Untergang des Egoisten Johann Fatzer

von Bertolt Brecht
Bühne Jo Schramm
Kostüme Daniela Selig
Licht Ingo Greiser
Ton Matthias Lunow, Björn Mauder
Dramaturgie Juliane Koepp
Premiere am 12. November 2016, Kammerspiele
Andreas DöhlerJohann Fatzer
Bernd StempelKoch
Alexander KhuonBüsching
Edgar EckertKaumann
Natali SeeligTherese Kaumann
Jürgen KuttnerSpielleiter
Ornament & VerbrechenLive-Musik
Johann Fatzer
Büsching
Kaumann
Therese Kaumann
Spielleiter
neues deutschland
Christian Baron, 17.11.2016
Der Raum ist vollgepackt mit Reminiszenzen an das Werk des Dichters. Da steht - umfunktioniert zu einer Bar - der Wagen der "Mutter Courage", da hängt der Galgen aus der "Dreigroschenoper" und als Anspielung auf Brechts Vorliebe für fernöstliche Philosophie rangiert da ein hölzerner Pavillon. Wenn das in silbrig glitzernde Raumanzüge verfrachtete Ensemble das Mitmachspiel beginnen lässt, nutzt es improvisationsfreudig von Beginn an diesen ehrfurchtsvoll gestalteten Raum und sprengt lustvoll die Genregrenzen.
Als die Soldaten bei Kaufmanns Gattin in Mühlheim an der Ruhr einen provisorischen Unterschlupf finden, kaspern sie die einsetzenden amourösen Scharmützel unter donnernden Klängen des Industrialduos "Ornament und Verbrechen" zum rockigen Musical um. Andreas Döhler, dessen grandios gegebener Fatzer ein Kraftprotz vom Schlage eines "Baal" ist, besäuft sich an der Bar und gibt dem verzweifelt für den Umsturz plädierenden Individualisten eine harte dramatische Tiefe. Und Natali Seelig slapstickt sich gekonnt als Kaufmanns sexuell frustrierte Frau durch die zweistündige Aufführung.
[...]
Am Ende dürften Kühnel und Kuttner sich die Hände gerieben haben ob des vorab sicher nicht völlig sicheren Umstands, dass ihr Plan bei diesem "Fatzer" voll aufgeht. Die Beseitigung des Publikums lässt sich nicht nur als brave formale Umsetzung der Brechtschen Vorgaben begreifen. Auch diese ironische Brechung, die im deutschsprachigen Gegenwartstheater gerade bei solch hochgradig politischen Themen nur bei Strafe hemmungsloser Verrisse in den Feuilletons fehlen darf, ist in dieser vor originellen Regieeinfällen sprühenden Textbearbeitung enthalten.Sie brauchen keinen Verweis auf Donald Trump, um aus den teilweise redundanten Stückfetzen eine Essenz herauszukitzeln, die ein altes Sujet sein mag, aber immer neu bleibt. In Perfektion kommt sie zum Vorschein, als das bereits wankende Kollektiv darüber debattiert, ob es nun weiterkämpfen oder zuerst auf Fleischsuche gehen und damit den unbändigen Hunger stillen soll. Alles Zeitverschwendung, die Revolution muss jetzt kommen, ruft Fatzer. Wir müssen essen, sagen die anderen. Dass Fatzer, der sich aufgrund seiner Liebe zur Subversion doch am ehesten als Altruist betrachtet, von den Kameraden schließlich als Egoist hingerichtet wird, spiegelt den wohl niemals endenden Streit zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie.
Der Raum ist vollgepackt mit Reminiszenzen an das Werk des Dichters. Da steht - umfunktioniert zu einer Bar - der Wagen der "Mutter Courage", da hängt der Galgen aus der "Dreigroschenoper" und als Anspielung auf Brechts Vorliebe für fernöstliche Philosophie rangiert da ein hölzerner Pavillon. Wenn das in silbrig glitzernde Raumanzüge verfrachtete Ensemble das Mitmachspiel beginnen lässt, nutzt es improvisationsfreudig von Beginn an diesen ehrfurchtsvoll gestalteten Raum und sprengt lustvoll die Genregrenzen.
Als die Soldaten bei Kaufmanns Gattin in Mühlheim an der Ruhr einen provisorischen Unterschlupf finden, kaspern sie die einsetzenden amourösen Scharmützel unter donnernden Klängen des Industrialduos "Ornament und Verbrechen" zum rockigen Musical um. Andreas Döhler, dessen grandios gegebener Fatzer ein Kraftprotz vom Schlage eines "Baal" ist, besäuft sich an der Bar und gibt dem verzweifelt für den Umsturz plädierenden Individualisten eine harte dramatische Tiefe. Und Natali Seelig slapstickt sich gekonnt als Kaufmanns sexuell frustrierte Frau durch die zweistündige Aufführung.
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Am Ende dürften Kühnel und Kuttner sich die Hände gerieben haben ob des vorab sicher nicht völlig sicheren Umstands, dass ihr Plan bei diesem "Fatzer" voll aufgeht. Die Beseitigung des Publikums lässt sich nicht nur als brave formale Umsetzung der Brechtschen Vorgaben begreifen. Auch diese ironische Brechung, die im deutschsprachigen Gegenwartstheater gerade bei solch hochgradig politischen Themen nur bei Strafe hemmungsloser Verrisse in den Feuilletons fehlen darf, ist in dieser vor originellen Regieeinfällen sprühenden Textbearbeitung enthalten.Sie brauchen keinen Verweis auf Donald Trump, um aus den teilweise redundanten Stückfetzen eine Essenz herauszukitzeln, die ein altes Sujet sein mag, aber immer neu bleibt. In Perfektion kommt sie zum Vorschein, als das bereits wankende Kollektiv darüber debattiert, ob es nun weiterkämpfen oder zuerst auf Fleischsuche gehen und damit den unbändigen Hunger stillen soll. Alles Zeitverschwendung, die Revolution muss jetzt kommen, ruft Fatzer. Wir müssen essen, sagen die anderen. Dass Fatzer, der sich aufgrund seiner Liebe zur Subversion doch am ehesten als Altruist betrachtet, von den Kameraden schließlich als Egoist hingerichtet wird, spiegelt den wohl niemals endenden Streit zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie.
Berliner Zeitung
Dirk Pilz, 14.11.2016
Das Deutsche Theater zeigt den "Untergang des Egoisten Johann Fatzer" von Bertolt Brecht. Der Abend ist gescheitert, zum Glück. Er ist aufschlussreich gescheitert, das macht ihn sehenswert. 
[...]
Am Deutschen Theater spielen sie jetzt nicht die Müller-Fassung, das ist eine gute Entscheidung. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, das eingespielte Regieduo, sucht den freien, unverstellten Blick. Ein gut zweistündiger, lockerer Abend als Überprüfungsanstalt: was taugt der Text, um uns in unserer Gegenwart zu begreifen? Sie holen dafür keine Gegenwartsabziehbilder auf die Bühne, keinen Donald T., keine Angela M., auch eine gute Entscheidung. Stattdessen Brecht-Versatzstücke, den Wagen aus der "Mutter Courage", einen Galgen wie in der "Dreigroschenoper", einen fernöstlichen Pavillon, ein Kino und das Publikum als Teil des Geschehens. Es sitzt im Bühnenbild, es soll verantwortlich gemacht werden für das Spiel - und für die Welt, in der es stattfindet. Kuttner sagt uns mitmachenden Zuschauern in einem launigen Prolog: "Es kann ja nicht sein, dass ich mir auf der Bühne ihre Gedanken mache."
[...]
Ordentliches Verabredungstheater, dazwischen die pseudo-lehrstückhaften Publikumsauflockerungsnummern. Schön die beigegebene Livemusik, schön auch die Videoeinsprengsel. Die Szenen aber fallen auseinander: Alles bleibt Stückwerk, eine Splittersammlung. Der Abend scheitert daran, dem Unvereinbaren einen Fluchtpunkt zu verschaffen. Zum Glück. Denn dieser Fluchtpunkt ist bislang immer ldeologie, Indoktrination, Indienstnahme des Menschen für Parteiinteressen gewesen.
Das Deutsche Theater zeigt den "Untergang des Egoisten Johann Fatzer" von Bertolt Brecht. Der Abend ist gescheitert, zum Glück. Er ist aufschlussreich gescheitert, das macht ihn sehenswert. 
[...]
Am Deutschen Theater spielen sie jetzt nicht die Müller-Fassung, das ist eine gute Entscheidung. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, das eingespielte Regieduo, sucht den freien, unverstellten Blick. Ein gut zweistündiger, lockerer Abend als Überprüfungsanstalt: was taugt der Text, um uns in unserer Gegenwart zu begreifen? Sie holen dafür keine Gegenwartsabziehbilder auf die Bühne, keinen Donald T., keine Angela M., auch eine gute Entscheidung. Stattdessen Brecht-Versatzstücke, den Wagen aus der "Mutter Courage", einen Galgen wie in der "Dreigroschenoper", einen fernöstlichen Pavillon, ein Kino und das Publikum als Teil des Geschehens. Es sitzt im Bühnenbild, es soll verantwortlich gemacht werden für das Spiel - und für die Welt, in der es stattfindet. Kuttner sagt uns mitmachenden Zuschauern in einem launigen Prolog: "Es kann ja nicht sein, dass ich mir auf der Bühne ihre Gedanken mache."
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Ordentliches Verabredungstheater, dazwischen die pseudo-lehrstückhaften Publikumsauflockerungsnummern. Schön die beigegebene Livemusik, schön auch die Videoeinsprengsel. Die Szenen aber fallen auseinander: Alles bleibt Stückwerk, eine Splittersammlung. Der Abend scheitert daran, dem Unvereinbaren einen Fluchtpunkt zu verschaffen. Zum Glück. Denn dieser Fluchtpunkt ist bislang immer ldeologie, Indoktrination, Indienstnahme des Menschen für Parteiinteressen gewesen.
Kultura extra
Stefan Bock, 20.11.2016
Gleichwohl ist Brechts Text durchaus zeitlos in seiner gnadenlosen Analyse ideologischen Handelns in Extremsituationen. Das macht uns v.a. die Rezeption Heiner Müllers deutlich, der den die Führung an sich reißenden Koch als "Kleinbürger im Mao-Look, die Rechenmaschine der Revolution" bezeichnete. Bernd Stempel gibt ihn relativ kalt, seinen Text vom Blatt ablesend, während Andreas Döhler seinen Fatzer laut prollend spielt. Allein steht er vor dem sich senkenden Eisernen Vorhang, separiert von den anderen sein Prinzip Fatzer verkünden: "lch scheiße auf die Ordnung der Welt." "Es gibt kein richtiges Leben im falschen", hören wir Kuttner am Anfang Adorno zitieren. Was das in den Zeiten von AfD, Donald Trump und Neoliberalismus bedeuten könnte, darauf weiß die lnszenierung keine Antwort. Sie scheitert ganz ansehnlich dabei, Brecht mit Brecht zu schlagen, der sich tapfer gegen jeden Regieeinfall wehrt. Wenn es dem Publikum gemäß Benno Bessons Auffassung auch nicht dabei hilft, seine kulturelle Verantwortung wahrzunehmen, als Versuchsanordnung vermag Kuttners "RevolutionsRemmidemmi" ganz gut zu unterhalten. Was auch im Sinne Brechts wäre. Gleichwohl ist Brechts Text durchaus zeitlos in seiner gnadenlosen Analyse ideologischen Handelns in Extremsituationen. Das macht uns v.a. die Rezeption Heiner Müllers deutlich, der den die Führung an sich reißenden Koch als "Kleinbürger im Mao-Look, die Rechenmaschine der Revolution" bezeichnete. Bernd Stempel gibt ihn relativ kalt, seinen Text vom Blatt ablesend, während Andreas Döhler seinen Fatzer laut prollend spielt. Allein steht er vor dem sich senkenden Eisernen Vorhang, separiert von den anderen sein Prinzip Fatzer verkünden: "lch scheiße auf die Ordnung der Welt." "Es gibt kein richtiges Leben im falschen", hören wir Kuttner am Anfang Adorno zitieren. Was das in den Zeiten von AfD, Donald Trump und Neoliberalismus bedeuten könnte, darauf weiß die lnszenierung keine Antwort. Sie scheitert ganz ansehnlich dabei, Brecht mit Brecht zu schlagen, der sich tapfer gegen jeden Regieeinfall wehrt. Wenn es dem Publikum gemäß Benno Bessons Auffassung auch nicht dabei hilft, seine kulturelle Verantwortung wahrzunehmen, als Versuchsanordnung vermag Kuttners "RevolutionsRemmidemmi" ganz gut zu unterhalten. Was auch im Sinne Brechts wäre.
nachtkritik
Christian Rakow, 13.11.2016
Im Ganzen hat dieser "Fatzer" fraglos das Zeug zum kleinen Liebhaberabend für das DT, sofern das Team sich noch etwas freispielt, die Verse intensiver kostet und das Publikum weiter zur Mittäterschaft verführt. Im Geiste Brechts: "Zu schwach, uns zu verteidigen, gehen wir zum Angriff über." Im Ganzen hat dieser "Fatzer" fraglos das Zeug zum kleinen Liebhaberabend für das DT, sofern das Team sich noch etwas freispielt, die Verse intensiver kostet und das Publikum weiter zur Mittäterschaft verführt. Im Geiste Brechts: "Zu schwach, uns zu verteidigen, gehen wir zum Angriff über."
Der Tagesspiegel
Christine Wahl, 16.11.2016
Der Spielleiter animiert im Laufe des Abends zum chorischen Ablesen ganzer "Fatzer"-Passagen von einer Art Teleprompter - worauf sich erstaunlich viele bereitwillig einlassen. Bemerkenswert, wie ganze Publikumschöre plötzlich relativ unbekümmert "Ich scheiße auf die Ordnung der Welt" skandieren. Dialektik als Mitmach-Event, das Lehrstück als Karaoke: eine durchaus korrekte Analyse des Status quo.
[...]
Die Szene etwa, in der die Soldaten bei der Kaumann anklopfen, wird zur Kitschmusical-Nummer: Natali Seelig windet sich als vermeintlich sexuell frustrierte Soldatengattin hochnotkomisch auf dem Kanapee,während sie betont pathostriefend "Meine Blöße ist schon verdorrt" intoniert. Der Part, in dem Fatzer zwecks Fleischbeschaffung einem Soldaten folgt, findet hingegen auf der Warschauer Brücke statt und wird per Video eingespielt: Andreas Döhler, dessen Fatzer-Darstellung ein bisschen an den "bösen Baal, den asozialen"erinnert, abzüglich dessen Hedonismus und dafür mit einiger Wut und echter Not im Bauch, versucht in seinem Raumanzug vergeblich, Passanten aus ihrem Gleichgültigkeitstrott zu bringen. Eine Beratung zwischen den Kameraden Koch (Bernd Stempel), Büsching (Alexander Khuon) und Kaumann (Edgar Eckert) gerät wiederum zum lustigen Comic-Verschnitt, und zwischendurch haut die Band "Ornament und Verbrechen" live in die Instrumente. Dank Brechts Theaterclou von der erkenntnisfordernden Verfremdung sind der Spielfantasie keine Grenzen gesetzt. Heiner Müller nannte "Fatzer" einen "Jahrhunderttext": Die Sprache, schrieb er, "formuliert nicht Denkresultate, sondern skandiert den Denkprozess". Kühnels und Kuttners Inszenierung führt so unterhaltsam wie dialektisch vor, dass das mit den Denkprozessen wahrlich keine leichte Sache ist.
Der Spielleiter animiert im Laufe des Abends zum chorischen Ablesen ganzer "Fatzer"-Passagen von einer Art Teleprompter - worauf sich erstaunlich viele bereitwillig einlassen. Bemerkenswert, wie ganze Publikumschöre plötzlich relativ unbekümmert "Ich scheiße auf die Ordnung der Welt" skandieren. Dialektik als Mitmach-Event, das Lehrstück als Karaoke: eine durchaus korrekte Analyse des Status quo.
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Die Szene etwa, in der die Soldaten bei der Kaumann anklopfen, wird zur Kitschmusical-Nummer: Natali Seelig windet sich als vermeintlich sexuell frustrierte Soldatengattin hochnotkomisch auf dem Kanapee,während sie betont pathostriefend "Meine Blöße ist schon verdorrt" intoniert. Der Part, in dem Fatzer zwecks Fleischbeschaffung einem Soldaten folgt, findet hingegen auf der Warschauer Brücke statt und wird per Video eingespielt: Andreas Döhler, dessen Fatzer-Darstellung ein bisschen an den "bösen Baal, den asozialen"erinnert, abzüglich dessen Hedonismus und dafür mit einiger Wut und echter Not im Bauch, versucht in seinem Raumanzug vergeblich, Passanten aus ihrem Gleichgültigkeitstrott zu bringen. Eine Beratung zwischen den Kameraden Koch (Bernd Stempel), Büsching (Alexander Khuon) und Kaumann (Edgar Eckert) gerät wiederum zum lustigen Comic-Verschnitt, und zwischendurch haut die Band "Ornament und Verbrechen" live in die Instrumente. Dank Brechts Theaterclou von der erkenntnisfordernden Verfremdung sind der Spielfantasie keine Grenzen gesetzt. Heiner Müller nannte "Fatzer" einen "Jahrhunderttext": Die Sprache, schrieb er, "formuliert nicht Denkresultate, sondern skandiert den Denkprozess". Kühnels und Kuttners Inszenierung führt so unterhaltsam wie dialektisch vor, dass das mit den Denkprozessen wahrlich keine leichte Sache ist.

Außerdem im Spielplan

Heute2930Juli 12345678910111213141516171819202122232425262728293031
mit englischen Übertiteln
von Arthur Miller
Regie: Bastian Kraft
Deutsches Theater
19.30 - 21.05
mit englischen Übertiteln

WUT

Regie: Martin Laberenz
Kammerspiele
20.00 - 22.25