnt sich nur eine einzige heulbojenartige Divennummer, die im Vollzug angemessen ironisiert wird. [...] 

Außerdem im Spielplan

Heute171819202122232425262728293031November 123456789101112131415161718192021222324252627282930Dezember 12345678910111213141516171819202122232425262728293031Januar 12345678910111213141516171819202122232425262728293031
Mit englischen Übertiteln

Rom

nach Coriolan, Julius Cäsar und Antonius und
Cleopatra von William Shakespeare
Deutsches Theater
19.30 - 22.35
19.00 Einführung - Saal

Gretchen Dutschke: 1968.
Worauf wir stolz sein dürfen

Lesung und Gespräch mit Gretchen Dutschke und Eva Quistorp
Anmeldung unter calendar.boell.de
Saal
20.00
Eintritt frei
Mit englischen Übertiteln
von Alfred Jarry
Kammerspiele
20.00 - 21.40