Geschichten aus dem Wiener Wald

von Ödön von Horváth
Dramaturgie Sonja Anders
Premiere 29. März 2013
Katrin WichmannMarianne
Andreas DöhlerAlfred
Almut ZilcherValerie
Michael GerberZauberkönig
Peter MoltzenOskar
Barbara SchnitzlerDie Mutter
Simone von ZglinickiDie Großmutter
Moritz GroveErich
Harald BaumgartnerRittmeister
Henning VogtHavlitschek
Jürgen HuthDer Mister
Georgia LautnerIda
Marianne
Valerie
Zauberkönig
Die Mutter
Die Großmutter
Erich
Rittmeister
Havlitschek
Der Mister
Süddeutsche Zeitung
Peter Laudenbach, 03.04.2013
Thalheimer erzählt eine Tragödie, das aber so fein und differenziert, dass eine schöne Leichtigkeit des Spiels und sogar Momente lakonischer Komik entstehen. (...) Thalheimer macht an diesem Abend: Große Kunst. (...) Thalheimer (erkundet) Menschen, allerdings lauter verrohte, beschädigte, seelisch verkrüppelte Menschen der Zwischenkriegszeit. Dass er diese Beschädigungen nicht höhnisch und mit der Selbstgerechtigkeit des Nachgeborenen in die Spießerkarikatur treibt, sondern sachlich, in größtmöglicher Nüchternheit ausleuchtet, macht das unübersehbare Format dieser Inszenierung aus. Thalheimer, sonst gerne ein Regisseur der brachialen Bilder und expressiven Forciertheiten, entwickelt hier den leiden Schrecken aus der Brutalität des Faktischen: So sind die Menschen, scheint diese Inszenierung illusionslos zu konstatieren. (…)

Wie Wichmann und Döhler, zwei unserer Lieblingsschauspieler im DT-Ensemble, diese Liebe und ihren Absturz spielen, ist eine kleine, gerade in ihrer Lakonie berührende Sensation. Döhler gibt den Strizzi im billigen Anzug nicht als Schießbudenfigur, sondern als gleichmütigen Überlebenskünstler. Wichmann verkitscht weder den Moment des Verliebens mit romantischen Zuckungen, noch die Demütigung des Niedergangs mit Selbstmitleid, sondern registriert fast sachlich: So also verläuft ihr Leben. Selbst Moltzen als Metzgermeister, dessen Komplettverrohung zur Karikatur geradezu einläd, oder Almut Zilcher als Valerie, die Kioskbesitzerin und ein Kleinbürger-Vamp mit hohem Männerverschleiß, halten die Balance und machen es sich nicht in der Denunziation ihrer Figuren bequem.
Thalheimer erzählt eine Tragödie, das aber so fein und differenziert, dass eine schöne Leichtigkeit des Spiels und sogar Momente lakonischer Komik entstehen. (...) Thalheimer macht an diesem Abend: Große Kunst. (...) Thalheimer (erkundet) Menschen, allerdings lauter verrohte, beschädigte, seelisch verkrüppelte Menschen der Zwischenkriegszeit. Dass er diese Beschädigungen nicht höhnisch und mit der Selbstgerechtigkeit des Nachgeborenen in die Spießerkarikatur treibt, sondern sachlich, in größtmöglicher Nüchternheit ausleuchtet, macht das unübersehbare Format dieser Inszenierung aus. Thalheimer, sonst gerne ein Regisseur der brachialen Bilder und expressiven Forciertheiten, entwickelt hier den leiden Schrecken aus der Brutalität des Faktischen: So sind die Menschen, scheint diese Inszenierung illusionslos zu konstatieren. (…)

Wie Wichmann und Döhler, zwei unserer Lieblingsschauspieler im DT-Ensemble, diese Liebe und ihren Absturz spielen, ist eine kleine, gerade in ihrer Lakonie berührende Sensation. Döhler gibt den Strizzi im billigen Anzug nicht als Schießbudenfigur, sondern als gleichmütigen Überlebenskünstler. Wichmann verkitscht weder den Moment des Verliebens mit romantischen Zuckungen, noch die Demütigung des Niedergangs mit Selbstmitleid, sondern registriert fast sachlich: So also verläuft ihr Leben. Selbst Moltzen als Metzgermeister, dessen Komplettverrohung zur Karikatur geradezu einläd, oder Almut Zilcher als Valerie, die Kioskbesitzerin und ein Kleinbürger-Vamp mit hohem Männerverschleiß, halten die Balance und machen es sich nicht in der Denunziation ihrer Figuren bequem.
Der Tagesspiegel
Christine Wahl, 31.03.2013
Über zwei pausenlose Stunden schält Michael Thalheimer mit einem erstklassigen Ensemble aus Ödon von Horváths 'Geschichten aus dem Wiener Wald' eine Miniatur-Tragödie nach der anderen heraus. Dass diese Einzeldramen ihren Anlauf gern in der Beinahe-Komödie nehmen, wirkt am Ende nur zusätzlich tragikverschärfend. (...) Thalheimers Konsequenz, das "Volksstück" unter fast vollständigem Effektverzicht im leeren Raum spielen zu lassen (das Programmheft verzeichnet tatsächlich keinen Bühnenbildner), lässt den Darstellern keinerlei Fluchtpunkte. Und die brauchen sie auch nicht: Wie sie das Spiel zwischen Stilisierung und Individualtragödie beherrschen, aus der abstrakten Figurenskizze ins Konkrete switchen und aus der Ironie in den Abgrund, ist schlichtweg großartig.

Almut Zilchers Valerie zirkelt grandios jenen Frauentypus auf die Bühne, der in jeder Situation eine Spur zu laut, zu ordinär und am Ende irgendwie auch zu weichherzig ist - und dessen schrill-peinliche Performance einfach nur eine Komplett-Enttäuschung vom Leben überspielt. Der punktgenau schlaffe Alfred von Andreas Döhler (…) agiert seine brutale Würtschenhaftigkeit derart gekonnt aus, dass er sich sein grenzenloses EIgenmitleid tatsächlich selbst zu glauben scheint. Der gebellte Kasernenton von Michael Gerbers Zauberkönig, Mariannes Vater, wird am Ende fast mitleiderregend stimmbrüchig. Und wie sich Katrin Wichmanns Marianne als Strip-Bunny im billigen Goldregen den BH auszieht, während sie schief und dünn das Lied vom „Mädel aus der Wachau“ singt, ist in seiner brutalen Genauigkeit und Trostlosigkeit eigentlich kaum noch zu ertragen.
Über zwei pausenlose Stunden schält Michael Thalheimer mit einem erstklassigen Ensemble aus Ödon von Horváths 'Geschichten aus dem Wiener Wald' eine Miniatur-Tragödie nach der anderen heraus. Dass diese Einzeldramen ihren Anlauf gern in der Beinahe-Komödie nehmen, wirkt am Ende nur zusätzlich tragikverschärfend. (...) Thalheimers Konsequenz, das "Volksstück" unter fast vollständigem Effektverzicht im leeren Raum spielen zu lassen (das Programmheft verzeichnet tatsächlich keinen Bühnenbildner), lässt den Darstellern keinerlei Fluchtpunkte. Und die brauchen sie auch nicht: Wie sie das Spiel zwischen Stilisierung und Individualtragödie beherrschen, aus der abstrakten Figurenskizze ins Konkrete switchen und aus der Ironie in den Abgrund, ist schlichtweg großartig.

Almut Zilchers Valerie zirkelt grandios jenen Frauentypus auf die Bühne, der in jeder Situation eine Spur zu laut, zu ordinär und am Ende irgendwie auch zu weichherzig ist - und dessen schrill-peinliche Performance einfach nur eine Komplett-Enttäuschung vom Leben überspielt. Der punktgenau schlaffe Alfred von Andreas Döhler (…) agiert seine brutale Würtschenhaftigkeit derart gekonnt aus, dass er sich sein grenzenloses EIgenmitleid tatsächlich selbst zu glauben scheint. Der gebellte Kasernenton von Michael Gerbers Zauberkönig, Mariannes Vater, wird am Ende fast mitleiderregend stimmbrüchig. Und wie sich Katrin Wichmanns Marianne als Strip-Bunny im billigen Goldregen den BH auszieht, während sie schief und dünn das Lied vom „Mädel aus der Wachau“ singt, ist in seiner brutalen Genauigkeit und Trostlosigkeit eigentlich kaum noch zu ertragen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Irene Bazinger, 02.04.2013
Laut und gnadenlos und unter dem Dirigenten Herbert Karajan ziemlich martialisch ertönt also 'An der schönen blauen Donau'. Das Publikum staunt und tuschelt, auf der Bühne herrscht gespenstische Reglosigkeit. "Schaut auf diese Musik!", verlangt Thalheimer, der radikalste und gescheiteste aller heutigen Theaterpuristen.(…) All diesen in ihren Vorurteilen, Sehnsüchten und Nöten gefangenen Menschen ist anzumerken, wie sie die neue Zeit spüren (das Stück wurde 1931 am Deutschen Theater uraufgeführt) und nervös, ängstlich, krampfhaft zweckoptimistisch sind. Einzig Marianne, deren Glück schon zerfällt, während sie danach greift, von der fulminanten Katrin Wichmann wahnwitzig hoffnungsfroh und grandios scheiternd als eine von sämtlichen Mühlsteinen der Erde zermalmtes Sternentalermädchen gespielt, passt nicht dazu. Ob das gut oder schlecht ist, beantwortet Michael Thalheimers herzzerreißend nüchterne Inszenierung nicht. Sie lässt allen, wie sie da aus dem schwarzen Niemandsland an die Rampe treten ind sich Horváths garstig genaue Sätze um die Ohren hauen, in ihren Untiefen beklemmende Wahrhaftigkeit widerfahren. (…) Und wenn am Schluss dieser formvollendeten analytischen, meisterlich gelungenen Inszenierung wieder der Donau-Walzer erklingt, sind die Noten andere geworden als am Anfang. Und wir auch. Laut und gnadenlos und unter dem Dirigenten Herbert Karajan ziemlich martialisch ertönt also 'An der schönen blauen Donau'. Das Publikum staunt und tuschelt, auf der Bühne herrscht gespenstische Reglosigkeit. "Schaut auf diese Musik!", verlangt Thalheimer, der radikalste und gescheiteste aller heutigen Theaterpuristen.(…) All diesen in ihren Vorurteilen, Sehnsüchten und Nöten gefangenen Menschen ist anzumerken, wie sie die neue Zeit spüren (das Stück wurde 1931 am Deutschen Theater uraufgeführt) und nervös, ängstlich, krampfhaft zweckoptimistisch sind. Einzig Marianne, deren Glück schon zerfällt, während sie danach greift, von der fulminanten Katrin Wichmann wahnwitzig hoffnungsfroh und grandios scheiternd als eine von sämtlichen Mühlsteinen der Erde zermalmtes Sternentalermädchen gespielt, passt nicht dazu. Ob das gut oder schlecht ist, beantwortet Michael Thalheimers herzzerreißend nüchterne Inszenierung nicht. Sie lässt allen, wie sie da aus dem schwarzen Niemandsland an die Rampe treten ind sich Horváths garstig genaue Sätze um die Ohren hauen, in ihren Untiefen beklemmende Wahrhaftigkeit widerfahren. (…) Und wenn am Schluss dieser formvollendeten analytischen, meisterlich gelungenen Inszenierung wieder der Donau-Walzer erklingt, sind die Noten andere geworden als am Anfang. Und wir auch.
Neues Deutschland
Hans-Dieter Schütt, 02.04.2013
Eine Aus-Stellung. Eine Mustermesse des in Not zerrütteten, des notorisch Zerrüttung betreibenden Menschen. Ohne jedes Erbarmen psychologischer Umwege findet hier Klartext statt – der das Stück bis auf die Knochen bloßlegt wie der Metzger Oskar die Sau. Ganz von hinten aus dem Halbdunkel (die Inszenierung braucht keinen Bühnenbildner) wird jede Gestalt nach vorn geschickt, eher nach vorn gestoßen, und jeder dieser Typen hat sein Schlendern oder sein Stampfen oder sein Schleichen oder sein Salutieren oder sein Stolpern. Nähe heißt hier: Man glotzt sich gegenseitig ins Elend. Feixend und lauernd. Es ist, als wolle die Inszenierung in allen, die sie so unterwürfig vorzeigt, und mit allem, was sie so überdeutlich anzeigt, einzig die Abscheu organisieren: Was haben wir mit denen zu tun? Der da mit mir? Die da mit dir? Das ist der Zwand des Theaters: Es schließt, wegen dieser Frage, alle in einenRaum. Und das ist des Theaters Freiheit: Mit der Antwort darf dann jeder allein bleiben. Das Glück der Kunst sind die Selbstgespräche danach. Glück oder Unglück. Eine Aus-Stellung. Eine Mustermesse des in Not zerrütteten, des notorisch Zerrüttung betreibenden Menschen. Ohne jedes Erbarmen psychologischer Umwege findet hier Klartext statt – der das Stück bis auf die Knochen bloßlegt wie der Metzger Oskar die Sau. Ganz von hinten aus dem Halbdunkel (die Inszenierung braucht keinen Bühnenbildner) wird jede Gestalt nach vorn geschickt, eher nach vorn gestoßen, und jeder dieser Typen hat sein Schlendern oder sein Stampfen oder sein Schleichen oder sein Salutieren oder sein Stolpern. Nähe heißt hier: Man glotzt sich gegenseitig ins Elend. Feixend und lauernd. Es ist, als wolle die Inszenierung in allen, die sie so unterwürfig vorzeigt, und mit allem, was sie so überdeutlich anzeigt, einzig die Abscheu organisieren: Was haben wir mit denen zu tun? Der da mit mir? Die da mit dir? Das ist der Zwand des Theaters: Es schließt, wegen dieser Frage, alle in einenRaum. Und das ist des Theaters Freiheit: Mit der Antwort darf dann jeder allein bleiben. Das Glück der Kunst sind die Selbstgespräche danach. Glück oder Unglück.
Deutschlandfunk, Kultur heute
Hartmut Krug, 30.03.2013
Michael Thalheimer gelingt es, die 'Geschichten aus dem Wiener Wald' als zeitloses Menschenstück zu inszenieren. Er zeigt den "ewigen Kampf zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein", den Horváth als dramatisches Grundmotiv seiner Stücke bezeichnete, mit großer sinnlicher Kraft. (…) Alle suchen nach Ordnung, Sicherheit und vielleicht auch Liebe. Dabei werden sie beschädigt und innerlich wie äußerlich verformt. Auch wenn sie böse sind und in Beziehungen egoistisch, nehmen wir Anteil an ihrem Scheitern. Weil das bis in die kleinste Rolle tolle Ensemble uns so ungemein lebendige wie komische Menschen zeigt, deren Wünsche und Wiedersprüche sehr menschlich scheinen. Michael Thalheimer gelingt es, die 'Geschichten aus dem Wiener Wald' als zeitloses Menschenstück zu inszenieren. Er zeigt den "ewigen Kampf zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein", den Horváth als dramatisches Grundmotiv seiner Stücke bezeichnete, mit großer sinnlicher Kraft. (…) Alle suchen nach Ordnung, Sicherheit und vielleicht auch Liebe. Dabei werden sie beschädigt und innerlich wie äußerlich verformt. Auch wenn sie böse sind und in Beziehungen egoistisch, nehmen wir Anteil an ihrem Scheitern. Weil das bis in die kleinste Rolle tolle Ensemble uns so ungemein lebendige wie komische Menschen zeigt, deren Wünsche und Wiedersprüche sehr menschlich scheinen.
nachtkritik.de
Christian Rakow, 30.03.2013
Was für ein Beginn! Irgendwo hinten, in der tiefen, dunklen Leere des Bühnenraums hocken die Schattengestalten. Im Zuschauersaal aber geht das Licht an, peu à peu, bis der riesige Kronleuchter des Deutschen Theater gleißend hell ist. Für einen langen, komischen Moment verharrt Michael Thalheimer an der Schwelle, die uns von dem chauvinistischen kleinbürgerlichen Milieu in Ödön von Horváths 'Geschichten aus dem Wiener Wald' zu trennen scheint, an der Schwelle zwischen Parkett und Bühnenwelt: hier wir, im Strahlenglanz, die Kinder der Sonne, bildungsbürgerlich gerüstet zur Feiertagspremiere in dem Haus, in dem Horváths Volksstück 1931 seine Uraufführung feierte. Und dort die im Dunkeln, die man nicht sieht, die derben Horváth-Figuren, mit ihrem hingerotzten Vorstadtdeutsch und ihren dumpfen Lebensanschauungen. Aber dann wechselt das Licht aus dem Saal zur Bühne hinüber, und nichts ist mehr schwarz-weiß, nichts trennscharf. "Ein Mann hat Licht und Schattenseiten, das ist normal", sagt der verschlagene Geck Alfred einmal. Und Thalheimer wird sie an diesem Abend alle bis in die letzten Nuancen durchdringen, die dunklen wie die hellen Seiten. Es ist – mir zumindest – kein Abend erinnerlich, an dem Thalheimer, der große Schwerkraftfinder des deutschen Regietheaters, einen derart leichten, schillernden, komödiantischen Reigen inszeniert hätte. (…)

Das begnadete DT-Ensemble, das zuletzt so oft Versprechen war, ist hier ganz Erfüllung, bis in die kleinste Nebenrolle hinein. Wie Clowns kommen sie daher, wie Menschen gehen sie ab. Noch die Pappmasken, die Thalheimer ihnen für ihr Schlussbild zugedacht hat, atmen eine dilettantische Ehrlichkeit. (…) "Schau die Sterne – die werden noch droben hängen, wenn wir drunter liegen", sagt Marianne einmal, als sie sich in Alfred verliebt und ihr Gang in den Abgrund naht. Ein Satz mit Unendlichkeit. Eine Theaterwahrhaftigkeit. Wir waren lange nicht so tief drunten und so nah bei den Sternen.
Was für ein Beginn! Irgendwo hinten, in der tiefen, dunklen Leere des Bühnenraums hocken die Schattengestalten. Im Zuschauersaal aber geht das Licht an, peu à peu, bis der riesige Kronleuchter des Deutschen Theater gleißend hell ist. Für einen langen, komischen Moment verharrt Michael Thalheimer an der Schwelle, die uns von dem chauvinistischen kleinbürgerlichen Milieu in Ödön von Horváths 'Geschichten aus dem Wiener Wald' zu trennen scheint, an der Schwelle zwischen Parkett und Bühnenwelt: hier wir, im Strahlenglanz, die Kinder der Sonne, bildungsbürgerlich gerüstet zur Feiertagspremiere in dem Haus, in dem Horváths Volksstück 1931 seine Uraufführung feierte. Und dort die im Dunkeln, die man nicht sieht, die derben Horváth-Figuren, mit ihrem hingerotzten Vorstadtdeutsch und ihren dumpfen Lebensanschauungen. Aber dann wechselt das Licht aus dem Saal zur Bühne hinüber, und nichts ist mehr schwarz-weiß, nichts trennscharf. "Ein Mann hat Licht und Schattenseiten, das ist normal", sagt der verschlagene Geck Alfred einmal. Und Thalheimer wird sie an diesem Abend alle bis in die letzten Nuancen durchdringen, die dunklen wie die hellen Seiten. Es ist – mir zumindest – kein Abend erinnerlich, an dem Thalheimer, der große Schwerkraftfinder des deutschen Regietheaters, einen derart leichten, schillernden, komödiantischen Reigen inszeniert hätte. (…)

Das begnadete DT-Ensemble, das zuletzt so oft Versprechen war, ist hier ganz Erfüllung, bis in die kleinste Nebenrolle hinein. Wie Clowns kommen sie daher, wie Menschen gehen sie ab. Noch die Pappmasken, die Thalheimer ihnen für ihr Schlussbild zugedacht hat, atmen eine dilettantische Ehrlichkeit. (…) "Schau die Sterne – die werden noch droben hängen, wenn wir drunter liegen", sagt Marianne einmal, als sie sich in Alfred verliebt und ihr Gang in den Abgrund naht. Ein Satz mit Unendlichkeit. Eine Theaterwahrhaftigkeit. Wir waren lange nicht so tief drunten und so nah bei den Sternen.
Stuttgarter Zeitung
Tim Schleider, 03.04.2013
Allerdings könnte ein derart gewagter Abend nie und nimmer gelingen, wenn dem Regisseur nicht ein großartiges, ein wirklich staunenswert gutes Ensemble zur Verfügung stünde. Katrin Wichmann ist eine zunächst mordsmäßig mutige und dann zum Schluss hoffnungslos gebrochene Marianne, die immerhin noch ihren Hass auf diesen zutiefst unberechenbaren Weltenherrscher namens Gott in die Welt spucken kann. Peter Moltzen und Andreas Döhler spielen denkbar gegensätzlich die beiden Männer in ihrem Leben; Moltzen ganz den kontrolliert, aber subkutan hochaggressiven Metzgermeister, Döhler den Hallodri mit starken Brusthaarkapital. (...)

Doch so wichtig die Hauptfiguren auch sein mögen, der Rang des Deutschen Theaters als eine der zentralen Bühnen des Landes zeigt sich just in den kleinen Rollen, zu denen es, was die schauspielerische Qualität anlangt, keinerlei Fallhöhe gibt. (...)

Stimmt schon, der Regisseur Michael Thalheimer macht es dem Zuschauer nicht leicht. Aber in seiner Arbeit ist nichts reiner Effekt oder Selbstzweck. Am Schluss eines solchen Abends weiß man wieder, wozu das Theater gut ist.
Allerdings könnte ein derart gewagter Abend nie und nimmer gelingen, wenn dem Regisseur nicht ein großartiges, ein wirklich staunenswert gutes Ensemble zur Verfügung stünde. Katrin Wichmann ist eine zunächst mordsmäßig mutige und dann zum Schluss hoffnungslos gebrochene Marianne, die immerhin noch ihren Hass auf diesen zutiefst unberechenbaren Weltenherrscher namens Gott in die Welt spucken kann. Peter Moltzen und Andreas Döhler spielen denkbar gegensätzlich die beiden Männer in ihrem Leben; Moltzen ganz den kontrolliert, aber subkutan hochaggressiven Metzgermeister, Döhler den Hallodri mit starken Brusthaarkapital. (...)

Doch so wichtig die Hauptfiguren auch sein mögen, der Rang des Deutschen Theaters als eine der zentralen Bühnen des Landes zeigt sich just in den kleinen Rollen, zu denen es, was die schauspielerische Qualität anlangt, keinerlei Fallhöhe gibt. (...)

Stimmt schon, der Regisseur Michael Thalheimer macht es dem Zuschauer nicht leicht. Aber in seiner Arbeit ist nichts reiner Effekt oder Selbstzweck. Am Schluss eines solchen Abends weiß man wieder, wozu das Theater gut ist.

Außerdem im Spielplan

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Jetzt in den Kammerspielen
von Alfred Jarry
Regie: András Dömötör
Kammerspiele
19.30 - 21.00
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse
mit englischen Übertiteln
von Samuel Beckett
Regie: Christian Schwochow
Deutsches Theater
20.00 - 21.30
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse