Eine Inszenierung des Jungen DT

Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren

nach dem Roman von Antonia Baum
Uraufführung am 13. März 2016
Linn ReusseRomy
Luzie PriegannRomy
Sefa AgnewRomy
Benjamin LillieClint
Paul StiehlerClint
Oskar von SchönfelsClint
Thorsten HierseJonny
Philipp DjokicJonny
Bruno LieblerJonny
Linn Reusse, Luzie Priegann, Sefa Agnew
Romy
Benjamin Lillie, Paul Stiehler, Oskar von Schönfels
Clint
Thorsten Hierse, Philipp Djokic, Bruno Liebler
Jonny
Inforadio vom RBB
Ute Büsing, 14.03.2016
"Obwohl der flotte 90-Minüter in einem Autounfall, den die drei auf Drogen und auf der Suche nach Theodor verursachen, ein Action-Zentrum hat, kommt das Meiste locker erzählt, abgeklärt lakonisch, oft komisch rüber. Zentrale Erzählfigur mit großen staunenden Augen ist Romy. Baums Figuren erinnern auf der Bühne an Wolfgang Herrndorfs 'Tschick'. Die flapsige, mit Hip Hop-Zitaten gespickte Sprache des Romans schlägt durch. Das schwere Schicksal mit Regelbesuchen vom Jugendamt und vorübergehend aufgenommenen Fremden, die dann die Polizei holt, kommt so erstaunlich leicht daher.
Die Kinder tragen die Verantwortung für den Vater mit, sie sorgen für sich selbst: klauen, kiffen, dealen. Sie sind drogenverliebt und narzistisch gestört. So sieht Wohlstandsverwahrlosung aus! Aber auf der Bühne wird wie im Roman nicht angeklagt, sondern punktgenau angerissen, wie es ist zwischen Radkappen, Stoßstangen und Tiefkühlpizza. Leidvoll - aber auch: lustvoll. Gut gemacht!"
"Obwohl der flotte 90-Minüter in einem Autounfall, den die drei auf Drogen und auf der Suche nach Theodor verursachen, ein Action-Zentrum hat, kommt das Meiste locker erzählt, abgeklärt lakonisch, oft komisch rüber. Zentrale Erzählfigur mit großen staunenden Augen ist Romy. Baums Figuren erinnern auf der Bühne an Wolfgang Herrndorfs 'Tschick'. Die flapsige, mit Hip Hop-Zitaten gespickte Sprache des Romans schlägt durch. Das schwere Schicksal mit Regelbesuchen vom Jugendamt und vorübergehend aufgenommenen Fremden, die dann die Polizei holt, kommt so erstaunlich leicht daher.
Die Kinder tragen die Verantwortung für den Vater mit, sie sorgen für sich selbst: klauen, kiffen, dealen. Sie sind drogenverliebt und narzistisch gestört. So sieht Wohlstandsverwahrlosung aus! Aber auf der Bühne wird wie im Roman nicht angeklagt, sondern punktgenau angerissen, wie es ist zwischen Radkappen, Stoßstangen und Tiefkühlpizza. Leidvoll - aber auch: lustvoll. Gut gemacht!"
Berliner Morgenpost
Alexander Gumz, 14.03.2016
"Ein Glück, ein gutes Theaterstück zu sehen. Besser noch, wenn es von jungen bis sehr jungen Menschen gespielt wird und ein sozial relevantes Thema behandelt, ohne plump belehren zu wollen.

[…] Sie (Regisseurin Anja Behrens) animiert geschickt gewählte Stellen des Romans, teilt die Figuren auf verschiedene Schauspieler und Zeitstränge auf. Das führt teils zu schnell geschnittenen Doppel-Duo-Szenen, in denen die jüngeren Darsteller die Sätze der älteren zu Ende sprechen und umgekehrt. Und das hat nichts von verstaubter Lehrstück-Ästhetik ('Guckt mal, wir machen hier Theater'), sondern den Drive guter Musikvideos.
(…)
Wie aus diesen Erzählteilen immer wieder in Szenisches gesprungen wird, wie Vater Theodor mal von Hierse, mal von Lillie gespielt wird – das sind sehr gelungene Lösungen für das Problem, wie man einen Prosatext ins Theater übersetzt. Die Hassliebe der Geschwister für ihren unmöglichen Vater wird so ins Körperliche überführt, aus dem Bericht transponiert in Darstellung, in einem grundlegenden Sinn. […] Vor allem Benjamin Lillie sorgt in seiner Theodor-Version dafür, dass diese Figur nicht wie reiner White Trash daherkommt, sondern einen lausbubenhaften Charme behält. So bleibt nachvollziehbar, dass seine Kinder ihn auch nach dem Aufdecken einer Lebenslüge nie ganz zu lieben aufhören. Nebenbei spielt Lillie auch noch die gelangweilte Frau Sellerie vom Jugendamt und eine furiose Szene mit dem jungen, sehr guten Oskar von Schönfels auf dem Arm, in der sie gemeinsam Mitschülern gegenüber zum ersten Mal einen – wenn auch frei erfundenen – Außenseiterstolz entwickeln: 'Unser Vater ist Arzt, klar? […] Wir diskutieren zu Hause die blaue Phase von Picasso, während eure Scheißeltern überhaupt nicht wissen, wer Scheißpicasso war!' Dabei verschmelzen sie fast zu einem einzigen Lebewesen. Nicht allein das erzeugt bewunderndes Gelächter. Und am Ende gibt es zu Recht viele – nicht vorhandene – Vorhänge für das tolle Ensemble. Die Wuttkes, Rois' und Eidingers dieser Stadt sollten sich warm anziehen. Der Nachwuchs ist am Start."
"Ein Glück, ein gutes Theaterstück zu sehen. Besser noch, wenn es von jungen bis sehr jungen Menschen gespielt wird und ein sozial relevantes Thema behandelt, ohne plump belehren zu wollen.

[…] Sie (Regisseurin Anja Behrens) animiert geschickt gewählte Stellen des Romans, teilt die Figuren auf verschiedene Schauspieler und Zeitstränge auf. Das führt teils zu schnell geschnittenen Doppel-Duo-Szenen, in denen die jüngeren Darsteller die Sätze der älteren zu Ende sprechen und umgekehrt. Und das hat nichts von verstaubter Lehrstück-Ästhetik ('Guckt mal, wir machen hier Theater'), sondern den Drive guter Musikvideos.
[…]
Wie aus diesen Erzählteilen immer wieder in Szenisches gesprungen wird, wie Vater Theodor mal von Hierse, mal von Lillie gespielt wird – das sind sehr gelungene Lösungen für das Problem, wie man einen Prosatext ins Theater übersetzt. Die Hassliebe der Geschwister für ihren unmöglichen Vater wird so ins Körperliche überführt, aus dem Bericht transponiert in Darstellung, in einem grundlegenden Sinn. […] Vor allem Benjamin Lillie sorgt in seiner Theodor-Version dafür, dass diese Figur nicht wie reiner White Trash daherkommt, sondern einen lausbubenhaften Charme behält. So bleibt nachvollziehbar, dass seine Kinder ihn auch nach dem Aufdecken einer Lebenslüge nie ganz zu lieben aufhören. Nebenbei spielt Lillie auch noch die gelangweilte Frau Sellerie vom Jugendamt und eine furiose Szene mit dem jungen, sehr guten Oskar von Schönfels auf dem Arm, in der sie gemeinsam Mitschülern gegenüber zum ersten Mal einen – wenn auch frei erfundenen – Außenseiterstolz entwickeln: 'Unser Vater ist Arzt, klar? […] Wir diskutieren zu Hause die blaue Phase von Picasso, während eure Scheißeltern überhaupt nicht wissen, wer Scheißpicasso war!' Dabei verschmelzen sie fast zu einem einzigen Lebewesen. Nicht allein das erzeugt bewunderndes Gelächter. Und am Ende gibt es zu Recht viele – nicht vorhandene – Vorhänge für das tolle Ensemble. Die Wuttkes, Rois' und Eidingers dieser Stadt sollten sich warm anziehen. Der Nachwuchs ist am Start."
Kulturradio vom rbb
Oliver Kranz, 16.03.2016
[...]
Und wie kommt dieser Roman jetzt hier im Deutschen Theater auf die kleine Bühne?

Oliver Kranz: Das Inszenierungsteam hat den Text eingekürzt. Ich finde diese Adaption sehr gut. Also ich finde es schade, dass im Programmheft nicht steht, wer die geschrieben hat. Wahrscheinlich war es Teamwork. Der Roman hat 400 Seiten, das Stück knapp über 40… also es ist sehr stark eingegriffen worden aber es ist alles drin. Vor allen Dingen, die zwei Erzählebenen… Das Buch schildert den 25. Geburtstag von Romy und ihrem Bruder Clint, also da sind die beiden schon erwachsen. Und dann gibt es einen zweiten Erzählstrang, wo Ereignisse aus der Kindheit erzählt werden. Man erfährt wie die drei Geschwister sich in der Schule geprügelt haben,  wie sie das Jugendamt abblitzen lassen, wie sie mit Drogen dealen, immer bestrebt, ihren Vater zu gefallen… doch der kommt dann wie gesagt nicht zum 25. Geburtstag und die Kinder machen sich Sorgen. Sie machen sich dann auf die Suche nach ihm und verunglücken mit dem Auto. Nun sind im Theater weder das Haus zu sehen noch das Auto, die Inszenierung setzt überhaupt nicht auf Realismus sondern es ist schon sehr narrativ, also es gibt Erzählerfiguren in einem symbolischen Raum, der Boden ist verspiegelt, von der Decke hängt ein riesiger Klumpen zusammengepresster Autoteile, das ist der Schrottplatz, auf den die Kinder immer mitgenommen wurden vom Vater… Und dieser Klumpen, der schwebt über ihren Köpfen wie so ein Damoklesschwert.

[...]

Also Laien und Profis gleichzeitig auf der Bühne… aber spielen die Profis die Laien hier nicht an die Wand? Fehlen den Laien nicht die Mittel?

Oliver Kranz: Das hat die Regisseurin Anja Behrens sehr geschickt gelöst indem sie den Akteuren einfach verschiedene Aufgaben gegeben hat. Also die Profischauspieler, die müssen die Vielschichtigkeit der Figuren herausarbeiten – also die Wut und die Angst, die unter der Coolness liegen –und die Laien, die stellen konkrete Gefühle dar. Also zum Beispiel dieses 8jährige Mädchen Romy, auf der Bühne sehr niedliches Mädchen mit langen schwarzen Haaren und dunklen Augen… und auf einmal, wenn so eine harmonische Familienszene zu Ende geht, stößt sie einen markerschütternden Schrei aus. Und da ist eine Emotion sofort greifbar und da fragt man sich nicht, hat die das jetzt gut gespielt oder schlecht sondern da ist sofort was da.
[...]
Und wie kommt dieser Roman jetzt hier im Deutschen Theater auf die kleine Bühne?

Oliver Kranz: Das Inszenierungsteam hat den Text eingekürzt. Ich finde diese Adaption sehr gut. Also ich finde es schade, dass im Programmheft nicht steht, wer die geschrieben hat. Wahrscheinlich war es Teamwork. Der Roman hat 400 Seiten, das Stück knapp über 40… also es ist sehr stark eingegriffen worden aber es ist alles drin. Vor allen Dingen, die zwei Erzählebenen… Das Buch schildert den 25. Geburtstag von Romy und ihrem Bruder Clint, also da sind die beiden schon erwachsen. Und dann gibt es einen zweiten Erzählstrang, wo Ereignisse aus der Kindheit erzählt werden. Man erfährt wie die drei Geschwister sich in der Schule geprügelt haben,  wie sie das Jugendamt abblitzen lassen, wie sie mit Drogen dealen, immer bestrebt, ihren Vater zu gefallen… doch der kommt dann wie gesagt nicht zum 25. Geburtstag und die Kinder machen sich Sorgen. Sie machen sich dann auf die Suche nach ihm und verunglücken mit dem Auto. Nun sind im Theater weder das Haus zu sehen noch das Auto, die Inszenierung setzt überhaupt nicht auf Realismus sondern es ist schon sehr narrativ, also es gibt Erzählerfiguren in einem symbolischen Raum, der Boden ist verspiegelt, von der Decke hängt ein riesiger Klumpen zusammengepresster Autoteile, das ist der Schrottplatz, auf den die Kinder immer mitgenommen wurden vom Vater… Und dieser Klumpen, der schwebt über ihren Köpfen wie so ein Damoklesschwert.

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Also Laien und Profis gleichzeitig auf der Bühne… aber spielen die Profis die Laien hier nicht an die Wand? Fehlen den Laien nicht die Mittel?

Oliver Kranz: Das hat die Regisseurin Anja Behrens sehr geschickt gelöst indem sie den Akteuren einfach verschiedene Aufgaben gegeben hat. Also die Profischauspieler, die müssen die Vielschichtigkeit der Figuren herausarbeiten – also die Wut und die Angst, die unter der Coolness liegen –und die Laien, die stellen konkrete Gefühle dar. Also zum Beispiel dieses 8jährige Mädchen Romy, auf der Bühne sehr niedliches Mädchen mit langen schwarzen Haaren und dunklen Augen… und auf einmal, wenn so eine harmonische Familienszene zu Ende geht, stößt sie einen markerschütternden Schrei aus. Und da ist eine Emotion sofort greifbar und da fragt man sich nicht, hat die das jetzt gut gespielt oder schlecht sondern da ist sofort was da.
Das Kulturblog
Konrad Kögler, 02.05.2016
Diese Familie ist ein Fall fürs Jugendamt: Romy, Clint und Jonny haben das Pech, dass Verantwortung für ihren Erzeuger Theodor ein Fremdwort ist. „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“ erzählt davon, wie sich die drei Geschwister dennoch durchs Leben schlagen.

Die Produktion in der Box des Deutschen Theaters ist vor allem für ein junges Zielpublikum sehr gut geeignet: mit lakonischem Humor erzählt der Abend von sozialer Verwahrlosung, selbstbewussten Jugendlichen und Katastrophen-Eltern.
Diese Familie ist ein Fall fürs Jugendamt: Romy, Clint und Jonny haben das Pech, dass Verantwortung für ihren Erzeuger Theodor ein Fremdwort ist. „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“ erzählt davon, wie sich die drei Geschwister dennoch durchs Leben schlagen.

Die Produktion in der Box des Deutschen Theaters ist vor allem für ein junges Zielpublikum sehr gut geeignet: mit lakonischem Humor erzählt der Abend von sozialer Verwahrlosung, selbstbewussten Jugendlichen und Katastrophen-Eltern.

Außerdem im Spielplan

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