Zdeněk Adamec

von Peter Handke
Bühne / Kostüme Jens Kilian
Dramaturgie Tilman Raabke, Bernd Isele
Deutsche Erstaufführung
21. Oktober 2020
Kammerspiele
Felix Goeser
Lorena Handschin
Marcel Kohler
Bernd Moss
Linn Reusse
Regine Zimmermann
nachtkritik.de
Janis El-Bira, 21.10.2020
[...] Der Text ist gut verteilt, rhythmisiert sich in den besten Passagen weg von seiner papiernen Anmutung und immer wieder gelingt es dem Ensemble, gleichsam die Schwammerl aus der mitunter trüben Handke-Suppe zu fischen. Mit Vergnügen hört und sieht man Regine Zimmermann zu, wie ihr wunderbarer Sprechsopran die Worte "Schlamassel" und "Kuddelmuddel" in den Himmel juchzt. Felix Goeser salbadert und mansplaint eindrücklich, wann immer er dran ist. Lorena Handschin und Linn Reusse ziehen das Pathos in feinen Fäden aus der Luft und stellen die kleinen Handke-Brisanzmarker ("Balkan", "alte Jungfer") mit bösem Witz frei. Marcel Kohler gibt auch stimmlich ein erdiges Bassfundament dazu. Man wünschte sich ein Hörstück mit dieser Besetzung. [...] Der Text ist gut verteilt, rhythmisiert sich in den besten Passagen weg von seiner papiernen Anmutung und immer wieder gelingt es dem Ensemble, gleichsam die Schwammerl aus der mitunter trüben Handke-Suppe zu fischen. Mit Vergnügen hört und sieht man Regine Zimmermann zu, wie ihr wunderbarer Sprechsopran die Worte "Schlamassel" und "Kuddelmuddel" in den Himmel juchzt. Felix Goeser salbadert und mansplaint eindrücklich, wann immer er dran ist. Lorena Handschin und Linn Reusse ziehen das Pathos in feinen Fäden aus der Luft und stellen die kleinen Handke-Brisanzmarker ("Balkan", "alte Jungfer") mit bösem Witz frei. Marcel Kohler gibt auch stimmlich ein erdiges Bassfundament dazu. Man wünschte sich ein Hörstück mit dieser Besetzung.
Berliner Zeitung
Ulrich Seidler, 22.10.2020
Bei der von Jossi Wieler inszenierten deutschen Erstaufführung, die am Mittwoch in den Kammerspielen im Deutschen Theater herauskam, umkreisen drei Sprecherinnen und drei Sprecher Zdeněk Adamec, deuten historische Hintergründe an, lassen biografische Details in Nebensätzen eintropfen, tupfen ein vages Bild vom Geschehen in den Wind. Sie tun das in einem mit Heiligenbildern tapezierten Kasten, der irgendwas zwischen einem Hostinec, einer Kirche oder einem Wartesaal sein könnte. Bei der von Jossi Wieler inszenierten deutschen Erstaufführung, die am Mittwoch in den Kammerspielen im Deutschen Theater herauskam, umkreisen drei Sprecherinnen und drei Sprecher Zdeněk Adamec, deuten historische Hintergründe an, lassen biografische Details in Nebensätzen eintropfen, tupfen ein vages Bild vom Geschehen in den Wind. Sie tun das in einem mit Heiligenbildern tapezierten Kasten, der irgendwas zwischen einem Hostinec, einer Kirche oder einem Wartesaal sein könnte.
Die Deutsche Bühne
Barbara Behrendt, 22.10.2020
Das Bild der verhinderten Musiker öffnet den Assoziationsraum – sowohl zu Peter Handkes musikalisch-poetischem Text als auch zu Jossi Wielers Regie. Nach seiner Intendanz an der Stuttgarter Staatsoper kehrt er am Deutschen Theater nun zur Schauspiel-Regie zurück; und selbst, wenn er keine Opern inszeniert, lauscht Wieler dem Rhythmus und Ton eines Stücks genau, liest Dramen als Sprachpartitur.

[...]
Im typisch sprachberauschten, wortziselierenden Handke-Ton fliegen die Stimmen wie Vögelchen, die an Beeren picken, vom einen Gedanken zum nächsten. Eine Tat wie die von Zdeněk ist aus der Zeit gefallen, ein Protest gegen die gegenwärtige Welt – und für Handke gerade deshalb betrachtenswert. Wofür lohnt es sich zu sterben?

[...]
Am Ende zerfällt sie, ohne großes Pathos, in einzelne Schollen, diese seltsame Welt. Ein hintergründiger Sprach-Abend, der Handke nicht huldigt, sondern ihn augenzwinkernd beim Wort nimmt.
Das Bild der verhinderten Musiker öffnet den Assoziationsraum – sowohl zu Peter Handkes musikalisch-poetischem Text als auch zu Jossi Wielers Regie. Nach seiner Intendanz an der Stuttgarter Staatsoper kehrt er am Deutschen Theater nun zur Schauspiel-Regie zurück; und selbst, wenn er keine Opern inszeniert, lauscht Wieler dem Rhythmus und Ton eines Stücks genau, liest Dramen als Sprachpartitur.

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Im typisch sprachberauschten, wortziselierenden Handke-Ton fliegen die Stimmen wie Vögelchen, die an Beeren picken, vom einen Gedanken zum nächsten. Eine Tat wie die von Zdeněk ist aus der Zeit gefallen, ein Protest gegen die gegenwärtige Welt – und für Handke gerade deshalb betrachtenswert. Wofür lohnt es sich zu sterben?

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Am Ende zerfällt sie, ohne großes Pathos, in einzelne Schollen, diese seltsame Welt. Ein hintergründiger Sprach-Abend, der Handke nicht huldigt, sondern ihn augenzwinkernd beim Wort nimmt.
SWR2
Ina Beyer, 22.10.2020
Handkes Text ist Lesestoff, Spracherkundung, Welterforschung. [Regisseur Jossi Wieler] verteilt das ausschweifende Material auf sechs Schauspieler und schafft es, Figuren zu kreieren, die gar nicht vorgesehen sind.

[...]
Die Schauspieler agieren zusammen hochvirtuos, wie von unsichtbarer Hand geführt. So auch die Sprache: Jedes Wort ist immer am richtigen Platz. Im Kopf der Darsteller und auf der Bühne. Aus der Handke-Dichtung wird so Bühnenpoesie.
Handkes Text ist Lesestoff, Spracherkundung, Welterforschung. [Regisseur Jossi Wieler] verteilt das ausschweifende Material auf sechs Schauspieler und schafft es, Figuren zu kreieren, die gar nicht vorgesehen sind.

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Die Schauspieler agieren zusammen hochvirtuos, wie von unsichtbarer Hand geführt. So auch die Sprache: Jedes Wort ist immer am richtigen Platz. Im Kopf der Darsteller und auf der Bühne. Aus der Handke-Dichtung wird so Bühnenpoesie.
Süddeutsche Zeitung
Egbert Tholl, 23.10.2020
Jossi Wieler verteilt den Text auf drei Schauspielerinnen und drei Schauspieler, die er anleitet wie ein kleines Kammerorchester. Jede der sechs Stimmen, die man sich wirklich wie Stimmen eines musikalischen Ensembles vorstellen muss, hat auch ein Solo, also eine längere Textpassage, jede tritt mal hervor und wieder zurück. Vor allem aber schaffen sie einen Gesamtklang der Worte, die hier Welt erfinden.

[...]
Möglich ist hier Vieles. Sechs Musiker, zumindest kann man sie sich als Musiker denken, sitzen da und erzählen sich ihre Erinnerungen, erfunden oder nicht, ihre Kenntnisse. Instrumentenkoffer liegen herum. Diese sechs Personen sind gestrandet im Transit, in einem Warteraum, aus dem heraus sie sich mit ihrer Fantasie denken. Manche Geschichte läuft in die Irre, aus anderen kann man sich im eigenen Kopf den Zdenĕk Adamec zusammenbauen. Der Kasten bekommt Spalten, am Ende bricht er auf in vier Teile. Lorena Handschin spielt ein bisschen Bach auf dem Cello - und der Geist der Imagination ist aus seinem Bühnengefängnis befreit.

Jossi Wieler verteilt den Text auf drei Schauspielerinnen und drei Schauspieler, die er anleitet wie ein kleines Kammerorchester. Jede der sechs Stimmen, die man sich wirklich wie Stimmen eines musikalischen Ensembles vorstellen muss, hat auch ein Solo, also eine längere Textpassage, jede tritt mal hervor und wieder zurück. Vor allem aber schaffen sie einen Gesamtklang der Worte, die hier Welt erfinden.

[...]
Möglich ist hier Vieles. Sechs Musiker, zumindest kann man sie sich als Musiker denken, sitzen da und erzählen sich ihre Erinnerungen, erfunden oder nicht, ihre Kenntnisse. Instrumentenkoffer liegen herum. Diese sechs Personen sind gestrandet im Transit, in einem Warteraum, aus dem heraus sie sich mit ihrer Fantasie denken. Manche Geschichte läuft in die Irre, aus anderen kann man sich im eigenen Kopf den Zdenĕk Adamec zusammenbauen. Der Kasten bekommt Spalten, am Ende bricht er auf in vier Teile. Lorena Handschin spielt ein bisschen Bach auf dem Cello - und der Geist der Imagination ist aus seinem Bühnengefängnis befreit.

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Simon Strauß, 23.10.2020
Jossi Wieler [vertraut] für die deutsche Erstaufführung souverän auf die Zugkraft der Sätze. Ihnen bereitet er den Raum und orchestriert sie mit großer Sorgfalt. Seine sechs Schauspielerinnen und Schauspieler stilisiert er durch wesensbestimmende Requisiten zu Menschentypen: Da ist die strenge Ordnungshüterin, die nervös an ihrer Brille nestelt (Linn Reusse), der kniezuckende Raucher auf der Suche nach Feuer und dem richtigen Anschlusssatz (Bernd Moss), die zu leise sprechende Schräge, der beim Pullover-Ausziehen die Perücke vom Schädel rutscht. Dann noch der eher ruhige Typ mit Fotokamera als Ersatz für das wilde Leben (Marcel Kohler) und der unsensible Dränger, der seine Fingerspitzen erwartungsvoll auf dem Ellenbogen klopfen lässt (Felix Goeser). Und da ist die eigenartige, leicht versponnene junge Frau mit den Chucks am Cellokasten, die spricht als wäre sie ein Orakel, im Ton der Alles-Wissenden, die Worte immer leicht verzögernd gesetzt, man könnte meinen, sie würde tasten, aber in Wahrheit will sie nur alle Aufmerksamkeit für sich. In ihr, der jungen, erst seit dieser Spielzeit am Deutschen Theater engagierten Lorena Handschin, findet der besondere Handke-Sound seine beste Fürsprecherin. Jossi Wieler [vertraut] für die deutsche Erstaufführung souverän auf die Zugkraft der Sätze. Ihnen bereitet er den Raum und orchestriert sie mit großer Sorgfalt. Seine sechs Schauspielerinnen und Schauspieler stilisiert er durch wesensbestimmende Requisiten zu Menschentypen: Da ist die strenge Ordnungshüterin, die nervös an ihrer Brille nestelt (Linn Reusse), der kniezuckende Raucher auf der Suche nach Feuer und dem richtigen Anschlusssatz (Bernd Moss), die zu leise sprechende Schräge, der beim Pullover-Ausziehen die Perücke vom Schädel rutscht. Dann noch der eher ruhige Typ mit Fotokamera als Ersatz für das wilde Leben (Marcel Kohler) und der unsensible Dränger, der seine Fingerspitzen erwartungsvoll auf dem Ellenbogen klopfen lässt (Felix Goeser). Und da ist die eigenartige, leicht versponnene junge Frau mit den Chucks am Cellokasten, die spricht als wäre sie ein Orakel, im Ton der Alles-Wissenden, die Worte immer leicht verzögernd gesetzt, man könnte meinen, sie würde tasten, aber in Wahrheit will sie nur alle Aufmerksamkeit für sich. In ihr, der jungen, erst seit dieser Spielzeit am Deutschen Theater engagierten Lorena Handschin, findet der besondere Handke-Sound seine beste Fürsprecherin.

Außerdem im Spielplan

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Zum 25. Mal
Schulvorstellung
Ein Familienstück nach dem Buch von Axel Hacke
Regie: Anne Bader
Saal
11.00 - 12.00
von René Pollesch
Regie: René Pollesch
Deutsches Theater
19.30 - 21.00
Regie: Rosa von Praunheim unter Mitarbeit des Ensembles
Kammerspiele
20.30 - 21.45