Eine Inszenierung des Jungen DT

Hool

nach dem Roman von Philipp Winkler
Ausstattung Irina Schicketanz
Video Adrian Figueroa, Philipp Figueroa
Dramaturgie Birgit Lengers
Premiere
1. Dezember 2018, Box
Christoph Franken
Sascha Göpel
Liou Kleemann
Jeremy Mockridge
Friedrich von Schönfels
Oskar von Schönfels
Loris Sichrovsky
Caner Sunar
Christoph Franken, Sascha Göpel, Liou Kleemann, Jeremy Mockridge, Friedrich von Schönfels, Oskar von Schönfels, Loris Sichrovsky, Caner Sunar
Berliner Zeitung
Doris Meierhenrich, 03.12.2018
Präzise, energiegeladene Acht-Männer-Sprechathletik, zu der Regisseur Adrian Figueroa den Hooligan-Roman "Hool" von Philipp Winkler in der DT-Box gestaucht hat. Gestaucht im Textumfang [...]. Dafür aber ausgefaltet in der Erzählfigur Heiko und seiner Viererclique, die sich ihre Texte brüderlich teilen. Völlig in Ordnung ist das in dieser Gemeinschaft aus Hannover-96-Fans, die nicht nur zu den Hardcore-Ultras zählen, sondern zu denen, die sich vor einem Spiel mit den Fans der Gegner heimliche Ackerschlachten liefern. [...]

Ihre Gewalt nur zerstört auf Dauer natürlich mehr, als ihnen lieb ist. Deshalb lässt Figueroa sie in einem schwarz-weißen Projektionskasten agieren, über dessen Wände dauerhaft Störzeichen flackern, während für ihre heilen Kindheitsträume vier Schüler in einem bunten Kinderzimmer auftauchen, das an die Rückwand gebaut wie ein Hologramm aus dem Nichts erscheint. Toll gemacht, toll gespielt.
Präzise, energiegeladene Acht-Männer-Sprechathletik, zu der Regisseur Adrian Figueroa den Hooligan-Roman "Hool" von Philipp Winkler in der DT-Box gestaucht hat. Gestaucht im Textumfang [...]. Dafür aber ausgefaltet in der Erzählfigur Heiko und seiner Viererclique, die sich ihre Texte brüderlich teilen. Völlig in Ordnung ist das in dieser Gemeinschaft aus Hannover-96-Fans, die nicht nur zu den Hardcore-Ultras zählen, sondern zu denen, die sich vor einem Spiel mit den Fans der Gegner heimliche Ackerschlachten liefern. [...]

Ihre Gewalt nur zerstört auf Dauer natürlich mehr, als ihnen lieb ist. Deshalb lässt Figueroa sie in einem schwarz-weißen Projektionskasten agieren, über dessen Wände dauerhaft Störzeichen flackern, während für ihre heilen Kindheitsträume vier Schüler in einem bunten Kinderzimmer auftauchen, das an die Rückwand gebaut wie ein Hologramm aus dem Nichts erscheint. Toll gemacht, toll gespielt.
neues deutschland
Tom Mustroph, 07.12.2018
Man hätte nicht gedacht, dass so ein Satz mal fällt im Deutschen Theater: "Joel Seidel Fußballgott". Und was heißt schon fällt? Der wird gebrüllt, skandiert, viele Male wiederholt. Zugegeben, dieser Ruf schallt nur über die Bühne der Box, der kleinsten Spielstätte des DT, aber er kommt trotzdem etwas überraschend.
[...]
In der Box geht es [...] um die medial am häufigsten abgewatschte Seite - die Hooligan-Kultur, für die sich der Kommerzfußball stets etwas schämt.
Grundlage ist Philipp Winklers viel gelobter Roman "Hool", der 2016 bei Aufbau erschien. Winkler schildert darin überzeugend die Adrenalinschübe, die beim physischen Aufeinanderprall feindlicher Fußballfan-Horden vor oder nach dem eigentlichen Spiel ihrer Mannschaften auf irgendwelchen Lichtungen,
Industriebrachen oder aufgegebenen Gewerbegebieten durch die Blutbahnen der Kämpfer schießen.
Regisseur Adrian Figueroa wollte schon länger ein Stück zum Thema "Adrenalin" machen. Ihm hatte ein Schauspieler des Berliner Knasttheaters aufBruch, mit dem Figueroa im Gefängnis arbeitete, berichtet, dass die Adrenalinschübe bei seiner allerersten Theaterpremiere hinter Gittern vergleichbar seien mit dem Rauschzustand, in dem er sich bei seinem allerersten Banküberfall befunden hatte.
Der Rausch, der Kick, die Chemie im Körper, die Hirn und Herz in Ausnahmezustand  versetzt - das ist dann auch das zentrale Thema von "Hool". In seinem Buch beschreibt Winkler sehr präzise die Vorbereitung auf den Kampf, etwa das Einsetzen des Zahnschutzes. Beeindruckend schildert er, was dann abgeht, wenn sich die Gestalten und Gesichter der Gegner näher kommen. Wie die Lust wächst, genau da rein zu schlagen. Wie man  verschmilzt mit den anderen aus der eigenen Horde. Wie der Schmerz, den die Schläge, die man abbekommt, neuerliche Hormonausschüttungen produziert. 
[...]
Für "Hool" ließ Regisseur Figueroa einen halbtransparenten Kasten bauen. Darin wird im gleißenden Licht das Kampfgeschehen zur Projektion, zum Film, zum Bewusstseinsstrom. Das ist keine schlechte Lösung; denn die verbale Gewalt wird auf diese Art und Weise gerahmt. Sie wird verstärkt, und sie bleibt doch pur, denn sie wird nicht verwässert von soziologischen Herleitungen.
[...]
Gut funktioniert das Zusammenspiel der vier Schauspieler des Erwachsenen-Ensembles des Theaters mit den vier Kindern und Jugendlichen des Jungen DT.
Man hätte nicht gedacht, dass so ein Satz mal fällt im Deutschen Theater: "Joel Seidel Fußballgott". Und was heißt schon fällt? Der wird gebrüllt, skandiert, viele Male wiederholt. Zugegeben, dieser Ruf schallt nur über die Bühne der Box, der kleinsten Spielstätte des DT, aber er kommt trotzdem etwas überraschend.
[...]
In der Box geht es [...] um die medial am häufigsten abgewatschte Seite - die Hooligan-Kultur, für die sich der Kommerzfußball stets etwas schämt.
Grundlage ist Philipp Winklers viel gelobter Roman "Hool", der 2016 bei Aufbau erschien. Winkler schildert darin überzeugend die Adrenalinschübe, die beim physischen Aufeinanderprall feindlicher Fußballfan-Horden vor oder nach dem eigentlichen Spiel ihrer Mannschaften auf irgendwelchen Lichtungen,
Industriebrachen oder aufgegebenen Gewerbegebieten durch die Blutbahnen der Kämpfer schießen.
Regisseur Adrian Figueroa wollte schon länger ein Stück zum Thema "Adrenalin" machen. Ihm hatte ein Schauspieler des Berliner Knasttheaters aufBruch, mit dem Figueroa im Gefängnis arbeitete, berichtet, dass die Adrenalinschübe bei seiner allerersten Theaterpremiere hinter Gittern vergleichbar seien mit dem Rauschzustand, in dem er sich bei seinem allerersten Banküberfall befunden hatte.
Der Rausch, der Kick, die Chemie im Körper, die Hirn und Herz in Ausnahmezustand  versetzt - das ist dann auch das zentrale Thema von "Hool". In seinem Buch beschreibt Winkler sehr präzise die Vorbereitung auf den Kampf, etwa das Einsetzen des Zahnschutzes. Beeindruckend schildert er, was dann abgeht, wenn sich die Gestalten und Gesichter der Gegner näher kommen. Wie die Lust wächst, genau da rein zu schlagen. Wie man  verschmilzt mit den anderen aus der eigenen Horde. Wie der Schmerz, den die Schläge, die man abbekommt, neuerliche Hormonausschüttungen produziert. 
[...]
Für "Hool" ließ Regisseur Figueroa einen halbtransparenten Kasten bauen. Darin wird im gleißenden Licht das Kampfgeschehen zur Projektion, zum Film, zum Bewusstseinsstrom. Das ist keine schlechte Lösung; denn die verbale Gewalt wird auf diese Art und Weise gerahmt. Sie wird verstärkt, und sie bleibt doch pur, denn sie wird nicht verwässert von soziologischen Herleitungen.
[...]
Gut funktioniert das Zusammenspiel der vier Schauspieler des Erwachsenen-Ensembles des Theaters mit den vier Kindern und Jugendlichen des Jungen DT.
Stage and Screen
Sascha Krieger, 18.12.2018
In Adrian Figueroas Adaption ist Heiko vervierfacht. Erzählt, mal monologisch, mal den Text weiterreichend, mal dialogisch von seiner Passion, die sein Leben ist, auch weil ihm die anderen potenziellen Leben zunehmend entgleiten. [...]

Die vier Spieler (Christoph Franken, Sascha Göpel, Jeremy Mockridge, Caner Sunar) bewältigen die Rolle – und alle anderen zitierten – mit viel Energie und mancher Nuance. Sie zeichnen das zersplitterte Bild eines Getriebenen, verletzlich, kindlich, brutal, manisch, ein lebender, durchs Leben taumelnder Widerspruch. Nur selten ist seine Welt ganz hell, oft steht er in gezackten, puzzleartigen Lichtfenstern, Menschfragmente im Ausnahmezustand. Den der Abend treffend einfängt: Die vier Heikos sind dauerangespannt, stets am Rand des Berstens – was sich am eindrucksvollsten und unmittelbarsten in einer eigentlich redundant erscheinenden Szene zeigt, in der Mockridge sich durch eine Pokalauslosung improvisiert und dabei jeden Moment droht, komplett die Kontrolle über sich und seine Situation zu verlieren. Da verwandelt sich das Lachen urplötzlich in Schrecken, der dann unkomfortabel wieder weggelacht werden muss.

Heiko ist gefangen in sich, der aseptische weiße Raum, der sich immer wieder schwärzt und von Störlinien durchzogen ist, ist sein Inneres, ein weißes Blatt, das er nicht ausgemalt bekommt, sondern nur verdunkelt. Bunt ist ausschließlich die Vergangenheit. Die verbirgt sich hinter einer vermeintlichen quadratischen weißen Platte an der Rückwand, die sich als Kinderzimmer entpuppt, Ort der Jugendträume Heikos und seiner Freunde. [...]

Und so vermischen sich Gegenwart und Vergangenheit, schleichen die jugendlichen Alter Egos, dargestellt von vier jugendlichen Spielern (Liou Kleemann, Friedrich von Schönfels, Oskar von Schönfels und Loris Sichrovsky) zu ihren älteren Pendants. [...] wie Heiko einst die Fan-Kutte des Alkoholiker-Vaters begehrte, streifen die Jungen nun die Hoodies der Älteren über, ein unseliges Erbe unaufgearbeiteter Vermächtnisse. [...]

Es ist ein Verdienst des Abends, dass er trotz der etwas holzschnittartigen und klischeelastigen Handlung des Romans (zerrüttete Familienverhältnisse, die Sehnsucht dazuzugehören, Trauma durch jugendlichen Suizid, der eine, der dem Teufelskreis nicht entkommen kann) nicht den Stab bricht über seinem fragmentierten Helden, dass er ihn ernst nimmt und das Glücksgefühl, welches er in der ritualisierten Gewalt findet, zugänglich zu machen sucht. [...]
[Es] bleibt ein instensives innerliches Kammerspiel wiederstreitender Impulse, eine ganz ins Erleben und Erinnern verlagerte gescheiterte Erwachsenwerdung, die zugleich fragt, worin dieses Erwachsensein eigentlich bestünde, ein klaustrophobisches Ringen um ein unmögliches Ich, das sich nur zu finden meint, wenn es zerstört. Ein Abend, der wie das Kinderzimmer, hinter (Milch-)Glas verbleibt und doch in seinen besseren Momenten wirkt wie ein Faustschlag, der nur Zentimeter vor dem Zuschauer*innen-Gesicht gestoppt wird.
In Adrian Figueroas Adaption ist Heiko vervierfacht. Erzählt, mal monologisch, mal den Text weiterreichend, mal dialogisch von seiner Passion, die sein Leben ist, auch weil ihm die anderen potenziellen Leben zunehmend entgleiten. [...]

Die vier Spieler (Christoph Franken, Sascha Göpel, Jeremy Mockridge, Caner Sunar) bewältigen die Rolle – und alle anderen zitierten – mit viel Energie und mancher Nuance. Sie zeichnen das zersplitterte Bild eines Getriebenen, verletzlich, kindlich, brutal, manisch, ein lebender, durchs Leben taumelnder Widerspruch. Nur selten ist seine Welt ganz hell, oft steht er in gezackten, puzzleartigen Lichtfenstern, Menschfragmente im Ausnahmezustand. Den der Abend treffend einfängt: Die vier Heikos sind dauerangespannt, stets am Rand des Berstens – was sich am eindrucksvollsten und unmittelbarsten in einer eigentlich redundant erscheinenden Szene zeigt, in der Mockridge sich durch eine Pokalauslosung improvisiert und dabei jeden Moment droht, komplett die Kontrolle über sich und seine Situation zu verlieren. Da verwandelt sich das Lachen urplötzlich in Schrecken, der dann unkomfortabel wieder weggelacht werden muss.

Heiko ist gefangen in sich, der aseptische weiße Raum, der sich immer wieder schwärzt und von Störlinien durchzogen ist, ist sein Inneres, ein weißes Blatt, das er nicht ausgemalt bekommt, sondern nur verdunkelt. Bunt ist ausschließlich die Vergangenheit. Die verbirgt sich hinter einer vermeintlichen quadratischen weißen Platte an der Rückwand, die sich als Kinderzimmer entpuppt, Ort der Jugendträume Heikos und seiner Freunde. [...]

Und so vermischen sich Gegenwart und Vergangenheit, schleichen die jugendlichen Alter Egos, dargestellt von vier jugendlichen Spielern (Liou Kleemann, Friedrich von Schönfels, Oskar von Schönfels und Loris Sichrovsky) zu ihren älteren Pendants. [...] wie Heiko einst die Fan-Kutte des Alkoholiker-Vaters begehrte, streifen die Jungen nun die Hoodies der Älteren über, ein unseliges Erbe unaufgearbeiteter Vermächtnisse. [...]

Es ist ein Verdienst des Abends, dass er trotz der etwas holzschnittartigen und klischeelastigen Handlung des Romans (zerrüttete Familienverhältnisse, die Sehnsucht dazuzugehören, Trauma durch jugendlichen Suizid, der eine, der dem Teufelskreis nicht entkommen kann) nicht den Stab bricht über seinem fragmentierten Helden, dass er ihn ernst nimmt und das Glücksgefühl, welches er in der ritualisierten Gewalt findet, zugänglich zu machen sucht. [...]
[Es] bleibt ein instensives innerliches Kammerspiel wiederstreitender Impulse, eine ganz ins Erleben und Erinnern verlagerte gescheiterte Erwachsenwerdung, die zugleich fragt, worin dieses Erwachsensein eigentlich bestünde, ein klaustrophobisches Ringen um ein unmögliches Ich, das sich nur zu finden meint, wenn es zerstört. Ein Abend, der wie das Kinderzimmer, hinter (Milch-)Glas verbleibt und doch in seinen besseren Momenten wirkt wie ein Faustschlag, der nur Zentimeter vor dem Zuschauer*innen-Gesicht gestoppt wird.

Außerdem im Spielplan

Heute202122232425262728293031Januar 12345678910111213141516171819202122232425262728293031Februar 12345678910111213141516171819202122232425262728März 12345678910111213141516171819202122232425262728293031
Eine Inszenierung des Jungen DT

Draufgängerinnen

All Adventurous Women Do
Box
19.00 - 20.30
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse
Mit englischen Übertiteln
von Ingmar Bergman
Kammerspiele
19.30 - 21.00
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse