Der Idiot

nach Fjodor Dostojewskij
Regie / Bühne Sebastian Hartmann
Bildregie Voxi Bärenklau
Dramaturgie Claus Caesar
Premiere
3. November 2021
Deutsches Theater

Dauer: ca. 4 Stunden 15 Minuten, zwei Pausen
Elias Arens
Bea Brocks
Manuel Harder
Peter René Lüdicke
Linda Pöppel
Ruth Reinecke
Birgit Unterweger
Niklas Wetzel
Arno WaschkLive-Musik
Samuel WieseLive-Musik
Stückeinführung von Dramaturg Claus Caesar
RBB Kulturradio
Barbara Behrendt, 04.11.2021
Mit Fürst Myschkin und dessen Sicht auf die Gesellschaft hat der Abend also nur lose assoziativ zu tun. Er kreist mehr um die Themen, die Hartmann schon lange umtreiben: Was ist der Mensch? Was ist Glück? Was ist Traum, was Realität? Und diesmal zentral: Was bedeutet es, zu sterben? In einigen Szenen findet Hartmann mit seinem Ensemble dafür berührend verstörende Bilder. Mit Fürst Myschkin und dessen Sicht auf die Gesellschaft hat der Abend also nur lose assoziativ zu tun. Er kreist mehr um die Themen, die Hartmann schon lange umtreiben: Was ist der Mensch? Was ist Glück? Was ist Traum, was Realität? Und diesmal zentral: Was bedeutet es, zu sterben? In einigen Szenen findet Hartmann mit seinem Ensemble dafür berührend verstörende Bilder.
Der Tagesspiegel
Christine Wahl, 05.11.2021
Hartmanns "Idiot" raunt nicht. Er entfaltet seine angewandte Existenzphilosophie aus einem speziellen Romanmotiv – dem für Dostojewskij, der selbst einmal in letzter Sekunde doch nicht hingerichtet wurde, autobiografischen Exekutionsepos.
[…]
Derartige Stimmung herrschte lange nicht mehr in einem Berliner Theatersaal; Wetzel tritt mit rockkonzertverdächtigem Szenenapplaus von dieser Nummer ab.
[…]
Opulenter Assoziations- und Videorausch in der grandiosen Bildregie von Voxi Bärenklau. Permanente Deutungsüberschüsse. Ein Theater, das endlich mal wieder nicht alles erklärt, was man sieht.
[…]
Besonders bemerkenswert: Hartmann und das durchweg in Bestform agierende DT-Ensemble kontern die Existenzialismen immer wieder mit einer Kulturtechnik aus, die im echten Leben genauso hilfreich ist wie im Theater mit Daseinsanspruch: Witz und (Selbst-)Ironie.
[…]
Auch das also zeigt dieser Abend: dass sich (Selbst-)Ironie auch bei Fragen wie der lohnt, wer für wen leiden und wer sich unter wessen Regie (nicht) ausziehen darf
Hartmanns "Idiot" raunt nicht. Er entfaltet seine angewandte Existenzphilosophie aus einem speziellen Romanmotiv – dem für Dostojewskij, der selbst einmal in letzter Sekunde doch nicht hingerichtet wurde, autobiografischen Exekutionsepos.
[…]
Derartige Stimmung herrschte lange nicht mehr in einem Berliner Theatersaal; Wetzel tritt mit rockkonzertverdächtigem Szenenapplaus von dieser Nummer ab.
[…]
Opulenter Assoziations- und Videorausch in der grandiosen Bildregie von Voxi Bärenklau. Permanente Deutungsüberschüsse. Ein Theater, das endlich mal wieder nicht alles erklärt, was man sieht.
[…]
Besonders bemerkenswert: Hartmann und das durchweg in Bestform agierende DT-Ensemble kontern die Existenzialismen immer wieder mit einer Kulturtechnik aus, die im echten Leben genauso hilfreich ist wie im Theater mit Daseinsanspruch: Witz und (Selbst-)Ironie.
[…]
Auch das also zeigt dieser Abend: dass sich (Selbst-)Ironie auch bei Fragen wie der lohnt, wer für wen leiden und wer sich unter wessen Regie (nicht) ausziehen darf
Nachtkritik.de
Anna Fastabend, 04.11.2021
Das alles ist natürlich eine Seifenoper sondergleichen, aber eine für Intellektuelle, die diesen Roman bis heute vergöttern. So auch Hartmann, der aber, wie es für ihn typisch ist, nichts von Werktreue hält und die Geschichte deshalb lediglich als Folie verwendet, um seine Botschaft vom freigeistigen Leben unters Volk zu bringen. Das alles ist natürlich eine Seifenoper sondergleichen, aber eine für Intellektuelle, die diesen Roman bis heute vergöttern. So auch Hartmann, der aber, wie es für ihn typisch ist, nichts von Werktreue hält und die Geschichte deshalb lediglich als Folie verwendet, um seine Botschaft vom freigeistigen Leben unters Volk zu bringen.
RBB Inforadio
Ute Büsing, 04.11.2021
Das achtköpfige Ensemble geht bis hart an den Rand noch zumutbarer Selbstentäußerung und -entblößung, spielt sich wie getrieben in einen Rausch. […] Dieser in intensive Gefühle aufgebrochene Kraftakt ist eine Zumutung. Er schwankt zwischen genial und voll daneben. […]
Dieser Idiot ist ein durchkomponiertes Gesamtkunstwerk prall voll mit Träumen und Traumata, ein Oratorium ohne roten Faden. […]
Das achtköpfige Ensemble geht bis hart an den Rand noch zumutbarer Selbstentäußerung und -entblößung, spielt sich wie getrieben in einen Rausch. […] Dieser in intensive Gefühle aufgebrochene Kraftakt ist eine Zumutung. Er schwankt zwischen genial und voll daneben. […]
Dieser Idiot ist ein durchkomponiertes Gesamtkunstwerk prall voll mit Träumen und Traumata, ein Oratorium ohne roten Faden. […]
Theater heute
Eva Behrendt, 30.11.2021
Eine nach dem anderen darf auf seine oder ihre virtuose Weise eine Arie sprechen: Elias Arens stürmt mit düsterer Nervosität an die Rampe, [...] Birgit Unterweger fixiert das Publikum mit staunendem Ernst vom Videoscreen. Ruth Reinecke tritt im bodenlangen Abendkleid auf (Kostüme Adriana Braga Peretzki) und berichtet eindringlich von der ausgestoßenen Marie, die am Ende ihres traurigen Lebens wenigstens von den Dorfkindern geliebt wurde, nachdem Myschkin ihnen ins Gewissen redete. [...]

Beim "Idiot", so der Regisseur im Programmheft, interessiere ihn die Grenze zu Traum und Traumagedächtnis; die Inszenierung sei der Versuch, die Ebenen zu verschieben "wie in einer Aura kurz vor dem epileptischen Anfall". [...] Nach der ersten Pause gibt Ensemble-Neuzugang Niklas Wetzel mit künstlichem "Russen"-Akzent vor wirren Graffiti-Schaubildern (Licht und Bildregie: Voxi Bärenklau) und Auszügen aus Godards letztem Film "Bilderbuch" in einem Wahnsinnstempo eine Zusammenfassung der Romanhandlung, bis er am Ende nur noch miauen kann – und dabei traumlogisch an einen kurzen Animationsfilm von Tilo Baumgärtel anknüpft, der Pferde und Katzen in einer Villa ins Bettchen legt.

Die zweite Szene folgt auf die lange, elegische Abnahme Linda Pöppels vom Bühnenhimmel und ihren Opfertod in den Armen des gleichfalls nackten Elias Arens. Da holt Ruth Reinecke den vorn an der Rampe brütenden Manuel Harder aus der Inszenierungswelt in die nicht minder gespielte Probenrealität: "Sag mal, was macht ihr da eigentlich? Linda friert!" [...] Fest steht, dass das daraufhin einsetzende hektische Kümmern und Treiben dazu führt, dass Pöppel wie der Christus von Holbein – ein Bild, das auch im Roman erwähnt wird und Dostojewski tiefbeeindruckt hat – auf einen Tisch gelegt wird, dass dazu Simon Wiese Mozarts "Requiem" technoid verfremdet und die Bühne in rotes und blaues Licht getaucht wird – bis für Momente jenes Flimmern der Ebenen einsetzt [...].
Eine nach dem anderen darf auf seine oder ihre virtuose Weise eine Arie sprechen: Elias Arens stürmt mit düsterer Nervosität an die Rampe, [...] Birgit Unterweger fixiert das Publikum mit staunendem Ernst vom Videoscreen. Ruth Reinecke tritt im bodenlangen Abendkleid auf (Kostüme Adriana Braga Peretzki) und berichtet eindringlich von der ausgestoßenen Marie, die am Ende ihres traurigen Lebens wenigstens von den Dorfkindern geliebt wurde, nachdem Myschkin ihnen ins Gewissen redete. [...]

Beim "Idiot", so der Regisseur im Programmheft, interessiere ihn die Grenze zu Traum und Traumagedächtnis; die Inszenierung sei der Versuch, die Ebenen zu verschieben "wie in einer Aura kurz vor dem epileptischen Anfall". [...] Nach der ersten Pause gibt Ensemble-Neuzugang Niklas Wetzel mit künstlichem "Russen"-Akzent vor wirren Graffiti-Schaubildern (Licht und Bildregie: Voxi Bärenklau) und Auszügen aus Godards letztem Film "Bilderbuch" in einem Wahnsinnstempo eine Zusammenfassung der Romanhandlung, bis er am Ende nur noch miauen kann – und dabei traumlogisch an einen kurzen Animationsfilm von Tilo Baumgärtel anknüpft, der Pferde und Katzen in einer Villa ins Bettchen legt.

Die zweite Szene folgt auf die lange, elegische Abnahme Linda Pöppels vom Bühnenhimmel und ihren Opfertod in den Armen des gleichfalls nackten Elias Arens. Da holt Ruth Reinecke den vorn an der Rampe brütenden Manuel Harder aus der Inszenierungswelt in die nicht minder gespielte Probenrealität: "Sag mal, was macht ihr da eigentlich? Linda friert!" [...] Fest steht, dass das daraufhin einsetzende hektische Kümmern und Treiben dazu führt, dass Pöppel wie der Christus von Holbein – ein Bild, das auch im Roman erwähnt wird und Dostojewski tiefbeeindruckt hat – auf einen Tisch gelegt wird, dass dazu Simon Wiese Mozarts "Requiem" technoid verfremdet und die Bühne in rotes und blaues Licht getaucht wird – bis für Momente jenes Flimmern der Ebenen einsetzt [...].

Außerdem im Spielplan

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Mit englischen Übertiteln
von Heinrich von Kleist
Regie: Anne Lenk
Deutsches Theater
20.00 - 21.30