Der Geizige

von Molière
Premiere 17. Mai 2015
Michael GoldbergHarpagon
Ole LagerpuschCléante
Franziska MachensÉlise
Andreas DöhlerValère
Meike DrosteMariane
Anita VulesicaFrosine
Sebastian GrünewaldLa Flèche / Maître Jacques
Harald BaumgartnerAnselme / Maître Simon
Harpagon
Cléante
Valère
Mariane
Frosine
La Flèche / Maître Jacques
Anselme / Maître Simon
Stage and Screen
Sascha Krieger, 21.05.2015
Laberenz hat die Gefühls-, Sozial- und sonstigen Ökonomien einer kapitalistischen Gesellschaft in den Farbtopf geworfen, unter Speed gesetzt und als Farce im Zeitraffer auf die Bühne gestellt. Hier ist alles überdreht, Überspanntheit das neue normal, die Molière-Personnage postmoderne Geworfene mit viel Wut im Bauch, von der sie weder wissen, woher sie kommt, noch, wohin mit ihr. Bei Laberenz entäußert sie sich mit atemberaubenden Ausbrüchen, bei denen die Grenzen zwischen Darsteller und Rolle fallen und doch alles Spiel bleibt – oder auch nicht. Da wird ein Definitionsstreit über Kreditnehmer und -geber zu einem epochalen Verbalausfall des großartigen Ole Lagerpusch mit den Diskurspartner Sebastian Grünewald und Harald Baumgärtner, in dem es um Marx, die Achtundsechziger und das prekäre Schauspieler-Dasein geht. (...)
Martin Laberenz zeigt die Geburt des Wutbürgers aus der selbstgemachten Verunsicherung, in dem er die Mechanismen des täglichen Lebens bis zur Kenntlichkeit verzerrt. Im Programmheft ist in einem Text von Georges Bataille von der Verausgabung die rede. Und nein: Der Abend geizt nicht, er verschwendet und such seine Wahrheit in genau dieser Verweigerung vermeintlicher ökonomischer Vernunft. Hier ist nichts ökonomisch, nichts vernünftig und schon gar nichts effizient. “Man muss doch mal fort von der Stelle,” fleht Grünewald, “sonst retardiert das doch!” Doch es ist gerade diese in der Dauerüberdrehung angelegte Ausbremsung linearen Voranschreitens, in dem der Abend vollends zu sich findet – als vermeintlicher Selbstzweck, als pures an sich scheiterndes Theater, das in eben diesem Scheitern seine Bestimmung, seine Wahrheit findet inmitten einer Welt, die genau das tut, ohne es sich eingestehen zu wollen. “Der Abend hätte so schön sein können!”, wirft Grünewald Döhler in seiner Tirade entgegen. Groß ist er zumindest geworden.
Laberenz hat die Gefühls-, Sozial- und sonstigen Ökonomien einer kapitalistischen Gesellschaft in den Farbtopf geworfen, unter Speed gesetzt und als Farce im Zeitraffer auf die Bühne gestellt. Hier ist alles überdreht, Überspanntheit das neue normal, die Molière-Personnage postmoderne Geworfene mit viel Wut im Bauch, von der sie weder wissen, woher sie kommt, noch, wohin mit ihr. Bei Laberenz entäußert sie sich mit atemberaubenden Ausbrüchen, bei denen die Grenzen zwischen Darsteller und Rolle fallen und doch alles Spiel bleibt – oder auch nicht. Da wird ein Definitionsstreit über Kreditnehmer und -geber zu einem epochalen Verbalausfall des großartigen Ole Lagerpusch mit den Diskurspartner Sebastian Grünewald und Harald Baumgärtner, in dem es um Marx, die Achtundsechziger und das prekäre Schauspieler-Dasein geht. (...)
Martin Laberenz zeigt die Geburt des Wutbürgers aus der selbstgemachten Verunsicherung, in dem er die Mechanismen des täglichen Lebens bis zur Kenntlichkeit verzerrt. Im Programmheft ist in einem Text von Georges Bataille von der Verausgabung die rede. Und nein: Der Abend geizt nicht, er verschwendet und such seine Wahrheit in genau dieser Verweigerung vermeintlicher ökonomischer Vernunft. Hier ist nichts ökonomisch, nichts vernünftig und schon gar nichts effizient. “Man muss doch mal fort von der Stelle,” fleht Grünewald, “sonst retardiert das doch!” Doch es ist gerade diese in der Dauerüberdrehung angelegte Ausbremsung linearen Voranschreitens, in dem der Abend vollends zu sich findet – als vermeintlicher Selbstzweck, als pures an sich scheiterndes Theater, das in eben diesem Scheitern seine Bestimmung, seine Wahrheit findet inmitten einer Welt, die genau das tut, ohne es sich eingestehen zu wollen. “Der Abend hätte so schön sein können!”, wirft Grünewald Döhler in seiner Tirade entgegen. Groß ist er zumindest geworden.
nachtkritik.de
Matthias Weigel, 17.05.2015
Völlig wahnsinnige Typen scharen sich um einen drehbaren Bühnenkubus, der sich in der Mitte des Erdreiches erhebt: Ein geleckt-gehemmter Kaugummi-Sohn in Schlaghosen ist Ole Lagerpusch, zappelig brennend und plötzlich ganz erbärmlich leis', wenn er realisiert, dass der eigene Vater ihm die große Liebe wegschnappt. Dieser Geizige, gespielt von Michael Goldberg, ist ein verhinderter Bademantel-Dandy in seiner Phantasiewelt, ein lachhafter Borderline-Egozentriker, dem noch das Koks unter der Nase kleben könnte. Die Geldschatulle ist sein einziger perverser Schatz, den er im Schlamm versteckt – wo er sich deshalb auch selbst regelmäßig besudelt. (...)
Die gigantischen Durchdreher sind zwar reine Selbstzwecke, aber mit Regisseur Labarenz umschifft das Ensemble eitles Schaulaufen. Die Schauspielheroen gehen vielmehr auf in einer saukomisch improvisierten, im besten Sinne nervtötenden Selbstverschwendung. Diese Verschwendung ist natürlich das Gegenmodell zum Geiz, aber ein Gegenmodell mit ähnlicher Logik: Sowohl Geiz wie auch Selbstverbrennung (auf der Bühne) ergeben rational gesehen überhaupt keinen Sinn, erfordern unnötige Opfer, sind so überflüssig und doch eine tief menschliche Zivilisationsleistung. Geiz als Verbrennung mit anderem Vorzeichen.
Man weiß irgendwann gar nicht, auf wessen Auftritte man sich mehr freuen soll: Anita Vulesica ist eine legendäre Power-Heiratsvermitterlin namens Frosine, stapft im Minirock durch die Erde, wirft sich umständlich dem Geizigen um den Hals, verzettelt sich ungelenk, heult nach einem Geldvorschuss, bettelt, schreit, jammert, flüstert nach Geld, fällt in sich zusammen, gibt nur noch Laute von sich. Dieser infernalische Zirkusdampfer nimmt von jeder Seite immer und immer wieder an Fahrt auf, umschifft viele Klippen mit Volldampf.
Völlig wahnsinnige Typen scharen sich um einen drehbaren Bühnenkubus, der sich in der Mitte des Erdreiches erhebt: Ein geleckt-gehemmter Kaugummi-Sohn in Schlaghosen ist Ole Lagerpusch, zappelig brennend und plötzlich ganz erbärmlich leis', wenn er realisiert, dass der eigene Vater ihm die große Liebe wegschnappt. Dieser Geizige, gespielt von Michael Goldberg, ist ein verhinderter Bademantel-Dandy in seiner Phantasiewelt, ein lachhafter Borderline-Egozentriker, dem noch das Koks unter der Nase kleben könnte. Die Geldschatulle ist sein einziger perverser Schatz, den er im Schlamm versteckt – wo er sich deshalb auch selbst regelmäßig besudelt. (...)
Die gigantischen Durchdreher sind zwar reine Selbstzwecke, aber mit Regisseur Labarenz umschifft das Ensemble eitles Schaulaufen. Die Schauspielheroen gehen vielmehr auf in einer saukomisch improvisierten, im besten Sinne nervtötenden Selbstverschwendung. Diese Verschwendung ist natürlich das Gegenmodell zum Geiz, aber ein Gegenmodell mit ähnlicher Logik: Sowohl Geiz wie auch Selbstverbrennung (auf der Bühne) ergeben rational gesehen überhaupt keinen Sinn, erfordern unnötige Opfer, sind so überflüssig und doch eine tief menschliche Zivilisationsleistung. Geiz als Verbrennung mit anderem Vorzeichen.
Man weiß irgendwann gar nicht, auf wessen Auftritte man sich mehr freuen soll: Anita Vulesica ist eine legendäre Power-Heiratsvermitterlin namens Frosine, stapft im Minirock durch die Erde, wirft sich umständlich dem Geizigen um den Hals, verzettelt sich ungelenk, heult nach einem Geldvorschuss, bettelt, schreit, jammert, flüstert nach Geld, fällt in sich zusammen, gibt nur noch Laute von sich. Dieser infernalische Zirkusdampfer nimmt von jeder Seite immer und immer wieder an Fahrt auf, umschifft viele Klippen mit Volldampf.
zitty
Regine Bruckmann, 28.05.2015
Selten sieht man Molières Witz so weit getrieben wie in dieser Inszenierung. (...) Völlig hemmungslos und mit großer schauspielerischer Intelligenz lassen sich die Akteure auf diese Suche ein, machen sich jenseits des guten Geschmacks zum Affen, zelebrieren die Komik und stellen sie aus, verbeugen sich vor großen Vorbildern wie Jerry Lewis, Loriot und Louis de Funes. Selten sieht man Molières Witz so weit getrieben wie in dieser Inszenierung. (...) Völlig hemmungslos und mit großer schauspielerischer Intelligenz lassen sich die Akteure auf diese Suche ein, machen sich jenseits des guten Geschmacks zum Affen, zelebrieren die Komik und stellen sie aus, verbeugen sich vor großen Vorbildern wie Jerry Lewis, Loriot und Louis de Funes.

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