Das Mädchen mit dem Fingerhut

von Michael Köhlmeier
Bühne / Kostüme Juliane Grebin
Licht Peter Grahn
Ton Konstantinos Georgiou
Dramaturgie Meike Schmitz
Berlin-Premiere 26. Oktober 2017
Uraufführung am 20. Mai 2017 Ruhrfestspiele Recklinghausen
Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen
Thorsten Hierse
Kotti Yun
Tobias VethakeLive-Musik
Die deutsche Bühne
Hans-Christoph Zimmermann, 21.05.2017
Aufsicht und Untersicht fallen zusammen. Die schwarze Rückwand auf der handtuchtiefen Bühne ist übersät mit hellen Punkten. Der Blick fällt ins unermesslich weite Weltall. Ist das der sternüberwölbte Himmel der Heimat oder steht er für die Sehnsucht nach der Ferne? Zugleich wird damit das Panorama der Erde bei Nacht entfaltet. Lichtpunkte gesehen aus dem Orbit, von Fremden oder Außerirdischen. Die Bühne in der Halle König Ludwig in Recklinghausen (Ausstattung: Juliane Grebin) wird bevölkert mit einem Musiker und zwei Schauspielern in hellbeigefarbener einfacher Kleidung, die Gesichter weiß geschminkt, die Lippen (nicht die Wangen) rot, die Füße nackt. [...]

Thorsten Hierse rollt mit seinem hohen Bariton fürsorglich den Textteppich aus; er beugt sich herab, dreht den Kopf, lässt einen wärmenden Mantel erscheinen, legt betend die Hände zusammen – während neben ihm Kotti Yun beobachtend auf der Hut ist. Es dauert, bis sie den Erzähler anblickt. Doch dann legt er, ganz wärmender Schutz des Containers, die Arme um sie, hüllt sie ein; sie schmiegt den Kopf an ihn: Der sprachmächtige Erzähler hat die Sprachlose aufgenommen – und zwar genau dort, wo der Abfall der Zivilisation sich sammelt. [...]

Alexander Riemenschneider unterlegt dem Abend eine Bewegungspartitur, die zwischen Tanz, Pantomime und Illustration changiert. Bewegung gewinnt den Rang einer selbständigen Sprache, die der Verständigung, der Akkulturation, aber auch der Überwältigung dient.

Wenn das Trio im Haus duscht, isst, mit Puppen spielt, tollen Kotti Yun und Thorsten Hierse enthemmt-tänzerisch über die Bühne als Moment größten Glück. Wenn das kleine Mädchen dagegen von einer Schwester im Heim gebadet wird oder später von einer älteren einsamen Frau gesund gepflegt, geschlagen und einem Sprachunterricht unterworfen wird, ähnelt das auf der Bühne einem harschen körperlichen Übergriff, der mit Verweigerung beantwortet wird. Tobias Vethake unterlegt diese wechselnden Aggregatszustände der Fremdheit mit dem zirpenden, gezupten, oder auch mal brüllenden Sound seines elektronischen Cellos.
Aufsicht und Untersicht fallen zusammen. Die schwarze Rückwand auf der handtuchtiefen Bühne ist übersät mit hellen Punkten. Der Blick fällt ins unermesslich weite Weltall. Ist das der sternüberwölbte Himmel der Heimat oder steht er für die Sehnsucht nach der Ferne? Zugleich wird damit das Panorama der Erde bei Nacht entfaltet. Lichtpunkte gesehen aus dem Orbit, von Fremden oder Außerirdischen. Die Bühne in der Halle König Ludwig in Recklinghausen (Ausstattung: Juliane Grebin) wird bevölkert mit einem Musiker und zwei Schauspielern in hellbeigefarbener einfacher Kleidung, die Gesichter weiß geschminkt, die Lippen (nicht die Wangen) rot, die Füße nackt. [...]

Thorsten Hierse rollt mit seinem hohen Bariton fürsorglich den Textteppich aus; er beugt sich herab, dreht den Kopf, lässt einen wärmenden Mantel erscheinen, legt betend die Hände zusammen – während neben ihm Kotti Yun beobachtend auf der Hut ist. Es dauert, bis sie den Erzähler anblickt. Doch dann legt er, ganz wärmender Schutz des Containers, die Arme um sie, hüllt sie ein; sie schmiegt den Kopf an ihn: Der sprachmächtige Erzähler hat die Sprachlose aufgenommen – und zwar genau dort, wo der Abfall der Zivilisation sich sammelt. [...]

Alexander Riemenschneider unterlegt dem Abend eine Bewegungspartitur, die zwischen Tanz, Pantomime und Illustration changiert. Bewegung gewinnt den Rang einer selbständigen Sprache, die der Verständigung, der Akkulturation, aber auch der Überwältigung dient.

Wenn das Trio im Haus duscht, isst, mit Puppen spielt, tollen Kotti Yun und Thorsten Hierse enthemmt-tänzerisch über die Bühne als Moment größten Glück. Wenn das kleine Mädchen dagegen von einer Schwester im Heim gebadet wird oder später von einer älteren einsamen Frau gesund gepflegt, geschlagen und einem Sprachunterricht unterworfen wird, ähnelt das auf der Bühne einem harschen körperlichen Übergriff, der mit Verweigerung beantwortet wird. Tobias Vethake unterlegt diese wechselnden Aggregatszustände der Fremdheit mit dem zirpenden, gezupten, oder auch mal brüllenden Sound seines elektronischen Cellos.
nachtkritik.de
Sascha Westpahl, 21.05.2017
Das Mädchen mit dem Fingerhut – Alexander Riemenschneider inszeniert Michael Köhlmeiers poetischen Roman bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen

Auf den Probenfotos, die das Deutsche Theater auf seiner Webseite und im Programmheft zu Alexander Riemenschneiders Inszenierung veröffentlicht hat, fallen einem sofort die großen roten Flecken auf Kotti Yuns und Thorsten Hierses Wangen ins Auge. Das dunkle Rot akzentuiert nicht nur die weiße Schminke, die ihre Gesichter bedeckt. Es weckt zudem Erinnerungen an die Masken der japanischen Nō-Spiel und an die Gesichter der Schauspielerinnen und Schauspieler im Kabuki-Theater.

Auf der Bühne sind Kotti Yun, Thorsten Hierse und der Live-Musiker Tobias Vethake deutlich dezenter geschminkt. Nur eine dünne Schicht weißen Puders liegt auf ihren Gesichtern und Armen. Die japanischen Theatertraditionen schwingen so in Alexander Riemenschneiders Inszenierung, einer Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Deutschen Theater, immer noch mit. Aber sie drängen sich nicht derart in den Vordergrund. Die weißen Gesichter und die in Sand- und Beigetönen gehaltenen Kostüme eröffnen einen weiten Assoziationsraum. Entscheidend ist nur, dass Riemenschneider so von Anfang an jeglichem Realismus abschwört.

Mit Realismus wäre Michael Köhlmeiers vor gut einem Jahr erschienenen Roman "Das Mädchen mit dem Fingerhut" auf der Bühne auch kaum beizukommen. Schließlich macht sich der Erzähler die Perspektive der Kinder, von deren Odyssee durch eine westeuropäische Großstadt er berichtet, konsequent zu eigen. Woher die sechsjährige Yiza, die in Wahrheit gar nicht Yiza heißt, ihren wirklichen Namen aber nicht kennt, der wenige Jahre ältere Arian und der vierzehnjährige Schamhan kommen, bleibt ebenso offen wie die Frage, was aus ihren Eltern geworden ist. Sie lernen sich in einem Heim für Flüchtlingskinder kennen und fliehen zusammen von dort.

Diese drei Kinder, von denen zumindest eines viel zu früh erwachsen geworden ist, blicken als Fremde auf die westeuropäische Gesellschaft. Und das macht sie besonders empfänglich für deren tiefe Widersprüche. [...]

Dabei überschreiten sie mehr und mehr Grenzen. Aber Köhlmeier urteilt nicht über sie. In einfachen Sätzen, die sachlich sind und zugleich eine große poetische Sogwirkung entwickeln, fängt er Yizas, Arians und Schamhans Sicht auf die Dinge und Menschen ein. Ohne es auch nur zu ahnen, bewegen sie sich auf den Spuren Hänsel und Gretels. Nur lassen sich in diesem Märchen des 21. Jahrhundert Gut und Böse, Schwarz und Weiß, längst nicht mehr voneinander scheiden. [...]

Köhlmeiers Sprache steht im Zentrum der Inszenierung. Yuns und Hierses teils ritualisierte Spielweise, in der sich der simple, eingängige Rhythmus der Köhlmeierschen Sätze spiegelt, und Tobias Vethakes elektronisch verstärkter und verzerrter Live-Score, der konsequent auf geloopte Tonfolgen und schroffe Dissonanzen setzt, schaffen ihr einen zusätzlichen Resonanzraum. Riemenschneider und sein Ensemble müssen keine großen Bilder schaffen, die entstehen sowieso in den Köpfen der Zuschauerinnen und Zuschauer. Also setzen sie kleine lyrische Akzente. Dafür reicht oft schon eine geschickte Lichtregie.

Je nach Lichteinfall können sich die verstreuten weißen Punkte auf der schwarzen Hinterwand einmal in Schneeflocken verwandeln. Im selben Augenblick werden Yun und Hierse zu Märchengestalten, deren in eisigem Licht erstrahlende Einsamkeit einem das Herz rührt. Vermeintliche Distanzierungsstrategien wie die weißen Gesichter und die teils stark stilisierten Bewegungen entwickeln schließlich die enorme emotionale Wucht. Yun und Hierse bringen durch ihr Spiel und mehr noch durch ihren Tonfall, in dem sich Staunen und Schrecken, Gleichmut und Sehnsucht übergangslos verbinden, Köhlmeiers Sätze zum Schwingen und intensivieren noch einmal deren visionäre Kraft.
Das Mädchen mit dem Fingerhut – Alexander Riemenschneider inszeniert Michael Köhlmeiers poetischen Roman bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen

Auf den Probenfotos, die das Deutsche Theater auf seiner Webseite und im Programmheft zu Alexander Riemenschneiders Inszenierung veröffentlicht hat, fallen einem sofort die großen roten Flecken auf Kotti Yuns und Thorsten Hierses Wangen ins Auge. Das dunkle Rot akzentuiert nicht nur die weiße Schminke, die ihre Gesichter bedeckt. Es weckt zudem Erinnerungen an die Masken der japanischen Nō-Spiel und an die Gesichter der Schauspielerinnen und Schauspieler im Kabuki-Theater.

Auf der Bühne sind Kotti Yun, Thorsten Hierse und der Live-Musiker Tobias Vethake deutlich dezenter geschminkt. Nur eine dünne Schicht weißen Puders liegt auf ihren Gesichtern und Armen. Die japanischen Theatertraditionen schwingen so in Alexander Riemenschneiders Inszenierung, einer Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Deutschen Theater, immer noch mit. Aber sie drängen sich nicht derart in den Vordergrund. Die weißen Gesichter und die in Sand- und Beigetönen gehaltenen Kostüme eröffnen einen weiten Assoziationsraum. Entscheidend ist nur, dass Riemenschneider so von Anfang an jeglichem Realismus abschwört.

Mit Realismus wäre Michael Köhlmeiers vor gut einem Jahr erschienenen Roman "Das Mädchen mit dem Fingerhut" auf der Bühne auch kaum beizukommen. Schließlich macht sich der Erzähler die Perspektive der Kinder, von deren Odyssee durch eine westeuropäische Großstadt er berichtet, konsequent zu eigen. Woher die sechsjährige Yiza, die in Wahrheit gar nicht Yiza heißt, ihren wirklichen Namen aber nicht kennt, der wenige Jahre ältere Arian und der vierzehnjährige Schamhan kommen, bleibt ebenso offen wie die Frage, was aus ihren Eltern geworden ist. Sie lernen sich in einem Heim für Flüchtlingskinder kennen und fliehen zusammen von dort.

Diese drei Kinder, von denen zumindest eines viel zu früh erwachsen geworden ist, blicken als Fremde auf die westeuropäische Gesellschaft. Und das macht sie besonders empfänglich für deren tiefe Widersprüche. [...]

Dabei überschreiten sie mehr und mehr Grenzen. Aber Köhlmeier urteilt nicht über sie. In einfachen Sätzen, die sachlich sind und zugleich eine große poetische Sogwirkung entwickeln, fängt er Yizas, Arians und Schamhans Sicht auf die Dinge und Menschen ein. Ohne es auch nur zu ahnen, bewegen sie sich auf den Spuren Hänsel und Gretels. Nur lassen sich in diesem Märchen des 21. Jahrhundert Gut und Böse, Schwarz und Weiß, längst nicht mehr voneinander scheiden. [...]

Köhlmeiers Sprache steht im Zentrum der Inszenierung. Yuns und Hierses teils ritualisierte Spielweise, in der sich der simple, eingängige Rhythmus der Köhlmeierschen Sätze spiegelt, und Tobias Vethakes elektronisch verstärkter und verzerrter Live-Score, der konsequent auf geloopte Tonfolgen und schroffe Dissonanzen setzt, schaffen ihr einen zusätzlichen Resonanzraum. Riemenschneider und sein Ensemble müssen keine großen Bilder schaffen, die entstehen sowieso in den Köpfen der Zuschauerinnen und Zuschauer. Also setzen sie kleine lyrische Akzente. Dafür reicht oft schon eine geschickte Lichtregie.

Je nach Lichteinfall können sich die verstreuten weißen Punkte auf der schwarzen Hinterwand einmal in Schneeflocken verwandeln. Im selben Augenblick werden Yun und Hierse zu Märchengestalten, deren in eisigem Licht erstrahlende Einsamkeit einem das Herz rührt. Vermeintliche Distanzierungsstrategien wie die weißen Gesichter und die teils stark stilisierten Bewegungen entwickeln schließlich die enorme emotionale Wucht. Yun und Hierse bringen durch ihr Spiel und mehr noch durch ihren Tonfall, in dem sich Staunen und Schrecken, Gleichmut und Sehnsucht übergangslos verbinden, Köhlmeiers Sätze zum Schwingen und intensivieren noch einmal deren visionäre Kraft.
theater:pur
Dietmar Zimmermann, 23.05.2017
Kaum hat Thorsten Hierse zu erzählen begonnen, hat uns die Inszenierung von Alexander Riemenschneider schon gepackt. Es ist die Sprache, der gediegene, einfach wirkende und doch so kunstvoll komponierte und poetische Text von Michael Köhlmeier, der uns so schnell gefangen nimmt. Es ist die ungewöhnliche, lange Zeit rätselhaft bleibende Flüchtlingsgeschichte – eine Geschichte von drei Kindern, die wie aus dem Nichts kommend in eine fremde Stadt geworfen werden. Und es ist die suggestive, ebenfalls poetisch-rätselhafte und dunkle Musik des elektronischen Cellos von Tobias Vethake. Mit einem kleinen Ensemble vom Deutschen Theater Berlin bringt Riemenschneider den Roman "Das Mädchen mit dem Fingerhut" zur Uraufführung.

Weiß geschminkt, stehen Vethake, Hierse und Kotti Yun nebeneinander auf der Bühne und sprechen den Text, performen die Musik in drei bereitstehende Mikrofone. Es ist keineswegs so, dass Kotti Yun das Mädchen mit dem Fingerhut spielt und die Jungs ihren… soll man sagen: Freund Arian und den deutlich älteren, nämlich vierzehnjährigen Schamhan. Die drei wechseln die Rollen, spielen den Roman meist in der 3. Person. Ihre Bewegungen sind spärlich; nur manchmal reißt es den Erzähler oder die Erzählerin zu ausladenden Gesten hin. Im einzigen Moment, in dem die Kinder einmal so etwas wie Glück empfinden, gibt es eine temperamentvolle Pantomime, fast so etwas wie eine Tanzchoreographie. Wir erleben kein Dialogstück, sondern wir erleben ein Fest der Sprache – und der Veredelung einer ohnehin schon sehr perfekt gesetzten Sprache durch Vethakes Elektrosound.
Kaum hat Thorsten Hierse zu erzählen begonnen, hat uns die Inszenierung von Alexander Riemenschneider schon gepackt. Es ist die Sprache, der gediegene, einfach wirkende und doch so kunstvoll komponierte und poetische Text von Michael Köhlmeier, der uns so schnell gefangen nimmt. Es ist die ungewöhnliche, lange Zeit rätselhaft bleibende Flüchtlingsgeschichte – eine Geschichte von drei Kindern, die wie aus dem Nichts kommend in eine fremde Stadt geworfen werden. Und es ist die suggestive, ebenfalls poetisch-rätselhafte und dunkle Musik des elektronischen Cellos von Tobias Vethake. Mit einem kleinen Ensemble vom Deutschen Theater Berlin bringt Riemenschneider den Roman "Das Mädchen mit dem Fingerhut" zur Uraufführung.

Weiß geschminkt, stehen Vethake, Hierse und Kotti Yun nebeneinander auf der Bühne und sprechen den Text, performen die Musik in drei bereitstehende Mikrofone. Es ist keineswegs so, dass Kotti Yun das Mädchen mit dem Fingerhut spielt und die Jungs ihren… soll man sagen: Freund Arian und den deutlich älteren, nämlich vierzehnjährigen Schamhan. Die drei wechseln die Rollen, spielen den Roman meist in der 3. Person. Ihre Bewegungen sind spärlich; nur manchmal reißt es den Erzähler oder die Erzählerin zu ausladenden Gesten hin. Im einzigen Moment, in dem die Kinder einmal so etwas wie Glück empfinden, gibt es eine temperamentvolle Pantomime, fast so etwas wie eine Tanzchoreographie. Wir erleben kein Dialogstück, sondern wir erleben ein Fest der Sprache – und der Veredelung einer ohnehin schon sehr perfekt gesetzten Sprache durch Vethakes Elektrosound.
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Tina Brambrink, 23.05.2017
Drei Stühle, darauf die beiden Protagonisten und ein Musiker mit weiß gepuderten Gesichtern in schlichten sandfarbenen Kostümen, im Hintergrund ein bedrohlich dunkler Sternenhimmel, dazu eisiges Licht. Mehr braucht Regisseur Alexander Riemenschneider nicht, um die Bühne in der Halle König Ludwig in einen schockgefrosteten Großstadtdschungel unserer Tage zu verwandeln – und dem Zuschauer einen riesigen Raum für Assoziationen zu eröffnen.

Seine Deutung von Michael Köhlmeiers Erfolgsroman "Das Mädchen mit dem Fingerhut" verzichtet auf jegliche Dramatisierung, bleibt ganz nah am Duktus des Textes und entwickelt dabei eine enorme Sogkraft, die berührend und schonungslos in den Überlebenskampf in einer fremden Welt zieht. In nüchternem Protokollstil führt die Uraufführung, eine Koproduktion der Ruhrfestspiele und dem Deutschen Theater Berlin, in die Geschichte der sechsjährigen Yiza ein. [...]

Die Emotionen konzentriert Regisseur Alexander Riemenschneider auf Körpersprache und Mimik: Immer wieder gibt es zarte Berührungen, dann spenden ein warmer Atem oder ein Augenkontakt Trost. Live-Musiker Tobias Vethacke folgt dem Rhythmus und der poetischen Kraft der Sprache kongenial mit seinem Elektro-Sound. Auch die kluge Lichtregie lässt Gefühle einfrieren und wieder auftauen. Am Ende ist man verzaubert von diesem modernen Märchen. Frappierend, welche großen Bilder die Inszenierung ganz leise in Gang setzt. Zu Recht viel Beifall für den Regisseur und sein erstklassiges Ensemble in der alten Maschinenhalle.
Drei Stühle, darauf die beiden Protagonisten und ein Musiker mit weiß gepuderten Gesichtern in schlichten sandfarbenen Kostümen, im Hintergrund ein bedrohlich dunkler Sternenhimmel, dazu eisiges Licht. Mehr braucht Regisseur Alexander Riemenschneider nicht, um die Bühne in der Halle König Ludwig in einen schockgefrosteten Großstadtdschungel unserer Tage zu verwandeln – und dem Zuschauer einen riesigen Raum für Assoziationen zu eröffnen.

Seine Deutung von Michael Köhlmeiers Erfolgsroman "Das Mädchen mit dem Fingerhut" verzichtet auf jegliche Dramatisierung, bleibt ganz nah am Duktus des Textes und entwickelt dabei eine enorme Sogkraft, die berührend und schonungslos in den Überlebenskampf in einer fremden Welt zieht. In nüchternem Protokollstil führt die Uraufführung, eine Koproduktion der Ruhrfestspiele und dem Deutschen Theater Berlin, in die Geschichte der sechsjährigen Yiza ein. [...]

Die Emotionen konzentriert Regisseur Alexander Riemenschneider auf Körpersprache und Mimik: Immer wieder gibt es zarte Berührungen, dann spenden ein warmer Atem oder ein Augenkontakt Trost. Live-Musiker Tobias Vethacke folgt dem Rhythmus und der poetischen Kraft der Sprache kongenial mit seinem Elektro-Sound. Auch die kluge Lichtregie lässt Gefühle einfrieren und wieder auftauen. Am Ende ist man verzaubert von diesem modernen Märchen. Frappierend, welche großen Bilder die Inszenierung ganz leise in Gang setzt. Zu Recht viel Beifall für den Regisseur und sein erstklassiges Ensemble in der alten Maschinenhalle.
Kulturradio vom rbb
Barbara Behrendt, 27.10.2017
[...] Die hintere Bühnenwand ist pechschwarz und mit leuchtenden Punkten übersät. Man denkt an Schneeflocken in der Winternacht, ans Universum mit leuchtenden Sternen ­– ein sehr poetisches Bild. Davor stehen die Schauspielerin Kotti Yun und der Schauspieler Thorsten Hierse, beide weiß geschminkt. Und ein ebenfalls weiß geschminkter Musiker, der zu diesem dunkel-romantischen Verlorenheitsbild mit seinem elektrischen Cello wie aus dem Orbit halb melancholische Töne herbeistreicht, -rupft und -zerrt.  

Literatur für Nichtleser Riemenschneider hat den Text nicht dramatisiert, sondern schlicht gekürzt und lässt ihn abwechselnd von den beiden Schauspielern erzählen. Sie entwerfen dazu kleine Choreografien, schmiegen sich aneinander, umschleichen und umtanzen sich. Das machen sie sehr anschaulich, man taucht mit ihnen in die Geschichte ein. Der Regisseur führt den Stoff allerdings direkt ins märchenhaft Poetische, beinahe ins Sentimentale. Der schroffe, lakonische Köhlmeier-Ton wird überdeckt vom Sternenglitzern und Cellosound. [...]
[...] Die hintere Bühnenwand ist pechschwarz und mit leuchtenden Punkten übersät. Man denkt an Schneeflocken in der Winternacht, ans Universum mit leuchtenden Sternen ­– ein sehr poetisches Bild. Davor stehen die Schauspielerin Kotti Yun und der Schauspieler Thorsten Hierse, beide weiß geschminkt. Und ein ebenfalls weiß geschminkter Musiker, der zu diesem dunkel-romantischen Verlorenheitsbild mit seinem elektrischen Cello wie aus dem Orbit halb melancholische Töne herbeistreicht, -rupft und -zerrt.  

Literatur für Nichtleser Riemenschneider hat den Text nicht dramatisiert, sondern schlicht gekürzt und lässt ihn abwechselnd von den beiden Schauspielern erzählen. Sie entwerfen dazu kleine Choreografien, schmiegen sich aneinander, umschleichen und umtanzen sich. Das machen sie sehr anschaulich, man taucht mit ihnen in die Geschichte ein. Der Regisseur führt den Stoff allerdings direkt ins märchenhaft Poetische, beinahe ins Sentimentale. Der schroffe, lakonische Köhlmeier-Ton wird überdeckt vom Sternenglitzern und Cellosound. [...]
Stage and Screen
Sascha Krieger, 29.10.2017
Eine Zwischenwelt haben Regisseur Alexander Riemenschneider und Bühnenbildnerin Juliane Grebin in Michael Köhlschneiders 2016 erschienenen Roman Das Mädchen mit dem Fingerhut entdeckt und auf die Bühne gebracht. Es ist die Geschichte des namenlosen Mädchens, das alle Yiza nennen, weil dies das erste Wort ist, das sie spricht, allein in einer fremden Welt, durch diese driftend, zunächst mit zwei, später einem älteren Jungen, den sie nicht versteht, schließlich allein, am Ende wiedervereint über einer monströsen Tat. [...]

Die stille Kotti Yun und der hibbeligere Thorsten Hierse beschreiten diese sprachliche Reise als Erzähler*innen aber auch Erzähltes eines Textes, der Prosa ist, aber ein lyrisches Herz hat. Ein melodischer Text, ein rhythmischer auch, zu dem Musiker Tobias Vethake mit allerlei elektronischen Gerätschaften und E-Cello tritt. Sprache und Musik treten in Dialog, geben einander Resonanzräume. [...]

Alexander Riemenschneider, seinem Team, den Darsteller*innen ist ein poetischer Theatertraum gelungen, unendlich zart, eine ungeheure Sogwirkung entwickelnd, ein federleichtes Gewebe aus Sprache, Spiel und Klang, aus Wort, Körper und Musik, flüchtig, zerbrechlich, kaum sichtbar – wie die, von denen es erzählt. Den Fremden. Oder uns?
Eine Zwischenwelt haben Regisseur Alexander Riemenschneider und Bühnenbildnerin Juliane Grebin in Michael Köhlschneiders 2016 erschienenen Roman Das Mädchen mit dem Fingerhut entdeckt und auf die Bühne gebracht. Es ist die Geschichte des namenlosen Mädchens, das alle Yiza nennen, weil dies das erste Wort ist, das sie spricht, allein in einer fremden Welt, durch diese driftend, zunächst mit zwei, später einem älteren Jungen, den sie nicht versteht, schließlich allein, am Ende wiedervereint über einer monströsen Tat. [...]

Die stille Kotti Yun und der hibbeligere Thorsten Hierse beschreiten diese sprachliche Reise als Erzähler*innen aber auch Erzähltes eines Textes, der Prosa ist, aber ein lyrisches Herz hat. Ein melodischer Text, ein rhythmischer auch, zu dem Musiker Tobias Vethake mit allerlei elektronischen Gerätschaften und E-Cello tritt. Sprache und Musik treten in Dialog, geben einander Resonanzräume. [...]

Alexander Riemenschneider, seinem Team, den Darsteller*innen ist ein poetischer Theatertraum gelungen, unendlich zart, eine ungeheure Sogwirkung entwickelnd, ein federleichtes Gewebe aus Sprache, Spiel und Klang, aus Wort, Körper und Musik, flüchtig, zerbrechlich, kaum sichtbar – wie die, von denen es erzählt. Den Fremden. Oder uns?
Berliner Zeitung
Dirk Pilz, 30.10.2017
Die Poesie der Vorlage geht an diesem Abend - der im Mai bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere hatte und jetzt ans koproduzierende DT gewandert ist - so wenig verloren wie ihre heißpulsierende Kälte.

Denn Riemenschneider setzt sein gesamtes inszenatorisches Vertrauen in die Sprache, und die Spielerin Kotti Yun und ihr Kollege Thorsten Hierse danken es ihm mit der hohen Kunst des Nuancierens. Es sind scheinbar einfache Mittel, die sie einsetzen: Kurze Pausen zwischen den Sätzen, fliegende Wechsel zwischen Erzähler- und Figurenrede, knappe, mitunter ritualisierte Gesten, wie sie das japanische No-Theater kennt. Häufig illustriert das Spiel, was die Worte behaupten, das allerdings stets in synkopischen Versetzungen, kleinen unscheinbaren Verschiebungen, durch die sich die Gesten, die Mimik und die Sätze gegenseitig kommentieren. Dazu eine Live-Musik von Tobias Vethake, die eigene, experimentelle Wege geht und eine atmospärische Gegenerzählung erfindet. [...]

Man geht hier nicht schlauer aus dem Theater, aber reicher.
Die Poesie der Vorlage geht an diesem Abend - der im Mai bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere hatte und jetzt ans koproduzierende DT gewandert ist - so wenig verloren wie ihre heißpulsierende Kälte.

Denn Riemenschneider setzt sein gesamtes inszenatorisches Vertrauen in die Sprache, und die Spielerin Kotti Yun und ihr Kollege Thorsten Hierse danken es ihm mit der hohen Kunst des Nuancierens. Es sind scheinbar einfache Mittel, die sie einsetzen: Kurze Pausen zwischen den Sätzen, fliegende Wechsel zwischen Erzähler- und Figurenrede, knappe, mitunter ritualisierte Gesten, wie sie das japanische No-Theater kennt. Häufig illustriert das Spiel, was die Worte behaupten, das allerdings stets in synkopischen Versetzungen, kleinen unscheinbaren Verschiebungen, durch die sich die Gesten, die Mimik und die Sätze gegenseitig kommentieren. Dazu eine Live-Musik von Tobias Vethake, die eigene, experimentelle Wege geht und eine atmospärische Gegenerzählung erfindet. [...]

Man geht hier nicht schlauer aus dem Theater, aber reicher.
Berliner Morgenpost
Elisa von Hof, 02.11.2017
In Alexander Riemenschneiders Stück "Das Mädchen mit dem Fingerhut", das am Donnerstagabend seine Premiere in der Box des Deutschen Theaters hatte, ist es die absolute Fremdheit, die Arian und Yiza aneinander knüpft wie ein unsichtbarer Bindfaden. [...]

Wenn diese Welt zu zerbersten droht und die Sprache vollends versagt, weil der Durst ihre Kehlen austrocknet oder die Kinder Zeugen extremer Gewalt werden, das passiert ihnen einige Male, dann übernimmt Livemusiker Tobias Vethake. Seine schrägen Dissonanzen und tiefen Bässe lassen den Zuschauerrang so beben wie das Geschehen die beiden Kinder. [...]

Riemenschneider hat sich dazu entschieden, das Stück auf den Text zu fokussieren, ihn nicht zu verstümmeln. Hierse und Yun werden so auch zu den Erzählern ihrer Geschichte. Damit hat Hierse ja bereits Erfahrung, auch in dem Box-Stück "Transit" lässt er die Romanwelt bloß durch seine Stimme in den Köpfen der Zuschauer entstehen. Das gelingt ihm auch hier. In dieser Bühne (Juliane Grebin), eine Fläche aus Eis und Schnee, so kalt und glatt wie diese Welt, ist seine Stimme das einzige, was Halt bietet. So wie diese beiden Kinder einander in der Fremde.
In Alexander Riemenschneiders Stück "Das Mädchen mit dem Fingerhut", das am Donnerstagabend seine Premiere in der Box des Deutschen Theaters hatte, ist es die absolute Fremdheit, die Arian und Yiza aneinander knüpft wie ein unsichtbarer Bindfaden. [...]

Wenn diese Welt zu zerbersten droht und die Sprache vollends versagt, weil der Durst ihre Kehlen austrocknet oder die Kinder Zeugen extremer Gewalt werden, das passiert ihnen einige Male, dann übernimmt Livemusiker Tobias Vethake. Seine schrägen Dissonanzen und tiefen Bässe lassen den Zuschauerrang so beben wie das Geschehen die beiden Kinder. [...]

Riemenschneider hat sich dazu entschieden, das Stück auf den Text zu fokussieren, ihn nicht zu verstümmeln. Hierse und Yun werden so auch zu den Erzählern ihrer Geschichte. Damit hat Hierse ja bereits Erfahrung, auch in dem Box-Stück "Transit" lässt er die Romanwelt bloß durch seine Stimme in den Köpfen der Zuschauer entstehen. Das gelingt ihm auch hier. In dieser Bühne (Juliane Grebin), eine Fläche aus Eis und Schnee, so kalt und glatt wie diese Welt, ist seine Stimme das einzige, was Halt bietet. So wie diese beiden Kinder einander in der Fremde.
taz
Julika Bickel, 02.11.2017
Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier ist eine zutiefst erschütternde Erzählung, die vor einem Jahr als Buch erschien und nun am Deutschen Theater aufgeführt wird. Eines der Hauptthemen ist die Sprachlosigkeit, das Nichtverstehen. Der Roman beinhaltet kaum Dialoge. Regisseur Alexander Riemenschneider und Dramaturgin Meike Schmitz haben den Text gekürzt, doch sonst nicht verändert.
Am Anfang ist es der Schauspieler Thorsten Hierse, der die Geschichte erzählt, seine Kollegin Kotti Yun ist das Mädchen, still und ängstlich steht sie da, Tobias Vethake spielt am elektrischen Cello. Doch dann übernimmt Yun den Sprechpart. Auf diese Weise funk­tio­niert der Text als Theaterstück: Hierse und Yun wechseln sich mit dem Sprechen ab und kommentieren mit ritualisierten Bewegungen das Gesagte. Vethake findet seine eigene, musikalische Sprache [...]

Viele Motive und auftauchende Figuren erinnern an ein Märchen, doch im "Mädchen mit dem Fingerhut" gibt es keine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Der Text konfrontiert einen mit dem eigenen Verhalten. Wem helfen wir und warum? [...]
Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier ist eine zutiefst erschütternde Erzählung, die vor einem Jahr als Buch erschien und nun am Deutschen Theater aufgeführt wird. Eines der Hauptthemen ist die Sprachlosigkeit, das Nichtverstehen. Der Roman beinhaltet kaum Dialoge. Regisseur Alexander Riemenschneider und Dramaturgin Meike Schmitz haben den Text gekürzt, doch sonst nicht verändert.
Am Anfang ist es der Schauspieler Thorsten Hierse, der die Geschichte erzählt, seine Kollegin Kotti Yun ist das Mädchen, still und ängstlich steht sie da, Tobias Vethake spielt am elektrischen Cello. Doch dann übernimmt Yun den Sprechpart. Auf diese Weise funk­tio­niert der Text als Theaterstück: Hierse und Yun wechseln sich mit dem Sprechen ab und kommentieren mit ritualisierten Bewegungen das Gesagte. Vethake findet seine eigene, musikalische Sprache [...]

Viele Motive und auftauchende Figuren erinnern an ein Märchen, doch im "Mädchen mit dem Fingerhut" gibt es keine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Der Text konfrontiert einen mit dem eigenen Verhalten. Wem helfen wir und warum? [...]

Außerdem im Spielplan

Eine Inszenierung des Jungen DT

An der Arche um acht

Ein Kinderstück von Ulrich Hub
Regie: Anne Bader
Spiegelfoyer und Saal
15.00 - 16.00
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse
mit englischen Übertiteln
von Albert Camus
Regie: Jürgen Kruse
Kammerspiele
19.30 - 21.45
mit englischen Übertiteln
von Jean Genet
Deutsches Theater
20.00 - 21.40
19.30 Einführung – Saal
von Dietrich Brüggemann
Regie: Dietrich Brüggemann
Box
20.00 - 21.30
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse