Stephan Kimmig

Foto: Arno Declair
Berliner Zeitung
Dirk Pilz, 19.12.2016
Williams wollte sein 1945 uraufgeführtes Stück "in der Sphäre der Erinnerung" gespielt sehen, man könne es so "unabhängig von aller Theaterkonvention" gestalten. Das nimmt Kimmig wörtlich: Er lässt seinen Schauspielern freie Improvisationshand, und sie nehmen das zum Anlass, sich von ihren Figuren überraschen zu lassen. Linn Reusse hat für ihre Laura zwei Hühner und viele Schallplatten; sie tanzt, sie spricht stumm mit sich selbst, schaut dem Huhn ins Auge, sitzt an der Nähmaschine in diesem fensterlosen, grau-grünen Wohnkeller – immer auf der Kante zwischen entrückt und verschroben. Marcel Kohler lässt seinen Tom dampfen, hüpfen, auch schreien, aber stets so, als wisse dieser Tom selbst am wenigsten, was er da tut. Und Anja Schneider stürzt sich zwar kopfüber in ihre Rolle, nie jedoch, ohne sich dabei über die Schulter zu schauen. Es sind diese schmalen Selbstdistanzen, die dem Abend seine Fallhöhe, seine Dramatik verleihen. Williams wollte sein 1945 uraufgeführtes Stück "in der Sphäre der Erinnerung" gespielt sehen, man könne es so "unabhängig von aller Theaterkonvention" gestalten. Das nimmt Kimmig wörtlich: Er lässt seinen Schauspielern freie Improvisationshand, und sie nehmen das zum Anlass, sich von ihren Figuren überraschen zu lassen. Linn Reusse hat für ihre Laura zwei Hühner und viele Schallplatten; sie tanzt, sie spricht stumm mit sich selbst, schaut dem Huhn ins Auge, sitzt an der Nähmaschine in diesem fensterlosen, grau-grünen Wohnkeller – immer auf der Kante zwischen entrückt und verschroben. Marcel Kohler lässt seinen Tom dampfen, hüpfen, auch schreien, aber stets so, als wisse dieser Tom selbst am wenigsten, was er da tut. Und Anja Schneider stürzt sich zwar kopfüber in ihre Rolle, nie jedoch, ohne sich dabei über die Schulter zu schauen. Es sind diese schmalen Selbstdistanzen, die dem Abend seine Fallhöhe, seine Dramatik verleihen.
Deutschlandradio Kultur
André Mumot, 19.12.2016
Die vier Schauspieler dieses Abends sind phänomenal in ihrem Zusammenspiel der Liebes- und der Hassgesten, der Berührungen, Abstoßungen, des völlig unverkrampften Miteinanders. Anja Schneider (als wurschtig verzweifelte, sehr junge, sehr erotisch aufgeladene Mutter) kämpft atemlos, zitternd, ungläubig um die Zukunft ihrer Familie, während Linn Reuse heimliche Tänze zu tränentreibenden Glanznummern macht, ohne je in triefiges Selbstmitleid abzusinken. Marcel Kohler schließlich macht die Frustration des Sohnes, der immer kurz vorm Aufbruch steht, zu einem vulkanischen Wut- und Liebesbeben von nie nachlassender Intensität. Die vier Schauspieler dieses Abends sind phänomenal in ihrem Zusammenspiel der Liebes- und der Hassgesten, der Berührungen, Abstoßungen, des völlig unverkrampften Miteinanders. Anja Schneider (als wurschtig verzweifelte, sehr junge, sehr erotisch aufgeladene Mutter) kämpft atemlos, zitternd, ungläubig um die Zukunft ihrer Familie, während Linn Reuse heimliche Tänze zu tränentreibenden Glanznummern macht, ohne je in triefiges Selbstmitleid abzusinken. Marcel Kohler schließlich macht die Frustration des Sohnes, der immer kurz vorm Aufbruch steht, zu einem vulkanischen Wut- und Liebesbeben von nie nachlassender Intensität.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Simon Strauss, 19.12.2016
Wenn so gespielt wird, wenn solche Funken schlagen, lohnt sich kein Seitenblick: Dann will man schauen, immer nur zuschauen, wie die Bühne zur Welt wird. Wie aus wenigen Worten große Träume werden und aus leeren Blicken Verurteilungen. Lass die anderen sich auf dem Heimweg versichern, heute sehe die Wirklichkeit ganz anders aus, sei viel zu kompliziert, als dass man sie noch in kleinen Glastierchen spiegeln könne. Sollen sie doch sagen, die Metaphern seien ihnen zu weich, die Sätze zu einfach - sie haben nichts verstanden. Denn um Wirklichkeit in einem empirischen Sinn ging es hier gerade nicht: Das Stück spiele in der Erinnerung, sei "sentimental, nicht realistisch", hatte Tom, der Erzähler, zu Beginn gesagt. Und damit das Publikum aufgefordert: Stellt eure inneren Uhren, euren Herzschlag auf einen anderen, feinfühligeren Rhythmus ein!
[...]
Was man an diesem Abend zu sehen bekommt, ist ein wahres Schauspielfest, bei dem die vier Darsteller alles zeigen können, was in ihnen steckt: Der Slapstick ist unterhaltsam, die Pointen sitzen, das Gefühl der Rührung setzt im richtigen Moment ein –was man sonst vor allem aus dem Kino kennt,das sinnübertragende, gefühlsanstiftende Spiel, hier findet es einmal wieder an seinem ursprünglichen Ort statt. Warum? Weil der Regisseur den Mut besitzt, die Zartheit des Stücks zart zu lassen und - die Traurigkeit traurig.
Wenn so gespielt wird, wenn solche Funken schlagen, lohnt sich kein Seitenblick: Dann will man schauen, immer nur zuschauen, wie die Bühne zur Welt wird. Wie aus wenigen Worten große Träume werden und aus leeren Blicken Verurteilungen. Lass die anderen sich auf dem Heimweg versichern, heute sehe die Wirklichkeit ganz anders aus, sei viel zu kompliziert, als dass man sie noch in kleinen Glastierchen spiegeln könne. Sollen sie doch sagen, die Metaphern seien ihnen zu weich, die Sätze zu einfach - sie haben nichts verstanden. Denn um Wirklichkeit in einem empirischen Sinn ging es hier gerade nicht: Das Stück spiele in der Erinnerung, sei "sentimental, nicht realistisch", hatte Tom, der Erzähler, zu Beginn gesagt. Und damit das Publikum aufgefordert: Stellt eure inneren Uhren, euren Herzschlag auf einen anderen, feinfühligeren Rhythmus ein!
[...]
Was man an diesem Abend zu sehen bekommt, ist ein wahres Schauspielfest, bei dem die vier Darsteller alles zeigen können, was in ihnen steckt: Der Slapstick ist unterhaltsam, die Pointen sitzen, das Gefühl der Rührung setzt im richtigen Moment ein –was man sonst vor allem aus dem Kino kennt,das sinnübertragende, gefühlsanstiftende Spiel, hier findet es einmal wieder an seinem ursprünglichen Ort statt. Warum? Weil der Regisseur den Mut besitzt, die Zartheit des Stücks zart zu lassen und - die Traurigkeit traurig.
Berliner Morgenpost
Elisa von Hof, 18.12.2016
In Kimmigs poetischer Inszenierung - Regen fällt und es gibt Kerzenschein, kalte Sonnenstrahlen und natürlich Musik, die Kimmig so gern zum Kitten zwischen Innen- und Außenwelt klebt - da fruchtet der "American Dream" nicht. Der ist irgendwie kaputtgegangen. Wie bei so vielen heute, wo Paralleluniversen immer einen Klick entfernt und Rückzüge in die eigene Behaglichkeitszone so einfach sind. Kimmig legt den Finger darauf. Das "höher, schneller, besser" unserer Gesellschaft, in der jeder selbst dafür verantwortlich ist, ob er die holzwurmzerfressende Karriereleiter erklimmt oder herunterrasselt, das stellt er infrage. Eine Lösung präsentiert er nicht. In Kimmigs poetischer Inszenierung - Regen fällt und es gibt Kerzenschein, kalte Sonnenstrahlen und natürlich Musik, die Kimmig so gern zum Kitten zwischen Innen- und Außenwelt klebt - da fruchtet der "American Dream" nicht. Der ist irgendwie kaputtgegangen. Wie bei so vielen heute, wo Paralleluniversen immer einen Klick entfernt und Rückzüge in die eigene Behaglichkeitszone so einfach sind. Kimmig legt den Finger darauf. Das "höher, schneller, besser" unserer Gesellschaft, in der jeder selbst dafür verantwortlich ist, ob er die holzwurmzerfressende Karriereleiter erklimmt oder herunterrasselt, das stellt er infrage. Eine Lösung präsentiert er nicht.