Glückliche Tage

von Samuel Beckett
Premiere am 22. April 2017, Deutsches Theater
Dagmar ManzelWinnie
Jörg PoseWillie
Winnie
Willie
B.Z.
Matthias Lukaschewitsch, 23.04.2017
Die Schauspielerin glänzt als Sprach- und Spielartistin auf der Bühne, gibt dem sperrigen Beckett-Text Rhythmus, zum Wohlwollen von Regisseur Schwochow. Um es gleich vorweg zu sagen: Dagmar Manzel (58) ist und bleibt einfach eine Solitärin – eine wirklich große Sprach- und Spielartistin auf der Bühne! Als Winnie in Samuel Becketts Klassiker "Glückliche Tage" hat sie im Deutschen Theater wieder mal den Beweis geliefert. 90 Minuten ein Tanz auf dem Hochseil – mimisch und sprachlich gibt sie der nervös-optimistischen Schnatter- und Zwanghaftigkeit ihrer Figur Größe, Würde und Tragik. Sie erschafft dabei trotz ununterbrochenem Parlando – "Es wird ein glücklicher Tag gewesen sein, oh ja! Trotz allem wieder ein glücklicher Tag!" – eine lakonische Tonlosigkeit, der das Sterben beim Sprechen eingeboren ist. Große, große Kunst! Ihr Bühnenpartner ist der wackere Jörg Pose als ihr Mann Willie – auch er ein Sinkender, Zuhörer aber nur. Stichwortgeber. Verbal (und wohl auch sonst) ohne Potenz. [...]
Warum sie nicht aufsteht, einfach geht? Dafür braucht es keinen Sandhügel, in dem sie langsam untergeht. Immer schon und auch heute, dämmern Menschen dem Verschwinden entgegen, bewegen sich aber doch. Laufen von A nach B. Und scheinen doch durch. Geisterhüllen, gesprochener Tod …
Regisseur Schwochow vertraut dabei ganz auf den Sprechgesang der Ostberlinerin, der dem sperrigen Text Rhythmus gibt. Gebannt schaut man zu. Kein Versprecher nirgends. Kein Stocken. Höchste Verdichtung und Konzentration – großartig!
Die Schauspielerin glänzt als Sprach- und Spielartistin auf der Bühne, gibt dem sperrigen Beckett-Text Rhythmus, zum Wohlwollen von Regisseur Schwochow. Um es gleich vorweg zu sagen: Dagmar Manzel (58) ist und bleibt einfach eine Solitärin – eine wirklich große Sprach- und Spielartistin auf der Bühne! Als Winnie in Samuel Becketts Klassiker "Glückliche Tage" hat sie im Deutschen Theater wieder mal den Beweis geliefert. 90 Minuten ein Tanz auf dem Hochseil – mimisch und sprachlich gibt sie der nervös-optimistischen Schnatter- und Zwanghaftigkeit ihrer Figur Größe, Würde und Tragik. Sie erschafft dabei trotz ununterbrochenem Parlando – "Es wird ein glücklicher Tag gewesen sein, oh ja! Trotz allem wieder ein glücklicher Tag!" – eine lakonische Tonlosigkeit, der das Sterben beim Sprechen eingeboren ist. Große, große Kunst! Ihr Bühnenpartner ist der wackere Jörg Pose als ihr Mann Willie – auch er ein Sinkender, Zuhörer aber nur. Stichwortgeber. Verbal (und wohl auch sonst) ohne Potenz. [...]
Warum sie nicht aufsteht, einfach geht? Dafür braucht es keinen Sandhügel, in dem sie langsam untergeht. Immer schon und auch heute, dämmern Menschen dem Verschwinden entgegen, bewegen sich aber doch. Laufen von A nach B. Und scheinen doch durch. Geisterhüllen, gesprochener Tod …
Regisseur Schwochow vertraut dabei ganz auf den Sprechgesang der Ostberlinerin, der dem sperrigen Text Rhythmus gibt. Gebannt schaut man zu. Kein Versprecher nirgends. Kein Stocken. Höchste Verdichtung und Konzentration – großartig!
Der Tagesspiegel
Patrick Wildermann, 24.04.2017
Verneigung vor einer Sitzriesin der Schauspielkunst: Dagmar Manzel in Becketts "Glückliche Tage" am Deutschen Theater

Schwochow hat einen Trumpf mit der Besetzung. Dagmar Manzel, die Ausnahme-Schauspielerin, Operetten-Königin und Autorin der Biografie "Menschenskind", stemmt Becketts 90-minütigen Monolog für zwei. Denn die eingegrabene Winnie – von Beckett nicht eben liebevoll als "fett" und "vollbusig" beschrieben – hat in ihrem ausweglosen Elend einen Adressaten in Ehemann Willie, der hügelabwärts vegetiert, sich an obszönen Fotografien erfreut und im gesamten Stück, wie Fleißmenschen schon früher nachgerechnet haben, auf 51 Wörter kommt. [...]

Zu den schönsten und wahrsten Sätzen, die Becketts Erden-Dame so spricht, zählen jene über die Fähigkeit zur Adaption: "Das eben finde ich so wundervoll. Die Art, in der der Mensch sich anpasst. Den wechselnden Verhältnissen." Und Manzel spielt das toll, keine Frage. Eine Sitzriesin der Schauspielkunst, tiefe Verneigung. Immer wieder pickt sie sich aus dem unerbittlichen Mahlstrom des Geplauders Worte, aus denen sie genüsslich die bittere Schärfe saugt: "Kaum ein Tag ohne irgendein Anwachsen des Wissens, so gering es auch sein mag." Sie versteht sich aufs rasante Switchen zwischen den Tonarten, fällt vom Rotzigen ins Verklärte, von angestrengter Zuversicht in angriffslustige Leichtigkeit. Mal ist sie Halsstarrige, mal Gutwütige.
Verneigung vor einer Sitzriesin der Schauspielkunst: Dagmar Manzel in Becketts "Glückliche Tage" am Deutschen Theater

Schwochow hat einen Trumpf mit der Besetzung. Dagmar Manzel, die Ausnahme-Schauspielerin, Operetten-Königin und Autorin der Biografie "Menschenskind", stemmt Becketts 90-minütigen Monolog für zwei. Denn die eingegrabene Winnie – von Beckett nicht eben liebevoll als "fett" und "vollbusig" beschrieben – hat in ihrem ausweglosen Elend einen Adressaten in Ehemann Willie, der hügelabwärts vegetiert, sich an obszönen Fotografien erfreut und im gesamten Stück, wie Fleißmenschen schon früher nachgerechnet haben, auf 51 Wörter kommt. [...]

Zu den schönsten und wahrsten Sätzen, die Becketts Erden-Dame so spricht, zählen jene über die Fähigkeit zur Adaption: "Das eben finde ich so wundervoll. Die Art, in der der Mensch sich anpasst. Den wechselnden Verhältnissen." Und Manzel spielt das toll, keine Frage. Eine Sitzriesin der Schauspielkunst, tiefe Verneigung. Immer wieder pickt sie sich aus dem unerbittlichen Mahlstrom des Geplauders Worte, aus denen sie genüsslich die bittere Schärfe saugt: "Kaum ein Tag ohne irgendein Anwachsen des Wissens, so gering es auch sein mag." Sie versteht sich aufs rasante Switchen zwischen den Tonarten, fällt vom Rotzigen ins Verklärte, von angestrengter Zuversicht in angriffslustige Leichtigkeit. Mal ist sie Halsstarrige, mal Gutwütige.
FAZ
Simon Strauss, 24.04.2017
Die Erde, die "alte Tilgerin", ist in dieser Inszenierung gestrichen. Und die "enge Atmosphäre" gleich mit. Stattdessen strotzt die Bühne vor kühl berechneter Transparenz. In der Mitte der hohen Spiegelwand steht eine Tür offen, durch die Winnie ihrem alten Schicksalsgefährten Willie, der mit blutender Glatze und Strohhut halbschräg in der Türöffnung sitzt und die Schlagzeilen der Tageszeitungen repetiert, Wortfetzen zurufen kann. Mit einem wiederkehrenden Kuckucksruf ermahnt sie ihn zur Aufmerksamkeit, versichert sich seiner vorgetäuschten Gefügigkeit, um dann, wenn sie sich seines Ohrs gewiss ist, aufs Neue loszulegen mit ihren altgewohnten Plaudertriolen. Denn mit jedem neuen Tag bietet sich für sie eine neue Chance, das ewige Schweigen noch einmal ein wenig hinauszuzögern.
Vom ersten Moment an, wenn der eiserne Vorhang im Deutschen Theater in Berlin ächzend hochfährt und den Blick auf sie freigibt, ist Dagmar Manzels Winnie eine nervöse Organisatorin ihres Seins. Alles, jeder Satz, jede Regung, folgt bei ihr einem eingeübten "alten Stil", ist vorbereitet und genau geplant. Wie eine erfahrene Bergsteigerin, die für ihren Aufstieg überall Sicherheitshaken an der glatten Felswand befestigt, hat sie sich von langer Hand Ausdrucksfloskeln und Erinnerungsszenen bereitgelegt, um durch den Tag zu kommen – sprechen zu können, nicht still sein zu müssen. [...]

Über lange Strecken spielt Dagmar Manzel die Tragik ihrer Figur auf lakonisch-komödiantische Weise herunter. Hier hält sie sich eine Lupe vor den Mund, den sie dadurch ins Extreme vergrößert, dort greift sie sich in den Ausschnitt und holt ein Taschentuch hervor, renkt sich den Nacken aus und gleich wieder ein oder streift die Strickjacke lasziv von der Schulter. Ein feiner Hauch von Berliner Schnauze liegt über ihrer quirligen Redseligkeit, wenn sie das "wundervoll" auf dem "u" betont und sich mit verschmitztem Lächeln und gespitztem Mund immer wieder selbst ins Wort fällt. Angesichts ihres nuancenreichen, zuweilen auch etwas nervigen Plappertons überhört man fast die Traurigkeit, die sich im Laufe des anderthalbstündigen Abends in ihre Rede mischt, übersieht das leichte Zittern um ihre Lippen. "War ich denn jemals liebenswert?", fragt sie Willie einmal wie aus dem Nichts. Ein kurzes Hoffen und Blinzeln, dann wischt sie die Frage selbst weg, zwingt sich zurück ins keck Lapidare. [...]

Nur am Ende, als Willie, den Jörg Pose als lebende Requisite unprätentiös gibt, auf einmal vor sie hingekrochen kommt und den Blick flehend nach oben richtet, macht Winnie eine Ausnahme. Jetzt, wo der Tag sich dem Ende zuneigt, die Sonne verschwindet, schließt sie die Augen und erlaubt sich einen Augenblick stiller Rührung. "Es gab eine Zeit", sagt sie zu ihrem Mann, "als ich dir eine Hand hätte reichen können. Und dann eine Zeit davor, als ich dir eine Hand reichte". Das ist nun für immer vorbei. Nur noch ihr Kopf ist frei, ihr Mund gehorcht ihr. Das endgültige Schweigen rückt näher. Aber vorher muss das Innere doch noch einmal nach draußen, koste es, was es wolle: Und so singt diese Winnie in einem Anflug grenzenloser Traurigkeit die Anfangszeilen aus Franz Lehárs berühmter Operette: "Lippen Schweigen/Flüstern Geigen/Hab mich lieb". Hier, in dieser Schlussszene, hat Dagmar Manzel ihren größten, innigsten Moment. Für ihn hat sie sich aufgespart, hat sich diszipliniert und alles hinausgezögert. Aber jetzt singt sie, mit geschlossenen Augen und fester Stimme, aus voller Brust. Singt und klingt dabei, als wüsste sie genau: Das könnte das letzte Mal, das könnten die letzten Worte sein.
Die Erde, die "alte Tilgerin", ist in dieser Inszenierung gestrichen. Und die "enge Atmosphäre" gleich mit. Stattdessen strotzt die Bühne vor kühl berechneter Transparenz. In der Mitte der hohen Spiegelwand steht eine Tür offen, durch die Winnie ihrem alten Schicksalsgefährten Willie, der mit blutender Glatze und Strohhut halbschräg in der Türöffnung sitzt und die Schlagzeilen der Tageszeitungen repetiert, Wortfetzen zurufen kann. Mit einem wiederkehrenden Kuckucksruf ermahnt sie ihn zur Aufmerksamkeit, versichert sich seiner vorgetäuschten Gefügigkeit, um dann, wenn sie sich seines Ohrs gewiss ist, aufs Neue loszulegen mit ihren altgewohnten Plaudertriolen. Denn mit jedem neuen Tag bietet sich für sie eine neue Chance, das ewige Schweigen noch einmal ein wenig hinauszuzögern.
Vom ersten Moment an, wenn der eiserne Vorhang im Deutschen Theater in Berlin ächzend hochfährt und den Blick auf sie freigibt, ist Dagmar Manzels Winnie eine nervöse Organisatorin ihres Seins. Alles, jeder Satz, jede Regung, folgt bei ihr einem eingeübten "alten Stil", ist vorbereitet und genau geplant. Wie eine erfahrene Bergsteigerin, die für ihren Aufstieg überall Sicherheitshaken an der glatten Felswand befestigt, hat sie sich von langer Hand Ausdrucksfloskeln und Erinnerungsszenen bereitgelegt, um durch den Tag zu kommen – sprechen zu können, nicht still sein zu müssen. [...]

Über lange Strecken spielt Dagmar Manzel die Tragik ihrer Figur auf lakonisch-komödiantische Weise herunter. Hier hält sie sich eine Lupe vor den Mund, den sie dadurch ins Extreme vergrößert, dort greift sie sich in den Ausschnitt und holt ein Taschentuch hervor, renkt sich den Nacken aus und gleich wieder ein oder streift die Strickjacke lasziv von der Schulter. Ein feiner Hauch von Berliner Schnauze liegt über ihrer quirligen Redseligkeit, wenn sie das "wundervoll" auf dem "u" betont und sich mit verschmitztem Lächeln und gespitztem Mund immer wieder selbst ins Wort fällt. Angesichts ihres nuancenreichen, zuweilen auch etwas nervigen Plappertons überhört man fast die Traurigkeit, die sich im Laufe des anderthalbstündigen Abends in ihre Rede mischt, übersieht das leichte Zittern um ihre Lippen. "War ich denn jemals liebenswert?", fragt sie Willie einmal wie aus dem Nichts. Ein kurzes Hoffen und Blinzeln, dann wischt sie die Frage selbst weg, zwingt sich zurück ins keck Lapidare. [...]

Nur am Ende, als Willie, den Jörg Pose als lebende Requisite unprätentiös gibt, auf einmal vor sie hingekrochen kommt und den Blick flehend nach oben richtet, macht Winnie eine Ausnahme. Jetzt, wo der Tag sich dem Ende zuneigt, die Sonne verschwindet, schließt sie die Augen und erlaubt sich einen Augenblick stiller Rührung. "Es gab eine Zeit", sagt sie zu ihrem Mann, "als ich dir eine Hand hätte reichen können. Und dann eine Zeit davor, als ich dir eine Hand reichte". Das ist nun für immer vorbei. Nur noch ihr Kopf ist frei, ihr Mund gehorcht ihr. Das endgültige Schweigen rückt näher. Aber vorher muss das Innere doch noch einmal nach draußen, koste es, was es wolle: Und so singt diese Winnie in einem Anflug grenzenloser Traurigkeit die Anfangszeilen aus Franz Lehárs berühmter Operette: "Lippen Schweigen/Flüstern Geigen/Hab mich lieb". Hier, in dieser Schlussszene, hat Dagmar Manzel ihren größten, innigsten Moment. Für ihn hat sie sich aufgespart, hat sich diszipliniert und alles hinausgezögert. Aber jetzt singt sie, mit geschlossenen Augen und fester Stimme, aus voller Brust. Singt und klingt dabei, als wüsste sie genau: Das könnte das letzte Mal, das könnten die letzten Worte sein.
Inforadio rbb
Nadine Kreuzahler, 24.04.2017
"Glückliche Tage" gehört neben "Warten auf Godot" und "Endspiel" zu den meist gespielten Stücken von Samuel Beckett. Seit Sonntag läuft "Glückliche Tage" mit einer ganz großen Dagmar Manzel in der Hauptrolle im Deutschen Theater.
Eine Frau, Winnie, steckt in einem Erdhügel fest. Hinterr dem Hügel fristet ihr Mann Willie sein Dasein. So absurd, so endzeitlich, so typisch Beckett. [...]
Es steckt viel drin im Text von Beckett,  von Christian Schwochow eng am Original inszeniert. Gesellschaftlich verordneter Zwangsoptimismus. Verunsicherung in Zeiten von Terror. Angst vor der Endlichkeit. Deshalb ist es auch so aktuell. [...]
Christian Schwochow setzt voll und ganz auf Dagmar Manzel. Es ist ihre Show. Und wie sie über fast anderthalb Stunden lang nahezu alle menschlichen Gefühlsregungen durch exerziert – das ist schauspielerisch ganz groß!
"Glückliche Tage" gehört neben "Warten auf Godot" und "Endspiel" zu den meist gespielten Stücken von Samuel Beckett. Seit Sonntag läuft "Glückliche Tage" mit einer ganz großen Dagmar Manzel in der Hauptrolle im Deutschen Theater.
Eine Frau, Winnie, steckt in einem Erdhügel fest. Hinterr dem Hügel fristet ihr Mann Willie sein Dasein. So absurd, so endzeitlich, so typisch Beckett. [...]
Es steckt viel drin im Text von Beckett,  von Christian Schwochow eng am Original inszeniert. Gesellschaftlich verordneter Zwangsoptimismus. Verunsicherung in Zeiten von Terror. Angst vor der Endlichkeit. Deshalb ist es auch so aktuell. [...]
Christian Schwochow setzt voll und ganz auf Dagmar Manzel. Es ist ihre Show. Und wie sie über fast anderthalb Stunden lang nahezu alle menschlichen Gefühlsregungen durch exerziert – das ist schauspielerisch ganz groß!
kultura-extra
Andre Sokolowski, 24.04.2017
Zu erwarten war: ein großer Manzel-Abend. Ja und der erfolgte prompt – völlig egal, in welcher irgendwie gearteten Regie- und Bühnensicht das Alles sich bewegen sollte, würde oder müsste. Da, wo Manzel ist, herrscht so und so (ob mit oder ob ohne all dem Drumherum) ihr dominierender Persönlichkeitsanspruch; und dabei ist sie überhaupt nicht eitel und auch nicht "in sich verliebt" und – wie man das so allerorten hören kann – hochkommunikativ also menschlich angenehm: zu was und wem auch immer. Menzel bringt diesen meistens mehr verschämt daherkommenden Ironie-Aspekt der mantraartigen und daher nervtötenden Beckett-Sprechblasen zur Herbstzeitlosenblüte. Zweimal lässt sie einen mordsmäßigen Frauenkreischer los, ja und nur selten hebt sie ihre Stimme, wenn es sich im Diesbezüglichen um Willie (den Jörg Pose mimte) dreht. [...]

Dagmar Manzel = immer en Theater-Vollereignis!!
Zu erwarten war: ein großer Manzel-Abend. Ja und der erfolgte prompt – völlig egal, in welcher irgendwie gearteten Regie- und Bühnensicht das Alles sich bewegen sollte, würde oder müsste. Da, wo Manzel ist, herrscht so und so (ob mit oder ob ohne all dem Drumherum) ihr dominierender Persönlichkeitsanspruch; und dabei ist sie überhaupt nicht eitel und auch nicht "in sich verliebt" und – wie man das so allerorten hören kann – hochkommunikativ also menschlich angenehm: zu was und wem auch immer. Menzel bringt diesen meistens mehr verschämt daherkommenden Ironie-Aspekt der mantraartigen und daher nervtötenden Beckett-Sprechblasen zur Herbstzeitlosenblüte. Zweimal lässt sie einen mordsmäßigen Frauenkreischer los, ja und nur selten hebt sie ihre Stimme, wenn es sich im Diesbezüglichen um Willie (den Jörg Pose mimte) dreht. [...]

Dagmar Manzel = immer en Theater-Vollereignis!!
Süddeutsche Zeitung
Peter Laudenbach, 24.04.2017
Dagmar Manzel spielt sie jetzt am Deutschen Theater Berlin mit größtmöglicher Eleganz und einer Heiterkeit, die in jedem Moment um das mit grausamer Langsamkeit nahende Ende weiß. Die Verzweiflung ist dazu da, überspielt zu werden, und sei es mit einer Spieluhr, die einen berühmten Walzer aus Lehárs "Die lustige Witwe" spielt: "Lippen schweigen ..." Und weil Winnies Gatte Willie (Jörg Pose) irgendwann keinen Laut mehr von sich gibt, ist das natürlich eine Andeutung dessen, was ihr als Witwe auch bald bevorsteht. [...]

Manzel kostet ihre Vokale mit Hingabe aus, jeder Satz eine kleine Sprecharie. Ihre Winnie genießt die großen Gesten, solange sie noch dazu fähig ist. Weil es entschieden unter ihrer Würde wäre, sich etwas vorzumachen, malt sie sich illusionslos aus, wie ihr erst die noch möglichen Bewegungen und dann die Worte ausgehen werden. Das hat in Christian Schwochows Regie gleichzeitig eine tolle Grandezza und eine schöne Lebensklugheit: Wenn schon jeder Tag ein Schritt in Richtung Tod ist, kann man die Folge lauter letzter Tage ja wenigstens mit Anstand genießen. Der berühmteste Erdhaufen der Theatergeschichte ist dafür nicht mehr nötig: Manzel genügt als Existenzgefängnis ein Stuhl vor einer verspiegelten Wand.
Dagmar Manzel spielt sie jetzt am Deutschen Theater Berlin mit größtmöglicher Eleganz und einer Heiterkeit, die in jedem Moment um das mit grausamer Langsamkeit nahende Ende weiß. Die Verzweiflung ist dazu da, überspielt zu werden, und sei es mit einer Spieluhr, die einen berühmten Walzer aus Lehárs "Die lustige Witwe" spielt: "Lippen schweigen ..." Und weil Winnies Gatte Willie (Jörg Pose) irgendwann keinen Laut mehr von sich gibt, ist das natürlich eine Andeutung dessen, was ihr als Witwe auch bald bevorsteht. [...]

Manzel kostet ihre Vokale mit Hingabe aus, jeder Satz eine kleine Sprecharie. Ihre Winnie genießt die großen Gesten, solange sie noch dazu fähig ist. Weil es entschieden unter ihrer Würde wäre, sich etwas vorzumachen, malt sie sich illusionslos aus, wie ihr erst die noch möglichen Bewegungen und dann die Worte ausgehen werden. Das hat in Christian Schwochows Regie gleichzeitig eine tolle Grandezza und eine schöne Lebensklugheit: Wenn schon jeder Tag ein Schritt in Richtung Tod ist, kann man die Folge lauter letzter Tage ja wenigstens mit Anstand genießen. Der berühmteste Erdhaufen der Theatergeschichte ist dafür nicht mehr nötig: Manzel genügt als Existenzgefängnis ein Stuhl vor einer verspiegelten Wand.
taz
Katrin Bettina Müller, 24.04.2017
Minimalistisch: Hochleistungssport für eine Darstellerin: Dagmar Manzel spielt am Deutschen Theater eine großartige, herzergreifende Winnie in Samuel Becketts "Glücklichen Tagen"

Im Deutschen Theater hat jetzt Christian Schwochow Becketts zurzeit wieder viel gespieltes Stück inszeniert. Christian Schwochow ist vor allem als Filmregisseur bekannt; im Kino kam letztes Jahr sein Film "Paula" heraus, für den TV-Zweiteiler "Der Turm" erhielt er den Grimme-Preis. Seine Wìnnie spielt Dagmar Manzel, auf einem Stuhl vor einer Spiegelwand sitzend. Durch eine Tür hört und sieht man manchmal ihren Gefährten Willie, der ganze 45 Worte in dem Stück hat, von dem aber auch nie sicher ist, ob er wirklich noch existiert oder von ihr nur als Zuhörer imaginiert ist. Was soll man sagen? Natürlich ist Dagmar Manzel eine großartige, herzergreifende Winnie. Sie steckt für diesmal nicht in einem Sandhaufen, sondern sitzt vor einer Spiegelwand, dicht an der Rampe; ein enger Spielraum, künstlich gesetzt die Grenzen und die Regeln. Das Zittern, die Angst vor dem, was sie sich plappernd vom Leibe halten will, sitzt ganz dicht unter der Oberfläche. Auf ihrem akkurat geschnittenen kurzen blonden Haar klemmt ein winziges Hütchen, auf dem zitternde Fühler tanzen.
Und doch ist das ganze Spiel von der Unterdrückung der Panik mit einer Unaufgeregtheit grundiert und einem trockenen Humor, der sehr geerdet ist. Hingebungsvoll putzt sie Brille und Lupe, um endlich ein unkenntlich gewordenes Wort auf ihrer Zahnbürste zu lesen. Sie nimmt den Browning in ihrer Tasche zur Hand kaum anders als den Spiegel, manchmal verdutzt, manchmal mit einer kurzen Erinnerung an den Tag, als Willie sie bat, ihm den Revolver wegzunehmen.
Die Rolle der Winnie ist nicht zuletzt ein schauspielerisches Experiment; ihrem Körper ist die Bewegung genommen, Willie darf höchstens mal durchs Bild kriechen. Es gibt keine Bewegung, keine Handlung, Minimalismus und Konzentration pur.
Minimalistisch: Hochleistungssport für eine Darstellerin: Dagmar Manzel spielt am Deutschen Theater eine großartige, herzergreifende Winnie in Samuel Becketts "Glücklichen Tagen"

Im Deutschen Theater hat jetzt Christian Schwochow Becketts zurzeit wieder viel gespieltes Stück inszeniert. Christian Schwochow ist vor allem als Filmregisseur bekannt; im Kino kam letztes Jahr sein Film "Paula" heraus, für den TV-Zweiteiler "Der Turm" erhielt er den Grimme-Preis. Seine Wìnnie spielt Dagmar Manzel, auf einem Stuhl vor einer Spiegelwand sitzend. Durch eine Tür hört und sieht man manchmal ihren Gefährten Willie, der ganze 45 Worte in dem Stück hat, von dem aber auch nie sicher ist, ob er wirklich noch existiert oder von ihr nur als Zuhörer imaginiert ist. Was soll man sagen? Natürlich ist Dagmar Manzel eine großartige, herzergreifende Winnie. Sie steckt für diesmal nicht in einem Sandhaufen, sondern sitzt vor einer Spiegelwand, dicht an der Rampe; ein enger Spielraum, künstlich gesetzt die Grenzen und die Regeln. Das Zittern, die Angst vor dem, was sie sich plappernd vom Leibe halten will, sitzt ganz dicht unter der Oberfläche. Auf ihrem akkurat geschnittenen kurzen blonden Haar klemmt ein winziges Hütchen, auf dem zitternde Fühler tanzen.
Und doch ist das ganze Spiel von der Unterdrückung der Panik mit einer Unaufgeregtheit grundiert und einem trockenen Humor, der sehr geerdet ist. Hingebungsvoll putzt sie Brille und Lupe, um endlich ein unkenntlich gewordenes Wort auf ihrer Zahnbürste zu lesen. Sie nimmt den Browning in ihrer Tasche zur Hand kaum anders als den Spiegel, manchmal verdutzt, manchmal mit einer kurzen Erinnerung an den Tag, als Willie sie bat, ihm den Revolver wegzunehmen.
Die Rolle der Winnie ist nicht zuletzt ein schauspielerisches Experiment; ihrem Körper ist die Bewegung genommen, Willie darf höchstens mal durchs Bild kriechen. Es gibt keine Bewegung, keine Handlung, Minimalismus und Konzentration pur.
MOZ
Irene Bazinger, 25.04.2017
Im Deutschen Theater Berlin hat jetzt der Regisseur Christian Schwochow, der mit Filmen wie "Der Turm", "Die Unsichtbare", "Bornholmer Straße" und "Paula" erfolgreich war, diesen komisch-schrecklichen Monolog über das Altern, Verkümmern und Verschwinden inszeniert. Er hat vielleicht in einem Akt deregulierter Empathie, Winnie aus ihrem Lebenshaufen befreit und auf einen unauffälligen Stuhl vor einer wackeligen Wand aus Spiegelfolie verpflanzt (Bühnenbild: Anne Ehrlich). [...]

Die wunderbare Schauspielerin Dagmar Manzel zeigt sie als dampfplaudernde Schrulle, die keinen Schmerz und keine Irritation kennt. Mit Schwochow hat sie aus Becketts Monument des Absurden eine Art sozialer Skulptur zu machen versucht. Winnie ist nun nicht mehr irgendwo im Nirgendwo menschlicher Hoffnungslosigkeiten verloren, sondern könnte gleichermaßen im Wartezimmer eines Jobcenters oder auf einer regennassen Parkbank sitzen. [...]

Natürlich ist es großartig, wie Winnie bei Dagmar Manzel die wenigen Dinge, die sie noch tun kann, nonchalant ausführt – sich ohne Wasser die Zähne putzen, später die Lippen schminken, einen Regenschirm aufspannen, mit einem Revolver aus ihrer Handtasche hantieren. Sie flirtet mit ihrem Ehemann Willie der auf dem Boden in einer Öffnung der Spiegelwand lehnt.
Im Deutschen Theater Berlin hat jetzt der Regisseur Christian Schwochow, der mit Filmen wie "Der Turm", "Die Unsichtbare", "Bornholmer Straße" und "Paula" erfolgreich war, diesen komisch-schrecklichen Monolog über das Altern, Verkümmern und Verschwinden inszeniert. Er hat vielleicht in einem Akt deregulierter Empathie, Winnie aus ihrem Lebenshaufen befreit und auf einen unauffälligen Stuhl vor einer wackeligen Wand aus Spiegelfolie verpflanzt (Bühnenbild: Anne Ehrlich). [...]

Die wunderbare Schauspielerin Dagmar Manzel zeigt sie als dampfplaudernde Schrulle, die keinen Schmerz und keine Irritation kennt. Mit Schwochow hat sie aus Becketts Monument des Absurden eine Art sozialer Skulptur zu machen versucht. Winnie ist nun nicht mehr irgendwo im Nirgendwo menschlicher Hoffnungslosigkeiten verloren, sondern könnte gleichermaßen im Wartezimmer eines Jobcenters oder auf einer regennassen Parkbank sitzen. [...]

Natürlich ist es großartig, wie Winnie bei Dagmar Manzel die wenigen Dinge, die sie noch tun kann, nonchalant ausführt – sich ohne Wasser die Zähne putzen, später die Lippen schminken, einen Regenschirm aufspannen, mit einem Revolver aus ihrer Handtasche hantieren. Sie flirtet mit ihrem Ehemann Willie der auf dem Boden in einer Öffnung der Spiegelwand lehnt.
neues deutschland
Hans-Dieter Schütt, 25.04.2017
Dagmar Manzel ist Winnie. Ist es auf jener Bühne, die viele Jahre ihre künstlerische Heimat war. Wieder erweist sich diese Schauspielerin als virtuose Technikerin blitzschneller Stimmungswechsel; es genügt die Winzigkeit eines anderen Tons, die Nuance einer anderen Lautstärke, ein Ruck des Kopfes, eine Drehung des Körpers. Sie gibt diesen Beckett aber nicht roh, nicht räudig, nicht apokalyptisch verfinstert. Wo andere das Stück ins Böse gestoßen, ins Zynische gelotst, zum Giftsprühen gebracht hätten, da bietet die Manzel einen Spiel-Raum an, darin der Totentanz wahrlich tanzbar bleibt, obwohl sie ihren Stuhl nie verlässt. Schwochow hält die Inszenierung auch dort, wo die Paar-Ödnis wahrlich ins Ungeheure, Verletzende und Zersetzende verrutscht, in einem fast schwebend-luftigem Gemurmel-Dämmer. Wo die Gleichzeitigkeit von Heiterkeit und Erschütterung, von Wahn und Witz offenbart werden soll, gerät der Witz zum Erschütterndsten. Die Katastrophe als Komödie. [...]

Die Manzel spielt alle nur möglichen Tiefen von Oberfläche. Hell girrt sie Lieblichkeit, abgeklärte Hinfälligkeit. Die letzten Fragen zwischen Zähneputzen und Zahnfleischbeschau sind sehr einfache Fragen: Was sind Barschborsten? Sie zitiert Hamlet: "Weh mir, wehe, dass ich sehe, was ich sehe!" Und hält sich vor die Brille noch eine Lupe. Eine meisterliche Nervigkeit. Eine kopfleichte Besessenheit davon, dass Leben einzig dazu da sei, verspielt zu werden. Was der Mund sagt, sagen die Hände manchmal schneller. Ein Zittern, ein Flattern, da webt ein Mensch am Netz, das ihn vor der Realität schützt. Die weggeplaudert wird, weil sie nicht wegzureden ist. Plötzlich Winnies Schrei: Sie stellt sich vor, hier wüchse etwas. Grausame Vision, sich überhaupt noch anderes Leben vorzustellen. [...]

Nachdem der eiserne Vorhang sich gesenkt und wieder gehoben hatte, umschlingt eine Decke die Frau auf dem Stuhl. [...] Jetzt schiebt sich die Inszenierung also doch noch an jenen Rand zwischen Noch-Dasein und Schon-Gestorbensein, wo die Bitterstoffe ätzen: Just am Schon-Gestorbensein erkennt man das Noch-Dasein am deutlichsten. Winnie – sekundenlang – wie geschunden, gedroschen. Aber Dagmar Manzel betreibt rasch wieder den tapferen, fast temperamentvollen Rückbau: ins Flotte, ins Neckische, in einen nahezu launigen Survival-Schwung. Besser als Weinen hilft Operette: "Lippen schweigen, flüstern Geigen - hab mich lieb." Schweigen? Nie.
Dagmar Manzel ist Winnie. Ist es auf jener Bühne, die viele Jahre ihre künstlerische Heimat war. Wieder erweist sich diese Schauspielerin als virtuose Technikerin blitzschneller Stimmungswechsel; es genügt die Winzigkeit eines anderen Tons, die Nuance einer anderen Lautstärke, ein Ruck des Kopfes, eine Drehung des Körpers. Sie gibt diesen Beckett aber nicht roh, nicht räudig, nicht apokalyptisch verfinstert. Wo andere das Stück ins Böse gestoßen, ins Zynische gelotst, zum Giftsprühen gebracht hätten, da bietet die Manzel einen Spiel-Raum an, darin der Totentanz wahrlich tanzbar bleibt, obwohl sie ihren Stuhl nie verlässt. Schwochow hält die Inszenierung auch dort, wo die Paar-Ödnis wahrlich ins Ungeheure, Verletzende und Zersetzende verrutscht, in einem fast schwebend-luftigem Gemurmel-Dämmer. Wo die Gleichzeitigkeit von Heiterkeit und Erschütterung, von Wahn und Witz offenbart werden soll, gerät der Witz zum Erschütterndsten. Die Katastrophe als Komödie. [...]

Die Manzel spielt alle nur möglichen Tiefen von Oberfläche. Hell girrt sie Lieblichkeit, abgeklärte Hinfälligkeit. Die letzten Fragen zwischen Zähneputzen und Zahnfleischbeschau sind sehr einfache Fragen: Was sind Barschborsten? Sie zitiert Hamlet: "Weh mir, wehe, dass ich sehe, was ich sehe!" Und hält sich vor die Brille noch eine Lupe. Eine meisterliche Nervigkeit. Eine kopfleichte Besessenheit davon, dass Leben einzig dazu da sei, verspielt zu werden. Was der Mund sagt, sagen die Hände manchmal schneller. Ein Zittern, ein Flattern, da webt ein Mensch am Netz, das ihn vor der Realität schützt. Die weggeplaudert wird, weil sie nicht wegzureden ist. Plötzlich Winnies Schrei: Sie stellt sich vor, hier wüchse etwas. Grausame Vision, sich überhaupt noch anderes Leben vorzustellen. [...]

Nachdem der eiserne Vorhang sich gesenkt und wieder gehoben hatte, umschlingt eine Decke die Frau auf dem Stuhl. [...] Jetzt schiebt sich die Inszenierung also doch noch an jenen Rand zwischen Noch-Dasein und Schon-Gestorbensein, wo die Bitterstoffe ätzen: Just am Schon-Gestorbensein erkennt man das Noch-Dasein am deutlichsten. Winnie – sekundenlang – wie geschunden, gedroschen. Aber Dagmar Manzel betreibt rasch wieder den tapferen, fast temperamentvollen Rückbau: ins Flotte, ins Neckische, in einen nahezu launigen Survival-Schwung. Besser als Weinen hilft Operette: "Lippen schweigen, flüstern Geigen - hab mich lieb." Schweigen? Nie.

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