Eine Inszenierung des Jungen DT

Tigermilch

nach dem Roman von Stefanie de Velasco
Regie und Bühne Wojtek Klemm
Kostüme Anika Budde
Choreographie Efrat Stempler
Dramaturgie Birgit Lengers
Premiere
10. Januar 2018, Box
Antonie LawrenzNini
Saron DeginehJamelaah
Karl Leven SchroederLukas
Emil von SchönfelsNico
Rio ReisenerAmir
Celia BährJasna
Prince Mohammad Arsalan ChughtaiTarik / Freier
Anik TodtenhauptAnna-Lena
Antonie Lawrenz
Nini
Saron Degineh
Jamelaah
Karl Leven Schroeder
Lukas
Emil von Schönfels
Nico
Rio Reisener
Amir
Celia Bähr
Jasna
Prince Mohammad Arsalan Chughtai
Tarik / Freier
Anik Todtenhaupt
Anna-Lena
Die junge Bühne
Magdalena Sporkmann, 12.01.2018
Wojtek Klemm, Birgit Lengers und den Darstellern des Jungen DT ist mit Tigermilch eine atemberaubend spannende und tief berührende Inszenierung des Erwachsenwerdens in einem rauen sozialen Klima gelungen. In ihrem Roman Tigermilch hat Stefanie de Velasco den ganzen Wahnsinn der Pubertät ausgebreitet. Regisseur Wojtek Klemm und Dramaturgin Birgit Lengers haben Nini, Jameelah und ihre Freunde nun auf die Bühne des Deutschen Theaters gebracht. Die Inszenierung feierte am 10. Januar 2018 Premiere und überzeugte durch ihren besonders starken Jahrgang jugendlicher Laiendarsteller des Jungen DT. [...]

Pubertät zu spielen, während man selbst mittendrin steckt, ist sicher eine Herausforderung. Den jugendlichen Darstellern zwischen 16 und 21 Jahren gelingt es aber bemerkenswert gut. Saron Degineh spielt eine Jameelah, die ihrer drohenden Abschiebung mit inbrünstiger Lebensfreude, hoffnungsfrohen Liebeszaubern und einer unbedingten Mädchenfreundschaft trotzt. Nini von Antonie Lawrenz in ihrer Nachdenklichkeit und Zurückhaltung hervorragend getroffen, lässt sich gern von Jameelahs Energie mitreißen. Während Prince Mohammad Arslan Chughtai in seinen Rollen als Tarik und als Freier eine kraftstrotzende und frühreife Machofigur in die Gruppe bringt, demonstriert Emil von Schönfels in der Rolle des Nico seine Männlichkeit im Umgang mit Nini lieber durch Gentleman-Verhalten und Verantwortungsbewusstsein. [...]

Wojtek Klemm, Birgit Lengers und den Darstellern des Jungen DT ist mit Tigermilch eine atemberaubend spannende und tief berührende Inszenierung des Erwachsenwerdens in einem rauen sozialen Klima gelungen.
zitty
Regine Bruckmann, 18.01.2018
Regisseur Wojtek Klemm hat den jungen Darstellern oft eine starke Form gegeben, einen wilden Tanz, einen chorischen Text. Die Form gibt Sicherheit. So trauen sie sich vor und zeigen in stillen Passagen viel persönliches. Auch die starke Sprache des Romans erhält Platz, ohne angestrengt zu wirken. Jameelah sagt "Wir leuchten und wenn wir jemanden berühren, leuchtet der auch." Hier, in dieser Geschichte, an diesem Abend, vermisst niemand das professionelle DT-Ensemble. Die Jungen leuchten.  Regisseur Wojtek Klemm hat den jungen Darstellern oft eine starke Form gegeben, einen wilden Tanz, einen chorischen Text. Die Form gibt Sicherheit. So trauen sie sich vor und zeigen in stillen Passagen viel persönliches. Auch die starke Sprache des Romans erhält Platz, ohne angestrengt zu wirken. Jameelah sagt "Wir leuchten und wenn wir jemanden berühren, leuchtet der auch." Hier, in dieser Geschichte, an diesem Abend, vermisst niemand das professionelle DT-Ensemble. Die Jungen leuchten. 
Kulturradio vom rbb
Frank Dietschreit, 11.01.2018
Die beiden unzertrennlichen Berliner Freundinnen: das sind die deutsche Nini und die aus dem Irak stammende Jameelah, die mit ihrer Mutter aus dem Irak nach Deutschland geflohen ist. Ihr Vater und ihr Bruder wurden dort ermordet. Beide Mädchen kommen aus prekären Verhältnissen, wohnen in einer dieser Siedlungen und Betonburgen, die einen fürs zukünftige Leben als Außenseiter und Verlierer stigmatisieren. Beide werden von den Familien vernachlässigt, haben aber keine Lust auf die Schule, sondern stromern lieber durch Berlin und suchen den großen Kick, die schnelle Abwechslung, den grenzenlosen Rausch. [...]

Die Alltagswelt von Nini und Jameelah ist politisch und sozial mit reichlich Sprengstoff aufgeladen, doch wie die Mädchen sich durch diese Welt aus Drogendeals, Trash-TV und Kultur-Kampf bewegen, zeugt von großer emotionaler Stärke und hinterhältigem Humor. [...]

Jetzt, auf der Bühne, sind es acht Jugendliche, die – mehr oder weniger – in der Erzählweise, Handlungshierarchie und Bühnenpräsenz auf (fast) einer Stufe stehen und die sich gemeinsam durch den Großstadt-Dschungel bewegen, im kruden Alltagsjargon und mit musikalischen und tänzerischen Mitteln nach dem Sinn ihres von Liebeskrisen und Pubertätskrämpfen geschüttelten Lebens suchen.

Klemm überblendet und collagiert manche Handlungsfäden und wechselt in Windeseile von einem – nur skizzenhaft angedeuteten – Handlungsort zum nächsten. [...]

Die acht Jugendlichen sind permanent präsent, flennen, rennen, schreien, singen, tanzen, sprechen mal allein, mal im Chor von ihren Träumen und Albträumen, sind mal voll mittenmang, mal treten sie neben sich und berichten distanziert, was sie gerade erleben und fragen sich – und uns – wie sie nur mit all dem klarkommen sollen: mit erstem Sex und ungewollter Schwangerschaft, Ehrenmord und Ausweisung. Starker Sozial-Tobak, kruder Jargon, herbe Umgangsformen, aber immer mit einem ironischen Augenzwinkern vorgeführt und sarkastisch kommentiert.

Gerade, indem die Inszenierung platten Realismus verweigert und tanzend und singend eine jugendliche Kunstwelt erschafft, wirkt das Ganze besonders plausibel, überzeugend und berührend. [...]

Eigentlich entzieht sich das Schauspiel von Jugendlichen jeder Theaterkritik, aber zwei kleine Ausnahmen möchte ich doch machen: Was der entrückte Philipp Djokic in der Rolle des romantisch leidenden und liebenden Lukas und was vor allem die wunderbare Antonie Lawrenz in der Rolle der frech-sensiblen Nini ganz nebenbei und als wäre es das Leichteste der Welt auf die Bühne zaubern, ist wirklich waghalsig und hinreißend. Da kann man zwei ganz großen Theater-Talenten dabei zusehen, wie sie ihr eigenes künstlerisches Können staunend entdecken und lässig herauskitzeln: das macht richtig Spaß!
Die beiden unzertrennlichen Berliner Freundinnen: das sind die deutsche Nini und die aus dem Irak stammende Jameelah, die mit ihrer Mutter aus dem Irak nach Deutschland geflohen ist. Ihr Vater und ihr Bruder wurden dort ermordet. Beide Mädchen kommen aus prekären Verhältnissen, wohnen in einer dieser Siedlungen und Betonburgen, die einen fürs zukünftige Leben als Außenseiter und Verlierer stigmatisieren. Beide werden von den Familien vernachlässigt, haben aber keine Lust auf die Schule, sondern stromern lieber durch Berlin und suchen den großen Kick, die schnelle Abwechslung, den grenzenlosen Rausch. [...]

Die Alltagswelt von Nini und Jameelah ist politisch und sozial mit reichlich Sprengstoff aufgeladen, doch wie die Mädchen sich durch diese Welt aus Drogendeals, Trash-TV und Kultur-Kampf bewegen, zeugt von großer emotionaler Stärke und hinterhältigem Humor. [...]

Jetzt, auf der Bühne, sind es acht Jugendliche, die – mehr oder weniger – in der Erzählweise, Handlungshierarchie und Bühnenpräsenz auf (fast) einer Stufe stehen und die sich gemeinsam durch den Großstadt-Dschungel bewegen, im kruden Alltagsjargon und mit musikalischen und tänzerischen Mitteln nach dem Sinn ihres von Liebeskrisen und Pubertätskrämpfen geschüttelten Lebens suchen.

Klemm überblendet und collagiert manche Handlungsfäden und wechselt in Windeseile von einem – nur skizzenhaft angedeuteten – Handlungsort zum nächsten. [...]

Die acht Jugendlichen sind permanent präsent, flennen, rennen, schreien, singen, tanzen, sprechen mal allein, mal im Chor von ihren Träumen und Albträumen, sind mal voll mittenmang, mal treten sie neben sich und berichten distanziert, was sie gerade erleben und fragen sich – und uns – wie sie nur mit all dem klarkommen sollen: mit erstem Sex und ungewollter Schwangerschaft, Ehrenmord und Ausweisung. Starker Sozial-Tobak, kruder Jargon, herbe Umgangsformen, aber immer mit einem ironischen Augenzwinkern vorgeführt und sarkastisch kommentiert.

Gerade, indem die Inszenierung platten Realismus verweigert und tanzend und singend eine jugendliche Kunstwelt erschafft, wirkt das Ganze besonders plausibel, überzeugend und berührend. [...]

Eigentlich entzieht sich das Schauspiel von Jugendlichen jeder Theaterkritik, aber zwei kleine Ausnahmen möchte ich doch machen: Was der entrückte Philipp Djokic in der Rolle des romantisch leidenden und liebenden Lukas und was vor allem die wunderbare Antonie Lawrenz in der Rolle der frech-sensiblen Nini ganz nebenbei und als wäre es das Leichteste der Welt auf die Bühne zaubern, ist wirklich waghalsig und hinreißend. Da kann man zwei ganz großen Theater-Talenten dabei zusehen, wie sie ihr eigenes künstlerisches Können staunend entdecken und lässig herauskitzeln: das macht richtig Spaß!
Stage and Screen
Sascha Krieger, 18.01.2018
Bei Regisseur Wojtek Klemm und dem Ensemble des Jungen DT werden aus knapp 300 Buchseiten 100 atemlose Minuten. [...]

Die soziale Komponente rückt Klemm dabei nicht in den Mittelpunkt, viel fehlt nicht, damit das Geschehen auch in irgendeinem anderen Milieu passieren könnte. Die bürokratische Diskriminierung von Menschen ohne deutschen Pass, die soziale Ausgrenzung der "Unterschicht", die Chancenlosigkeit der Vergessenen: Sie verschweigt der Abend nicht, aber sie sind nicht wichtiger als die erste Liebe, der erste Sex, der persönliche Betrug.

Und so wechselt der Abend ständig den Tonfall: In einem Moment spielerisches Abenteuer, bricht im nächsten tödlicher Ernst herein, nur um fast noch kindlichem Ausprobierensdrang zu weichen. Harte Technobeats stehen neben dräuend düsteren Ambient-Sounds, übersprudelndes Leben zwischen erstarrtem Schrecken, unbeschwertes Posen im Freibad neben erdrückender Einsamkeit. Das Leben steckt in einem Snackautomaten und spielt sich in einem sechseckigen Sandkasten ab, neben dem Wort "SAD" in Neoschrift – Nicos Sprayer-Tag – die einzigen Kulissenteile auf Klemms ansonsten leerer Bühne, ein Lebensraum, der erst noch zu füllen ist. [...]

Das Wechselspiel findet sich auch in der Erzählweise des Abends wieder. Szenenandeutungen stehen neben Erzählpassagen, die Spieler*innen treten immer wieder aus sich hinaus, reflektieren sich, als seien sie externe Beobachter. Dann wieder sprechen Körper, einzeln, gemeinsam, mit- oder gegeneinander, Choreografien der Vitalität, des Spiels, des Verliebtseins, aber auch der Gewalt, des Streits, des Auseinanderdriftens. Stets bleiben Spieler*innen und Figuren auf Distanz gegenüber einander, aber auch sich selbst.
Bei Regisseur Wojtek Klemm und dem Ensemble des Jungen DT werden aus knapp 300 Buchseiten 100 atemlose Minuten. [...]

Die soziale Komponente rückt Klemm dabei nicht in den Mittelpunkt, viel fehlt nicht, damit das Geschehen auch in irgendeinem anderen Milieu passieren könnte. Die bürokratische Diskriminierung von Menschen ohne deutschen Pass, die soziale Ausgrenzung der "Unterschicht", die Chancenlosigkeit der Vergessenen: Sie verschweigt der Abend nicht, aber sie sind nicht wichtiger als die erste Liebe, der erste Sex, der persönliche Betrug.

Und so wechselt der Abend ständig den Tonfall: In einem Moment spielerisches Abenteuer, bricht im nächsten tödlicher Ernst herein, nur um fast noch kindlichem Ausprobierensdrang zu weichen. Harte Technobeats stehen neben dräuend düsteren Ambient-Sounds, übersprudelndes Leben zwischen erstarrtem Schrecken, unbeschwertes Posen im Freibad neben erdrückender Einsamkeit. Das Leben steckt in einem Snackautomaten und spielt sich in einem sechseckigen Sandkasten ab, neben dem Wort "SAD" in Neoschrift – Nicos Sprayer-Tag – die einzigen Kulissenteile auf Klemms ansonsten leerer Bühne, ein Lebensraum, der erst noch zu füllen ist. [...]

Das Wechselspiel findet sich auch in der Erzählweise des Abends wieder. Szenenandeutungen stehen neben Erzählpassagen, die Spieler*innen treten immer wieder aus sich hinaus, reflektieren sich, als seien sie externe Beobachter. Dann wieder sprechen Körper, einzeln, gemeinsam, mit- oder gegeneinander, Choreografien der Vitalität, des Spiels, des Verliebtseins, aber auch der Gewalt, des Streits, des Auseinanderdriftens. Stets bleiben Spieler*innen und Figuren auf Distanz gegenüber einander, aber auch sich selbst.
Kulturvolk Blog
Reinhard Wengierek, 19.02.2018
"Tigermilch" von Stefanie de Velasco (eigentlich Kirsten Kumschlies, Dr. phil.) ist einer der erfolgreichsten Jugendromane der letzten Jahre; andernorts längst dramatisiert, jetzt auch und endlich im Jungen DT in der Box. Dieses ständig sich neu zusammen setzende Ensemble besteht aus beträchtlich begabten Teenagern, alles Laien, noch Schüler. [...] Tolle Sache, die von der Intendanz mit beträchtlichem Aufwand bereits über Jahre verfolgt wird. Höchst löblich![...]

Regisseur Wojtek Klemm mit seiner Begabung für fantastisch-pointierte Verfremdungen, aber auch fürs spannende, bildstarke Erzählen, ist genau richtig für diese begeisternde Produktion (er hat ja Erfahrungen mit dem Jungen DT!), die nie ins womöglich peinlich Naturalistische kippt. [...]

Die vielköpfige Truppe ist immerzu in Bewegung, Musik dröhnt und summt (Albrecht Ziepert), Rhythmus, immerzu in Fahrt, mal ins Richtige, mal ins Falsche, dauernd Spurwechsel (Choreografie: Efrat Stemper). Doch ein jeder hat schöne Soli. Alles bleibt spielerisch – und hält beklemmend inne, wenn es seelisch Ernst wird, wenn jugendfrohe Exzesse ins Bedrohliche schnellen. Der abrupte Wechsel der Stimmungen verlangt immerhin einiges von allen diesen intelligenten, bei allem Einstudierten spielwütigen Beinahe-schon-Künstlern. Toll! Deshalb sollen sie alle an dieser Stelle genannt sein: Philipp Djokic, Emil von Schönfels, Rio Reisener, Laura Roberta Kuhr, Prince Mohammed Arsalan Chughtai, Anik Todtenhaupt. Man schaut ihnen beglückt und erstaunt zu. Besonders freilich den beiden Protagonisten: Antonie Lawrenz als Nini und Saron Degineh.
"Tigermilch" von Stefanie de Velasco (eigentlich Kirsten Kumschlies, Dr. phil.) ist einer der erfolgreichsten Jugendromane der letzten Jahre; andernorts längst dramatisiert, jetzt auch und endlich im Jungen DT in der Box. Dieses ständig sich neu zusammen setzende Ensemble besteht aus beträchtlich begabten Teenagern, alles Laien, noch Schüler. [...] Tolle Sache, die von der Intendanz mit beträchtlichem Aufwand bereits über Jahre verfolgt wird. Höchst löblich![...]

Regisseur Wojtek Klemm mit seiner Begabung für fantastisch-pointierte Verfremdungen, aber auch fürs spannende, bildstarke Erzählen, ist genau richtig für diese begeisternde Produktion (er hat ja Erfahrungen mit dem Jungen DT!), die nie ins womöglich peinlich Naturalistische kippt. [...]

Die vielköpfige Truppe ist immerzu in Bewegung, Musik dröhnt und summt (Albrecht Ziepert), Rhythmus, immerzu in Fahrt, mal ins Richtige, mal ins Falsche, dauernd Spurwechsel (Choreografie: Efrat Stemper). Doch ein jeder hat schöne Soli. Alles bleibt spielerisch – und hält beklemmend inne, wenn es seelisch Ernst wird, wenn jugendfrohe Exzesse ins Bedrohliche schnellen. Der abrupte Wechsel der Stimmungen verlangt immerhin einiges von allen diesen intelligenten, bei allem Einstudierten spielwütigen Beinahe-schon-Künstlern. Toll! Deshalb sollen sie alle an dieser Stelle genannt sein: Philipp Djokic, Emil von Schönfels, Rio Reisener, Laura Roberta Kuhr, Prince Mohammed Arsalan Chughtai, Anik Todtenhaupt. Man schaut ihnen beglückt und erstaunt zu. Besonders freilich den beiden Protagonisten: Antonie Lawrenz als Nini und Saron Degineh.

Außerdem im Spielplan

Mit englischen Übertiteln
von Albert Camus
Kammerspiele
19.30 - 21.45

Frei-Boxen

Penthesilea
nach Heinrich von Kleist
Box
20.00
Mit englischen Übertiteln
von Samuel Beckett
Deutsches Theater
20.00 - 22.20