Kuffar. Die Gottesleugner

von Nuran David Calis
Kostüme Amélie von Bülow, Carina von Bülow-Conradi
Video Adrian Figueroa
Dramaturgie Claus Caesar
Uraufführung am 11. Dezember 2016, Kammerspiele
Harald BaumgartnerIsmet, älter
İsmail DenizIsmet, jünger
Christoph FrankenHakan (Abu Ibrahim)
Vidina PopovAyse, jünger
Almut ZilcherAyse, älter
Ismet, älter
Ismet, jünger
Hakan (Abu Ibrahim)
Ayse, jünger
Ayse, älter
Stage and Screen
Sascha Krieger, 12.12.2016
Nuran David Calis' Kuffar. Die Gottesleugner fragt nach dem Sinn, den wir unserem Leben geben, nach dem Preis, den wir zahlen - und nach der Religion. Hakan, der Sohn, sucht in ihr Halt, die Eltern verwerfen sie als Instrument der Unterdrückung. Haltlos bleiben beide Seiten. Und verloren. Der Abend erzählt von der Logik der Radikalisierung, deutet an, wie auch vermeintlich gut "Integrierte" zu Gotteskriegern werden können, er spricht vom Konflikt der Generationen, die zueinander nicht finden, weil ihnen die Welt der anderen, weil ihnen deren Kämpfe so fremd erscheinen. Er bringt die Welt der Eltern so nah wie die des Sohnes. Ausnahmezustände beide, Entscheidungen, die in Sackgassen führen auch. Umso tragischer die Trennung, die Anne Ehrlichs Bühne symbolisiert, die Unmöglichkeit des Zusammenkommens. Schwarz (Eltern) und Weiß (Sohn leben Lichtjahre entfernt und doch auf engstem Raum. Wie lässt sich das lösen, wer sitzt am Hebel? Die Stärke von Calis' Stück und seiner Uraufführungsinszenierung ist, dass er nicht wertet, dass er Antworten verweigert, dass er erklärt, aber nicht behauptet, eine Lösung zu haben. Und sie vielleicht doch andeutet: Er propagiert Verständnis, zeigt, woher radikale Lebensentscheidungen kommen, wodurch Menschen werden, wie sie sind. Und vielleicht kann dieses Wissen dazu führen, einander nicht mehr feindlich, verständnislos gegenüberzustehen, kann der Blick in die Black Box des Anderen ein Schlüssel sein, sich näher zu kommen. Nuran David Calis' Kuffar. Die Gottesleugner fragt nach dem Sinn, den wir unserem Leben geben, nach dem Preis, den wir zahlen - und nach der Religion. Hakan, der Sohn, sucht in ihr Halt, die Eltern verwerfen sie als Instrument der Unterdrückung. Haltlos bleiben beide Seiten. Und verloren. Der Abend erzählt von der Logik der Radikalisierung, deutet an, wie auch vermeintlich gut "Integrierte" zu Gotteskriegern werden können, er spricht vom Konflikt der Generationen, die zueinander nicht finden, weil ihnen die Welt der anderen, weil ihnen deren Kämpfe so fremd erscheinen. Er bringt die Welt der Eltern so nah wie die des Sohnes. Ausnahmezustände beide, Entscheidungen, die in Sackgassen führen auch. Umso tragischer die Trennung, die Anne Ehrlichs Bühne symbolisiert, die Unmöglichkeit des Zusammenkommens. Schwarz (Eltern) und Weiß (Sohn leben Lichtjahre entfernt und doch auf engstem Raum. Wie lässt sich das lösen, wer sitzt am Hebel? Die Stärke von Calis' Stück und seiner Uraufführungsinszenierung ist, dass er nicht wertet, dass er Antworten verweigert, dass er erklärt, aber nicht behauptet, eine Lösung zu haben. Und sie vielleicht doch andeutet: Er propagiert Verständnis, zeigt, woher radikale Lebensentscheidungen kommen, wodurch Menschen werden, wie sie sind. Und vielleicht kann dieses Wissen dazu führen, einander nicht mehr feindlich, verständnislos gegenüberzustehen, kann der Blick in die Black Box des Anderen ein Schlüssel sein, sich näher zu kommen.
Berliner Zeitung
Ulrich Seidler, 13.12.2016
Stück und Inszenierung bieten verschiedene Formen und Ebenen des Sprechens auf, ohne dass man durcheinander kommt: Es gibt pointierte Dialoge, berichtende Passagen, lyrische innere Monologe und fanatische Predigten. Die Zeit ist mittels einer weißen Wand auf der Drehbühne räumlich sortiert, die Vorderseite ist das Jetzt, die Rückseite das Einst. Dokumentarisches Filmmaterial wird eingeblendet, die Youtube-Predigten werden live aufgenommen und scheinbar gleich gesendet. So übersichtlich die Inszenierung angelegt ist, so komplex und vielleicht auch tragisch ist die Konfliktlage.
[...]
Der Abend verweigert populistische Vereinfachungen. Man bleibt ratlos zurück, aber ratlos auf klügere Weise. Die Mühe lohnt sich.
Stück und Inszenierung bieten verschiedene Formen und Ebenen des Sprechens auf, ohne dass man durcheinander kommt: Es gibt pointierte Dialoge, berichtende Passagen, lyrische innere Monologe und fanatische Predigten. Die Zeit ist mittels einer weißen Wand auf der Drehbühne räumlich sortiert, die Vorderseite ist das Jetzt, die Rückseite das Einst. Dokumentarisches Filmmaterial wird eingeblendet, die Youtube-Predigten werden live aufgenommen und scheinbar gleich gesendet. So übersichtlich die Inszenierung angelegt ist, so komplex und vielleicht auch tragisch ist die Konfliktlage.
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Der Abend verweigert populistische Vereinfachungen. Man bleibt ratlos zurück, aber ratlos auf klügere Weise. Die Mühe lohnt sich.
Kultura-Extra
Stefan Bock, 13.12.2016
Es prallen hier ungebremst die verschiedenen Moralauffassungen und Vorstellungen vom Lebenssinn der westlichen Welt mit denen des traditionellen Islams aufeinander. Der Versuch miteinander zu reden, scheitert immer wieder am fortgesetzten Monologisieren und der Uneinsichtigkeit der Parteien. Der Vater verlangt schließlich vom Sohn sich für ihn oder Gott zu entscheiden und verstößt ihn. Angesichts des Zusammenbruchs der Familie erklärt Hakan die liberale Gesellschaft des Westens samt Demokratie als gescheitert und ruft zum Dschihad auf. Diese Entwicklung samt Hasspredigt Frankens ist in ihrer Intensität schwer erträglich, aber insgesamt recht stark und glaubwürdig in Szene gesetzt. Antworten gibt dieser Abend nicht, ist aber ein Plädoyer dafür, miteinander im Gespräch zu bleiben. Am Ende sitzen alle gemeinsam auf offener Bühne und lesen noch einmal aus ihren Erinnerungen. Es prallen hier ungebremst die verschiedenen Moralauffassungen und Vorstellungen vom Lebenssinn der westlichen Welt mit denen des traditionellen Islams aufeinander. Der Versuch miteinander zu reden, scheitert immer wieder am fortgesetzten Monologisieren und der Uneinsichtigkeit der Parteien. Der Vater verlangt schließlich vom Sohn sich für ihn oder Gott zu entscheiden und verstößt ihn. Angesichts des Zusammenbruchs der Familie erklärt Hakan die liberale Gesellschaft des Westens samt Demokratie als gescheitert und ruft zum Dschihad auf. Diese Entwicklung samt Hasspredigt Frankens ist in ihrer Intensität schwer erträglich, aber insgesamt recht stark und glaubwürdig in Szene gesetzt. Antworten gibt dieser Abend nicht, ist aber ein Plädoyer dafür, miteinander im Gespräch zu bleiben. Am Ende sitzen alle gemeinsam auf offener Bühne und lesen noch einmal aus ihren Erinnerungen.
neues deutschland
Gunnar Decker, 21.12.2016
Nuran David Calis, der türkisch-armenisch-deutsche Regisseur nimmt sich Zeit, die Geschichte von Hakan zu erzählen. Calis gehört zu den wichtigsten Regisseuren seiner Generation. Am Schauspiel Leipzig inszenierte er zuletzt einen fulminanten "Baal", am Residenztheater in München Werfels "40 Tage des Musa Dagh", in Köln ein Stück über die NSU-Morde. Und nun jener selbst geschriebene Text über Hakan, der sich eines Tages Abu Ibrahim nennt und einen radikal-islamischen Blog im Internet betreibt. Wie kam es dazu? Der Arzt verlor im Krankenhaus seine Stellung, weil er unerlaubt ausrangierte Geräte nach Syrien schickte. Aber das allein kann es auch nicht sein.
[…]
Es ist nicht nur ein hochaktuelles Thema, dem sich Calis in seinem Stück zuwendet, es ist auch eine außerordentliche Inszenierung an den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin geworden. Es ist die Rolle des Christoph Franken, auf die er an diesem Hause seit Jahren gewartet hat! Hier nun kann er einen Menschen zeigen, der im Religiösen den höchsten Sinn des Lebens findet und sich selbst darüber verloren geht - alle menschlichen Regungen, soweit sie sich nicht auf eine strenge Islamauslegung beziehen, verbietet er sich und anderen. Der Dschihad ist der Sinn des Lebens, ihm folgt das Kalifat, der Gottesstaat! Franken zeigt die Übergänge der Biographie: den noch Suchenden, vom Westen Enttäuschten, den Verletzlichen, der daran zweifelt, dass seine Eltern (stark in aller reflektierten Zurückhaltung: Harald Baumgartner und Almut Zilcher), die richtigen Lebensentscheidungen trafen. Im zeitlichen Gegenschnitt sehen wir die Eltern dann 1980 als junge kritische Intellektuelle im Widerstand gegen eine diktatorische Macht. Ismael Deniz und Vidina Popow sind diese beiden phantasiebegabten jungen Visionäre, die ihr Sohn nun so verachtet. Eine beklemmende Szenerie.
Nuran David Calis, der türkisch-armenisch-deutsche Regisseur nimmt sich Zeit, die Geschichte von Hakan zu erzählen. Calis gehört zu den wichtigsten Regisseuren seiner Generation. Am Schauspiel Leipzig inszenierte er zuletzt einen fulminanten "Baal", am Residenztheater in München Werfels "40 Tage des Musa Dagh", in Köln ein Stück über die NSU-Morde. Und nun jener selbst geschriebene Text über Hakan, der sich eines Tages Abu Ibrahim nennt und einen radikal-islamischen Blog im Internet betreibt. Wie kam es dazu? Der Arzt verlor im Krankenhaus seine Stellung, weil er unerlaubt ausrangierte Geräte nach Syrien schickte. Aber das allein kann es auch nicht sein.
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Es ist nicht nur ein hochaktuelles Thema, dem sich Calis in seinem Stück zuwendet, es ist auch eine außerordentliche Inszenierung an den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin geworden. Es ist die Rolle des Christoph Franken, auf die er an diesem Hause seit Jahren gewartet hat! Hier nun kann er einen Menschen zeigen, der im Religiösen den höchsten Sinn des Lebens findet und sich selbst darüber verloren geht - alle menschlichen Regungen, soweit sie sich nicht auf eine strenge Islamauslegung beziehen, verbietet er sich und anderen. Der Dschihad ist der Sinn des Lebens, ihm folgt das Kalifat, der Gottesstaat! Franken zeigt die Übergänge der Biographie: den noch Suchenden, vom Westen Enttäuschten, den Verletzlichen, der daran zweifelt, dass seine Eltern (stark in aller reflektierten Zurückhaltung: Harald Baumgartner und Almut Zilcher), die richtigen Lebensentscheidungen trafen. Im zeitlichen Gegenschnitt sehen wir die Eltern dann 1980 als junge kritische Intellektuelle im Widerstand gegen eine diktatorische Macht. Ismael Deniz und Vidina Popow sind diese beiden phantasiebegabten jungen Visionäre, die ihr Sohn nun so verachtet. Eine beklemmende Szenerie.

Ein Werkauftrag für die Frankfurter Positionen 2017 – eine Initiative der

Außerdem im Spielplan

Infotreffen "Klassenbuch"

Das Junge DT sucht junge Spielwütige zwischen 15 und 22 Jahren
Weitere Infos hier
Vorplatz
16.00
Eintritt frei
Eine Weltbürger-Suche von Turbo Pascal
Regie: Turbo Pascal (Angela Löer, Frank Oberhäußer, Eva Plischke, Margret Schütz)
Recherchestart mit Turbo Pascal
Vorplatz
ab 18.00
mit englischen Übertiteln
von Jean Racine
Regie: Stephan Kimmig
Deutsches Theater
19.00 - 20.50
mit englischen Übertiteln
nach dem Roman von Sinclair Lewis
Kammerspiele
19.30 - 21.45
19.00 Einführung - Saal

Politiker im Porzellanladen – die "Elefantenrunde" als Live-Puppenspiel!

Ein Abend mit Jürgen Kuttner, Suse Wächter und Puppen, Daniel Hoevels, Bernd Moss, Linda Pöppel und Natali Seelig
Bar
20.15
Eintritt frei