Eine Inszenierung des Jungen DT

Klassenbuch

nach dem Roman von John von Düffel
Kostüme Christl Wein
Licht Kristina Jedelsky
Maske Andreas Müller
Uraufführung
12. Februar 2018, Kammerspiele
Jannika HinzAnnika
Tara Helena WeissBea
Franz JährlingCem
Noemi ClercEmily
Noah TinwaErik
Emil KollmannHenk
Bjarne MeiselLenny
Alexander DamLi
Paul StiehlerMalte
Linda HügelNina
Pepe RöpnackStanko
Cedric EichTarek
Lina BookhagenVanessa
Jannika Hinz
Annika
Tara Helena Weiss
Bea
Franz Jährling
Cem
Noemi Clerc
Emily
Noah Tinwa
Erik
Emil Kollmann
Henk
Bjarne Meisel
Lenny
Alexander Dam
Li
Paul Stiehler
Malte
Linda Hügel
Nina
Pepe Röpnack
Stanko
Cedric Eich
Tarek
Lina Bookhagen
Vanessa
Inforadio vom rbb
Ute Büsing, 13.02.2018
Ganz schön vertrackt ist schon die Roman-Vorlage - eine düstere Hommage an den wackeligen Zwischenzustand der Jugend. Metaphorisch und leitmotivisch verkörpert von der Grille, die nur ihr Ding durchzieht und der pflichtbewussten Ameise.

13 Jugendliche kämpfen mit allen Mitteln, vor allem digitalen, um ihre Identität. Gemeinsam sind sie nur im Klassenzimmer, sonst erleidet jeder für sich allein die digitale Adoleszenz. Mit hohem Tempo hauen die Spieler des jungen DT die überwiegend beklemmenden Monologe heraus, schlüpfen in die Rollen von Schulschwänzern und Mobbing-Opfern, Computernerds und Opernaspiranten, Magersüchtigen und Suizidgefährdeten. 

Auf einem weißen, mit Live-Videos und Computer-Amimationen bespielten Podest stellen sie gnadenlos gut zur Schau, wie fremd sich Jugendliche und Eltern geworden sind, wie schwer es fällt, sich im Overkill-Angebot sexueller Identitäten zurechtzufinden - notfalls eben, wie hier als Elf - und wie sehr die Nutzung neuester Medien bis hin zur Drohne den Umgang im Alltag überschreibt[...]

Ganz zum Schluss wird ihr [der Lehrerin] eine fulminante virtuelle Befeuerung zur künstlichen Intelligenz beschert. Aber es gibt auch eine Club-Szene mit tollem Groove, eine lustige Abrechnung mit schlechtem Schul-Catering, eine Erinnerung an den Bürgerkrieg in Mostar. Der Tod in allen Spielarten ist extrem präsent in Kristo Sagors beklemmender Inszenierung. Aber so wie beim jungen DT muss ein Klassenbuch 2018 wohl aussehen: dringlich, fragmentiert und verstörend.
Ganz schön vertrackt ist schon die Roman-Vorlage - eine düstere Hommage an den wackeligen Zwischenzustand der Jugend. Metaphorisch und leitmotivisch verkörpert von der Grille, die nur ihr Ding durchzieht und der pflichtbewussten Ameise.

13 Jugendliche kämpfen mit allen Mitteln, vor allem digitalen, um ihre Identität. Gemeinsam sind sie nur im Klassenzimmer, sonst erleidet jeder für sich allein die digitale Adoleszenz. Mit hohem Tempo hauen die Spieler des jungen DT die überwiegend beklemmenden Monologe heraus, schlüpfen in die Rollen von Schulschwänzern und Mobbing-Opfern, Computernerds und Opernaspiranten, Magersüchtigen und Suizidgefährdeten. 

Auf einem weißen, mit Live-Videos und Computer-Amimationen bespielten Podest stellen sie gnadenlos gut zur Schau, wie fremd sich Jugendliche und Eltern geworden sind, wie schwer es fällt, sich im Overkill-Angebot sexueller Identitäten zurechtzufinden - notfalls eben, wie hier als Elf - und wie sehr die Nutzung neuester Medien bis hin zur Drohne den Umgang im Alltag überschreibt[...]

Ganz zum Schluss wird ihr [der Lehrerin] eine fulminante virtuelle Befeuerung zur künstlichen Intelligenz beschert. Aber es gibt auch eine Club-Szene mit tollem Groove, eine lustige Abrechnung mit schlechtem Schul-Catering, eine Erinnerung an den Bürgerkrieg in Mostar. Der Tod in allen Spielarten ist extrem präsent in Kristo Sagors beklemmender Inszenierung. Aber so wie beim jungen DT muss ein Klassenbuch 2018 wohl aussehen: dringlich, fragmentiert und verstörend.
Stage and Screen
Sascha Krieger, 13.02.2018
Erwachsenwerden in Zeiten von Big Data – wie kann das aussehen, wenn alles Überforderung und Zuviel ist? [...]

Regisseur Kristo Šagor dreht diese Schraube noch ein gehöriges Stück weiter. Die Protagonist*innen werden zu Hashtags, performen, aufgerufen von einer computerisierten Off-Stimme, als teils fremdbestimmte Avatare. Verzweifelt versuchen sie so etwas wie ihr Selbst zu finden – oder es zu verstecken, wie Vanessa, die im Netz Nina heißt und mittels Drohne Körperbilder anfertigt und veröffentlicht, die dem gesellschaftlich sanktionierten Schönheitsideal eher zu entsprechen scheinen als ihr realer Körper (verkörpert von zwei Darstellerinnen: Lina Bookhagen als Vanessa und Linda Hügel als Nina). Jeder hat sein Trauma zu tragen: Erik (Noah Tinwa) lässt sich von der Vielzahl sexueller Identitätsangebote überfordern, Annika (Jannika Hinz)  und ihr kleiner Bruder Malte (Paul Stiehler) leiden unter kalten, Bea (Tara Helena Weiss)  unter viel zu nachgiebigen Eltern, Lenny (Bjarne Meisel) findet das Digitale als Raum, in dem er Leben, wenn auch nicht das eigene, kontrollieren kann, Li (Alexander Dam) und Henk (Emil Kollmann) suchen diese auf unterschiedliche Weise in der Musik, der bosnischstämmige Stanko (Pepe Röpnack) in der Familiengeschichte.

Die Reaktionen sind drastisch: Bea schwankt zwischen Suizid und Promiskuität, die aktivistische Emily (Noemi Clerc) erleidet einen Burnout, Erik identifiziert sich als Elf, Lenny manipuliert seine Mitschüler, Stanko flieht zunächst in sich selbst und dann in die vermeintliche Heimat, Erik lässt sich zusammenschlagen. Alles Reaktionen auf Rollenzuweisungen und -vorgaben, auf das Erwartete, das reflexartig weggeschlagen wird. [...]

Je länger der Abend läuft, desto mehr überlagern sich die Realitäts- und Wahrnehmungsebenen, desto unklarer wird, in wessen Bewusstseinsschleife man ist, wessen Wirklichkeit gerade erlebt wird. Dies zieht der Abend mit höchster Konsequenz durch – bis zur Kakophonie der Perspektiven, zum Ineinanderfallen der Wirklichkeiten, wenn real und „fake“ nicht mehr zu unterscheiden sind. [...]
 
Klassenbuch ist ein starker, hochkomplexer und verunsichernder Abend, der die Möglichkeit, in unserer zeit im traditionellen Sinn jung zu sein, in Frage stellt. 
Erwachsenwerden in Zeiten von Big Data – wie kann das aussehen, wenn alles Überforderung und Zuviel ist? [...]

Regisseur Kristo Šagor dreht diese Schraube noch ein gehöriges Stück weiter. Die Protagonist*innen werden zu Hashtags, performen, aufgerufen von einer computerisierten Off-Stimme, als teils fremdbestimmte Avatare. Verzweifelt versuchen sie so etwas wie ihr Selbst zu finden – oder es zu verstecken, wie Vanessa, die im Netz Nina heißt und mittels Drohne Körperbilder anfertigt und veröffentlicht, die dem gesellschaftlich sanktionierten Schönheitsideal eher zu entsprechen scheinen als ihr realer Körper (verkörpert von zwei Darstellerinnen: Lina Bookhagen als Vanessa und Linda Hügel als Nina). Jeder hat sein Trauma zu tragen: Erik (Noah Tinwa) lässt sich von der Vielzahl sexueller Identitätsangebote überfordern, Annika (Jannika Hinz)  und ihr kleiner Bruder Malte (Paul Stiehler) leiden unter kalten, Bea (Tara Helena Weiss)  unter viel zu nachgiebigen Eltern, Lenny (Bjarne Meisel) findet das Digitale als Raum, in dem er Leben, wenn auch nicht das eigene, kontrollieren kann, Li (Alexander Dam) und Henk (Emil Kollmann) suchen diese auf unterschiedliche Weise in der Musik, der bosnischstämmige Stanko (Pepe Röpnack) in der Familiengeschichte.

Die Reaktionen sind drastisch: Bea schwankt zwischen Suizid und Promiskuität, die aktivistische Emily (Noemi Clerc) erleidet einen Burnout, Erik identifiziert sich als Elf, Lenny manipuliert seine Mitschüler, Stanko flieht zunächst in sich selbst und dann in die vermeintliche Heimat, Erik lässt sich zusammenschlagen. Alles Reaktionen auf Rollenzuweisungen und -vorgaben, auf das Erwartete, das reflexartig weggeschlagen wird. [...]

Je länger der Abend läuft, desto mehr überlagern sich die Realitäts- und Wahrnehmungsebenen, desto unklarer wird, in wessen Bewusstseinsschleife man ist, wessen Wirklichkeit gerade erlebt wird. Dies zieht der Abend mit höchster Konsequenz durch – bis zur Kakophonie der Perspektiven, zum Ineinanderfallen der Wirklichkeiten, wenn real und „fake“ nicht mehr zu unterscheiden sind. [...]
 
Klassenbuch ist ein starker, hochkomplexer und verunsichernder Abend, der die Möglichkeit, in unserer zeit im traditionellen Sinn jung zu sein, in Frage stellt. 
Frankfurter Rundschau
Dirk Pilz, 14.02.2018
Die Grundstruktur des Romans hat Kristo Šagor in seiner mit dem Jungen Deutschen Theater von ihm uraufgeführten Fassung erhalten. Auftritt in der Folge des Alphabets, mal eher lose, mal festere Verknüpfungen der Erzähllinien. Aber wie sich jede einzelne Figur hier das Überfordertsein zu eigen macht! Wie keine auf ihre Privatheit reduziert wird, wie sie zwar sehr verschiedene Sorgen, aber eine gemeinsame Not haben, nämlich nicht zu wissen, wie diesen ihren Sorgen einen Ausdruck zu geben ist und wie sie für diese keine Adressen finden. Kristo Šagor hat ein erstaunliches Ensemble (Tara Helena Weiss!, merken), das ganz auf die Ambivalenzen des Spiels vertraut.

Die Bühne von Anne Ehrlich und Janja Valjarević ist eine weiße, leicht abschüssige Fläche. Laufsteg und Podium zugleich. Die Übergänge vom Selbstmordversuch zum Gruppensex, von der Verzweiflung zur Euphorie sind damit fließend: das eine spiegelt sich im anderen. Das ergibt ein schön komplexes, dichtes Geflecht. Videos, Piktogramme, chorisches Sprechen, Gesang, Schweigen: dankenswerterweise verzichtet der Abend auf botschaftshafte Eindeutigkeit.
Die Grundstruktur des Romans hat Kristo Šagor in seiner mit dem Jungen Deutschen Theater von ihm uraufgeführten Fassung erhalten. Auftritt in der Folge des Alphabets, mal eher lose, mal festere Verknüpfungen der Erzähllinien. Aber wie sich jede einzelne Figur hier das Überfordertsein zu eigen macht! Wie keine auf ihre Privatheit reduziert wird, wie sie zwar sehr verschiedene Sorgen, aber eine gemeinsame Not haben, nämlich nicht zu wissen, wie diesen ihren Sorgen einen Ausdruck zu geben ist und wie sie für diese keine Adressen finden. Kristo Šagor hat ein erstaunliches Ensemble (Tara Helena Weiss!, merken), das ganz auf die Ambivalenzen des Spiels vertraut.

Die Bühne von Anne Ehrlich und Janja Valjarević ist eine weiße, leicht abschüssige Fläche. Laufsteg und Podium zugleich. Die Übergänge vom Selbstmordversuch zum Gruppensex, von der Verzweiflung zur Euphorie sind damit fließend: das eine spiegelt sich im anderen. Das ergibt ein schön komplexes, dichtes Geflecht. Videos, Piktogramme, chorisches Sprechen, Gesang, Schweigen: dankenswerterweise verzichtet der Abend auf botschaftshafte Eindeutigkeit.
taz
Julika Bickel, 14.02.2018
Der Autor John von Düffel zeigt die jungen Charaktere jeweils in ihrer eigenen Realität und erzählt seinen Roman "Klassenbuch" daher aus vielen verschiedenen Perspektiven. Die Jugendlichen leben für sich, parallel und um sich selbst kreisend in isolierten Kosmen. An den Kammerspielen im Deutschen Theater wurde am Montag eine Adaption des Romans uraufgeführt. [...]

Die jungen Schauspieler*innen steigen von hinten aus einem Graben über eine Treppe auf die leicht nach vorn geneigte, weiße leere Bühne. Doch je mehr die Figuren erzählen, desto tiefer dringt man in die Psychee der jungen Erwachsenen ein, in ihren Schmerz, ihre Zweifel und ihre Angst, sich selbst nicht finden zu können. Šagor lässt vereinzelt Dialoge entstehen und gibt den Jugendlichen durch Sprechchor-Sequenzen eine gemeinsame Stimme. So unterschiedlich sie sind, vereint sie doch ihre Suche nach ihrer Identität und die Einsamkeit, die sie dabei verspüren.
Der Autor John von Düffel zeigt die jungen Charaktere jeweils in ihrer eigenen Realität und erzählt seinen Roman "Klassenbuch" daher aus vielen verschiedenen Perspektiven. Die Jugendlichen leben für sich, parallel und um sich selbst kreisend in isolierten Kosmen. An den Kammerspielen im Deutschen Theater wurde am Montag eine Adaption des Romans uraufgeführt. [...]

Die jungen Schauspieler*innen steigen von hinten aus einem Graben über eine Treppe auf die leicht nach vorn geneigte, weiße leere Bühne. Doch je mehr die Figuren erzählen, desto tiefer dringt man in die Psychee der jungen Erwachsenen ein, in ihren Schmerz, ihre Zweifel und ihre Angst, sich selbst nicht finden zu können. Šagor lässt vereinzelt Dialoge entstehen und gibt den Jugendlichen durch Sprechchor-Sequenzen eine gemeinsame Stimme. So unterschiedlich sie sind, vereint sie doch ihre Suche nach ihrer Identität und die Einsamkeit, die sie dabei verspüren.
theater:pur
Eva Britsch, 20.02.2018
Heute hingegen scheint alles möglich: Jugendliche können mit einem Klick Wissen organisieren, sind von klein auf mit Schönheitsidealen konfrontiert, Eltern pushen den Nachwuchs gerne zu Höchstleistungen, und der Druck der Wirtschaftswelt macht auch vor den Schultoren nicht halt. Das Ergebnis daraus sind vielschichtige, teils gebrochene Charaktere. Im Klassenbuch heißen sie Annika: Jannika Hinz, Bea: Tara Helena Weiss, Cem: Franz Jährling, Emily: Noemi Clerc, Erik: Noah Tinwa, Henk: Emil Kollmann, Lenny: Bjarne Meisel, Li: Alexander Dam, Malte: Paul Stiehler, Nina: Linda Hügel, Stanko: Pepe Röpnack, Vanessa: Lina Bookhagen, Tarek: Cedrik Eich. Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler dieser Inszenierung (mit viel Gespür für eine Atmosphäre der inneren Zerrissenheit und skurrilen Situationen führt Kristo Sagor Regie) bringen die Tonalität einer irrenden Jugend auf den Punkt. [...]

Dennoch wecken die Charaktere Sympathien, und der Gedanke bleibt, wie sich unsere Gesellschaft weiterentwickelt: Denn die Jugend ist ja bekanntlich unsere Zukunft. John von Düffel hat ein relevantes Thema identifiziert.
Heute hingegen scheint alles möglich: Jugendliche können mit einem Klick Wissen organisieren, sind von klein auf mit Schönheitsidealen konfrontiert, Eltern pushen den Nachwuchs gerne zu Höchstleistungen, und der Druck der Wirtschaftswelt macht auch vor den Schultoren nicht halt. Das Ergebnis daraus sind vielschichtige, teils gebrochene Charaktere. Im Klassenbuch heißen sie Annika: Jannika Hinz, Bea: Tara Helena Weiss, Cem: Franz Jährling, Emily: Noemi Clerc, Erik: Noah Tinwa, Henk: Emil Kollmann, Lenny: Bjarne Meisel, Li: Alexander Dam, Malte: Paul Stiehler, Nina: Linda Hügel, Stanko: Pepe Röpnack, Vanessa: Lina Bookhagen, Tarek: Cedrik Eich. Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler dieser Inszenierung (mit viel Gespür für eine Atmosphäre der inneren Zerrissenheit und skurrilen Situationen führt Kristo Sagor Regie) bringen die Tonalität einer irrenden Jugend auf den Punkt. [...]

Dennoch wecken die Charaktere Sympathien, und der Gedanke bleibt, wie sich unsere Gesellschaft weiterentwickelt: Denn die Jugend ist ja bekanntlich unsere Zukunft. John von Düffel hat ein relevantes Thema identifiziert.

Außerdem im Spielplan

Mit englischen Übertiteln
nach Thomas Bernhard
Inszenierung: Thom Luz
Kammerspiele
19.30 - 20.45

Fußballsalon: Football Leaks, oder: Wie kriminell ist der Fußball?

mit Christoph Biermann (11 FREUNDE) und Rafael Buschmann (Der Spiegel)
Bar
21.00