Maria Stuart

von Friedrich Schiller
Regie Anne Lenk
Dramaturgie David Heiligers
Premiere
30. Oktober 2020
Deutsches Theater
Julia WindischbauerElisabeth, Königin von England
Franziska MachensMaria Stuart, Königin von Schottland
Enno TrebsBaron von Burleigh
Alexander KhuonGraf von Leicester
Jörg PoseGraf von Shrewsbury
Caner SunarGraf Aubespine, französischer Gesandter
Paul GrillAmias Paulet, Hüter der Maria
Jeremy MockridgeMortimer, Paulets Neffe
Caner SunarWilhelm Davison, Staatssekretär
Jeremy MockridgeMelvil, Freund Marias aus früheren Tagen
Elisabeth, Königin von England
Maria Stuart, Königin von Schottland
Baron von Burleigh
Graf von Leicester
Graf von Shrewsbury
Graf Aubespine, französischer Gesandter
Amias Paulet, Hüter der Maria
Mortimer, Paulets Neffe
Wilhelm Davison, Staatssekretär
Melvil, Freund Marias aus früheren Tagen
Deutschlandfunk Kultur
Barbara Behrendt, 30.10.2020
Der Vorteil ist, dass man mit so einem Bühnenbild ganz auf die Schauspieler setzt, die frontal vor einem stehen und einem direkt ins Gesicht spielen. Man nimmt die Figuren dadurch nochmal ganz anders einzeln wahr und man merkt auch, dass die Schauspieler sehr auf ihr Spiel konzentriert sind.

[...]
Es zeigt, dass die Frauenrollen in einer ähnlichen Position sind, aber ihre Rollen eigentlich austauschbar sind. Anne Lenk legt den Fokus schon sehr darauf, dass die Männer um sie [Maria und Elisabeth] herum tatsächlich etwas ein bisschen Lächerliches kriegen und nicht wirklich ernst zu nehmen sind in diesem ganzen Machtgefüge.
Der Vorteil ist, dass man mit so einem Bühnenbild ganz auf die Schauspieler setzt, die frontal vor einem stehen und einem direkt ins Gesicht spielen. Man nimmt die Figuren dadurch nochmal ganz anders einzeln wahr und man merkt auch, dass die Schauspieler sehr auf ihr Spiel konzentriert sind.

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Es zeigt, dass die Frauenrollen in einer ähnlichen Position sind, aber ihre Rollen eigentlich austauschbar sind. Anne Lenk legt den Fokus schon sehr darauf, dass die Männer um sie [Maria und Elisabeth] herum tatsächlich etwas ein bisschen Lächerliches kriegen und nicht wirklich ernst zu nehmen sind in diesem ganzen Machtgefüge.
Berliner Morgenpost
Peter Zander, 31.10.2020
Was für ein Bühnenbild! So einfach, so schlicht und streng. Und doch: wie verspielt, wie vielschichtig und assoziationsreich. Einen riesigen Setzkasten hat Bühnenbildnerin Judith Oswald für Anne Lenks "Maria Stuart"-Inszenierung auf die Bretter des Deutschen Theaters gewuchtet.

[...]
Maria Stuart ist schon gleich anfangs tief gefallen. Sitzt in ihrem Kerker in der zweiten Zelle von links. Weißes Kleid, weißes Haar, gepudertes Gesicht. [...] Franziska Machens gibt sich in dieser Rolle so gar nicht königlich, gar nicht "standesgemäß". Im Gegenteil, sie zieht Grimassen, äfft nach, bricht mit allen Rollenbildern. Und hält die Form nur mit ihresgleichen, also Elisabeth, der Königin von England, ein.

[...]
Anne Lenk sagt uns durch diese Inszenierung auch viel über den heutigen Politikbetrieb. Wo keiner aus seiner Position, aus seiner Haut raus kann. Und über die Blase, in der Entscheidungsträger sitzen, das beschränkte Umfeld, das sie wahrnehmen, die Verengung des Blicks, der daraus resultiert.

Was für ein Bühnenbild! So einfach, so schlicht und streng. Und doch: wie verspielt, wie vielschichtig und assoziationsreich. Einen riesigen Setzkasten hat Bühnenbildnerin Judith Oswald für Anne Lenks "Maria Stuart"-Inszenierung auf die Bretter des Deutschen Theaters gewuchtet.

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Maria Stuart ist schon gleich anfangs tief gefallen. Sitzt in ihrem Kerker in der zweiten Zelle von links. Weißes Kleid, weißes Haar, gepudertes Gesicht. [...] Franziska Machens gibt sich in dieser Rolle so gar nicht königlich, gar nicht "standesgemäß". Im Gegenteil, sie zieht Grimassen, äfft nach, bricht mit allen Rollenbildern. Und hält die Form nur mit ihresgleichen, also Elisabeth, der Königin von England, ein.

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Anne Lenk sagt uns durch diese Inszenierung auch viel über den heutigen Politikbetrieb. Wo keiner aus seiner Position, aus seiner Haut raus kann. Und über die Blase, in der Entscheidungsträger sitzen, das beschränkte Umfeld, das sie wahrnehmen, die Verengung des Blicks, der daraus resultiert.

Berliner Zeitung
Ulrich Seidler, 31.10.2020
Doch! Man kann auch unter widrigsten Bedingungen Theater spielen, zum Beispiel ohne einander zu sehen. Die Schauspieler lassen sich in der Interaktion miteinander durch den Setzkasten in keiner Weise behindern. Sie tun dies in einer Selbstverständlichkeit, als würden sie es nicht anders kennen und nichts vermissen. Und es funktioniert.

[...]
Der Höhepunkt und die Pointe des Stücks werden in der Inszenierung von Anne Lenk besonders deutlich: Denn als die beiden Frauen einander tatsächlich im zentralen, größten Fach des Setzkastens gegenüberstehen, ändert sich – erst einmal nichts. Die Bilder, die sich die beiden voneinander gemacht haben, bleiben unangetastet. Die Fassade der Macht, hinter der sich Elisabeth versteckt, hält ein bisschen länger als die Unterwerfungsgeste, die Maria vorführt. Letztere, die sich im gläsern ironischen Spiel von Machens unantastbar zu geben versucht, platzt mit ihrer Wut heraus, glaubt sie doch, die legitimere Thronanwärterin zu sein. Und Elisabeth, eher grüblerisch und überfordert angelegt von Windischbauer, versteht sich erst nach diesem Ausbruch als die mächtigere. Und schon haben wir eine Wand zwischen den beiden, die zwar nicht zu sehen, aber viel undurchdringlicher ist als Theatersperrholz.

[...]
Auch wenn diese Inszenierungsidee alles bestimmt und in diesen Tagen eine etwas sehr konkrete Bedeutung erhält, ist der Abend nicht monothematisch und eindimensional. Das Ränkespiel der in ihre Leidenschaft, Moral oder Machtpolitik eingeschachtelten Männer hat viele Farben: Der vor Liebeseifer und Kampfesmut überquellende Jungspund Mortimer (Jeremy Mockridge), der abgeklärte Erotomane Leicester (Alexander Khuon), der vor Erregung vibrierende und immer mal platzende Machtmaniker Burleigh (Enno Trebs, auch neu im Ensemble), der herzaufgeklappte Tugendstock Paulet (Paul Grill) und der dauermiesgelaunte Kopfschmerz-Moralapostel Shrewsbury (Jörg Pose) – sie alle glauben, dass sie die Königinnen beeinflussen können und kriegen schon ihre Ergriffenheit von sich selbst nicht unter Kontrolle.
Doch! Man kann auch unter widrigsten Bedingungen Theater spielen, zum Beispiel ohne einander zu sehen. Die Schauspieler lassen sich in der Interaktion miteinander durch den Setzkasten in keiner Weise behindern. Sie tun dies in einer Selbstverständlichkeit, als würden sie es nicht anders kennen und nichts vermissen. Und es funktioniert.

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Der Höhepunkt und die Pointe des Stücks werden in der Inszenierung von Anne Lenk besonders deutlich: Denn als die beiden Frauen einander tatsächlich im zentralen, größten Fach des Setzkastens gegenüberstehen, ändert sich – erst einmal nichts. Die Bilder, die sich die beiden voneinander gemacht haben, bleiben unangetastet. Die Fassade der Macht, hinter der sich Elisabeth versteckt, hält ein bisschen länger als die Unterwerfungsgeste, die Maria vorführt. Letztere, die sich im gläsern ironischen Spiel von Machens unantastbar zu geben versucht, platzt mit ihrer Wut heraus, glaubt sie doch, die legitimere Thronanwärterin zu sein. Und Elisabeth, eher grüblerisch und überfordert angelegt von Windischbauer, versteht sich erst nach diesem Ausbruch als die mächtigere. Und schon haben wir eine Wand zwischen den beiden, die zwar nicht zu sehen, aber viel undurchdringlicher ist als Theatersperrholz.

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Auch wenn diese Inszenierungsidee alles bestimmt und in diesen Tagen eine etwas sehr konkrete Bedeutung erhält, ist der Abend nicht monothematisch und eindimensional. Das Ränkespiel der in ihre Leidenschaft, Moral oder Machtpolitik eingeschachtelten Männer hat viele Farben: Der vor Liebeseifer und Kampfesmut überquellende Jungspund Mortimer (Jeremy Mockridge), der abgeklärte Erotomane Leicester (Alexander Khuon), der vor Erregung vibrierende und immer mal platzende Machtmaniker Burleigh (Enno Trebs, auch neu im Ensemble), der herzaufgeklappte Tugendstock Paulet (Paul Grill) und der dauermiesgelaunte Kopfschmerz-Moralapostel Shrewsbury (Jörg Pose) – sie alle glauben, dass sie die Königinnen beeinflussen können und kriegen schon ihre Ergriffenheit von sich selbst nicht unter Kontrolle.
Die Deutsche Bühne
Barbara Behrendt, 31.10.2020
Bis auf zwei Ausnahmen steht jeder Spieler, jede Spielerin allein in seiner leeren Zelle, mit rot glänzendem Stoff tapeziert. Sehen können sie sich nicht, nur hören. Wenn jemand „auftritt“, wird sein Kästchen beleuchtet wie ein Screen, ansonsten bleibt es tiefschwarz. Man könnte meinen, diese statische Anordnung sei die reinste Spielverhinderung – und tatsächlich wird in den Zoom-Bildern viel herumgestanden. Überraschender Gewinn ist jedoch, dass die einzelne Figur mit diesem frontalen Spiel deutlich mehr Kontur gewinnt.

[...]
Das Interesse der Regisseurin Anne Lenk liegt auch hier, wie schon bei ihrem "Menschenfeind" vergangenes Jahr, auf dem Ausleuchten der Frauenfiguren – in Bezug zu den Männern. Ihre beiden Königinnen sind keine Würdenträgerinnen, keine pathetischen, ernsten, bleischweren Schicksalserdulderinnen, sondern bodenständige, patente, kluge Frauen, die mit ihren Rollen hadern. Franziska Machens unterläuft jeden hohen Schillerschen Ton mit flapsigen Gesten und schützender Selbstironie. Bei der noch ganz jungen Julia Windischbauer wirkt Elisabeth im britischen Tweed-Kostüm wie die unerfahrene Firmenerbin, die nun unverhofft den Laden schmeißen muss.
Bis auf zwei Ausnahmen steht jeder Spieler, jede Spielerin allein in seiner leeren Zelle, mit rot glänzendem Stoff tapeziert. Sehen können sie sich nicht, nur hören. Wenn jemand „auftritt“, wird sein Kästchen beleuchtet wie ein Screen, ansonsten bleibt es tiefschwarz. Man könnte meinen, diese statische Anordnung sei die reinste Spielverhinderung – und tatsächlich wird in den Zoom-Bildern viel herumgestanden. Überraschender Gewinn ist jedoch, dass die einzelne Figur mit diesem frontalen Spiel deutlich mehr Kontur gewinnt.

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Das Interesse der Regisseurin Anne Lenk liegt auch hier, wie schon bei ihrem "Menschenfeind" vergangenes Jahr, auf dem Ausleuchten der Frauenfiguren – in Bezug zu den Männern. Ihre beiden Königinnen sind keine Würdenträgerinnen, keine pathetischen, ernsten, bleischweren Schicksalserdulderinnen, sondern bodenständige, patente, kluge Frauen, die mit ihren Rollen hadern. Franziska Machens unterläuft jeden hohen Schillerschen Ton mit flapsigen Gesten und schützender Selbstironie. Bei der noch ganz jungen Julia Windischbauer wirkt Elisabeth im britischen Tweed-Kostüm wie die unerfahrene Firmenerbin, die nun unverhofft den Laden schmeißen muss.
rbb inforadio
Ute Büsing, 31.10.2020
Das Beste an dieser Inszenierung: Ihr gelingt es zu zeigen, was für ein starkes Stück Konversationstheater diese Maria Stuart ist.

[...]
Alle im achtköpfigen Ensemble laufen in Anne Lenks genauer, zeitloser Inszenierung zu großer Sprechform auf.
Das Beste an dieser Inszenierung: Ihr gelingt es zu zeigen, was für ein starkes Stück Konversationstheater diese Maria Stuart ist.

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Alle im achtköpfigen Ensemble laufen in Anne Lenks genauer, zeitloser Inszenierung zu großer Sprechform auf.
nachtkritik.de
Frauke Adrians, 31.10.2020
[...] Obwohl Regisseurin Anne Lenk die Tragödie weder dekonstruiert noch radikal umdeutet, gewinnt sie den beiden Königinnen und den sie umkreisenden Männerfiguren doch einige ungeahnte Schattierungen ab – und eine erstaunliche Menge Komik. Dass Lenk und ihr starkes Ensemble das Pathos und den hohen Ton weglassen, tut Schillers Dialogen gut.

[...]
Am Ende wird Maria ihren Kopf unter dem Beil verlieren, und keiner – und keine – will verantwortlich sein. Hervorragend, wie das Ensemble das Blame Game ausspielt. Selbst diese durch und durch bittere Sequenz hat hohen Unterhaltungswert; man kann die Schauspieler nur dafür bewundern, wie minutiös die Schulddebatte auch ohne Blickkontakt abläuft.

[...] Obwohl Regisseurin Anne Lenk die Tragödie weder dekonstruiert noch radikal umdeutet, gewinnt sie den beiden Königinnen und den sie umkreisenden Männerfiguren doch einige ungeahnte Schattierungen ab – und eine erstaunliche Menge Komik. Dass Lenk und ihr starkes Ensemble das Pathos und den hohen Ton weglassen, tut Schillers Dialogen gut.

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Am Ende wird Maria ihren Kopf unter dem Beil verlieren, und keiner – und keine – will verantwortlich sein. Hervorragend, wie das Ensemble das Blame Game ausspielt. Selbst diese durch und durch bittere Sequenz hat hohen Unterhaltungswert; man kann die Schauspieler nur dafür bewundern, wie minutiös die Schulddebatte auch ohne Blickkontakt abläuft.

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Simon Strauß, 01.11.2020
Die Begegnung der beiden im dritten Aufzug, die traditionell als Gegenüberstellung von lustvoll gefährdeter Weiblichkeit auf der einen und freudlos machtvollem Streben auf der anderen Seite arrangiert wird, gerät in der Inszenierung von Anne Lenk zur gezwungenen Szene zweier zur Distanz verpflichteten Schwestern, die eigentlich nichts lieber tȁten, als sich zu umarmen. Neuzugang Julia Windischbauer gibt die angeblich so eisige Elisabeth als schüchterne Gefangene ihrer eigenen Machtposition, die fast schon bewundernd auf die sie mutig beleidigende Schwester schaut. Mit einer Stimme, deren Klang von Ferne an Libgart Schwarz erinnert, spricht die junge Oberösterreicherin ihre Sätze so, als wären sie ständig auf der Suche nach Bestätigung. Nicht von den sie umgebenden Männern, sondern von ihr, der todgeweihten Schwester Maria, die Franziska Machens als bodenständige Freiheitsverliererin spielt. Diese zwei Frauen treten hier nicht als Machtmenschen im falschen Geschlecht, sondern als selbstbewusste Zweiflerinnen mit starken Seelen auf. Die Begegnung der beiden im dritten Aufzug, die traditionell als Gegenüberstellung von lustvoll gefährdeter Weiblichkeit auf der einen und freudlos machtvollem Streben auf der anderen Seite arrangiert wird, gerät in der Inszenierung von Anne Lenk zur gezwungenen Szene zweier zur Distanz verpflichteten Schwestern, die eigentlich nichts lieber tȁten, als sich zu umarmen. Neuzugang Julia Windischbauer gibt die angeblich so eisige Elisabeth als schüchterne Gefangene ihrer eigenen Machtposition, die fast schon bewundernd auf die sie mutig beleidigende Schwester schaut. Mit einer Stimme, deren Klang von Ferne an Libgart Schwarz erinnert, spricht die junge Oberösterreicherin ihre Sätze so, als wären sie ständig auf der Suche nach Bestätigung. Nicht von den sie umgebenden Männern, sondern von ihr, der todgeweihten Schwester Maria, die Franziska Machens als bodenständige Freiheitsverliererin spielt. Diese zwei Frauen treten hier nicht als Machtmenschen im falschen Geschlecht, sondern als selbstbewusste Zweiflerinnen mit starken Seelen auf.
neues deutschland
Jakob Hayner, 02.11.2020
Jede und jeder ist auf seiner eigenen kleinen Bühne. Die gerasterte Anordnung weckt Assoziationen an die in den vergangenen Monaten epidemisch sich verbreitenden Videokonferenzen mit ihren Splitscreens. [...] So ist der ganze Hof in einem einzigen Arrangement, in einem Bild gebannt. Der Bühnenkasten verstärkt den kammerspielartigen Eindruck, nahezu ohne Pausen wechseln die Szenen, das Stück nimmt Tempo auf. [...] Der strenge und geschlossene Aufbau zeigt außerdem, was der Unterschied zwischen den barocken Trauerspielen eines Andreas Gryphius und den bürgerlichen von Lessing oder eben Friedrich Schiller ist: Das Außerweltliche verschwindet zugunsten eines in sich motivierten Zusammenhangs, die Erkenntnis der Immanenz der bürgerlichen Gesellschaft fällt zusammen mit der zu neuer Größe geführten Dramenform. Hier werden Handelnde gezeigt und der Abgrund zwischen Himmel und Erde tut sich ausschließlich im Gefälle von Absicht und Folge auf. Nicht göttliche, sondern soziale Gesetzmäßigkeiten sind es, die zum Niedergang des Einzelnen wie des Gemeinwesens führen. Und mögen die Berater das Geschehen befeuern oder bremsen, es gibt eine alleszermalmende Trägheit, die vom zugrundeliegenden Verhängnis ausgeht. Wirkung ist alles in diesem Spiel der Täuschungen und Enttäuschungen. Und die Wahrheit? Verschwindet im Kampf der Interessen. Ungelegen kommt sie zudem eigentlich immer - oder zu spät.

[...]
Wie schon in ihrer Inszenierung von Molières "Der Menschenfeind" am gleichen Haus, beeindruckt die präzise Sprachregie von Lenk. Und ihre Begabung zur Komik. In Schillers Trauerspiel und dessen großartigen Dialogen findet sie eine Menge Pointen, die vor schalem Pathos schützen, ohne den Ernst zu verraten.
Jede und jeder ist auf seiner eigenen kleinen Bühne. Die gerasterte Anordnung weckt Assoziationen an die in den vergangenen Monaten epidemisch sich verbreitenden Videokonferenzen mit ihren Splitscreens. [...] So ist der ganze Hof in einem einzigen Arrangement, in einem Bild gebannt. Der Bühnenkasten verstärkt den kammerspielartigen Eindruck, nahezu ohne Pausen wechseln die Szenen, das Stück nimmt Tempo auf. [...] Der strenge und geschlossene Aufbau zeigt außerdem, was der Unterschied zwischen den barocken Trauerspielen eines Andreas Gryphius und den bürgerlichen von Lessing oder eben Friedrich Schiller ist: Das Außerweltliche verschwindet zugunsten eines in sich motivierten Zusammenhangs, die Erkenntnis der Immanenz der bürgerlichen Gesellschaft fällt zusammen mit der zu neuer Größe geführten Dramenform. Hier werden Handelnde gezeigt und der Abgrund zwischen Himmel und Erde tut sich ausschließlich im Gefälle von Absicht und Folge auf. Nicht göttliche, sondern soziale Gesetzmäßigkeiten sind es, die zum Niedergang des Einzelnen wie des Gemeinwesens führen. Und mögen die Berater das Geschehen befeuern oder bremsen, es gibt eine alleszermalmende Trägheit, die vom zugrundeliegenden Verhängnis ausgeht. Wirkung ist alles in diesem Spiel der Täuschungen und Enttäuschungen. Und die Wahrheit? Verschwindet im Kampf der Interessen. Ungelegen kommt sie zudem eigentlich immer - oder zu spät.

[...]
Wie schon in ihrer Inszenierung von Molières "Der Menschenfeind" am gleichen Haus, beeindruckt die präzise Sprachregie von Lenk. Und ihre Begabung zur Komik. In Schillers Trauerspiel und dessen großartigen Dialogen findet sie eine Menge Pointen, die vor schalem Pathos schützen, ohne den Ernst zu verraten.
taz
Katja Kollmann, 03.11.2020
Anne Lenks Regie erspürt die vorhandene Situationskomik in Friedrich Schillers Trauerspiel. So sieht Jeremy Mockridges Mortimer mit schulterlangem gewellten Haar und Elisabeth-Fan-Pullover – der aber nur seine Zuneigung für Maria Stuart kaschieren soll – an sich schon extrem lustig aus. Mockridge spielt ihn konsequent als tolpatschigen Draufgänger, der ständig bereit ist für die nächste Kurzschlußhandlung.

[...]
Schillers Text kommt in dieser Inszenierung viel geordneter in den Zuschauerraum als sonst. Das hat mit dem Setzkasten zu tun. Der strukturiert das Drama mit. Die acht SchauspielerInnen nehmen den über 200 Jahre alten Text ernst und gleichzeitig leicht. Das erzeugt Unmittelbarkeit in den Boxen.

Anne Lenks Regie erspürt die vorhandene Situationskomik in Friedrich Schillers Trauerspiel. So sieht Jeremy Mockridges Mortimer mit schulterlangem gewellten Haar und Elisabeth-Fan-Pullover – der aber nur seine Zuneigung für Maria Stuart kaschieren soll – an sich schon extrem lustig aus. Mockridge spielt ihn konsequent als tolpatschigen Draufgänger, der ständig bereit ist für die nächste Kurzschlußhandlung.

[...]
Schillers Text kommt in dieser Inszenierung viel geordneter in den Zuschauerraum als sonst. Das hat mit dem Setzkasten zu tun. Der strukturiert das Drama mit. Die acht SchauspielerInnen nehmen den über 200 Jahre alten Text ernst und gleichzeitig leicht. Das erzeugt Unmittelbarkeit in den Boxen.

Außerdem im Spielplan

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Zum 25. Mal
Schulvorstellung
Ein Familienstück nach dem Buch von Axel Hacke
Regie: Anne Bader
Saal
11.00 - 12.00
von René Pollesch
Regie: René Pollesch
Deutsches Theater
19.30 - 21.00
Regie: Rosa von Praunheim unter Mitarbeit des Ensembles
Kammerspiele
20.30 - 21.45