Harald Baumgartner

Foto: Tom Huber
Berliner Zeitung
Ulrich Seidler, 13.12.2016
Stück und Inszenierung bieten verschiedene Formen und Ebenen des Sprechens auf, ohne dass man durcheinander kommt: Es gibt pointierte Dialoge, berichtende Passagen, lyrische innere Monologe und fanatische Predigten. Die Zeit ist mittels einer weißen Wand auf der Drehbühne räumlich sortiert, die Vorderseite ist das Jetzt, die Rückseite das Einst. Dokumentarisches Filmmaterial wird eingeblendet, die Youtube-Predigten werden live aufgenommen und scheinbar gleich gesendet. So übersichtlich die Inszenierung angelegt ist, so komplex und vielleicht auch tragisch ist die Konfliktlage.
[...]
Der Abend verweigert populistische Vereinfachungen. Man bleibt ratlos zurück, aber ratlos auf klügere Weise. Die Mühe lohnt sich.
Stück und Inszenierung bieten verschiedene Formen und Ebenen des Sprechens auf, ohne dass man durcheinander kommt: Es gibt pointierte Dialoge, berichtende Passagen, lyrische innere Monologe und fanatische Predigten. Die Zeit ist mittels einer weißen Wand auf der Drehbühne räumlich sortiert, die Vorderseite ist das Jetzt, die Rückseite das Einst. Dokumentarisches Filmmaterial wird eingeblendet, die Youtube-Predigten werden live aufgenommen und scheinbar gleich gesendet. So übersichtlich die Inszenierung angelegt ist, so komplex und vielleicht auch tragisch ist die Konfliktlage.
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Der Abend verweigert populistische Vereinfachungen. Man bleibt ratlos zurück, aber ratlos auf klügere Weise. Die Mühe lohnt sich.
Stage and Screen
Sascha Krieger, 12.12.2016
Nuran David Calis' Kuffar. Die Gottesleugner fragt nach dem Sinn, den wir unserem Leben geben, nach dem Preis, den wir zahlen - und nach der Religion. Hakan, der Sohn, sucht in ihr Halt, die Eltern verwerfen sie als Instrument der Unterdrückung. Haltlos bleiben beide Seiten. Und verloren. Der Abend erzählt von der Logik der Radikalisierung, deutet an, wie auch vermeintlich gut "Integrierte" zu Gotteskriegern werden können, er spricht vom Konflikt der Generationen, die zueinander nicht finden, weil ihnen die Welt der anderen, weil ihnen deren Kämpfe so fremd erscheinen. Er bringt die Welt der Eltern so nah wie die des Sohnes. Ausnahmezustände beide, Entscheidungen, die in Sackgassen führen auch. Umso tragischer die Trennung, die Anne Ehrlichs Bühne symbolisiert, die Unmöglichkeit des Zusammenkommens. Schwarz (Eltern) und Weiß (Sohn leben Lichtjahre entfernt und doch auf engstem Raum. Wie lässt sich das lösen, wer sitzt am Hebel? Die Stärke von Calis' Stück und seiner Uraufführungsinszenierung ist, dass er nicht wertet, dass er Antworten verweigert, dass er erklärt, aber nicht behauptet, eine Lösung zu haben. Und sie vielleicht doch andeutet: Er propagiert Verständnis, zeigt, woher radikale Lebensentscheidungen kommen, wodurch Menschen werden, wie sie sind. Und vielleicht kann dieses Wissen dazu führen, einander nicht mehr feindlich, verständnislos gegenüberzustehen, kann der Blick in die Black Box des Anderen ein Schlüssel sein, sich näher zu kommen. Nuran David Calis' Kuffar. Die Gottesleugner fragt nach dem Sinn, den wir unserem Leben geben, nach dem Preis, den wir zahlen - und nach der Religion. Hakan, der Sohn, sucht in ihr Halt, die Eltern verwerfen sie als Instrument der Unterdrückung. Haltlos bleiben beide Seiten. Und verloren. Der Abend erzählt von der Logik der Radikalisierung, deutet an, wie auch vermeintlich gut "Integrierte" zu Gotteskriegern werden können, er spricht vom Konflikt der Generationen, die zueinander nicht finden, weil ihnen die Welt der anderen, weil ihnen deren Kämpfe so fremd erscheinen. Er bringt die Welt der Eltern so nah wie die des Sohnes. Ausnahmezustände beide, Entscheidungen, die in Sackgassen führen auch. Umso tragischer die Trennung, die Anne Ehrlichs Bühne symbolisiert, die Unmöglichkeit des Zusammenkommens. Schwarz (Eltern) und Weiß (Sohn leben Lichtjahre entfernt und doch auf engstem Raum. Wie lässt sich das lösen, wer sitzt am Hebel? Die Stärke von Calis' Stück und seiner Uraufführungsinszenierung ist, dass er nicht wertet, dass er Antworten verweigert, dass er erklärt, aber nicht behauptet, eine Lösung zu haben. Und sie vielleicht doch andeutet: Er propagiert Verständnis, zeigt, woher radikale Lebensentscheidungen kommen, wodurch Menschen werden, wie sie sind. Und vielleicht kann dieses Wissen dazu führen, einander nicht mehr feindlich, verständnislos gegenüberzustehen, kann der Blick in die Black Box des Anderen ein Schlüssel sein, sich näher zu kommen.