Der Hals der Giraffe

nach dem Roman von Judith Schalansky
Dramaturgie Juliane Koepp
Licht Heiko Thomas
Premiere
22. September 2019
Box
Judith Hofmann
Bernd Moss
Linn Reusse
Berliner Zeitung
Doris Meierhenrich, 23.09.2019
Malerisch bewegen sich [Philipp Arnolds] drei Inges [...] mit weiten Renaissance-Halskrausen, einer Seekuh- und einer Fledermausmaske vor einem hölzernen Straußenverschlag: Aussterbende ihrer Art. Arnold baut ihnen eine goldene Artenschutzvitrine drumrum. [...] 

Denkt man wie Inge Lohmark, ist das sogar eine richtig optimistiche Zukunftsvision: Unsere Häuser wie alle Zeichen der Zivilisation verfallen, weil es keine Menschen mehr gibt, die sie pflegen. Dafür überwuchern Pflanzen die Erde: der robuste Wurmfarn, die genügsame Brennnessel und die lianenhafte Waldrebe, Flechten, Moose, Pilze.[…]

Dass sich nicht nur die Wissenschaft selbst, sondern auch die pädagogische Vermittlung über die Jahre verändern könnte − Systemwechsel hin oder her − akzeptiert sie keine Sekunde, und so darf man Inge Lohmark bei allem Verständnis für ihre Wut über den aufgestülpten Niedergang ihrer Region auch als unverbesserliche Rechthaberin bezeichnen. […]
Malerisch bewegen sich [Philipp Arnolds] drei Inges [...] mit weiten Renaissance-Halskrausen, einer Seekuh- und einer Fledermausmaske vor einem hölzernen Straußenverschlag: Aussterbende ihrer Art. Arnold baut ihnen eine goldene Artenschutzvitrine drumrum. [...] 

Denkt man wie Inge Lohmark, ist das sogar eine richtig optimistiche Zukunftsvision: Unsere Häuser wie alle Zeichen der Zivilisation verfallen, weil es keine Menschen mehr gibt, die sie pflegen. Dafür überwuchern Pflanzen die Erde: der robuste Wurmfarn, die genügsame Brennnessel und die lianenhafte Waldrebe, Flechten, Moose, Pilze.[…]

Dass sich nicht nur die Wissenschaft selbst, sondern auch die pädagogische Vermittlung über die Jahre verändern könnte − Systemwechsel hin oder her − akzeptiert sie keine Sekunde, und so darf man Inge Lohmark bei allem Verständnis für ihre Wut über den aufgestülpten Niedergang ihrer Region auch als unverbesserliche Rechthaberin bezeichnen. […]
rbbKultur
Barbara Behrendt, 23.09.2019
Der Regisseur Philipp Arnold versucht diese intellektuelle Einlassung [...] in Bildreize zu übersetzen. Er lässt die Geschichte nicht in einer ostdeutschen Schule nach der Wende spielen, sondern steckt seine drei Spieler in schwarze Kostüme aus dem elisabethanischen Zeitalter mit Halskrausen, Perücken, dazu weiß geschminkte Gesichter. […]

Der Hals der Giraffe ist das Symbol der Anpassung im Überlebenskampf. Über zahllose Generationen hinweg haben sich jene Tiere fortgepflanzt, die die meisten Blätter auf den Baumkronen zu fressen bekamen. […]

30 Jahre lang hat [Inge Lohmark] in der Vorpommerschen Provinz Kinder an der Schwelle der Adoleszenz unterrichtet […] Voller Pessimismus schaut sie auf den verfallenden Osten, auf die paar Übriggebliebenen, die sie noch unterrichtet, bevor die Schule dicht gemacht wird. […] Die verhärmte, aber intelligente, glasklar formulierende Inge Lohmark hat selbst im Sozialismus an ihrem darwinistischen Weltbild festgehalten, als man den Menschen zum Besseren erziehen wollte. […] Doch ihr System bekommt Risse: Ihre Unterrichtsmethoden werden gerügt. Körperlich fühlt sie sich plötzlich zu ihrer Schülerin Erika hingezogen. Das bröckelnde Überlebensprinzip legt jedoch kein Neues frei, alles ist Zerfall und Niedergang. […]

[Die Schauspieler_innen] sprechen an der Rampe, vor einer Holzwand, von der die Farbe abbröckelt. Darauf werden Schatten projiziert, von Bäumen, Vögeln, Tigern. Immer wieder tut sich dieser Zaun auf – doch von der Welt bleibt man ausgegrenzt. […]

Tiermasken werden aufgesetzt, Linn Reusse trägt als Schülerin Erika ein violettes Heidekraut über dem Kopf.
Der Regisseur Philipp Arnold versucht diese intellektuelle Einlassung [...] in Bildreize zu übersetzen. Er lässt die Geschichte nicht in einer ostdeutschen Schule nach der Wende spielen, sondern steckt seine drei Spieler in schwarze Kostüme aus dem elisabethanischen Zeitalter mit Halskrausen, Perücken, dazu weiß geschminkte Gesichter. […]

Der Hals der Giraffe ist das Symbol der Anpassung im Überlebenskampf. Über zahllose Generationen hinweg haben sich jene Tiere fortgepflanzt, die die meisten Blätter auf den Baumkronen zu fressen bekamen. […]

30 Jahre lang hat [Inge Lohmark] in der Vorpommerschen Provinz Kinder an der Schwelle der Adoleszenz unterrichtet […] Voller Pessimismus schaut sie auf den verfallenden Osten, auf die paar Übriggebliebenen, die sie noch unterrichtet, bevor die Schule dicht gemacht wird. […] Die verhärmte, aber intelligente, glasklar formulierende Inge Lohmark hat selbst im Sozialismus an ihrem darwinistischen Weltbild festgehalten, als man den Menschen zum Besseren erziehen wollte. […] Doch ihr System bekommt Risse: Ihre Unterrichtsmethoden werden gerügt. Körperlich fühlt sie sich plötzlich zu ihrer Schülerin Erika hingezogen. Das bröckelnde Überlebensprinzip legt jedoch kein Neues frei, alles ist Zerfall und Niedergang. […]

[Die Schauspieler_innen] sprechen an der Rampe, vor einer Holzwand, von der die Farbe abbröckelt. Darauf werden Schatten projiziert, von Bäumen, Vögeln, Tigern. Immer wieder tut sich dieser Zaun auf – doch von der Welt bleibt man ausgegrenzt. […]

Tiermasken werden aufgesetzt, Linn Reusse trägt als Schülerin Erika ein violettes Heidekraut über dem Kopf.
Süddeutsche Zeitung
Ulrike Borowczyk, 26.09.2019
Judith Hofmann spielt die in Verbitterung erstarrte Inge Lohmark. Nie verlegen um Bilder und Metaphern aus Fauna und Flora. [...]

Die Silhouette eines Löwen schleicht sich an, doch die Frau vor dem verwitterten Bretterzaun achtet nicht darauf. Zumal sie mit ihrer Shot Gun bestens bewaffnet ist. Nicht nur deshalb ist sofort klar: Sie macht keine Gefangenen. Nach der elisabethanischen Mode gekleidet, wirkt sie allein durch die gewaltige Halskrause streng, abweisend, herrisch. Und komplett aus der Zeit gefallen. Wie auch ihre Reden, die sie schwingt. Vordergründig geht es dabei um Biologie, schließlich ist Inge Lohmark Lehrerin in diesem Fach. Doch eigentlich zielt sie mit ihrem darwinistischen Rigorismus auf den Untergang ihrer kleinen Stadt in Vorpommern ab. Verlierer der Evolution. Wie sie selbst. […]

Die Beziehung zu ihrem Mann ist schwer unterkühlt. Doch je mehr unbewältigte Probleme auftauchen, desto stärker hält sie räsonierend an ihrer biologistischen Weltsicht fest. Unterbrochen wird die Tirade von Bernd Moss, der mal als ausgestorbene Seekuh auftaucht, mal als Fledermaus. […] Und von Linn Reusse als Tochter Claudia und mit einer lila Heidekraut-Maske als Schülerin Erika. Zu der fühlt sich die Lehrerin hingezogen. […]

Da sich aus dem Romanmaterial keine Dialoge zaubern lassen, versucht die Inszenierung anders zu fesseln und die Innenansicht visuell zu übersetzen und zu deuten. So öffnet sich der Bretterzaun nach und nach. Doch die Lehrerin nimmt die Einladung, über den Tellerrand hinweg in die Welt zu blicken, nicht an.
Judith Hofmann spielt die in Verbitterung erstarrte Inge Lohmark. Nie verlegen um Bilder und Metaphern aus Fauna und Flora. [...]

Die Silhouette eines Löwen schleicht sich an, doch die Frau vor dem verwitterten Bretterzaun achtet nicht darauf. Zumal sie mit ihrer Shot Gun bestens bewaffnet ist. Nicht nur deshalb ist sofort klar: Sie macht keine Gefangenen. Nach der elisabethanischen Mode gekleidet, wirkt sie allein durch die gewaltige Halskrause streng, abweisend, herrisch. Und komplett aus der Zeit gefallen. Wie auch ihre Reden, die sie schwingt. Vordergründig geht es dabei um Biologie, schließlich ist Inge Lohmark Lehrerin in diesem Fach. Doch eigentlich zielt sie mit ihrem darwinistischen Rigorismus auf den Untergang ihrer kleinen Stadt in Vorpommern ab. Verlierer der Evolution. Wie sie selbst. […]

Die Beziehung zu ihrem Mann ist schwer unterkühlt. Doch je mehr unbewältigte Probleme auftauchen, desto stärker hält sie räsonierend an ihrer biologistischen Weltsicht fest. Unterbrochen wird die Tirade von Bernd Moss, der mal als ausgestorbene Seekuh auftaucht, mal als Fledermaus. […] Und von Linn Reusse als Tochter Claudia und mit einer lila Heidekraut-Maske als Schülerin Erika. Zu der fühlt sich die Lehrerin hingezogen. […]

Da sich aus dem Romanmaterial keine Dialoge zaubern lassen, versucht die Inszenierung anders zu fesseln und die Innenansicht visuell zu übersetzen und zu deuten. So öffnet sich der Bretterzaun nach und nach. Doch die Lehrerin nimmt die Einladung, über den Tellerrand hinweg in die Welt zu blicken, nicht an.

Außerdem im Spielplan

Geschlossene Veranstaltung
Vorstellung fällt leider aus
Kammerspiele
17.00 - 22.00
nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf
Kammerspiele
20.00 - 22.00
Zum letzten Mal
Mit englischen Übertiteln
von Jean Racine
Deutsches Theater
20.00 - 22.00